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Inhalt

[Cover]

Titel

WAS SUCHST DU DA UNTEN?

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

ZUMINDEST FRAGEN HÄTTE SIE MICH KÖNNEN

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

DICH WÜRDE ICH GERN MITNEHMEN

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – ZEITHAIN]

[Leseprobe – KOLLWITZ 66]

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Die Sintflut in Sachsen

I

WAS SUCHST DU DA UNTEN?

1

Wenn es an meiner Tür klopft, ein Brief in den Kasten fällt oder das Telefon klingelt, erschrecke ich regelmäßig wie vor der Ankündigung eines Unglücks.

Daß es heute mittag nicht grundlos geschieht, ahne ich bereits, als ich Christas Stimme höre. Obwohl bei dem Alter unserer Mutter mit einem solchen Anruf zu rechnen war, verwandelt mich die Mitteilung, sie sei mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden, in einen Automaten, der mit langsamen Bewegungen das Notwendige tut. Ich habe den auf dem Grunde des Kleiderschranks liegenden Rucksack mit Sachen vollgestopft, habe auf Violas Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen, Geschirr abgewaschen, die Mülltüte mit nach unten genommen, den Zweitschlüssel durch den Briefschlitz des Hauswarts geworfen und mich auf dem Weg zum Bahnhof gemacht.

Im Zug stopfe ich Zellstoff in die Ohren, um mich vor Telefonaten und Kopfhörermusik zu schützen, und als wir die Elbbrücken bei Wittenberg passiert haben, schließe ich auch die Augen. Zu bekannt ist, was mich nun erwartet, eine unmöglich als Landschaft wahrzunehmende Ebene, durchgängig bewirtschaftet, hin und wieder von Tagebaulöchern, Hochspannungsmasten und dünnen Waldungen durchbrochen und mir seit dem Heimatkundeunterricht als Leipziger Tieflandsbucht bekannt. Auf der Landkarte ähnelte der Bezirk Leipzig einem Backenzahn und mitten darin der Kreis Wurzen einem friedlich schnüffelnden Schwein, beide untergegangen in älteren geographischen Einheiten, die nun wieder die neuen sind. Dann die ersten bröckelnden Backsteinmauern, alterskrummen Fabrikschlote und übertünchten Häuserzeilen von Leipzig.

Beim Umsteigen halte ich nach Wilfried Ausschau, meinem Cousin Wilfried, ehemaliger Heizer der Deutschen Reichsbahn, der nach seiner Entlassung endgültig aus dem Zimmer über unserer Küche ausgezogen ist und sich in einem leerstehendem Schuppen des Güterbahnhofs einquartiert hat. Den größten Teil des Tages hält er sich gewöhnlich im Bahnhofsgebäude auf, aber heute ist nichts von ihm zu sehen. Seit man den Hauptbahnhof umgebaut hat, gibt es Sitzgelegenheiten nur noch auf dem Grunde jenes Kraters, den eine verspätete Bombe in das Gebäude gesprengt zu haben scheint, und der nun die unteren Geschosse jenes Kaufhauses mit Gleisanschluß beherbergt, zu dem man den einstigen Stolz aller Messestädter verunstaltet hat.

Daß die Züge nach Wurzen sich jetzt S-Bahnen nennen, macht mir noch immer zu schaffen, weil es meine Vater- und Mutterstadt an Leipzig anschweißt, als ob sie ein Vorort sei und nicht eine völlig andere Welt. Diese beginnt spätestens mit dem Auftauchen von Dom und Wenzelskirche und, mächtiger als beide, den Silotürmen der Krietzschwerke, allesamt inzwischen geweißt, als befänden wir uns in den bayrischen Voralpen und nicht in der Muldenaue. Hurtig wie stets und voll bis zum Rand strömt der Fluß unter der Brücke dahin, schäumend am Wehr und mit dem vertrauten Modergeruch, den ich durch die geöffneten Zugfenster einatme. Alle Oberteile der Fenster sind zurückgeklappt wegen der drückenden Hitze. Die wenigen Reisenden, die nicht bereits in den Dörfern ausgestiegen sind, gehen zur Tür. Ich kenne keinen von ihnen.

Auch als ich durch die Wenzesleigasse und über den Markt laufe, treffe ich keinen Bekannten, weil ich überhaupt niemand treffe. Die Stadt ist leer, obwohl es Freitag und kurz vor Ladenschluß ist. Unter diesen Umständen wird das holprige Pflaster auf dem Marktplatz wohl niemals glattgelaufen werden. Es ist ebenso neu wie die Straßenlaternen und der Anstrich der meisten Fassaden, wie die Fenster darin mit ihren Kunststoffrahmen.

Eine Ausnahme bildet unser Haus, das in den fünf Jahrzehnten, die ich bereits lebe, niemals gestrichen worden ist, dessen Grau immer verwaschener wurde, seine Aufschrift Max Wagner, Hufbeschlag und Wagenbau, Tel. 2398 noch immer lesbar ist. Das Hoftor ist, wie mit Christa verabredet, offen, der Hausschlüssel liegt unter einem umgestülpten Blumentopf im Küchenfenster. Der Götterbaum, nach dem Tod meines Vaters neben dem Gulli gewachsen, breitet majestätischer denn je seine zugleich tröstenden und bedrohlichen Blattfinger aus; den Plastiktisch und die beiden Stühle, die meine Mutter darunter gestellt hatte, als sie den einsamen Männern der Nachbarschaft aus der Küche Suppenteller und Bierflaschen zu reichen begann, hat meine Schwester schon weggeräumt, wahrscheinlich in den Ziegenstall.

Die Küche sieht aus wie immer. Die Schiebetür zur Kochecke steht offen, im Sessel neben dem Radio liegt das Körbchen mit Nähzeug, auf dem Tisch die Leipziger Volkszeitung, aufgeschlagen die Lokalseite. Alles da, nur meine Mutter nicht. Auf dem abgewetzten Teppich entdecke ich einige Kaffeebohnen, die sie noch immer ungemahlen kauft und die, laut Christa, aus der Mühle geflogen sind, als meine Mutter der Schlag traf.

