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Inhalt

[Cover]

Titel

JANUAR

Christrose

Besser machen!

Vasen zwischen Kunst und Elend

FEBRUAR

Schneeglöckchen

Alles öko – oder?

MÄRZ

Veilchen

Gartler als Partyschreck

Die Gartentherapie

APRIL

Vergissmeinnicht

Lernen von der Limabohne

Der Totenkopf lässt grüßen

MAI

Maiglöckchen

Geschmackswüste fürs Wunschkind

Im Schnippelrausch

JUNI

Mohn

Dubioser Blick über den Gartenzaun

Der ewige Gärtner

JULI

Nelken

Meine Freunde, die Guerilla-Gärtner

Wasser! Wasser!

AUGUST

Wicken

Modeblumen & Blumenmode

SEPTEMBER

Sonnenblumen

Das Männerparadies

OKTOBER

Hymne an die Heide

Gartengeräte de luxe

NOVEMBER

Kürbis-Mania

Bäume, die Eindruck schinden

Die Gartendepression

DEZEMBER

Weihnachtsstern

Erleuchtung im Winter

Im Hamsterrad der Hoffnung

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – Mein Sommer in einem Garten]

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Was mir blüht

JANUAR

Christrose

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Die Schönste bist du, / Kind des Mondes / nicht der Sonne …«

dichtete Eduard Mörike im Winter 1841. Da hatte er vier Wochen zuvor seine erste Christrose gesehen. Auf einem schwäbischen Friedhof; der Biedermeier-Dichter war ja im Brotberuf zunächst Pfarrer.

Auch mir sind Christrosen im Lauf meiner Gartenjahre mehr ans Herz gewachsen als die meisten anderen Stauden. Das hat viele Gründe. Zunächst einmal sind sie die ersten im winterschlafenden Garten, die man nicht mit der Lupe suchen muss. Zweitens genießen weiße Blumen bei mir von jeher einen Heimvorteil, auch wenn das nicht sehr originell ist, weil derzeit Mode. Aber je dunkler die Tage, je früher der Abend einbricht, desto tröstlicher ist das weiße Leuchten der Schneerosen im Garten. Weswegen ich ihre aparten dunkelroten und fast violetten Verwandten, die Lenzrosen oder orientalischen Christrosen, alle wieder verschenkt habe: Man sieht sie kaum bei trübem Licht im Wintermatsch. Drittens stehen Christrosen Wochen und manchmal sogar Monate lang in Blüte. Was sie im Vorfrühling fast konkurrenzlos macht, wenn ich mal absehe von der ebenso dankbaren Euphorbia characias, der stattlichen, grüngelb prunkenden Palisaden-Wolfsmilch. Zusammen bilden die beiden bei mir eine ausgesprochen gut aussehende Pflanzgesellschaft. Viertens weiß ich keine andere Blume, die so bildschön verblüht. Was man als Frau leider nicht von sich selber sagen kann und als Gärtnerin weder von Tulpen oder Dahlien, die nach der Zierde eher eine Zumutung werden. Christrosen dagegen haben nicht nur dekoratives Laub, sondern ihre Blüten durchlaufen beim Reifen ein delikates Farbspiel von Reinweiß über Rosig zu Blaßgrün. In der grünen Phase, wenn die goldgelben Staubgefäße den prallen Samenkapseln Platz gemacht haben, sind sie für manchen Laien schon gar nicht mehr als Christrosen zu erkennen. Dafür sind sie in diesem Zustand neuerdings ein Liebling der Trend-Floristen.

Dass Mörike die Christrose so spät kennenlernte, ist verwunderlich, denn sie hielt schon im 16. Jahrhundert Einzug in deutsche Gärten. In den Kalkstein-Alpen Österreichs und bei Berchtesgaden wächst Helleborus niger sogar wild. Der botanische Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet nichts Gutes: helein = töten und bora = Speise, denn Christrosen sind enorm giftig. Es soll Helleborus-Pulver gewesen sein, das sich Shakespeares Romeo für seinen verzweifelten Liebestod beim Apotheker besorgte. Gewonnen aus den rabenschwarzen Wurzeln, denen die Pflanze mit den schneeweißen Blüten den Zusatz »niger« verdankt. Auf deutsch hieß sie früher Schwarze Nieswurz, denn lange wurde daraus Niespulver und Schnupftabak hergestellt. Und getreu der Faustregel »drei Tropfen machen rot, zehn Tropfen machen tot«, wurde sie gern in Hexensalben gerührt und in der Volksmedizin gegen allerlei Gebrechen benutzt.

