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Inhalt

[Cover]

Titel

1

27.? 28.? August, zwei Tage vor dem Ende des Ramadan

Dubai, Hotel Burj Al-Jumeirah, 7.–8. September

ABU DHABI, PALACE HOTEL KHALEEJ, 9. September

10. September

0

LONDON

PARIS

DUBAI

ABU DHABI

1

Berlin, 1. Oktober

2. Oktober

4. Oktober

8. Oktober

Frankfurt, 14. Oktober

16. Oktober

17. Oktober

18. Oktober

19.–20. Oktober

Autorenporträt

Übersetzerporträt

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – Solo für Schneidermann]

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1

Eure Leichen aber, eure, werden in dieser Wüste fallen. Eure Söhne werden vierzig Jahre in der Wüste weiden müssen, sie tragen eure Hurerei, bis eure Leichen in der Wüste dahin sind. Nach der Zahl der Tage, die ihr das Land durchspürtet, vierzig Tage: ein Tag für das Jahr, ein Tag für das Jahr, sollt ihr eure Verfehlungen tragen, vierzig Jahre, ihr sollt mein Befechten erkennen!

NUMERI 14, 32–34, übersetzt von Martin Buber und Franz Rosenzweig

Herz und Fgricm, Atm – IFLO, Wildnis HZH. Legg und Bnicm Ihio Raim Wildnis, Arbaim jahrein und Nsao, At-Znoticm – bis-Tm Fgricm, Wildnis. Led Bmsfr Himim Asr-Trtm At-Erde, Arbaim Tag – Tag LSNH Tag LSNH Tsao At-Aonticm, Arbaim Jahr heraus; Und Idatm, At-Tnoati.

NUMERI 14, 32–34, übersetzt von tetrans.tetration.com/#hebräisch/englisch/deutsch

27.? 28.? August, zwei Tage vor dem Ende des Ramadan

Verpisst euch doch einfach, wenn ihr dies am Bildschirm lest! Ich rede nur, wenn man mich mit beiden Händen packt.

Papier aus Zellstoff, Deckel aus Pappe und Leinen, Faden aus Fadenzeugs oder – woraus wird der Einband gemacht? – aus Haaren und Gemüsefasern, mit Leim aus eingekochten Pferdehufen?

Das Taschenbuch war schon Kompromiss genug. Und das ist jetzt aus mir geworden: Rücken aus Papier, Extremitäten aus Papier, das Hirn aus zerknülltem Billigpapier, letzte Zuflucht der Verleger vor ihrer Kapitulation vor dem Touchscreen, dieser üble dünne, vierfach entfärbte Scheiß, 100-prozentig säurefreier Recyclingmüll.

Einige wenige Bücher habe ich dabei, Bis zur letzten Stunde: Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben, Benjamin Franklin: Der große Amerikaner, was gerade so bei Foyles an der Charing Cross Road und in der langues-anglais-Abteilung von FNAC an der Rue de Rennes auf dem Grabbeltisch lag – Bücher, die mir als Vorlage dienen, als Muster für alles, was es zu vermeiden gilt.

Ich schreibe natürlich Memoiren – halb biografisch, halb autobiografisch offenbar –, ich schreibe die Memoiren eines Mannes, der nicht ich bin.

Es beginnt in einem Badeort, in einer Suite.

Hierhin habe ich mich verkrochen, die Verdunklungsvorhänge zugezogen, mich lautem Medienlärm ausgesetzt, damit ich mich nicht mit dem Land vor der Tür auseinandersetzen muss, wieder mal.

Wenn ich die Schlafmaske und die Ohrenstöpsel aus dem Flugzeug behalten hätte, würde ich all dies nicht einmal beschreiben müssen, es gibt nichts Schlimmeres als beschreiben: Hotelzimmerprosa. Nein, Figuren bauen ist noch schlimmer. Nein, Dialog ist am allerschlimmsten. Hier soll die Mitteilung genügen, dass in diesem Zimmer jedes Kissen so groß ist wie das Bett, das ich früher in New York mitgenutzt habe. Und ein Hotel ist das hier auch nicht wirklich. Es ist eher ein Friedhof für Menschen, die tot und auf Urlaub zugleich sind und sich noch täglich auf der Arbeit melden.

Was meine Wenigkeit angeht, ich habe mir den Laptop auf ein Kissen auf meinem Schoß gestellt, damit die drahtlosen Hotspot-Wellenpartikel mir nicht ans Genital gehen und mir die Spermien braten, und – mithilfe der Technologie meines Arbeitgebers – nach mir selbst gesucht und nach Ava.

Meiner Frau, meiner Ex, meiner zukünftigen Exfrau.