Ich finde das schnurlose Telefon neben der Brille im Nähkorb und rufe meine Schwester an. »Jetzt kannst du sie nich mehr besuchen«, sagt sie. »Die essen ja schon um sechse Abendbrot.«

Plötzlich hungrig geworden, sehe ich nach, was im Kühlschrank ist, schmiere mir ein Leberwurstbrot, esse es im Stehen und steige mitsamt Rucksack die Haustreppe nach oben. Sie ist staubig, weil unbenutzt, seit nach Wilfried, dessen Miete per Dauerauftrag noch immer gezahlt wird, auch seine Schwester Hannelore ihr Zimmer geräumt hat und nach Engelsdorf gezogen ist. Ich steige in die immer dicker werdende Höhenluft des Dachgeschosses und trete in die Kammer, die ich mir in den letzten Jahren meines DDR-Lebens als ein Refugium eingerichtet hatte, in dem ich vergebens hoffte, es länger als drei Tage auszuhalten. Dann wurde sie fünf Jahre überhaupt nicht genutzt, dann, nach dem Mauerfall, wieder im alten Rhythmus meiner seltenen Besuche.

Schweißgebadet reiße ich das Fenster auf, packe meine Sachen in die Kommode, fege mit dem Besen über Dielen, Tisch und Stuhl, blase von der Erika den Staub, ziehe den alten Bogen heraus und einen neuen ein und hämmere in die Maschine, weil ich in Wohnungen nichts anderes als schreiben kann, diese Zeilen.

Eine halbe Stunde später. Ich habe die auf dem Schreibtisch wild durcheinander liegenden Tagebücher, Manuskripte und Kopien aller Texte, die ich jemals über meine Jahre in Wurzen veröffentlicht habe, etwas geordnet und nehme mir den Papierstoß neben der Maschine vor, um die Skizze zu korrigieren, mit deren Abfassung ich mir bei meinem letzten Besuch die Zeit vertrieben habe. Es war einer meiner Versuche, das Leben schreibend zu bewältigen, und da ich es in ihm rückwärts probiert hatte und über meine Geburt hinaus bis zu meiner Zeugung gelangt war, bleibt mir nun, wenn ich nicht alle Blätter neu sortieren will, nichts anderes übrig, als mit dieser zu beginnen.

Davon, daß meinen Vater das Kriegsende in Sonthofen im Allgäu erreichte, zeugt eine aus dieser Zeit datierte Ansichtskarte mit rostrotem Sonnenuntergang hinter dunklen Bergen, die ich in einer seiner Zigarrenkisten aufbewahrt habe. Seine Angabe, er sei dorthin an die Hufbeschlagschule abkommandiert worden, hält Christa wegen der chaotischen Zustände Anfang 1945 für höchst unglaubhaft. Für sie gehörte mein Vater zu der Wachmannschaft, die das Bernsteinzimmer von der Ostfront in einem Güterzug in die zur Festung erklärten Alpen überführt hatte. Als Indiz dienten ihr die zahlreichen, mit merkwürdigen Buchstabenfolgen beschrifteten Kisten, die er zuvor aus Königsberg geschickt hatte und aus denen Mehl rieselte, was sie für Tarnung hielt, weil die Kisten nie in ihrer Gegenwart ausgepackt wurden. Entsprechend groß war Christas Enttäuschung, als, nachdem unser Vater den Hammer aus der Hand gelegt hatte, das mit Dielen abgedeckte Koksloch geleert wurde und sich unter dem schwarzen Koks nichts vom Bernsteinzimmer fand.

Warum auch immer mein Vater in Sonthofen war – als sich die Franzosen dem Ort näherten, nahm ihn Hauptmann Kretzschmar beiseite und fragte: »Wolln Sie lieber in Gefangenschaft oder nach Hause, Wagner?« Da sich Rudolf Wagner (genannt »Rudi« oder »Rudl«) für sein trautes Heim entschied, bekam er zur Antwort: »Dann halten Sie sich an mich und machen den Kübelwagen fertig.« Der Kübelwagen aber war infolge Benzinmangels unbrauchbar, so daß sich mein Vater einer auf dem Gelände des zerstörten Hüttenwerkes abgestellten Zugmaschine annahm, an die ein Hänger mit aus den Trümmern geborgenem Eisenschrott gekoppelt war. Kretzschmar schrieb zwei Marschbefehle zur Überführung kriegswichtiger Güter nach Plauen aus, denn dort besaß er eine Spinnerei mit dazugehöriger Villa. Sie wuchteten zwei Dieselfässer auf den Hänger und tuckerten in der Abenddämmerung los.

Die verschneite Alpenkette zur Rechten fuhren sie zuerst in Richtung Osten und bogen dann nach Norden ab. Als es Nacht wurde, machten sie aus Angst vor Entdeckung durch Tiefflieger die Lampen nicht an und übernachteten auf einem Waldweg. Auch am Tage blieben sie meist in den Wäldern, fuhren immer nur in der Dämmerung und möglichst auf Seitenstraßen, um den deutschen Posten und Streifen auszuweichen. Ortschaften passierten sie möglichst rasch, seit ihn in einem Nest bei Augsburg die Bauern mit Mistgabeln auf den Leib gerückt waren, als sie bei einem Fliegerangriff mit ihrem Trecker Schutz an einer Hauswand suchen wollten. Danach näherten sie sich immer erst nach Einbruch der Dunkelheit alleinstehenden Gehöften, um den in Bierflaschen abgefüllten Diesel gegen Kartoffeln und Milch einzutauschen. Das alles ging gut, bis ihnen im Fränkischen auf einer mit Katzenköpfen gepflasterten Waldstraße die Kupplung brach. Wenn es bergab ging, setzte sich von da an Hauptmann Kretzschmar ans Lenkrad, und mein Vater mußte Baumstämme und Äste vor die Zugmaschine werfen, um sie zu bremsen. Ihren lädierten Lanz-Bulldog konnten sie überraschenderweise gegen ein beweglicheres Gefährt tauschen, als sie an einem Bahnübergang von drei Kettenhunden mit einer Seitenwagenmaschine kontrolliert wurden. Sie zuckten die Schultern, als sie die Marschbefehle gelesen hatten, und fragten nach Fressage, weil sie seit zwei Tagen nichts in den Magen bekommen hätten. »Wir haben selber nischt«, sagte Hauptmann Kretzschmar, mein Vater aber füllte ihnen mit der Handpumpe drei Bierflaschen mit Diesel, damit sie sie auf dem benachbarten Bauernhof eintauschen konnten. Als die Kettenhunde damit durch das Hoftor verschwunden waren, schloß er die Seitenwagenmaschine mit einem Stück Holz in der Frontlampe kurz und brauste mit Kretzschmar auf dem Sozius davon. – An diesem Punkt seiner Erzählung war mir immer, als säße ich selbst auf dem Sozius und flöge mit ihm auf einer unserer Sonntagstouren über die Berge.

