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Inhalt

[Cover]

Titel

Die Rosen
des Heiligen Benedikt

Scheidung auf österreichisch

Der Rechtsanwalt

Der Senner von der Kargeralm

Hassan

Bergheimerstraße Nr. 3

Der Glückwunsch

Der Schergentoni

Die Rosen des Heiligen Benedikt

Ein Zwischenfall

Der alte Mann und das Mädchen

Nachts

Der Brief

Lucie sagt

Die Bindermichler

Über das Geschlecht

Mein erster Neger

Widmung

Ankunft in Afrika

Die Mission

Vater

Mein erster Neger

Hendrich

Der Mann, der sein Pferd suchte

Befreiung

Die Hitsch und ihr Mann

Fressen

Der nordische Mensch

Safari-Lodge »Ernest Hemingway«

Übrigens: Habibi

Die Onkel-Story

Kenia

Der Junge und sein Hund

Das Abschiedsfest

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

Titel.jpg

Die Rosen
des Heiligen Benedikt

Scheidung auf österreichisch

»Ich wüßte nicht«, sagte mein Mann und blätterte nachlässig in einem riesigen Stoß von Papieren, »wo die Geburtsurkunde meiner Mutter sein könnte.«

Ich horchte auf.

Auf dem Schoß meines Mannes saß seine jüngste, zweijährige Tochter, die er mir gerade vorgestellt hatte. Sie klammerte sich an seinen Hals und sah mich mit vorgeschobener Unterlippe an, als wollte ich ihr den Vater wegnehmen.

»Aber vielleicht«, sagte er, »verzichtet man ja darauf.«

Er erinnerte mich an unsere Heirat und daran, wie der zuständige Standesbeamte schließlich doch auf die Geburtsurkunde des Vaters meines Mannes verzichtet hatte.

»Mein Vater ist seit fünfundvierzig Jahren tot«, hatte mein Mann damals zu dem Beamten gesagt, »und kein Mensch weiß, wo genau er geboren ist.«

Der Vater meines Mannes kam aus Istrien. Seine Mutter ist in der Bukowina geboren.

»Ich finde meinen Staatsbürgerschaftsnachweis nicht mehr«, sagte mein Mann einige Monate später am Telephon. Ich hatte ihn in Triest angerufen, weil ich mich endlich scheiden lassen wollte. Er äußerte sich sehr entschieden dahingehend, daß ich seinen Staatsbürgerschaftsnachweis vor etwa einem Jahr in Empfang genommen und in unsere Scheidungsmappe eingereiht hätte. Aber dort war er nicht. In der Scheidungsmappe waren bis auf sein Maturazeugnis und einem alten, ungültigen Reisepaß ausschließlich meine eigenen Papiere, und das seit sieben Jahren.

Wir hatten vor neun Jahren in Tokyo geheiratet. Der Entschluß war gefaßt worden, weil ich als ehemalige Lebensgefährtin meines in Tokyo an der Universität Deutsch unterrichtenden späteren Mannes keine Aufenthaltsgenehmigung in Japan bekommen hatte und gezwungen gewesen war, alle drei Monate aus Japan auszureisen, um vom Ausland aus ein neues Touristenvisum zu beantragen. Das war zeitraubend und kostspielig gewesen.

Nach drei Jahren hatte ich gepaßt.

Der Akt war sehr einfach gewesen. Wir fuhren nach der Arbeit mit der Schnellbahn von Tamagawagakuen, wo wir wohnten, nach Machida, wo das Gemeindeamt war. Ein freundlich lächelnder Herr legte uns ein mit Zeichenschrift eng bedrucktes Papier vor, das damals auch mein Mann noch nicht lesen konnte und das beglaubigt ins Deutsche übersetzen zu lassen uns dann bei der Scheidung eine schöne Stange Geld kosten sollte, wir setzten unsere Unterschrift darunter, und der freundlich lächelnde Herr setzte einen dicken roten Stempel über unsere Unterschrift. Im Anschluß daran feierten wir alle drei unsere Hochzeit, indem wir Sushi – rohen Fisch auf gesäuerten Reisbällchen – aßen, was meine Lieblingsspeise war. Es war einer der schönsten Tage unserer Ehe.

Dann allerdings begannen die Schwierigkeiten. Die Beschaffung der Papiere, die die österreichische Botschaft in Tokyo zur Bestätigung unserer Heirat verlangte, erwies sich, zumindest was die Papiere meines Mannes anbelangte, als so kompliziert, daß wir in den Sommerferien nach Österreich fliegen mußten, um alles zu besorgen, was uns selbst an Ort und Stelle nicht vollständig gelang. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß in der damals noch vorhandenen Geburtsurkunde der Mutter meines Mannes an der letzten Ziffer des Geburtsjahres herumradiert worden war, weshalb der österreichische Standesbeamte eine Überprüfung und Bestätigung der Echtheit der Papiere im heutigen Rumänien verlangte, die sich über Wochen hinzog. Als die Papiere ungeprüft wieder zurückkamen (die Stadt, in der die Mutter meines Mannes geboren ist, oder zumindest das kirchliche Taufregister gibt es nicht mehr), gab der Standesbeamte auf. Er verzichtete nicht nur auf jede weitere Überprüfung unserer Papiere, sondern sogar, wie gesagt, auf die Geburtsurkunde des Vaters meines Mannes, was er zudem schriftlich bestätigte, so daß auch der Beamte bei der österreichischen Botschaft in Tokyo nach unserer Rückkehr auf die Urkunde verzichtete und, nachdem die Heiratsurkunde aus Machida sowie Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung meines Mannes aus dem Japanischen ins Englische und verschiedene Urkunden aus dem Deutschen ins Japanische übersetzt worden waren, unsere Heirat anerkannt werden konnte.

Nach Anerkennung unserer Eheschließung durch die österreichische Botschaft aßen wir Sushi in einem guten Restaurant in Shinjuku – ohne Beamte.

Wahrscheinlich ist der Staatsbürgerschaftsnachweis meines Mannes bei seinem Umzug von Japan nach Österreich verlorengegangen. Wir lebten damals bereits getrennt, und ich war längst nach Salzburg zurückgekehrt. Mein Mann hatte zu der Zeit eine japanische Freundin, die ihm beim Umzug half. Die brachte unter anderem seine Pakete zur Post. Wie er später feststellen mußte, sind zwei von den damals von dieser Freundin zur Post gebrachten Paketen niemals in Österreich angekommen. Es seien, sagte er, hauptsächlich Photos in diesen Paketen gewesen, darunter die Aktphotos, von denen er in einer bestimmten Phase unserer Ehe unzählige gemacht hatte.

