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Inhalt

[Cover]

Titel

Frau Hoffmanns Erzählungen

Reisevorbereitungen

Mit Frau Hoffmann in Berlin

Bloß keine fetten Dackel

Warum man Berliner Humor nicht fressen kann

Beobachtungen am Horizont

Rechtfertigung vor der Naschkatze

Keine Furcht vor dem Angriff der Klonkrieger

Warum Katzen fremdenfeindlich sind

Warum der Kultursenator bloß eine Art Theaterkatze ist

Warum Fußball was für Hunde ist

Fliegende Fische in Mitte

Rattengift im Reis und beleidigte Bauern

Jitterbug gegen die Berliner Langeweile

Von Bären und anderen Futterneidern

Kleine und große Fische

Wie Haarefärben den Ruf der Metropole fördert

Die Maus und die Funktionäre

Potsdam liegt nicht in England

Suche nach dem letzten Postamt

Katzenjammer

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – Katzenleben]

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Frau Hoffmanns Erzählungen

Reisevorbereitungen

FRAU HOFFMANN: Da stehen wieder Koffer im Flur. Bedeutet das …?

WOLFRAM SIEBECK: Ja. Wir fahren weg.

FH: Das ist doch eine Manie. Kaum zu Hause, geht’s wieder los. Wohin denn diesmal?

WS: Genfer See. Liegt in der Schweiz, viele Berge, viel Regen und viel Käse.

FH: Und was macht ihr da?

WS: Das Übliche. Essen gehen und darüber schreiben.

FH: Wie langweilig.

WS: Manchmal schon. Aber manchmal auch aufregend.

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FH: Was ist denn so aufregend an einem Stück Käse?

WS: Daß es nicht immer Käse ist. Manchmal ist es ein Fisch, manchmal eine Taube, manchmal eine Maus. Du liebst die Abwechslung doch mindestens so wie ich.

FH: Seit wann ißt du denn Mäuse?

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WS: War als Beispiel gedacht. Nenn sie Krebse.

FH: Und dafür bleibt ihr tagelang weg?

WS: Reg dich nicht auf! Françoise kommt jeden Tag und macht dir eine Dose auf.

FH: Immer Kitekat, ist doch ätzend!

WS: Und die Brekkies? Sind ganz speziell biologisch-dynamisch für Katzen wie dich erfunden worden!

FH: Biologisch-dynamisch frißt der Hund. Und das tagelang?

WS: Andere Menschen fahren vier Wochen nach Florida und kümmern sich nicht um ihre zurückgebliebenen Katzen.

FH: In Florida warst du aber noch nicht, oder?

WS: Nein.

FH: Warum nicht? Gibt’s da keine Restaurants?

WS: Es gibt dort keine Katzen. Die werden alle von Alligatoren gefressen. Deshalb nehmen wir dich auch nicht mit auf Reisen.

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FH: Vorhin hast du gesagt, ihr fahrt in die Schweiz!

WS: Ja, und danach an die Nordsee, nach London, nach Berlin …

FH: Hab ich doch gesagt: manisch!

WS: Das nennt man die mobile Gesellschaft. Ich gehöre nun mal dazu.

FH: Und warum ich nicht?

WS: Weil du Angst hast vorm Autofahren. Außerdem bist du keine Gesellschaft.

FH: Sondern?

WS: Eine verwöhnte Katze, die auf meinem Schreibtisch schläft, von Hühnerlebern träumt und, wenn sie wach ist, dumme Fragen stellt.

FH: Bringst du mir wenigstens Hühnerleber mit, wenn du zurückkommst? Du weißt, wie gern ich sie esse.

WS: Habe ich dir jemals nicht etwas mitgebracht?

FH: Schon gut. Was ich noch sagen wollte: Berlin würd’ mich interessieren.

WS: Wieso Berlin?

FH: Sie sollen dort ganz tolle Würste machen.

WS: Seit wann frißt du Würste?

FH: Berliner Würste sind bestimmt etwas Besonderes.

WS: Ja, sie braten sie mit Curry. Ein Fall für den Tierschutz.

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FH: Ich war noch nie in einer Hauptstadt.

WS: Dank deinem Schicksal und sei froh.

FH: Und warum fahrt ihr hin?

WS: Nun, auch wegen der Currywurst.

FH: Na also! Und ich darf nicht.

WS: Wollen mal sehen, was sich machen läßt.

Mit Frau Hoffmann in Berlin

Sie liegt auf ihrem Kissen im Erker dieses achtstöckigen Hauses in Berlin-Mitte, das Brandenburger Tor ist gleich um die Ecke. Weil es ein modernes Haus ist, hat der Erker keine Ähnlichkeit mit den bunt verglasten Ausbuchtungen alter Häuser. Er ist ein Glaskasten mit Sprinkler und Spot in der Decke, könnte ein Terrarium sein.

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Frau Hoffmann bewegt sich nicht, als ich zu ihr in den Kasten gehe. »Na, wie gefällt es dir in Berlin?« frage ich.

»Mies«, sagt sie. ›Mies‹ ist in der Katzensprache leicht auszusprechen: ein kurzes ›Miau‹, und wir wissen Bescheid.