»Gut gemacht, Wagner«, sagte Kretzschmar, als sie zwei Tage später am Stadtrand von Plauen hielten. Seinem Fahrer gab er eine Zigarre und teilte ihm mit, daß er in Friedenszeiten jederzeit in seinem Hause willkommen sei, sich jetzt aber auf dem Plauener Bahnhof nach einem Güterzug nach Leipzig umsehen solle. Er ließ meinen Vater absitzen, klemmte sich selbst hinter den Lenker der Seitenwagenmaschine, die er als persönliche Kriegsbeute betrachtete, und fuhr in Richtung des Schornsteins davon, auf den er zuvor als seiner Fabrik zugehörig gezeigt hatte. Dem Gefreiten Wagner muß bei dieser Gelegenheit etwas von seiner sonstigen Geistesgegenwart abhanden gekommen sein, denn wenig später wurde er auf dem Güterbahnhof von Plauen durch eine amerikanische Streife verhaftet.

Sie brachte ihn in ein Kriegsgefangenenlager, das in einer ehemaligen Kaserne des großteils nur noch aus Ruinen bestehenden Plauen eingerichtet worden war. Als es bei einem Appell »Kraftfahrer vortreten« hieß, meldete sich mein Vater und fuhr fortan zusammen mit einem kaffeebraunen Sergeanten zweimal in der Woche mit einem Laster nach Leipzig. Frühmorgens fuhren sie leer los und kamen abends vollbeladen mit Papieren aus einer Druckerei zurück, mit Fragebögen zur Entnazifizierung, Broschüren in englischer und deutscher Sprache, mit Anschlägen für die Bevölkerung.

Auf einer Hinfahrt bemerkte der Sergeant in der Nähe von Borna ein an einen Zaun gelehntes Fahrrad, dessen Besitzerin auf der nahen Wiese Heu wendete. Mein Vater mußte halten, der Ami sprang heraus, warf das Fahrrad auf die Ladefläche und reichte meinem Vater anschließend keine Zigarre, sondern einen Kaugummi.

Sie fuhren durch Leipzigs südliche Vororte bis auf den Augustusplatz. Die Trümmer waren an die Straßenränder geräumt, und über den leeren Platz rumpelten wieder Straßenbahnen, zumeist ohne Hänger. Mein Vater, plötzlich von einer Eingebung durchzuckt, würgte den Motor ab, stieg aus, öffnete die Motorhaube, lief kopfschüttelnd an dem Fahrzeug entlang, bis er dort war, wo der Fahrradlenker über die Ladeklappe ragte. Er zog das Rad herunter, schwang sich darauf und strampelte in Richtung Hauptbahnhof davon, wo er kurz verschnaufte und sich umsah. Da nichts von dem Ami zu sehen war, bog er etwas ruhiger in die Straße ein, die sich durch die Trümmer von Leipzigs Osten wand und hinter der Kreuzung, an der er in der Ponydiele schon oft eine Pferdewurst gegessen hatte, »Wurzener Straße« hieß.

Nach anderthalb Stunden tauchte endlich Bennewitz auf, dann die Muldenaue mit der Brücke.

An ihrer Auffahrt erkannte mein Vater Amerikaner, die, an ihren Jeeps lehnend, einen Trupp Zivilisten beaufsichtigten, der Balken und dicke Bretter schleppte. Er fuhr zum Muldendeich hinunter, um das Ganze aus sicherer Distanz zu beobachten. Die Brücke war anscheinend in letzter Minute gesprengt worden. Zwar standen alle Pfeiler, doch zwischen den mittleren klaffte eine Lücke, die durch eine Holzkonstruktion überbrückt werden sollte, an der Soldaten hämmerten und sägten, die mein Vater anhand ihrer braunen Uniformen, ihrer Knobelbecher und verwegenenen Schiffchen unschwer als Russen erkannte. Also stimmte das Gerücht, daß sich die Amis hinter die Mulde zurückgezogen hatten und diese die neue Demarkationslinie bildete.

Der Gefreite Rudolf Wagner setzte sich ins Gras und überlegte. Vor allem mußte er seine Uniform loswerden; am besten bei Vogel Arthur, dem Viehhändler, der sein Grundstück gleich hinterm Muldendeich hatte und vielleicht sogar im Hause war, denn zusammen mit Onkel Erich war er wegen Meineids vorbestraft und für wehrunwürdig erklärt worden. Aber mein Vater traf nur die Frau des Viehhändlers an, die im Garten gerade Kirschen pflückte. Während er in der Küche Kirschen aß, suchte Frau Vogel ein kragenloses Hemd und eine Arbeitshose heraus, die viel zu lang und zu weit war, so daß er die Hosenbeine umkrempelte und ein Stück von der Wäscheleine als Gürtel schnitt. Das Fahrrad überließ er ihr aus Dank und lief zu Fuß auf dem Deich weiter, bis hinter dem Wehr das Fährhaus auftauchte, in dem sich allerdings keine Menschenseele blicken ließ. Da auch weder Fähre noch ein anderes Boot am Ufer zu sehen waren, kehrte mein Vater um und lief notgedrungen zur Brücke zurück.