Aber was heißt schon hauptsächlich? Ich frage mich heute wie damals, ob in einem der beiden Pakete nicht auch sein Staatsbürgerschaftsnachweis gewesen sein könnte. Falls er nicht ohnehin irgendwo in seiner Wohnung in Triest herumliegt. Mein Mann war nämlich immer schon äußerst schlampig, was auch einer der Gründe war, warum ich ihn verlassen habe. Es kann daher natürlich auch sein, daß er seinen Staatsbürgerschaftsnachweis einfach verschlampt und dann nie wieder gründlich genug gesucht hat. »Der Leidensdruck reicht nicht«, sagte der Psychologe, den ich seit fünf Jahren regelmäßig aufsuche, »ein Mensch wie Ihr Mann braucht mehr als verlassen zu werden, um Scheidungswillen zu entwickeln.«

Wie aber hätte der Leidensdruck größer sein können? Seine Freundin, eine Italienerin, mit der er seit nunmehr sieben Jahren zusammenlebt und drei Kinder hat, bedrängte ihn, wie sie mir selbst am Telephon versicherte, tagtäglich, die Sache endlich hinter sich zu bringen.

Mein Psychologe meinte, im Falle einer hartnäckig manischdepressiven Natur mit ausgeprägt sthenischem Stachel müßte wahrscheinlich erst ein völliger nervlicher Zusammenbruch erfolgen, bevor an Scheidung überhaupt zu denken sei.

Aber ich glaube, eher wäre ich zusammengebrochen. Vier Beziehungen waren bereits an meinem Ehestand gescheitert, und der Lebensmittelhändler in Viehhausen, wo ich damals wohnte, sprach mich jeden Tag mit einem anderen meiner beiden Nachnamen – Mädchen- und Gattennamen – sowie gelegentlich sogar einem der Namen eines meiner ständigen Begleiter an. Das Finanzamt sandte mir die Unterlagen für meinen Mann zu, die ich nach Triest weiterleitete, die aber wegen der Unzuverlässigkeit der italienischen Post meist nicht rechtzeitig dort eintrafen, was Mahnungen, Zahlungsaufforderungen und Gebührenvorschriften zur Folge hatte, die wiederum an mich gesandt wurden und deren Weiterleitung ebenfalls zu lange dauerte, so daß weitere Mahnungen, Zahlungsaufforderungen etc. eintrafen. Einmal stand bereits der Gerichtsvollzieher vor der Haustür, und ich konnte mich gerade noch rechtzeitig in einer Nachbarwohnung in Sicherheit bringen.

Die österreichische Hundesteuerzahlungsaufforderung für seinen längst Triest verunreinigenden Dackel traf ebenfalls jedes Frühjahr bei mir ein, und beim Ansuchen um die Wohnbeihilfe meiner Magistratswohnung brauchte ich seinen Lohnzettel, der, wie man sich vorstellen kann, auch nie rechtzeitig eintraf und den ich dann auch noch beglaubigt übersetzen lassen mußte. Sogar bei meinem Kirchenaustritt vor nunmehr zehn Monaten wurde die Unterschrift meines Mannes verlangt. Er mußte persönlich anreisen und sie vor den Augen des Beamten der Kirchenaustrittsstelle leisten.

Mein Psychologe sagte, ich litte an einer Überfixierung auf den ehemaligen Partner, die bedingt sei durch ein gestörtes Lösungsverhalten von meinem Vater. Damit spielte er darauf an, daß mein Mann zwanzig Jahre älter war als ich. Er wurde voriges Jahr fünfzig Jahre alt. Da meine Mutter im selben Jahr siebzig und mein Vater achtzig Jahre alt wurden, hatten sich meine Eltern schon sehr auf die große gemeinsame Geburtstagsfeier gefreut.

Denn obwohl ich ihnen immer wieder erklärt hatte, daß wir getrennt lebten und die Scheidung unmittelbar bevorstünde, hatten sie mir in den letzten Jahren unserer Ehe nicht mehr geglaubt. Meine Mutter hatte mich immer wieder lächelnd gefragt, wie lange wir dieses Spiel eigentlich noch spielen wollten. Bei unserem großen Familientreffen vor acht Monaten hatte sie dabei auf meinen Bauch geschaut. Aber sie kann gar nichts gesehen haben. Ich war da erst im zweiten Monat schwanger.

Kurz darauf rief ich meinen Mann in Triest an, um ihm mitzuteilen, daß die Scheidung endgültig in den nächsten sieben Monaten vollzogen sein müßte. Er fragte mich nur, ob ich denn endlich die Sache mit der durch den Stempel unleserlich gewordenen Unterschrift auf unserer japanischen Heiratsurkunde geklärt hätte. Er glaube nämlich, sagte mein Mann und lachte, daß wir gar nicht geschieden werden könnten, solange nicht geklärt sei, ob wir überhaupt verheiratet gewesen seien.

Da war ich am Ende meiner Kräfte. Ich fühlte, wie die Dinge sich immer mehr verdichteten.

Nachdem ich lange panisch in der Wohnung auf und ab gegangen war, rief ich meinen Psychologen an und bat ihn um eine – von ihm Krisenintervention genannte – Sondersitzung, bei der er mir riet, den alten Schulfreund, auf den ich bei unseren Gesprächen über meine frühkindliche Sexualität immer wieder zu sprechen gekommen und der inzwischen ein bekannter Scheidungsanwalt geworden war, aufzusuchen.

Als ich die Anwaltspraxis betrat, saß mein Schulfreund in weißem, bis zum Bauch geöffnetem Hemd und grauer Hose vor dem Kanzleicomputer und spielte Tennis gegen den Apparat. Als er mich bemerkte und sich mir zuwandte, funkelten seine dicken Brillengläser im Licht der Schreibtischlampe. Wir tauschten Erinnerungen an unsere Schulzeit aus, dann erklärte er mir das Computerspiel. Ich setzte mich, um das Gerät besser bedienen zu können, auf seinen Schoß und bemerkte gleich, daß ich ihm noch nicht gleichgültig war.

Von da an ging alles sehr schnell. Er übernahm alle Kontakte zu meinem Mann, setzte in nur zwei Tagen die notwendigen Schriftstücke auf, ließ sämtliche Urkunden beglaubigt vom Japanischen bzw. Englischen ins Deutsche übersetzen, erklärte die fehlenden Dokumente als unwichtig und legte am Gericht den Scheidungstermin fest.

Als mein Rechtsanwalt am Tag der Scheidung neben meinem Mann den langen weißen Gang entlangkam, an dessen Ende ich – sorgfältig geschnürt – vor der Tür des Scheidungsrichters wartete, winkte er mir schon von weitem zu. Sein Gesicht war gerötet, und seine Brillengläser funkelten hell. Mein Mann sah neben ihm sehr schmächtig aus, auch irgendwie gedrückt. Der Rechtsanwalt begrüßte mich mit je einem Kuß auf beide Wangen und klopfte dann meinem Mann auf die Schulter. Mein Mann sagte, seine Lebensgefährtin warte im Kaffeehaus. Dann öffnete der Rechtsanwalt die Tür des Scheidungsrichterzimmers.

Der Scheidungsrichter stand auf, als wir eintraten. Er war jung und hatte vorne sehr kurze Haare und im Nacken einen langen dünnen Zopf, was ich bemerkte, als er sich zur Seite wandte, um uns die Plätze anzuweisen. Mein Mann und ich saßen auf zwei Stühlen rechts von ihm, der Anwalt saß gegenüber auf einer schmalen Bank. Der Schreibtisch des Richters stand in der Mitte.