Für mitunter faule Gartenfrauen wie mich sind die Schneerosen eine Ideal-Staude: Sie mögen jahrelang am gleichen Platz stehen ohne geteilt zu werden, und man wäre schön blöd, die Christrosen an der Samenbildung zu hindern, wie man das bei vielen anderen Blumen tun muss. Wo es ihnen gefällt (auf Kalkschotter mit Humusschicht), versäen sie sich nämlich mit Begeisterung. Freundlicherweise nicht irgendwo im Gemüsebeet oder wo sonst sie vom Spaten unerkannt untergebuttert würden. Die Samen keimen erst im nächsten Winter und man muss den folgenden Frühling abwarten, bis man rund um die Mutterpflanze eine dichte Krinoline winziger grüner Baby-Christrosen entdeckt. Die dann noch drei Jahre nur ein hübscher immergrüner Bodendecker sind bevor sie ihr Blütendebut geben.

Wer Christrosen so gern mag wie ich, will sie sich auch ins Haus holen. Im Blumentopf jetzt überall zu haben – und auf überdachten Balkonen, in Treppenhäusern und kühlen Räumen blühen sie früher, üppiger und unversehrter als im peitschenden Schneeregen. Im April dann tschüss und ab in den Garten. Christrosen taugen auch für liebe, langlebige Sträußchen. Sie mögen’s, anders als andere Schnittblumen, dass ihnen das Wasser bis zum Halse steht. Und im Warmen strafen sie die großartige Schriftstellerin und Pflanzenkennerin Colette Lügen. Die schrieb eine Eloge auf die Christrose, bedauerte jedoch: »Jeder Kieselstein verströmt mehr Duft als sie …« Da muss sie Stockschnupfen gehabt haben, versichere ich Ihnen.

Besser machen!

An guten Silvester-Vorsätzen hat es mir noch nie gemangelt – ich habe jede Woche welche: Statt schwedischer Krimis regelmäßig den Wirtschaftsteil der Zeitung lesen. Statt Tatort zu gucken öfter mal in die Oper gehen. Manuskripte einen Tag vor Ultimo abgeben. Regelmäßig auch hinter der Heizung sauber machen. Bin immer wieder verblüfft über meine Kreativität in puncto Verbesserungsvorschlägen an mich selbst. Über die Umsetzung schweige ich mich lieber aus; der gute Wille ist da, allein es fehlt die Tat. Ein Silvester-Vorsatz ist zum Plan gereifte Selbstkritik und mitunter ein Dauerbrenner seit Jahrzehnten. Denn, wie das mit der Planwirtschaft so ist, sie zeitigt nur selten die erwarteten Ergebnisse. Das mag an übersteigerten Erwartungen liegen und vor allem an viel zu vielen guten Plänen.

Deswegen habe ich dieses Jahr einen ganz neuen Plan entwickelt: Ich werde mich mit meinen Silvester-Vorsätzen auf ein einziges Feld beschränken. Nämlich auf den Garten. Der bekanntlich ein weites Feld ist, in dem die behandlungsbedürftigen Untugenden der Gärtnerinnen wie Unkraut sprießen. Begraben wir also für ein Jahr den noblen Plan, fließend Chinesisch zu lernen oder uns in die Bikini-Größe XS zu hungern und konzentrieren wir uns statt auf Selbstveredlung auf die Verbesserung unseres Gartens. Die ist eigentlich ganz einfach. Dazu braucht’s meist keine Fortbildung, keine Diät und kein Nikotinpflaster. Sondern nur ein Duell mit dem inneren Schweinehund. Denn der Hauptfeind mickernder Rosen und schütterer Stauden heißt nicht Mehltau, Spätfrost oder Blattlaus, sondern Schlendrian.