Dort saßen die Arbeiter, die, wie mein Vater erkannte, vornehmlich stadtbekannte Nazigrößen waren, am Westufer und machten Pause. Dann brachte ein Perdefuhrwerk frisches Material, worauf sich unser Nachbar, der in herzlicher Feindschaft mit uns verbundene Tischler und Goldfasan Arnold Meier, diensteifrig erhob. Mein Vater folgte ihm und packte das Bohlenbrett, das sich Meier vom Wagen zog, am anderen Ende.

»Was machst du hier, Rudl?« fragte Meier. »Du warst doch gar nich in der Partei.«

»Quatsch nich so viel«, sagte mein Vater, »un beweg dich.«

Als sie die Bohle abgeworfen hatten, blieb mein Vater neben dem Muschik stehen, der das Brett festzunageln begann, und sagte zu ihm »Pomale, pomale«, was er von seinen Hiwis in Rußland gelernt hatte und soviel wie »langsam« bedeutete. Während der junge Iwan ihn erstaunt ansah, schritt mein Vater lächelnd über die nun geschlossene Lücke, lief mit hart schlagendem Herzen an den anderen Russen vorbei und mischte sich unter die Meute Kinder und Halbwüchsiger, die auf der Wurzener Seite die Brückenarbeiten beobachteten. Sah die Allee vor sich und linkerhand die Schützenwiesen, in deren grünem Meer unsere Kühe weideten, als hätte es nie Krieg gegeben. Mein Vater schluckte, dann lief er weiter, an Filzfabrik, Doktorteich und den Werksbahngleisen der Krietzschmühlen vorbei, bis ihn am Crostigall die Stadt mit der tief in den Berg geschnittenen Fahrbahn und den sich zu beiden Seiten sanft wölbenden Bürgersteigen in sich aufnahm.

An der Handelsbank stützte sich Wilhelm, der Straßenkehrer, auf seinen Besen und sah zu, wie ein paar Russen über dem Portal der Bank ein großes Stalinbild anbrachten. Mein Vater hielt sich auf der anderen Straßenseite. Die Meute Jungs, die an der Muldenbrücke herumgelungert hatte, überholte ihn auf Rädern. Als ihm einer zurief: »Tach, Herr Wagner. Ich sag schon mal in der Schmiede Bescheid«, konnte mein Vater seine Beine nicht länger bändigen. Sie stürmten am Alten Friedhof vorbei, die Rietzschkenstraße hinab, und als er am Wettiner Platz Christa auf sich zurennen sah, holte er ein paar Knorpelkirschen aus der Tasche und hängte sie über ihre Ohren.

Vor dem halboffenen Hoftor stand Erich in der Lederschürze, der während der Abwesenheit meines Vaters den Zuschlaghammer geschwungen hatte. Dahinter kam der »Vater« oder »Meester« angehumpelt und in seinem Gefolge die »Mutter« mit ihrem krummen Rücken. Sie heulte. Rudolf Wagner vollzog einen in unserer Familie seltenen Akt und umarmte sie und sogar seinen Vater und seinen Bruder und erzählte, von wem die Kirschen an Christas Ohren waren und wie er über die Muldenbrücke marschiert ist und davor das Damenfahrrad geklaut hat und …

Dann fragte er: »Wo is Rosi?«

»Die is bei Frollein Leibnitz. Un Hans is noch in Gefangenschaft.«

»Un Hertha …?«

»Die is oben«, sagte die Mutter. »Nu geh schon mal hoch.«

Mein Vater – hier bin ich gezwungen, die Familienüberlieferung zu verlassen – stieg hurtig die Treppen hoch, an diesem Sommertag, den ich mir so heiß vorstelle wie den heutigen. Mit jedem Schritt wurde die Hitze größer, und ganz oben hing sie wie eine Glocke unterm Dach. Die Tür zur Küche und der kleinen Schlafkammer dahinter stand offen. Meine Mutter wusch klappernd Geschirr, sie hatte nur eine Kittelschürze an. Mein Vater sah ihre vollen Oberarme mit den beiden Impfnarben und dann, als sie, die schwarzen gekräuselten Haare aus der Stirn blasend, sich ihm zuwendete, in ihre dunkelblau blitzenden Augen.

»Na, kommste auch schon«, sagte sie.

Noch mehr als dieser Satz regte meinen Vater der Schweißgeruch auf, der aus den buschigen Achselhöhlen unter der Schürze meiner Mutter drang. Während sie sich die Hände abtrocknete, faßte er sie bei der Schulter und drückte seine Lippen auf ihre schweißglänzende Schläfe – diesen Salzgeschmack hatte er an ihr immer besonders gemocht. Er preßte die linke Hand gegen ihre Brust, sie stieß ihn zurück. Dann gab sie ihm noch einen Stoß und noch zwei, drei weitere, bis sie in der Kammer waren und sich auf das Bett warfen.

Als mein Vater die Schürze aufgeknöpft und den Büstenhalter nach oben gezogen hatte, so daß ihm die Brüste meiner Mutter entgegenrutschten, barg er einige tiefe Atemzüge lang seinen Kopf zwischen ihnen und ließ ihn dann dorthin wandern, wo es am stärksten duftete. Da stieß sie ihn wieder zurück, packte aber im gleichen Moment die Wäscheschnur und knotete sie auf. Mein Vater riß sich Vogel Arturs Hose vom Leib, und als er sich auf meine Mutter legte und mit seinem empfindlichsten Teil in sie eindrang, war er endlich wieder der fast vergessene Mensch, der er nur in ihr war.

»Aber paß auf, dreie sind genug«, sagte meine Mutter.

Als sich mein Vater in ihr bewegte, tat er es vorsichtig und langsam, so daß beide die Länge seines Schwanzes spürten, und als er heftiger zu stoßen begann und sich schließlich seine Fingernägel in den Rücken meiner Mutter krallten, wollte er sich schnell zurückziehen. Doch da rief meine Mutter »O Rudi, Ruudiiii!«, preßte beide Hände auf seine mageren Arschbacken und ließ ihn stöhnend in sich verzucken.