Der Scheidungsrichter las die von dem Rechtsanwalt aufgesetzten Schriftstücke so schnell vor, daß ich kaum etwas verstand. Von Zeit zu Zeit sah er dabei zu uns her. Der Anwalt auch. Mein Mann wirkte nervös. Ich sah so etwas sofort an den schmalen Falten neben seiner Nase und der gerunzelten Stirn. Ich befürchtete schon, er könnte einen Zwischenfall provozieren, der den Scheidungsprozeß unterbräche, was in meiner Lage besonders fatal gewesen wäre, als der Richter und der Anwalt plötzlich aufstanden. Wir blieben sitzen. Der Anwalt bedeutete uns mit der Hand, ebenfalls aufzustehen. Als wir alle standen, fragte der Richter uns, ob unsere Ehe unheilbar zerrüttet sei. Worauf mein Mann dann mit einem deutlichen »Nein« antwortete. Der Richter zuckte zusammen. Der Anwalt nahm seine Brille ab, und ich sah zum erstenmal seine Augen. Sie waren klein und blau. Und seltsam verschwommen.

Es sei vollkommen lächerlich, sagte mein Mann, in dem Zusammenhang von unheilbar zu sprechen. Nichts sei unheilbar, und niemand sei wirklich verloren. »Allein vielleicht«, sagte mein Mann und ging zum Fenster des Richterzimmers hin und sah hinaus auf die herbstlich kahlen Bäume, die Kieswege, auf denen Tauben saßen, und auf die leeren, rotgestrichenen Bänke. »Einsam und allein«, sagte er.

Der Anwalt flüsterte mit dem Richter, dann ging er mit meinem Mann vor die Tür. Ich weiß nicht, was er ihm da draußen gesagt hat, er hat es mir nie erzählt, aber als mein Mann hinter dem Rechtsanwalt wieder in das Richterzimmer kam, strahlte er übers ganze Gesicht. Er trat neben mich, nahm meine Hand und streichelte, ja tätschelte sie. Dabei sah er mich mit einem, wie mir schien, ganz versonnenen Lächeln an.

Nach einigem Zögern fragte der Richter noch einmal, ob unsere Ehe unheilbar zerrüttet sei. Er war, hatte ich den Eindruck, nun aufs höchste gespannt.

»Ja«, sagte da mein Mann und sah mich lächelnd an, und da hauchte auch ich mit einiger, letzter Kraft mein »Ja«.

Dann standen wir noch eine Weile Hand in Hand zusammen, mein Mann strahlend, ich ganz benommen, der Richter beglückwünschte uns, und der Anwalt hielt die Tür auf. Wir waren geschieden.

Und da begann dann diese ganz andere Geschichte mit dem Rechtsanwalt, der mein Jugendfreund gewesen war.

Der Rechtsanwalt

Ich hätte ihn nicht aus der ihm so vertrauten und lieben Landschaft reißen dürfen.

Er war Rechtsanwalt in L. Aber daß er seine Stelle verloren hat, ist ihm egal. Was ihn schmerzt und letztlich dahinsiechen läßt, ist der Verlust seiner Berge, der Verlust von frostigem Wind, Schneestürmen, einsamen Steinböcken auf Berggipfeln und vor allem der Verlust seiner Höhlen, die er mit Schleifsäcken, Steigbügeln und Carbidlampen durchforstete und vermaß. Er war Mitglied des Höhlenvereins in L.

Als ich ihn kennenlernte, anläßlich meiner Scheidung, bei der er mich vertrat, wog er 98 Kilo, war bei bester Gesundheit, und wir verliebten uns auf den ersten Blick ineinander. Was mir an ihm gefiel, waren die bergwasserblauen Augen, in denen ein seltsamer Glanz loderte, von dem ich nicht zu sagen vermochte, ob er aus eisiger Kälte oder sengender Hitze entstanden war. Sonst war er eine durchschnittliche Erscheinung, ein Rechtsanwalt eben, mit Brille und grauem Anzug.

Ich lud ihn am Abend nach meiner Scheidung zusammen mit meinem ehemaligen Mann zum Essen ein, und wir plauderten über dies und das und kamen schließlich auf Höhlen zu sprechen. Sofort loderte die mich so anziehende Hitze oder Kälte in den Augen des Anwalts auf, und er bot an, uns auf der Stelle in eine Höhle zu führen. Es war 23 Uhr. Mein gerade von mir geschiedener Mann fand die Idee ausgezeichnet, konnte aber sofort etliche Gründe aufzählen, warum er für seinen Teil nicht mitkommen könne, was er immer schon so gemacht hat und was im übrigen einer der Gründe war, warum ich mich von ihm scheiden ließ. Der Rechtsanwalt und ich, wir fuhren also alleine los. Ich hatte einiges getrunken, und die Scheidung, die einsamen Landstraßen und die nahe herantretenden schwarzen Bergrücken versetzten mich in einen solch trunkenseligen Zustand, daß ich heute glaube, damals schon muß der Entschluß in mir gereift sein, den Rechtsanwalt zu entführen. Ach, hätte ich ihn doch bei seinen Bergen und Höhlen gelassen.

Nach einer guten Stunde Autofahrt, nach der der Rechtsanwalt seinen grauen Anzug mit lehmverschmierten Blue jeans vertauscht und seine Brille abgenommen hatte, stiegen wir auf einem schmalen Pfad – die Wipfel der Bäume waren vom Mond beleuchtet, der Pfad von seiner Taschenlampe – etwa eine dreiviertel Stunde steil bergan. Es war gegen ein Uhr nachts, als wir die Höhle betraten. Der Höhleneingang war eng und schwarz, und es kam ein Wind aus dem Inneren des Berges. Glitschige Felsbrocken lagen herum, über die wir – Hand in Hand – balancierten. Die Höhle führte steil nach unten. Die Fingernägel in nasse Steinwände verkrallt, mit dem Fuß nach festem Boden tastend, kletterten wir hinab. Die Decke war niedrig und glänzte silbern im Schein der Taschenlampe. Es war eiskalt in der Höhle, und der Rechtsanwalt legte einen Arm um mich.

So eine Höhle ist ein weitverzweigtes System von Gängen, Räumen, Wasserläufen, Sackgassen, Schluchten, An- und Abstiegen usf., so daß der Laie völlig auf seinen Führer angewiesen ist.