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Immer auf den nächsten Scheck warten, sich einloggen, ausloggen – ein Leben mit Fernzugriff, als Kapitalhopper, Grenzübertreter, Zeitzonenhüpfer, dabei immer mit dieser äquatorlangen Kette blinkender piepsender Nachrichten am Hals, damit nicht abbreche, was der Große Vorsitzende »das Gespräch« nennt – das macht einsam.

Uns beide.

In den Zweigstellen auf der ganzen Welt den Grüßaugust machen oder einfach nur in überteuerten Museen mit Gästezimmern absteigen, Claridge’s, Hôtel de Crillon. Besprechung mit UK-Mitarbeitern, Thema: »UK only«-Option von der Homepage nehmen? Besprechung mit frz. Mitarbeitern, Thema: der .fr-Launch von Autotet. Den CEOs von Yalp und Ilinx als Angel-Investor erscheinen. Sich ein Parkour-Exergame und eine Wett-App für Fantasy-Rugby pitchen lassen, aber den Catch nicht machen.

Das war sein Micromanagement, Microminimanagement. Nichtdelegierung, Degradierung (freiwillig), Aufgabenansichreißen (Insourcing), Dirtytasking. Alles auf einmal. Nach dem Wörterbuch des jetztgültigen Techsperanto.

Das war der Große Vorsitzende im Bosonen-Schleudergang, bloß um es, um alles zusammenzuhalten.

Zumindest bis wir mit Europa durch waren, konnten wir ensuite bleiben, konnte er sitzen bleiben und sich von mir interviewen lassen. Bei mir vorsprechen, zwischen zwei Nickerchen.

»Du nennst das Wesen, das du dir erschreibst, ›den Großen Vorsitzenden‹, und das meine ist im Wesentlichen das Internet, das Netz« – so hat er sich positioniert, so ist er auf den Punkt gekommen: der Mann, der das Teil miterschaffen hat, eher noch: der Mann, der uns alle miterschaffen und dabei das Papier, dem ich mein Leben geweiht habe, geschreddert hat wie nichts. Dabei darf man keine Sekunde lang davon ausgehen, dass er es – wie? paradox, grotesk? findet, jetzt auf einmal, da wir gemeinsam die Schwelle zur 40 überschreiten (er hat seinen Geburtstag gerade hinter sich, mir steht der meine unmittelbar bevor), den Drang zu verspüren, sein Leben in Worte zu fassen und diese Worte zu Papier bringen zu lassen.

Für das Paradoxe, das Groteske hat er keine Zeit. Zeit hat er nur für sich selbst.

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Update von Ava: wann ist endlich WE?

margaritas tonite #maryslaw

wenn ich scheidung tippe kommt immer scheide (muss immer noch die unterlagen zustellen lassen)

hab gelesen dass ich genauso viel wiege wie sie – jubeljubel, dann der spoiler: sie ist 5 cm größer als ich – aaarrrgghh!!

»Sie«, die da fünf Zentimeter größer war, ist ein Model, und obwohl Ava Werberin ist, hätte ich nie geglaubt, dass sie so exhibitionistisch ist, dass diese Art Selbstvermarktung ihr Ding ist.

Aber sie bleibt dabei natürlich anonym.

Bei meinem letzten Mal in New York hatte ich nach »Rachava Cohen-Binder« gesucht und nichts gefunden als pure Professionalität – ihr Profil auf der Seite ihrer Agentur –, die Suche nach »Ava Binder« hatte mir eine Flut von Kommentaren beschert, die sie zu einem meiner Artikel gepostet hatte (»Netzkritischer Journalismus im Netz sehr beliebt«, New York Times). Erst in Palo Alto hatte ich »Rachav Binder« und »Ava Binder« eingegeben, und da war mir das ewige Licht ihrer Verteidigung eines meiner Artikel erschienen, in dem ich mich kritisch zu der Datenbank von Holocaustopfern geäußert hatte, die die Mormonen anlegten, um deren posthume Bekehrung beschleunigen zu können (»Im Netz gefangen«, The Atlantic), und in London oder Paris habe ich, wo weiß ich nicht mehr, wegen Vollsuff, schließlich hackedicht nach »Teva Café Detroit MI« gesucht, worauf mir vorgeschlagen wurde, lieber nach »Tevazu Café Detroit MI« zu suchen – Cyberschelte dafür, dass ich mich beim Ort meines Heiratsantrags, mit Ring und auf Knien, vertippt hatte.

Auf einer Website jedoch – einer einzigen – fand sich der gleiche Schreibfehler, und als ich mich durchklickte, fand ich noch schlimmere:

Fragen Sie Avale war ein Blog, gehostet auf einer Plattform, die mein Arbeitgeber entwickelt hat, der viel berühmter für die Entwicklung der Suchmaschine ist – eben jener, die alle nutzen, um alles zu finden, Anfangszeiten von Kinofilmen, wie repariere ich meinen Fernseher in zehn einfachen Schritten? ist das Herpes? was wiegt Gisele Bündchen?