»Ich gebe zu, daß sich die Stadt von hier oben nicht sonderlich attraktiv präsentiert«, sage ich. »Aber da drüben rechts, der Potsdamer Platz, das ist doch eindrucksvoll, oder nicht?«

Sie zuckt mit dem Schwanz. »Eindrucksvoll? Ja, bei Nacht, weil man dann den Hindukusch dazwischen nicht sieht.« (Hindukusch: Bei Jauch wäre sie die Millionenkatze.)

»Sie fangen ja gerade erst an, den Platz zu bebauen«, erkläre ich die Sandhaufen.

»Es ist trostlos!«

»Soll es ja auch sein.«

»Warum ist es noch nicht fertig?«

»Nichts ist hier fertig. Revolutionen, Administrationen, Subventionen, nichts.«

»Gibt es Subventionen?«

»Ja, immer. Aber nicht für Katzen.«

»Und warum nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht …«

»Nein, tut ihr nicht«, unterbreche ich sie, bevor sie den ganzen Shakespeare deklamiert. Seit sie einmal wochenlang in einer Bücherkiste schlafen mußte, protzt sie mit ihrer Bildung.

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»Für jedes Schwein, das mies gelebt hat und geschlachtet wird, kriegen eure Bauern Subventionen. Auch ich bin durch halb Europa chauffiert worden und lebe wie ein Hund im Hindukusch …«

Das mit ihrem Transport tut mir wirklich leid. Aber Katzen kann man nicht mit der Post verschicken. Katzen sind anspruchsvoll. Im Auto beanspruchen sie mehr Platz als knutschende Teenager, und wenn man sie fragt, wie sie sich in einem Haus in Berlin-Mitte fühlen, maulen sie. Vielleicht liegt es aber an der Stadt. In einem Interview mit der Berliner Zeitung beklagt Sven Regener (›Herr Lehmann‹) den »generell schlecht gelaunten ruppigen Ton« der Berliner. Tatsächlich verlernen sogar Japaner das Lächeln, wenn sie sich länger als 48 Stunden in der Stadt aufhalten. Aber länger hält es hier eh kein Tourist aus. Einmal Unter den Linden rauf und runter, rein ins Adlon, raus aus dem Adlon und dann Postkarten kaufen mit dem Reichtag, das erspart den Weg zur Museumsinsel.

»Da unten fahren ja nur Autos! Kein Spaziergänger weit und breit.«

»Wer spaziert schon gern im Hindukusch?«

Sie überlegt. Aber der Name fällt ihr nicht ein. Sic transit gloria mundi. »Und warum blinkt da drüben die ganze Nacht ein grünes Licht?« – »Vermutlich der Eingang einer Parkgarage.« – »Oder ein vegetarisches Restaurant?« Nichts verabscheut sie mehr als vegetarische Kost. Gras frißt sie nur, um hinterher zu kotzen. Glücklicherweise wächst hier nur Beton.

Bloß keine fetten Dackel

»Na, hast du mir was mitgebracht?«

Ihre Frage ist keine wirkliche Frage. Es ist eine Stereotype, mit der sie mich jedesmal begrüßt, wenn ich zurückkomme. Zurück vom Essen, vom Buchhändler, vom Museum – wovon man in Berlin eben zurückkommt.

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»Ich war in einer Ausstellung. Was sollte ich dir davon schon mitbringen? Da liegen keine Hühnerlebern herum.« Hühnerlebern sind ihr Lieblingsfutter.

»Soviel ich weiß, gibt es bei Ausstellungen immer etwas zu fressen.« Frau Hoffmann weiß viel. Frau Hoffmann ist die schlaueste Katze von Berlin.

»Bei Vernissagen, ja. Aber es war keine Vernissage.«

»Warum gehst du dann hin, wenn es nichts zu fressen gibt?«

»Weil man dann keine Promis trifft.«

»Promis?«

»Das sind die, die im Borchardt sitzen, wenn sie nicht auf Vernissagen herumstehen.«

»Ist Borchardt nicht der Ort, von wo du mir das Schnitzel mitgebracht hast?«

Es war kein ganzes Schnitzel, sondern nur der Teil, den ich nicht mehr essen konnte. Ihr hatte es geschmeckt; deshalb erinnert sie sich daran. »Henry hat mir einmal erzählt, daß er dort, wo er herkam, monatelang nur von Essen aus dem Doggy Bag gelebt hat.« Henry war ein Kater aus Houston, der nicht wußte, wie man Mäuse fängt. Frau Hoffmann hatte es ihm beigebracht. Er starb vor einem Jahr.

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»Du weißt ja, was aus ihm geworden ist.«

Sie zuckt nervös mit dem Schwanz. »Wer geht denn auf Ausstellungen, wo es nichts zu fressen gibt?«

»Kunstfreunde.«

»Also Hundefreunde!« Sie haßt Hunde.

»Wie kommst du darauf?«

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»Habe ich gelesen. Englischer Maler, malt nur fette Dackel.« Es liegen zu viele Kunstbücher herum.

»Andere Maler malen auch Katzen«, beruhige ich sie.

»Ich habe hier noch kein Bild von einer Katze gesehen. Auch zu Hause nicht.« Natürlich nicht; denn sie wäre auch auf eine gemalte Katze eifersüchtig.

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»Warum sagst du ›zu Hause‹. Ist dies nicht dein Zuhause?«

»Dies ist Berlin, und es ist tödlich langweilig. Zu Hause kann ich die Akazien raufklettern, zu Hause rumoren die Tiere unterm Dach und hupen die Tauben.«