Vor einem mir recht klein erscheinenden, lehmverkrusteten Höhlenraum blieb der Anwalt stehen und teilte mir mit, daß hier ein sogenannter Siphon gewesen sei, was nichts anderes heiße als eine bis zur Decke mit Wasser gefüllte Höhle, in der, bevor man sie ausgepumpt habe, ein Freund von ihm bei dem Versuch, die dahinterliegenden Höhlen zu erforschen, ertrunken sei. Höhlentauchen sei eine der gefährlichsten Arbeiten, sagte der Rechtsanwalt. Der Taucher wirble den Schlamm des Höhlenbodens auf und sei ausschließlich auf seine Geräte und das Seil angewiesen, das ihn mit seinem Ausgangspunkt verbinde. In diesem Fall, er deutete auf einen überhängenden Felsen in dem Höhlenraum, sei das Seil, welches den Taucher hätte zurückführen sollen, unter den Felsen gerutscht, der Taucher habe wegen des aufgewirbelten Schlamms die Orientierung verloren und schließlich, dem Seil folgend, versucht, sich durch den Zwischenraum zwischen Felsen und Boden zu zwängen. Dort eingeklemmt habe man ihn nach dem Auspumpen der Höhle gefunden.

Der Anwalt sprach darüber so sachlich, daß ich spürte: Er hatte keine Angst vor dem Tod.

Ich starrte lange auf die überhängenden Felsblöcke. Im Licht der Taschenlampe glichen die Wassertropfen auf den Felsen allesamt kleinen unbehaarten Spinnen, die in breiten Formationen, Trupp für Trupp, die Höhle durchhasteten. Mich überfiel plötzlich eine Art Platzangst. Und auch weil ich vom Wein, von der Scheidung und von der ungewohnten Anstrengung des Kletterns völlig erschöpft war, weinte ich seit Jahren zum erstenmal haltlos.

Der Rechtsanwalt führte mich durch die Höhle zurück.

Schon als wir den Höhlenausgang, vor dem eine in Mondlicht getauchte Baumgruppe stand, von weit innen her sahen, roch ich die Erde. Sie stank. In den Höhlen nämlich, in denen nichts wächst, ist die Luft alt und rein. Tritt man aber aus ihnen heraus, strömen die Gerüche einher. Wer weiß schon, ständig auf der Erde lebend, wie sie wirklich riecht.

Sie riecht nach Verwesung – und es ist ein wunderbarer, süßer Geruch.

Und wieder verfiel ich in einen rauschartigen Zustand, feierte meine Auferstehung. Luft, Mondlicht, Wärme und Verwesung umfingen mich, und ich sank mit dem Rechtsanwalt auf einer Mooslichtung nieder, wo wir uns auf der Stelle liebten. Auf dem Weg zum Auto liebten wir uns noch einmal auf einer Brücke, über deren Geländer gebeugt ich in die schwarzen Strudel eines Gebirgswassers sah.

Seit dieser Nacht war mir der Anwalt verfallen. Und es gibt keinen Zauber, der nur einseitig wirkt. Er sprach von meinen Augen wie von Bergkristallen, küßte unentwegt meine Bakkenknochen, trank aus meinem Mund wie aus Bergquellen, tastete forschend meinen Körper ab, und wenn er in mich drang, war es, als stiege er hinab in seine grundlosen Höhlen. Verzückt tauchte er am Ende wieder auf, nach Luft ringend und verzaubert. Da ich im Zeichen des Steinbocks geboren bin, nannte er mich Böcklein. Sonst sprach meistens ich. Ich erzählte ihm von der Arbeit an meinem Roman, der damals bereits fünfhundert Seiten umfaßte, von meinem Haß auf L., das mich in seiner Enge und Dummheit erdrückte, von den Ländern, in denen ich gelebt hatte, von meinen Plänen – und er lauschte mir glücklich.

Nach zwei Wochen sprach ich zum erstenmal von Italien. Ich hatte dort eine Zeitlang mit meinem geschiedenen Mann zugebracht, und das Haus in den Weinbergen war mir, von dem Anwalt selbst ausgehandelt, zugesprochen worden.

»Dort gehen wir hin«, sagte ich, »dort ist es warm. Wir bebauen das Land, und ich kann in Ruhe schreiben.«

Der Rechtsanwalt sah mich verzückt an und drang wieder in mich auf diese stürmische und doch zugleich aufmerksam tastende Weise, die mir inzwischen unentbehrlich geworden war. Aber auf all meine Reisevorbereitungen reagierte er seinerseits nicht. Er saß da, sah mich an und hörte mir zu, zog mich zu sich, und wir wälzten uns zwischen meinen halb gepackten Koffern und am Boden ausgebreiteten Kleidern und Büchern.

Ich kündigte meine Wohnung, schloß, Gott sei Dank, eine Krankenversicherung für den Rechtsanwalt ab und holte ihn eines Tages mit meinem schwer beladenen Auto von seiner Rechtsanwaltskanzlei ab. Er stieg in das Auto, ich warf die Tür zu, und wir fuhren los. Seine Aktentasche auf dem Schoß, die linke Hand auf meinem Knie, sah er verwundert auf die Gebirge, die wir überquerten. Als nach Cremona die Berge niedriger wurden, zündete er sich eine Zigarette an. »Wo genau liegt der Weinberg?« fragte er, und ich sagte: »Bei Neapel.« Danach schwiegen wir bis Bologna. Ich konnte nicht mehr Auto fahren, da mir die Autobahn mit ihren grellen Lichtern vor den Augen verschwamm, und ich hielt bei einem Motel zwischen Bologna und Florenz. Als ich das Zimmer aufgeschlossen hatte, fiel der Anwalt mit kaltem Feuer über mich her, biß mich, als ob er mich auffressen wollte, küßte mich, als ob er mich aussaugen wollte, liebte mich, als ob er mich auspumpen wollte. So lange, bis ich vor Erschöpfung einschlief. Als ich aufwachte, war er immer noch in mir und flüsterte mir seine Liebe ins Ohr.

Ich bezahlte die Hotelrechnung, und wir fuhren weiter.

Als wir am Nachmittag in meinem Weinberg standen und die Sonne unterging, lehnte er auf einer Schaufel, als wäre er schon immer Weinbauer gewesen.

Er verbesserte meine Zisternen, legte Terrassen im Weinberg an, band meine Tomaten hoch und lernte von unseren Nachbarn den Wein bestellen.

Anfangs ging ich überall mit, grub hier und dort in der Erde, aber am Ende der vierten Woche spürte ich, daß ich überflüssig war, und setzte mich an die Schreibmaschine, um ein Hörspiel zu verfassen, mit dem ich unseren Lebensunterhalt für das nächste Jahr zu finanzieren gedachte. Denn man darf nicht glauben, daß man sich von einem kleinen Weinberg ernähren kann.

Alles lief wunderbar, wir arbeiteten tagsüber, er im Wein und ich an meinem Schreibtisch, abends gingen wir im Ort spazieren, wo wir überall geachtet wurden, seit man bemerkt hatte, daß wir ernsthaft das Land bestellten, und nachts liebten wir uns auf der Terrasse, auf die der Mond und die Sterne schienen, im Weinberg, wo uns die Reben ins Gesicht hingen, oder im Bett, von wo wir die Holzwürmer im Gebälk nagen hörten und schwere Nachtfalter gegen das Moskitonetz vor dem Hauseingang torkeln sahen.