Zwei Jahre und 279 Tage später kam ich in einem Schleier von Blut auf die Welt und schrie, nachdem mir die Hebamme zuerst einen sanften, dann einen derberen Schlag auf den Rücken gegeben hatte. Diese Schwangerschaft mag etwas lang erscheinen, doch gebe ich zu bedenken, daß ich an einem Tag geboren wurde, von dem im Radio gesungen wurde »Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang«. Daß ich also auf eine Welt kam, die mit meiner Geburt zu ihrem Untergang verurteilt war, eine rund tausend Jahre alte Welt, in der die Menschen noch mit Tieren zusammenlebten, in der sie Großfamilien bildeten und sich im Schweiße ihres Angesichts ernähren mußten, indem sie beispielsweise mit Hämmern auf glühendes Eisen einschlugen, eine Welt, in die ich anscheinend aus keinem anderen Grunde berufen wurde, als um von ihr ein letztes Zeugnis abzugeben. Dazu mußte ich Kraft schöpfen, dazu mußte ich mich lange genug vom Mutterkuchen und der Blutsuppe des »Früher« nähren, die Hertha Wagner, geborene Geidel, für mich bereitet hatte; dazu mußte ich nicht zuletzt lange und tief genug geträumt haben, um als Zuspätgekommener diese Welt ausreichend verwundert betrachten zu können.

Das Besondere am 30. Mai 1948 war, daß er nicht nur auf den Weltuntergang, sondern auch auf einen Sonntag fiel. Ich war also ein Unglücksrabe, Maikätzchen und zu besonderem Glück bestimmes Sonntagskind zugleich. Der Sonntag war knapp vier Stunden alt, als mich, in ein Handtuch gewickelt, mein Vater in seine Arme nahm. Er war kurz zuvor vom Sonnabendskat gekommen, blendend gelaunt, weil er mal wieder gewonnen hatte. Meine Mutter saß in unserer Waschschüssel, und es duftete nach dem Bohnenkaffee, den sie sich vom Munde abgespart hatte, damit die Hebamme ihn in das Badewasser kippen konnte, um die Wehen zu beschleunigen. »Aber der Herr soff lieber den Kaffee zusammen mit der Hebamme un erzählte uns was von Schneider, Schwarz un Böcken«, pflegte sie ihre Erzählung zu beenden. »Na ja, un dann kamst du

2

Die Hitze hat mich früh aus dem Bett und an die Erika getrieben, an deren mechanischen Anschlag ich mich nach all dem Computergeschreibe erst wieder gewöhnen muß und die mit ihrem zweigeteilten Farbband ein Meer von Buchstaben produziert, dessen Spitzen gerötet sind. Als ich zum zweitenmal geboren bin, gehe ich nach unten, frühstücke und sehe die bereits im Kasten steckende Zeitung durch.

Gegen zehn mache ich mich auf den Weg ins Krankenhaus, das sich am Rande des Stadtparks befindet, zwischen den ehemaligen, jetzt zu einer Wohnsiedlung umgebauten Russenkasernen und Onkel Erichs verwaistem Gehöft am Fuße des Schuttberges gelegen.

»Frau Wagner liegt auf Station B, der neurologischen, in Zimmer 212«, sagt der Pförtner.

Ich melde mich im Schwesternzimmer, wo keine Schwester sitzt, sondern ein Bruder mit Pferdeschwanz und sich Zigaretten auf Vorrat dreht.

»Ja, Sie können ihre Mutter besuchen und bis zur Visite bleiben. Sie hat ein Einzelzimmer« sagt er und schenkt mir sogar einen Blick, in dem ich ein Lächeln wahrnehme.

Sie sitzt, das Kopfkissen im Rücken, mit geschlossenen Augen im Bett. Als ich mich räuspere, öffnet sie das eine Auge, das andere Augenlid geht etwas später und nicht vollständig nach oben. Auch der linke Mundwinkel verharrt unten, während sich der rechte zu einem Lächeln hebt. Das krause Haar umlodert ihren Kopf wie Strahlen die Sonne oder vielmehr einen vollen Wintermond, denn die Strahlen sind weißgrau. Die schweren, sich allzu deutlich unter dem Nachthemd abzeichnenden Brüste liegen auf der Bettdecke auf, die Arme daneben. Den rechten erhebt sie, als sie mich erblickt, und streckt ihn mir wie zum Handkuß entgegen, zu dem ich mich allerdings nicht entschließen kann und meine Lippen lieber auf ihre weiche Wange drücke.

Als ich mich von ihr löse, sagt sie: »Das ist ja schönlich, daß du mich besuchst, Rudi … ich meine Kurt … Hans.«

»Max«, sage ich, »ich bin Max.«

Das Verzückte in ihrem Auge weicht in dem Moment des Erkennens einem innigeren Leuchten.

»Freilich, Max, mein Kleener … Haben sie dir in der Schule freigegeben?«

»Aber ich bin doch seit zwanzig Jahren nicht mehr Lehrer. Ich kann mir frei nehmen, wann ich will … Ich hab dir paar Blumen von Kummers mitgebracht.«

»Vom alten Kummerdummer? Lebt der immer noch? Rennt der den Lehrlingsmädchen immer noch hinterher, den hübschlichen …?«

Das Geschäft wird längst von Kummers Enkelin geführt. Ich stelle die Blumen in die Vase.

»Hast du die Tür zugemacht, damit uns der Dings nich sieht, der Pfleger?«

»Warum soll er uns nicht sehn?«

Sie winkt mich zu sich und teilt mir flüsternd mit, daß der pferdeschwänzige Pfleger sie nicht nur mit seinen lüsternen Blicken verfolgt, sondern auch mit seinen schmutzigen Händen begrabscht.