Wie wär’s zum Beispiel, wenn wir Blumenzwiebeln und Stauden künftig sofort (in Worten: unverzüglich) nach dem Kauf pflanzen und nicht erst auf besseres Wetter warten? Und dann, bis der Schlafbesuch weg ist. Und dann, bis der Handwerker da war. Und dann, auf bessere Laune. Und dann, im Eck vergessen, bis sie halbvertrocknet oder verschimmelt sind …

Ambitionierte Gartenfrauen sollten auch aufhören, sich für schlauer zu halten als der Hersteller und nach dem Motto »Viel hilft viel« Düngemittel in doppelter Dosis auszubringen. Oder zu einem Zeitpunkt, der einem gerade passt, der aber leider nichts mit dem Vegetationsrhythmus zu tun hat.

Überhaupt wär’s nicht verkehrt, sich künftig etwas mehr in Demut vor den Pflanzenlieferanten statt in Besserwisserei zu üben: Wenn für Christrosen kalkhaltiger Boden gewünscht wird, kann man sie zwar ins Torfbeet vor den Rhododendron pflanzen, weil sie da grad gut aussähen – sich aber in Kürze auf Nimmerwiedersehen verabschieden. Wenn der Pflanzabstand für Pracht-Rittersporne mit einem Meter angegeben wird, müsste es eigentlich dem Dümmsten klar sein, dass zehn pro Quadratmeter für den Züchter lohnender wären als für die Hobbygärtnerin mit der Ungeduld des Herzens, die sich damit nur Zausel heranzieht.

Zur Schadensbegrenzung des Gartens und der Gärtnerin gehört es auch, sich an den Dresscode zu halten. Ehrenwort: nie mehr mit Ringen gärtnern, damit man nicht wie meine Freundin Karin im letzten Sommer mit geschwollenem Finger zum Notarzt muss. Der ihr vorsichtig das Juwel zwischen geschwollenem Fingerglied und dicker Hornhaut aufsägte. Nie mehr in einem Anfall von Aktionismus und Gartenlust bei der Rückkehr vom Freibad mit Sandaletten das Beet umgraben und mit versauten Schuhen und einem angeknacksten Knöchel bezahlen.

Außerdem müssen vor allem weibliche Gärtner sich abgewöhnen, untaugliche Mittel zum tauglichen Zweck zu verwenden. Also, nicht mit dem Brotmesser oder der Papierschere, die man grad zur Hand hat, in den Garten stürzen und damit einen Rosenzweig absäbeln. Und damit sich und die Pflanze verletzen. (Männer machen so was seltener, sie haben ganz andere Schrullen.) Also, nicht mit der Schaufel, die zufällig herumsteht, die Dahlien ausgraben (und beschädigen), anstatt Spaten oder Grabgabel zu holen. Auch nicht mit dem Pflanzschäufelchen ein hastiges Loch für einen Wurzelballen scharren und sich dann wundern, dass der junge Apfelbaum so rachitisch aussieht.

Nebenbei könnten wir, falls vorhanden, unsere Männer etwas glücklicher machen, indem die Schaufel nicht mehr im Regen herumsteht (worauf der verrottete Stiel bricht), und der Spaten unauffindbar ist und unsere Geburtstagswünsche monoton »Gartenschere« oder »Zwiebelpflanzer« lauten, da die gleichen Geschenke vom Vorjahr irgendwo unter der Laubdecke modern oder in einer Pfütze verrostet sind.

Das wird in diesem Jahr alles ganz anders; ich schwör’s.

Vasen zwischen Kunst und Elend

Wenn der Garten im Haus stattfinden muss, kann die typische Gartenfrau ihre Gewohnheiten nicht einfach wegen ein paar Minusgraden oder einer dicken Matschdecke ablegen. So, wie jeden Morgen, geht sie herum und zupft, wässert, schnippelt, prüft, dünnt aus, plant neue Blühgemeinschaften. Nur versorgt sie eben nicht ihre Beete, sondern ihre Vasen.