Nach einigen Monaten fiel mir zum erstenmal seine Blässe auf. Auch bemerkte ich, daß er nachts mehrmals aufstand und im Weinberg verschwand. Ich beachtete aber die, wie ich heute weiß, ersten Symptome seines Siechtums nicht weiter, bis ich eines Morgens, nervös von meiner Arbeit, um vier Uhr früh aufwachte und den Anwalt ansah, der, mir zugewandt, die rechte Hand auf meiner Scham liegend, von einer so durchscheinenden, ja ins Grüne spielenden Blässe war, daß ich zutiefst erschrak. Auch hatte er bestimmt zehn Kilo abgenommen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, ein paar Kilo weniger könnten ihm unmöglich schaden, und wandte mich wieder meinem Hörspiel zu, das ich noch in derselben Woche fertigstellen wollte.

Als das Hörspiel nach weiteren drei Wochen fertig war und ich es an verschiedene deutsche Rundfunkanstalten abgeschickt hatte, bei denen ich einen gewissen Ruf als Hörspielautorin genieße, so daß ich sicher sein konnte, daß mehrere Sender mein Stück übernehmen würden und eine Summe von mindestens 6oooo öS auf mein Konto eingehen würde, die wir im übrigen dringend benötigten – nach Abschicken dieses Hörspiels also sah ich, daß der Anwalt nur mehr ein Schatten seiner selbst war. Bei jedem anderen hätte ich gesagt, fünfundsiebzig Kilo seien ein normales Gewicht für einen Mann von 1,75 Meter Größe, beim Rechtsanwalt aber war es das Symptom einer furchtbaren Krankheit, zumal die Blässe nicht aus seinem Gesicht gewichen war, unter den Augen nachtblaue Schatten lagen, seine Stirn von Schweiß stets silbern glänzte und seine Haut sich anfühlte wie kalter, nasser Stein.

Bei der Weinernte, die kurz danach stattfand, mußte er sich mehrmals übergeben, da er den Geruch des faulenden, gärenden Weins in den Bottichen nicht vertrug.

Oft sah ich ihn auf seine Schaufel gestützt im Weinberg stehen und über die weite Ebene starren.

Ach, ich habe ihm die Höhlen nicht ersetzen können! Das seltsame kalte Feuer in seinen Augen war erloschen.

Wir liebten uns in der Zeit kaum noch, da er vor Erschöpfung meinen Körper nicht fand.

An dem Tag schließlich, an dem ein Teil meines Hörspielhonorars auf meinem Konto eintraf, gerade so viel, wie wir bei den geringen Bedürfnissen, die wir hatten, brauchten, um die nächsten Monate zu überstehen, stand er auf, torkelte im Zimmer umher, als hätte er jeglichen Orientierungssinn verloren, und folgte, wie mir schien, die Hände voran, einem unsichtbaren Seil, an das ihn jemand gebunden hatte. Schließlich fiel er erschöpft ins Bett zurück und redete wirres, unverständliches Zeug.

Erst als er bettlägrig war, bemerkte ich, daß seine Schwäche von einem Durchfall herrührte, der ihn, wie er mir gestand, seit Monaten mehr oder weniger plagte, bis er schließlich in einen Dauerzustand übergegangen war, der ihn alles, was er zu sich nahm, kurze Zeit später als dünne, übelriechende Flüssigkeit ausscheiden ließ.

Da wir in unserem Weinberg über keine Wassertoilette, sondern nur über eine dürftige ›fossa settica‹ verfügen, stinkt es jetzt ununterbrochen in unserem Zimmer scharf und süß von den mit brauner Flüssigkeit gefüllten Eimern, die ich alle paar Stunden auswechsle. So lebe ich also seither mit einer kaum noch zu bewältigenden Arbeitslast. Ich stehe um vier Uhr früh auf, wasche den Rechtsanwalt und wechsle seine Nachtschüssel aus. Dann arbeite ich im Wein – die Weinstöcke müssen beschnitten werden –, bestelle das Wintergemüse – Kohl, Kraut und große Köpfe Broccoli –, ernte die letzten Früchte, Feigen und Oliven – gehe den Hügel hinunter ins Dorf, besorge das Nötigste, vor allem Medikamente für den Anwalt, die jedoch bis jetzt nicht geholfen haben. Von zehn Uhr vormittags bis zwei Uhr nachmittags sitze ich an der Schreibmaschine und arbeite an dem Roman weiter, den ich für das Hörspiel unterbrochen habe und der mein Lebenswerk werden soll. Um zwei Uhr wasche ich den Anwalt, wechsle die Schüssel aus und füttere ihn mit flüssiger Nahrung; Fleisch oder Gemüse nimmt er nicht mehr zu sich. Dann arbeite ich noch einmal bis zum Sonnenuntergang im Land, wechsle die Schüssel des Rechtsanwalts aus, falle um acht Uhr erschöpft ins Bett und schlafe sofort ein.

Ich weiß nicht, wie lange das noch so weitergehen soll.

Vielleicht sollte ich den Rechtsanwalt zurückschaffen in seine Heimat, mit den Bergen, die er so liebt, den eisigen Schneestürmen, den einsamen Steinböcken und den Höhlen mit der reinen Luft.

Wenn es nicht schon zu spät ist.

Der Senner von der Kargeralm

In Österreich gibt es, wie jeder weiß, viele Berge.

Und auf den Bergen Almen. Dort verbringen die Senner das halbe Jahr mit ihrer Viehherde, in geringer oder ganz beträchtlicher Höhe, je nachdem, welche Tiere sie weiden und wo der Bauer seine Almen besitzt.

Kühe zum Beispiel werden meist auf sanfte Almen, nicht allzu hoch oben, nicht allzu weit weg von den Ortschaften, geführt, und die Senner steigen von Zeit zu Zeit ins Tal hinunter, oder Wanderer kommen an ihren Hütten vorbei.

Schafe hingegen werden nicht selten hoch in die Berge geführt, und es kann schon sein, daß so ein Schafhirte das halbe Jahr lang knapp unterhalb der Baumgrenze verbringt, über ihm unwegsame Felsenrücken, unter ihm die Täler und Schluchten, und daß er ein halbes Jahr lang kaum einen Menschen sieht. Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit. Nun ist es ja auch hinlänglich bekannt, daß es auf den Almen zu Ausschreitungen kommt, die mit der langen Einsamkeit des Senners in Zusammenhang stehen. Der Senner, so lautet die herrschende Meinung, verrohe da oben auf der Alm – ohne eine Menschenseele, in seinem Rücken die Felswände, unter ihm die Täler –, so daß er das Verhältnis verliere zur menschlichen Gemeinschaft und ihm der Sinn menschlicher Regeln und Übereinkünfte abhanden komme.

Es gibt zum Beispiel Jodler (und es ist die Frage, ob der Jodler nicht überhaupt aus diesem Grund entstanden ist), die nichts sind als Verständigungen zwischen einem Senner und einer Sennerin auf zwei verschiedenen Almen. Der Senner kündigt auf diese Weise der Sennerin seinen Besuch in der Nacht an.