»Nich wahr, heute wäschst du mich kalt ab …«

Da die Sonne das auf der Südseite gelegene Zimmer wie einen Brutkasten aufheizt, nicke ich, worauf meine Mutter umgehend die Bettdecke zurückschlägt und versucht, sich das Nachthemd über den Kopf zu ziehen. Ich helfe ihr dabei, indem ich das Hemd aufknöpfe und sie etwas anhebe, damit sie das Hemd mit der rechten Hand unter ihrem Hintern hervorziehen kann. Noch nie, zumindest nicht nach meinem Säuglingsalter, habe ich meine Mutter nackt gesehen und bin jetzt erstaunt, wie fest ihr achtzigjähriger Körper noch ist. Seine Fülle, die ihr ein Leben lang zu schaffen machte, kommt ihr im Alter zustatten: der pralle Bauch und die großen Brüste sind ohne Falten. Sie hat jegliche Scham vergessen, und auch ich empfinde es als selbstverständlich, ihre weiche, von einem Schweißfilm bedeckte Haut mit einem kalten Lappen abzuwaschen, sie auf ihre linke, unempfindliche Seite zu drehen, um an den Rücken heranzukommen, und ihr dann wieder ins Nachthemd zu helfen.

Dann kippe ich etwas Apfelsaft in eine Tasse und gebe sie ihr. Sie hält sie mit zwei abgespreizten Fingern, was sie noch nie in ihrem Leben getan hat. Wie sie, nachdem sie die Tasse zurückgereicht hat, aufrecht im Bett sitzt und mir ihren Dank mit gehobenen, ihr nur unzureichend gehorchenden Worten ausdrückt, in denen sie das Gewöhnliche, also das Sächsische, zu vermeiden sucht und völlig fremde Töne vernehmen läßt, ähnelt sie einer verwirrten alten Gräfin. Der Kloß, den sie scheinbar in ihrem gebißlosen und dadurch seltsam beweglichen Mund wälzt, wandert in meinen Hals, meine Brust und macht sie schwer.

Als sie zufrieden lächelnd die Augen schließt, gehe ich leise aus dem Zimmer. Im Korridor treffe ich die Ärztin, eine hochgewachsene Blonde, deren ruhige und sanfte Art mir wohltut. Sie spricht davon, daß keine akute Lebensgefahr bestehe, man in diesem Alter aber nie vor einem neuerlichen Schlaganfall sicher sein kann.

Ich gehe durch den Stadtpark zurück, vorbei an der Miniaturausgabe des Bingener Mäuseturms, an der Muschelgrotte und dem sich die Hände reichenden Bronzepaar aus Sowjetsoldaten und deutschem Arbeiter, die ebenfalls unbeschadet den Zeitenwechsel überstanden haben. Wieso fühlte ich mich eigentlich als Kind immer ein wenig beklommen im Park? Weil ich das Schweigen der Bäume nicht ertrug, die da in Reih und Glied angetreten waren wie die Soldaten aus der nahen Kaserne? Auf efeubewachsenem Boden die Buchen mit ihren glänzenden Stämmen, der dunkle Fichtenhain und rund um den Tennisplatz die hellen Birken, als seien sie zu einem stummen Tanz angetreten.

»Na wartet, ihr Mistviecher!«

Von jeher war meine Mutter eine große Fliegenjägerin. Wenn mein Vater sich zur Mittagsruhe ausstreckte, schnappte sie sich die Fliegenklatsche – die mit dem Lederlappen, auf dem die Fliegen kleben blieben, oder den Metallbesen, zwischen dessen Drähten sie durchkrochen – und begab sich auf die Jagd. Meinen Vater, der wie ein aufgebahrter König mit gefalteten Händen auf dem Rücken lag, umwedelte sie nur, damit die Fliegen nicht auf ihm rumkrochen oder in den schnarchenden Mund flogen, wenn sich eine aber woanders niederließ, schlug sie, sich auf leisen Sohlen anschleichend, unbarmherzig zu.

Später setzte sie sich in den Sessel, die Fliegenklatsche wie ein Zepter in der Hand, und wenn ihre Augenlider nach unten sackten, schüttelte sie sich und sagte zu mir: »Ich habe nich geschlafen. Nur kurz genickt.« Nie störte sie die Mittagsruhe durch ihren Abwasch, weil mein Vater davon aufwachen könnte. Erst wenn er wieder in der Schmiede war, raffte sie sich auf, um in den hinteren Teil der Küche zu gehen und das mir so angenehme Geschirrklappern und Plätschern erklingen zu lassen. Manchmal summte oder sang sie leise dazu. Am liebsten aber hörte ich ihren Gesang, wenn ich auf der einen Seite des Tisches mein Indianerdorf aufbaute und sie an der anderen Handarbeiten machte. Da sang sie direkt in mich hinein. Beim Singen hatte sie eine viel höhere Stimme als gewöhnlich, da sendete sie Botschaften aus einer anderen Welt: Weißt du, wieviel Sternlein stehen … oder Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein’ Fuß …

»Na wartet, ihr Mistviecher!«

Wenn meine Mutter zum erstenmal mit der Fliegenklatsche zugeschlagen hatte, war es das Signal für mich, meinen nur halb abgegessenen Teller stehenzulassen und ins kühle »Haus« zu flüchten – so nannten wir den mit Ziegelsteinen gefliesten Hausflur, den ich stets schnellstmöglich durcheilte, weil von ihm die dunkle Kellertreppe abging, mit Salpeter an den Wänden, mit stinkenden, keimenden Kartoffeln und Ratten tief unten. Ich rannte also durchs Haus und die Holztreppe nach oben, wo im ersten Stock hinter zwei Türen die Großeltern und hinter den anderen beiden Hannelore und Wilfried mit Tante Anna wohnten, ihrer verrückten Mutter, die sich »Änne« rufen ließ und von der jetzt zum Glück nichts zu hören war.

Auch ganz oben, im Dachgeschoß, war es still. Hier, wo ich jetzt schreibe, wohnte die alte Frau Feld, von der ich noch nie etwas anderes als das »Gutn Morrn« gehört hatte, wenn sie nach unten kam, um ihren Eimer unter dem Wasserhahn am Küchenfenster zu füllen. Die Schwelle zu unserer Wohnung habe ich sie, die als Flüchtling aus Schlesien gekommen war, nie übertreten sehn. Jeden Sonntagmorgen lief sie, ganz in Schwarz und mit Kopftuch, in die Katholische Kirche in der Lüptitzer Straße, wo sie, wie alle »falschen« Katholiken, nur zu beichten brauchte und danach wieder sündigen konnte wie zuvor.