Obwohl es ihrer Berichterstattung an Fakten mangelt – wie auch an Majuskeln und Zeichensetzung –, muss ich doch immerzu weiterlesen, muss immerzu daran denken, dass all dies in meiner, in unserer Wohnung geschrieben wurde. In den vier Wänden mit dem Neuanstrich in »univeige«, dem kosmischen Latte-Macchiato-Ton – von den Böden waren meine Spuren ebenso wegpoliert worden.

Ich war noch nicht bereit, mich wieder auf die alte junge kokette Ava einzulassen. Nicht auf diesen Blog, den sie im Sommer eingerichtet hatte, gleich nach unserer Trennung, und erst recht nicht, solange ich mich getrennt im Ausland herumtrieb, in London, Paris, Dubai, Stand: heute früh – wenn wir heute Sonntag haben, ist es bestimmt Dubai –, und der Große Vorsitzende handelt den Preis von Wüstenparzellen für ein Rechenzentrum aus.

So sieht es jedenfalls aus.

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Da gibt es doch diesen alten Witz, sagen wir mal, er spielt auf einem Flughafen, an der Sicherheitskontrolle, ein Kontrolleur möchte in eine Tasche sehen, öffnet sie, holt ein verdächtiges Buch heraus.

»Was haben wir denn da?«, fragt er.

Und der Passagier antwortet: »Ungefähr 750 Seiten!!!!«

Vertragsabschluss vor zwei Wochen, Abgabetermin in vier Monaten. Erscheint als Hardcover in sechs Sprachen gleichzeitig, angekündigte Erstauflage 100000 Stück in den USA, nirgendwo mein Name, wenn man so will.

Bisher habe ich nichts als den Titel, der identisch ist mit dem Namen des Autors, der wiederum identisch ist mit dem Namen seines Gespensts, seines Ghosts, des Ghostwriters, geistreich oder nicht.

Dem meinen.

Obwohl mein Vertrag mit dem Großen Vorsitzenden mir Verschwiegenheit auferlegt – und darüber hinaus noch Verschwiegenheit, was diese Verschwiegenheit angeht, und eine weitere Klausel mir verbietet, online zu gehen, für den Rest meines Lebens vermutlich –, kann ich nicht anders (vielleicht haben Ava und ich noch immer das eine oder andere gemeinsam):

Ich, Joshua Cohen, schreibe die Memoiren des Joshua Cohen, mit dem ich ständig verwechselt werde – des falschen JC, der Fehlermeldung J. Des Mannes, dessen Business mir das Geschäft versaut hat, dessen Spaß mir den meinen verdorben hat, dessen Name den meinen dem Vergessen anheimgegeben hat.

Begriffsklärung:

Meinen Sie etwa Joshua Cohen? Das Genie, den Googilionär, Gründer und CEO von Tetration.com, nach heutigem Stand – mit Datum vom 27.8., Uhrzeit 22:12 Mitteleuropäischer Sommerzeit – Treffer #1 bis #324 für den Suchbegriff »Joshua Cohen« auf Tetration.com?

Oder Joshua Cohen? Den gescheiterten Romancier, Dichter, Drehbuchautor, Ehemann und Sohn, Profijournalisten, Redenschreiber und Ghostwriter, nach heutigem Stand – mit Datum vom 28.8., Uhrzeit 00:14 Gulf Standard Time – Treffer #325, »mein« bester auf Tetration.com?

#325 betrifft mein erstes Buch – und um es zu vergessen, schreibe ich dieses, mein letztes. Alle außer mir haben es schon längst beerdigt. Aber diesmal will ich mehr Geld verdienen, und sei es auf Kosten meiner Identität. Früher hat mich Ava, meine Stütze, mit beidem versorgt.

Aber erst nach meiner heutigen Sitzung mit dem Großen Vorsitzenden – zwei Joshs, die fröhlich durch die Emirate joshen – habe ich beschlossen, dieses hier zu schreiben.

Auf dem Rückweg aus des Großen Vorsitzenden orchideenpraller Suite in mein eigenes kristalllüsterlastiges Gemach, diese Orgie in Crèmeweiß, wurde mir klar, sprudelnd von den Gesprächen und munter vom Koffein, dass als einziges Zeugnis meines Lebens dieses Lebenszeugnis eines anderen bleiben würde. Dass es als falscher JC an mir war, ihnen Einhalt zu gebieten – Ava zu sagen, dass sie nicht länger nach ihrem Gatten suchen soll (hier bin ich doch!), meiner Mutter zu sagen, dass sie nicht länger nach ihrem Sohn suchen soll (hier bin ich doch!), euch beiden mein Bedauern auszusprechen und deiner zu gedenken, Papa – hoffentlich finden wir alle zusammen, auf diesem, nicht auf einem anderen Blatt.

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