Aber es kommt noch zu ganz anderen Dingen. So kann jeder, der sich an den Gerichten in den Landbezirken umhört, immer wieder von Inzestverfahren hören; der Senner nimmt die eigene Tochter, die ihm einmal in der Woche seine Verpflegung hinaufbringt oder, schlimmer noch, eine seiner Kühe oder Schafe dort oben in der Einsamkeit. Der Fall, von dem hier die Rede sein soll, übertrifft jedoch das oft Gehörte und hinlänglich Bekannte bei weitem. Es handelt sich nämlich in unserem Fall nicht nur um eine einfache Sodomie, sondern, ich zögere, es dem mit der Geschichte noch nicht vertrauten Leser jetzt schon mitzuteilen, um Liebe. Der Senner Jörg K. verliebte sich, um es geradeheraus zu sagen, in ein Jungschaf seiner Herde. Es war oben auf der Kargeralm am Sonnenfels.

Ich habe davon gehört, weil ich mit dem Anwalt befreundet bin, der Jörg K. verteidigte, und ich weiß, welche Überlegungen er zum Aufbau der Verteidigung anstellte; in welchem Zwischenbereich von Eigentumsdelikten und Menschenwürde, tierischem und menschlichem Triebverhalten, Besitzstörung und Tierschutzgesetzen, Abhängigkeits- und Eigentumsverhältnissen er seine Argumente sammelte.

Aber ich möchte nicht über die Klage sprechen, sondern über die tragische Liebe des Jörg K. zu seinem Schaf.

Ich habe Jörg K. mit dem Anwalt zusammen in B. besucht. Er war damals schon nicht mehr als Senner tätig und saß in einer Hütte auf halber Höhe des Sonnenfels.

Der Senner Jörg K. war in keiner Weise so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich habe gedacht, und daran sieht man, daß man nichts weiß, wenn man nur hört von Sennern und ihren Ausschreitungen in den Höhen der Almen – ich habe gedacht, Jörg K. sei ein düsterer Geselle, geprägt vom drückenden Schweigen der Almen, von den Felsrücken, den einsamen Adlern, klobig, dumpf und wortkarg. Das war nicht der Fall. Jörg K. war Mitte Zwanzig, schmalgliedrig, von feinen Gesichtszügen und so wortgewandt, daß er imstande war, uns zu erzählen, wie ein Mensch ein Schaf lieben kann. Was so mancher Schriftsteller mit all seiner Kunstfertigkeit eben nicht erzählen könnte.

Das Schaf habe ein weißes, seidiges Fell gehabt, sagte Jörg K., und es sei in einem Maße verständig gewesen, wie kein Mensch, den er je kennengelernt habe, es gewesen sei.

Man muß nicht meinen, Jörg K. wäre sich nicht der Absonderlichkeit seines Gefühls bewußt gewesen. Er wußte darum und bemühte sich sehr, sein Gefühl nicht nur uns, sondern auch sich selbst begreiflich zu machen, seine Leidenschaft zu durchleuchten, alle Freuden und allen Schmerz seiner Liebe aufzuzeigen. Er strengte sich an, er dachte nach, seine Augen waren klar, dunkel oder trüb, je nachdem, was er erzählte.

Was Jörg K. kaum interessierte, waren die Anklagepunkte gegen ihn, war die Entrüstung über ihn, war die Bosheit gegen ihn. Der Anwalt mußte immer wieder auf den Bauern zu sprechen kommen, auf die Entdeckung der Tat, auf die Feme, die Rache, die Anklage. Jörg K. sah ihn dann abwesend an, beantwortete nachlässig seine Fragen, um wieder auf sein Hauptanliegen zu sprechen zu kommen: seine Liebe zu dem Schaf.

Er sagte, er habe immer schon gewußt, daß nichts an dem Vorurteil sei, daß Schafe dumm seien. Sein Schaf aber – oder die Mizzi, wie er es anfänglich und dann erst wieder gegen Ende seiner Geschichte nannte – sei in unvorstellbarem Maße intelligent gewesen. Die Mizzi habe, sagte der Senner, die Sterne am Himmel erkannt und sei abends lang dagestanden, sie zu betrachten. Ihr Gesicht sei von solcher Regelmäßigkeit gewesen, daß es ihm weh getan habe, und die Augen seien, sagte er, so klar und blau wie der Almsee gewesen, in dessen Nähe er geboren sei. Schon als Lamm sei die Mizzi neugieriger und aufgeweckter gewesen als die anderen Schafe der Herde. Sie habe Interesse gezeigt für alles und mit ihren ungeschickten Sprüngen niemals eine Blume zertreten. Sie sei vielmehr plötzlich stehengeblieben und habe sie lange betrachtet, sei fast erstarrt in der Betrachtung und habe sie dann beschnuppert und geküßt. Sie habe die Blumen geküßt, sagte er, indem sie die Nüstern tief in die Blüten senkte, sie habe alles Schöne geküßt, nachdem sie es betrachtet hatte. Aufmerksam habe sie die unscheinbarsten Blumen wie den Rotklee, das Hasenbrot oder den Wiesenknopf betrachtet und fröhlich die Glockenblumen umsprungen; diese Blume habe sie, sagte er, richtig fröhlich gemacht, es sei ihm gleich aufgefallen, sie habe den Kopf zur Seite gelegt und einige Sprünge um die blaue Blume herum gemacht; in den Anblick anderer Blumen sei sie jedoch regelrecht versunken, habe über den kobaltblauen Wiesenenzian den schmalen Kopf gebeugt, an seinem Kelch geschnuppert, so daß er selbst alles um sich herum vergessen und nur noch das weiße Lamm gesehen haben, wie es den langstieligen, herrlichen Wiesenenzian küßte; als sie die erste Herbstzeitlose ihres Lebens gesehen habe, sei sie, sagte der Senner, zuerst über die Maßen davon angezogen gewesen und habe ihre Nüstern in die offene Blüte gesenkt, sei aber dann instinktiv einen Schritt zurückgewichen, er selbst habe schon gezittert vor Angst, das Lamm könnte die Blume fressen, man müsse nämlich wissen, sagte er, daß die Herbstzeitlose in hohem Maße giftig sei, so daß, wer von ihr koste, nach dreißig oder vierzig Stunden einen schrecklichen Tod sterbe, die ganze Zeit über sei derjenige nämlich bei vollem Bewußtsein. »Und eines Tages«, sagte der Senner, »entdeckte sie ihre Blume: den Frauenschuh.« Der Frauenschuh sei, sagte er, eine Orchidee, die bei uns fast ausgestorben sei, die aber, er habe selbst nichts davon gewußt, hinter einem Felsen in solch einer Fülle wachse, daß ihm das Herz beinahe stehengeblieben sei, als er, das Lamm suchend, über den Felsen geklettert sei und es plötzlich inmitten der Orchideen stehen gesehen habe, deren rosaviolette Blütenblätter sich wie Seidenschuhe im Wind bewegt hätten. Es sei dann etwas Unglaubliches geschehen, sagte er. Zuerst habe das Lamm in seiner gewohnten Weise den Frauenschuh beschnuppert, sei dann mit den Nüstern tief eingetaucht in zarte Kelche und habe in höchster Verzückung, wieder auftauchend aus der süß duftenden Blütenpracht, so lieblich geblökt, wie kein Schaf je geblökt habe. Hier sei es auch gewesen, wo sich das Lamm verletzt habe. Es sei nämlich dermaßen angezogen gewesen von dem Frauenschuh, daß es immer wieder heimlich die Herde verlassen habe, um diesen Platz aufzusuchen, was nicht ungefährlich gewesen sei, da sich ja der Felsüberhang dazwischen befunden habe, den zu überklettern nicht ungefährlich gewesen sei – und wobei sich sein Lamm dann auch verletzt habe. Er habe es, auf seinen Stab gestützt und ins Tal blickend, wimmern gehört, und durch sein Herz sei ein schreckliches Zucken gefahren, wie er es nie zuvor gekannt habe.