Was für Sünden konnte sie begehen, was nur machte sie in ihrem Zimmer den ganzen Tag? Kein Laut war zu hören, als ich das Ohr an ihre Tür legte.

Im Verschlag neben Frau Felds Kammer stand ein Tisch, auf den ich stieg, um vorsichtig, damit es nicht zu Bruch geht, das Bodenfenster zurückzuklappen, hindurchzuklettern, das Ziegeldach bis zur Dachrinne herunterzurutschen und mich an sie zu hängen, bis ich unter meinen Füßen federnden Pappboden spürte.

Ich lief bis zum First des nur leicht ansteigenden Daches und sah um mich, berauscht von dem in der Hitze aufsteigenden Teergeruch und der nun möglichen Weitsicht. Sie entzog mich der beklemmenden Enge und Düsternis unseres Anwesens, das den tiefsten Punkt in der Umgebung darstellte. Wie der Zugang zur Unterwelt hockte die klinkerrote, sommers wie winters durch ihren Schornstein qualmende Schmiede dort und verschreckte mit ihrem höllenmäßigen Lärm das gesamte Viertel. An irgendeinem Amboß wurde immer gehämmert, am großen vor dem Feuer mitunter zu dritt, und wenn der Dampfhammer loslegte, erzitterte die Erde unter jedem Schlag.

Das Kostbare an der Mittagspause war die mit ihr einziehende Stille. Niemand schrie über den Hof, niemand schrie nach mir. Überhaupt war kein Mensch zu sehen oder zu hören und von den Tieren nur die ruhig gackernden Hühner.

Vorsichtig lief ich über die Dächer von Waschhaus, Ziegenstall und Heuboden. Von ihm aus mußte ich hinüber zum Schmiedevordach einen Sprung machen, den ich nur wagte, wenn niemand außer mir auf dem Hof war. Machte man sich dabei eigentlich um mich Sorgen oder um die brüchige Dachpappe? Jedenfalls ließ ich mich von den Dachwanderungen nur abhalten, wenn mein Vater und Onkel Fritz selbst mit Eimern und schwarzen Besen auf die Dächer stiegen, um sie frisch zu teeren.

Als ich das eigentliche Schmiededach erklommen hatte, lief ich vorsichtig über sein welliges, flickenübersätes Schwarz bis zum Schornstein, an dessen warmes Gemäuer ich mich lehnte wie Odysseus an seinen Mast. Über mir jagten schrill schreiende Schwalben, und die Wolken zogen so rasch über den Himmel, daß ich mich jedesmal wie auf einem schwimmenden Schiff fühlte. Nachdem ich die Wolken lange genug betrachtet und mich an ihre ständigen Veränderungen gewöhnt hatte, stieg ich die eiserne Leiter des Schornsteinfegers nach oben. Mittags kam kein Rauch aus der Esse, ich hatte freie Sicht.

Hier war ich dem Himmel am nächsten, hier war ich der gepflasterten Erde, den steinernen Mauern und den mich nicht weniger bedrängenden Menschen am weitesten entrückt. Von hier aus konnte ich unseren Häuserblock überblicken, das so vielgestaltige Reich aus Höfen, Gärten und Stallungen, das sich hinter den einförmigen Hausfassaden unseres Viertels verbarg. Konnte geradeaus bis zur Häuserzeile der Bebelstraße mit dem Wasserturm dahinter sehen und, wenn ich mich umwendete, in den Dachgarten, in dem Maler Thieme sonntags mit Frau und Tochter Kaffee trank; ich konnte die Bretterstapel von Tischler Meier sehen und die Beete und Gewächshäuser der Gärtnerei Kummer und hinüber zum Mansardenfenster der Kühnes, die mal wieder ihre Unterhosen und Strümpfe als Signalflaggen gehißt hatten. Obwohl häufig zigaretterauchende Männer aus dem Fenster guckten, war nie die Wäsche von Männern dabei, weil die beiden Kühnes ohne Vater aufwuchsen.

In Börnchens Hof quiekte ein Schwein. Die Fleischer machten keine Mittagsruhe. Ich stieg auf Börnchens Dach herunter, um genauer nachzusehen, was los war. Von einem vermisteten Anhänger wurde eine fette Sau mit gebrochenem Vorderlauf in das Tor zur Notschlachtung getrieben. Ob ich meiner Mutter Bescheid sagte? Wenn ein Tier sich nur etwas gebrochen hatte, kaufte auch sie manchmal Freibankfleisch, aber immer nur auf dem Hof und nie vorn im Geschäft, vor dem sicher schon die Frauen mit leeren Einkaufstaschen darauf warteten, daß die Verkäuferin, wie immer dienstags und donnerstags um zwei, die Rolläden hochzog. Auch Frau Kühne und Bubi Wendes Mutter waren häufig darunter und schleppten dann in Packpapier gewickelte Batzen Fleisch nach Hause, die so dick waren wie ihre Portemonnaies dünn.

Über Börnchens Dach ragten die Äste des Rettichbirnbaums, der nur kleine mehlige Früchte trug, die mir trotzdem lieber waren als die großen, steinharten Winterbirnen, die ich im Herbst vom Schuppendach und aus dem Eisendickicht um seinen Stamm lesen mußte, damit sie bis Weihnachten auf dem Schrank liegen und dann endlich gegessen werden konnten. Allerdings nicht von mir, denn ich war »herrlich« wie die Katze, außer Bratkartoffeln und süßsauren Linsen aß ich so gut wie nichts, und schlimmer als eine Backpfeife meiner Mutter war, wenn sie mich zwang, ihre Krautwickel oder mit Kümmel vergiftete Kohlrübensuppe hinunterzuwürgen.

Über den Birnbaum hätte ich in den Garten klettern können, doch ich unterließ es, denn mittags war er für mich Feindesland, dessen saurer Boden mir nicht Kräfte spendete, sondern raubte. Es war ein Garten, in dem es mehr Eisen als Pflanzen gab; Pflüge, spitze Eggen und schmierige Achsen lagerten hier, unter den rußigen Fenstern der Schmiede Haufen von Alteisen, neben dem Holzschuppen und entlang des Zauns Tafelwagen, Kutschen und der aufgebockte Horch, in denen wir später, wenn Harry und Bubi Wende aus der Schule kamen, peitscheschwingend oder laut hupend über imaginäre Landstraßen und Chausseen jagen würden.