»Ein gebrochenes Bein«, sagte der Senner, »ist meist Grund genug, ein Lamm zu schlachten, zumal so hoch oben auf der Alm, wo weit und breit keine Hilfe zu erwarten ist.«

Er habe das wimmernde Lamm in seine Arme gebettet und sei mit ihm abgestiegen ins Tal. Er habe damit, sagte er, seine Herde im Stich gelassen, und das habe ihm wohl schon damals den Zorn des Bauern eingebracht.

»Das Lamm hat«, sagte er, »den Kopf an meinen Hals gelegt, die Augen halb geschlossen vor Schmerz, keinen Laut mehr ausgestoßen, und sein Herz hat gegen meine Brust geschlagen.«

Er könne nicht sagen, wie sehr er mit dem Lamm gelitten habe. Denn das Furchtbarste sei ja gewesen, sagte er, daß Tränen aus den halb geschlossenen Augen herabgetropft seien wie von der Sonne gewärmtes Wasser. Er habe versucht, beim Abstieg jede Erschütterung zu vermeiden, sagte der Senner.

Dann strich er sich, am Holztisch sitzend, die Haare aus der Stirn und sah zuerst den Anwalt, dann mich lange an, als suchte er in unseren Augen das Bild eines Senners mit einem Lamm auf dem Arm, die Abendsonne im Rücken und das dunkle Tal vor sich.

»Ich bin noch in der Nacht«, fuhr er dann fort, »wieder hinaufgestiegen auf die Alm mit dem Lamm auf dem Arm, das verbundene Bein stützend. Ich kenne den Weg zu meiner Alm genau«, sagte er, »trotzdem war es ein schwerer Aufstieg, es lagen Steine am Weg, und der Mond war verschwunden hinter Wolkendecken.«

Das Lamm habe dann, sagte er, bis zur Genesung in seinem Bett geschlafen. Er habe es selbstverständlich nicht berührt. Es sei ja krank gewesen. Er habe die Umschläge um das Bein gewechselt, habe es gefüttert und sein Fell gebürstet.

»Es ist nicht selbstverständlich«, sagte er, »daß ein Schaf sich erholt von so einem Unfall. Manche überleben es nicht.«

Er habe es täglich hinausgetragen auf die Weide in die Sonne, und es habe ihn geschmerzt zu sehen, wie das Schaf immer wieder versucht habe aufzustehen, dann aber wieder niedergesunken sei auf den Boden. »In der Zeit seiner Krankheit«, sagte er, »sind wir uns immer näher gekommen.«

Er habe Glockenblumen gepflückt für das Schaf, weil es doch immer so fröhlich geworden sei bei ihrem Anblick, und tatsächlich habe es den Kopf zur Seite gelegt, und die Augen seien wieder klar geworden angesichts der Blumen. Dann, sagte der Senner, sei er sogar über den Felsen geklettert und habe einen Frauenschuh gepflückt, und das Gesicht des Schafes habe sich bei seiner Wiederkehr geweitet. Es habe die Lippen geöffnet, und ein solches Glück sei durch seinen Körper geströmt – er habe das gefühlt, da er eine Hand auf seinem Fell liegen gehabt hätte –, daß er sicher sei, in dem Moment habe die Genesung begonnen. Denn es sei ja die schwindende Lebensfreude, die die Schafe bei verhältnismäßig geringen Verletzungen dahinsiechen lasse.

Es habe schließlich diesen Schrei ausgestoßen, den er schon damals hinter dem Felsen gehört habe, als er im violett schwankenden Frauenschuhfeld gestanden habe, und der nichts mehr mit dem normalen Blöken der Schafe zu tun gehabt habe, sondern ein über jeder Art stehender, allgemeiner Laut der Freude gewesen sei, ein Locken, ja, sagte er, ein Frohlocken, ein unglaublich herrlicher, reiner Laut, den kein Instrument der Welt hervorbringen könne, denn es sei ein stimmlicher Laut, ein Gesang, sagte er, den wir verlernt hätten, ein jenseits der Musik liegender Ton, ein Fadensonnenlaut, ein Wunder.

Der Senner sah durch das Fenster hinaus, vor dem eine Wiese lag, ohne Vieh, denn er selbst besaß nichts; die Wiese war grün und satt. Der Rechtsanwalt und ich, wir rauchten viel und schauten auf die Wiese und dann auf den Boden. Der Senner stand auf und öffnete das Fenster.

»Es ist genug für heute«, sagte er, »ich kann mich nicht mehr erinnern.« Er stand lange am Fenster, die Hände am Rücken verschränkt, und sagte auch nichts, als wir uns verabschiedeten.

Der Rechtsanwalt und ich, wir stiegen schweigend ab, die Sonne wärmte unsere Rücken, und der Rechtsanwalt klemmte die Akte Jörg K. unter den Arm, als wollte er sie nicht berühren mit seinen Händen; die vergleichsweise trüb grünen Wiesen im Tal begannen, die Landstraßen, die das Tal zerstückeln, die Häuser, der Bach, das Elektrizitätswerk, die Schornsteine, die Autos, die Menschen. Wir sprachen mit niemandem, und schweigend ging jeder in sein Zimmer. Als wir am nächsten Morgen wieder den Berg hinaufgestiegen waren und die Hütte betraten, saß der Senner schon wieder oder noch immer am Tisch, den Kopf in die Arme gestützt, den Blick in die Ferne gerichtet.

Auf dem Tisch stand Kaffee. Wir tranken einige Tassen, der Senner trank nichts, wir rauchten und warteten.

Mit großer Mühe, schleppend fast, als würgte es ihn in der Kehle, begann er schließlich, ohne dem Versuch des Anwalts, das Gespräch auf die Strategie der Prozeßführung zu bringen, auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen und als habe er seit dem Vortag nur eben einmal Atem geschöpft, weiterzusprechen von seiner Liebe.

»Das Schaf« sagte er, »beschnupperte und küßte nicht nur die Blumen und Sträucher, sondern auch meine Hand, wobei es mich«, sagte er, »ansah. Die ganze Zeit über«, sagte der Senner, »in dem halben Jahr der Trennung, die es im Stall verbrachte und ich hier, habe ich mich nach seinem Schnuppern und seinen Küssen gesehnt, nach dem warmen, seidigen Fell, den almseeblauen Augen, dem Staunen, dem Verharren, dem Gesang. Wenn ich ins Dorf hinunterstieg, um ins Wirtshaus zu gehen, trieb es mich immer zu seinem Stall, und oft schlich ich mich heimlich hinein und streichelte das Fell, das struppig geworden war ohne meine Pflege und glanzlos. Schon bevor ich den Stall betrat, stieß es jenen Laut aus, den ich nie vergessen werde. Es kam mir entgegen, drückte sich an mich, und ich sah es leiden in dem dunklen, stinkenden Stall ohne Wiesen, Blumen und Sonne. Ich brachte ihm heimlich gutes Futter, und einmal habe ich eine Schneerose mitgebracht. Es sah die Schneerose so traurig, so unendlich sehnsüchtig an, daß es mir die Kehle zuschnürte.

Als es Frühling war«, sagte der Senner, »und ich die Herde auf die Alm trieb, war die Mizzi erwachsen geworden. Aus ihr brach nach der langen Entbehrung eine solche Kraft, daß ich Angst hatte, sie könnte sich in ihrem Übermut von neuem verletzen. Sie rieb ihren Körper an Baumrinden, tauchte den Kopf in die Gebirgsbäche, wälzte sich in der Wiese und streckte den Kopf der Sonne entgegen. Ihre klaren Augen sahen alles, sie beobachtete Steinböcke auf den Felsen, die sich auf den Steinen sonnenden Eidechsen und Salamander, sie sah den Habichten nach, die gelassen durch die Luft segelten, und sprang hin und her auf der Weide. Ich lief mit ihr. Denn auch ich war erwacht.«

Er wisse nicht, sagte der Senner, ob wir im Tal eine Ahnung hätten vom Frühling. Der Winter in den Bergen, sagte er, sei kalt, und noch in seiner Kindheit hätten die Bergbauern den Winter verschlafen. Sie hätten, sagte er, die Fenster verdunkelt und alle undichten Stellen des Hauses verstopft, dann hätten sie dicht gedrängt in den Betten gelegen, auf die sie alle Decken und Kleider gelegt hätten. Die Notdurft hätten sie in die dafür bereitgestellten Töpfe verrichtet, gegessen hätten sie kaum, und am Ende des Winters seien sie so schwach gewesen, daß sie kaum wieder hätten aufstehen können. Jeder habe in seiner Jugend die Bergbauern an ihrer Blässe am Ende des Winters erkannt. Dann aber seien sie zu neuem Leben erwacht. Sie hätten, sagte er, wie niemand im Tal unten das Auftauen der Erde gespürt; der Boden bewege sich ständig im Frühling, die Erde begänne zu sprechen, sie raune und flüstere, sie gurgle und knarre, sie quietsche und sänge, sie wachse und taue, schmelze und festige sich vor den Augen der Bergbauern und Senner.

 

Ich stand auf und legte meine Arme um ihn. »Los«, sagte ich zum Anwalt, »tu was.« Aber der Senner schüttelte mich ab, stand auf vom Tisch, konnte kaum stehen, hielt sich fest an der Tischkante, war schneeweiß im Gesicht und rosaviolett auf den Wangen, hatte große rote Flecken auf dem Hals. »Da«, stieß er hervor, »da«, wir drückten ihn nieder auf seinen Platz, wir wischten ihm den Schweiß von der Stirn, »da«, sagte er noch einmal und dann, als habe er nur über dieses eine Wort hinwegkommen müssen, erzählte er ohne eine weitere Unterbrechung seine Geschichte zu Ende.

Im Laufe der Geschichte legte sich seine Erregung, die roten Flecken im Gesicht verschwanden, und eine große Ruhe breitete sich offenbar in ihm aus.

»Da«, sagte er, »kam der Sohn des Bauern und fand mich bei ihr liegen. Der Sohn des Bauern starrte uns an, warf den Rucksack mit der Verpflegung von sich und lief davon.

Ich wusch mich, zog mich an und wartete auf den Bauern. Er kam mit fünf Knechten. Ich trat ihnen entgegen.

Bauer, sagte ich, ich bin nicht mehr dein Senner, verkauf mir das Schaf und laß uns gehen.

Aber da packten sie mich zu dritt. Der Bauer und die zwei anderen Knechte holten mein Schaf, es hatte sich weder versteckt, noch war es fortgerannt, es wehrte sich nicht einmal; trotzdem ließen sie es am Boden schleifen, als wehrte es sich. Die drei Knechte umfaßten mich fester, der Bauer zückte sein Messer. Ich sah das Messer blitzen in den Augen des Schafes.

Es gab keinen Laut von sich, ich weiß nicht, wie lange der Bauer gewartet hat, mir war es eine lange Zeit, mir war es ein langer Abschied, ein langer Schmerz, ein langes Vergehen, ein langes Zucken, ein langes Verbluten, ein langes Leben, ein langsamer Tod.« Der Senner sagte: »Sie haben das Herz herausgeschnitten.«

Dann sagte er nichts mehr, nur einmal, nach langem Schweigen, nach vielen gerauchten Zigaretten, nach Hüsteln und Räuspern, nach Durchblättern der Akten, nach Atemholen, Seufzen, Fensteröffnen, nachdem der Senner sich wieder bewegt und sich nun doch eine Tasse Kaffee genommen hatte und uns fragend ansah, als wäre er an einem Punkt völliger Ratlosigkeit angelangt und wartete, daß wir ihm nun sagten, was denn noch weiter geschehen könnte mit seinem Leben, nachdem der Rechtsanwalt nach langer Pause gesagt hatte: »Du könntest woanders hinziehen und dir woanders ein paar Schafe halten« (er sagte auch: »Ich leih dir das Geld oder ich schenk es dir«) – da sagte der Senner noch etwas. Leise, den Kopf in die Arme gestützt, auf die Tischplatte starrend, sagte er: »Ich liebe die Schafe nicht. Ich habe dieses eine Schaf geliebt.«

Dann sagte er nichts mehr und hat auch sonst nicht mehr gesprochen. Alle, die ihn bei den Verhandlungen gesehen haben, müssen so wie ich, bevor ich ihn sah und seine Geschichte hörte, geglaubt haben, er sei ein düsterer Geselle, geprägt von den Felsenrücken, den einsamen Adlern, dem Schweigen um ihn herum, klobig, dumpf und wortkarg.

Der Anwalt, der nie einen Prozeß mit solchem Einsatz geführt hat wie diesen, argumentierte in dem schrecklichen Gewirr von Eigentumsdelikten und Menschenwürde, tierischem und menschlichem Triebverhalten, Besitzstörung und Tierschutzgesetzen, Abhängigkeits- und Eigentumsverhältnissen und gewann den Prozeß.

Der Jörg K. aber verschwand vom Sonnenfels, und wir haben nie mehr etwas von ihm gehört.