Bäume gab es nur noch drei in unserem Garten, die Birnen und die krumme Sauerkirsche, während der große Süßkirschbaum mit dem Seidenbast über der aufgeplatzten, rötlich schimmernden Borke und den weichen Harztränen daran irgendwann gefällt worden war und man eine Spanholzplatte auf den Stumpf genagelt hatte. Das sollte ein Tisch sein, an dem allerdings so gut wie nie Stühle standen. Ausgerechnet der Sauerkirschbaum also, dessen Früchte einem den Mund zusammenzogen, deren Saft beim Pflücken die Hände und, wenn man nicht aufpaßte, das Hemd rot färbten, war stehengeblieben. Die Gemüsebeete rund um seinen Stamm wurden, seit die Großmutter bettlägerig war, von meiner Mutter wohl oder eher übel bestellt; die Zwiebeln, Radieschen und Möhren zogen sich vor ihr tief in die Erde zurück, während die Melde und das Franzosenkraut, das ich seiner lieblichen Blüten wegen nur ungern als Unkraut diffamiert sah, um so üppiger wucherten.

In der Ecke hinter dem Sauerkirschbaum lagen aus der Mauer gefallene Bruchsteine, über die man hinauf zur Gärtnerei klettern konnte. Vom Zaun aus brauchte ich nur einen großen Schritt zu machen und war im nach feuchter Erde und Blumen duftenden Reich des alten Kummer. Er arbeitete mit einigen Frauen vor den Gewächshäusern und schielte herüber, ob ich Rohre aus den Abdeckmatten für neue Pfeile zog, die mit hohlen Holunderholzstücken an der Spitze so hoch in den Himmel flogen, daß man sie kaum noch sah. Jetzt drohte Kummer mit der Faust. Also lief ich auf der Mauer entlang, die durch Schwärze und Zerfall ihre unzweifelhafte Zugehörigkeit zu unserem Grundstück bewies, und von ihr aus auf das Schuppendach, auf dem noch vertrocknete Reste der Winterbirnen klebten.

Ein zweiter Sprung brachte mich zurück auf das Vordach der Schmiede. Ich stieg durch das nur angelehnte Fenster auf den Schmiedeboden, wo mir schon im Vorraum der Geruch nach Schmieröl, rostigem Eisen und Staub den Atem verschlug. Sofort in Schweiß gebadet, lief ich in den großen Raum, in dessen Dunkelheit alle möglichen ausrangierten Gerätschaften und Werkzeuge lagerten. Unten in der Schmiede waren sie blank, hier oben rostig; dort waren sie in Bewegung, hier lagen sie still auf der Werkbank oder dem Dielenboden, so daß ich sie in Ruhe betrachten konnte. Unter den an den Wänden hängenden Hufeisen gab es noch welche mit Schraubstollen und halbmondförmige für Ochsen, die früher Pflüge und Wagen zogen, die ich aber noch nie auf unserem Hof gesehen hatte. Es fanden sich Pflugschare und gebogener Federstahl, und ich konnte mit Hämmern, Schraubzwingen, »Engländern« und »Franzosen« hantieren, ohne daß es jemanden störte.

Warum hießen die Muttern eigentlich »Muttern«? In ihren Holzkisten schliefen sie wie in Särgen, aus denen ich sie zum Leben erweckte und, nach Größe geordnet, auf dem Fußboden gegen ihre Feinde, die Schrauben, kämpfen ließ.

Als der aufgewirbelte rostige Staub mich zum Niesen brachte, räumte ich Schrauben und Muttern wieder in ihre Kisten und ging in den engen Raum neben dem Boden, um mich auf das Bett mit der fleckigen Matratze zu legen. Nur das Bett stand darin und ein wackliger Stuhl. Es war die Gesellenkammer, in der früher die wandernden Handwerksburschen schliefen, die bei uns Station machten. Auch der »Vater« war noch auf die Walz gegangen und durch halb Deutschland gewandert, bis nach Lindau am Bodensee, von dessen Hafeneinfahrt mit dem Leuchtturm und zwei Löwen eine Ansichtskarte neben den Karten meines Vaters in der Zigarrenkiste lag.

Später, doch noch vor dem Kriege, hausten »die große und die kleine Katze« in dieser Kammer. Das waren mein Bruder Hans und unser Cousin Rolf, berühmt für ihre Streiche und ihre Erfindungsgabe, die sie einen Strick hinüber zum Heuboden spannen ließ, wodurch sie mittels zweier Konservendosen miteinander sprechen konnten. Hans wohnte inzwischen in Leipzig und Rolf arbeitete als Elektriker auf einem Schlachthof in Oldenburg, wohin vor Jahren auch Rosi abgehaun war und einen Mann namens Jonny Janssen geheiratet hatte. Und Christa war ebenfalls nicht mehr im Haus, weil sie in Coswig an der Elbe eine Lehre als Laborantin angefangen hatte.

Warum hatten sie mich allein gelassen unter den Erwachsenen? Und warum waren im September alle meine Freunde von der Straße und in jenem backsteinernen Moloch namens Pestalozzischule verschwunden, während ich auf einer fleckigen Matratze lag, neben mir zwei zusammengerollte Kätzchen, die es nur in meiner Vorstellung gab?

Ich hörte es in der Schmiede husten. Mein Vater schüttete jetzt Koks in die Glut und fachte das Feuer wieder an. Dann ging das Hoftor. Entweder war es Onkel Fritz oder ein verfrühter Kunde oder Harry oder Bubi Wende, deren Schule schon aus war. Jedenfalls zog wieder Leben in unseren Hof ein und in mich plötzlich Freude, daß die Stille endete und und ich nach unten gehen konnte, um meinen Vater um zwei Groschen für Blockmalz oder grüne Zuckerblätter aus Frau Grünerts Laden zu bitten, der jetzt wieder geöffnet hatte.