Der legendäre Potsdamer Gärtner, Züchter und Autor Karl Foerster (1874–1970) postulierte einst, dass ein gepflegter Haushalt wenigstens sechzig Vasen besitzen müsse. Das kommt einem heutzutage fast so bombastisch vor wie ein Banker-Bonus.

Denn wenn sich im Januar die Gärten noch weitgehend tot stellen – abgesehen von den schwellenden Knospen, die unser Kennerblick zufrieden ausmacht –, kompensieren wir unser Blumengelüst ungeniert beim Discounter, auf dem Wochenmarkt und wo sonst noch die holländischen Marktführer spottbillig diese Mega-Packs von Narzissen, Tulpen, Anemonen abladen. Und dann muss bei mir von der Suppenterrine bis zum Sektkübel alles herhalten.

Dass Blumen Vasen brauchen, steht schließlich nirgendwo geschrieben. Dass Vasen Blumen brauchen erst recht nicht. Denn in der Geschichte der Gärten überwiegen die Zeiten, wo Vasen Selbstzweck waren und Blumen lieber zu Kränzen und Girlanden geflochten wurden. In der Antike liebte man zwar Amphoren, doch sie sollten allein durch ihre Form schmücken oder das kostbare Olivenöl aufbewahren. Und die hauchzarten marmorierten Glasväschen, die man bei Ausgrabungen römischer Siedlungen fand und findet, waren nicht etwa für Veilchen und Vergissmeinnicht gedacht, sondern für Tränen. Die trauernden Hinterbliebenen weinten ein wenig hinein und legten ihre flüssigen Emotionen dem lb. Verstorbenen mit ins Grab.

Auch in den von jeher sündteuren chinesischen Vasen – Barockfürsten ließen sie sich gern von Missionaren aus dem Reich der Mitte schicken – blühte ursprünglich nie ein Strauß. Sie schmückten ja schon durch ihr üppiges Dekor. Die heißbegehrten Prunkstücke waren außerdem viel zu kostbar, als dass man sie den Domestiken in der Spülküche anvertraut hätte.

Englische und französische Kaminvasen, passend zur Stutzuhr, verraten ein Jahrhundert später schon durch ihre Materialien – viel Marmor und Bronze –, dass sie nicht zum täglichen Wasserwechsel für Schnittblumen gedacht waren, sondern eher zum Motto einer modernen After-Work-Party: gut aussehen, dumm rumstehen.

Durch die Glaskünstler des Jugendstils, Gallé, Lalique, Daum, Loetz und Tiffany, wie die berühmtesten heißen, erfuhr die Blumenvase ihre größte Aufwertung. Doch waren die Meisterwerke häufig so perfekt floral dekoriert, dass sie der Natur ernsthaft Konkurrenz machten und leer am besten zur Wirkung kamen. Außerdem erzielten sie schon zu Lebzeiten der Künstler Luxuspreise, so dass sie von jeher eher eine Vitrinen-Existenz führten.

Im sogenannten Dritten Reich war eine derartige Verfeinerung – noch dazu ausländisches Zeug! – nicht angesagt. Feldblumensträuße, gepflückt von blondzopfigen BDM-Mädels und in deutsch-getöpferte Krüge gesetzt, eroberten den Zeitgeschmack. Erst die fünfziger Jahre bescherten der Blumenvasen-Kultur hierzulande wieder einen Aufschwung. Wer zu Eierlikör und Schnittchen mit Tomatenpilz eingeladen war, brachte Blumen mit, viel Spargelgrün war dabei und rote Nelken. Der Gastgeber verstaute das Angebinde in seiner neuesten Vase, die so bunt und schiefhalsig war, als sei sie einem Kalenderbild von Picasso entsprungen. Und so war es ja auch: Die lange vom Kulturleben abgeschnittenen Deutschen entdeckten mit Macht die klassische Moderne oder was sie dafür hielten. Und gönnten sich so wundersame Dinge wie die Autoblumenvase, die mit Messingspirale und Saugpfropfen am Armaturenbrett befestigt wurde. Ähnlich apart diese Wandvasen, die an Eistüten erinnerten und ziemlich bald verlegen entsorgt wurden, was den Restbeständen gute ebay-Preise garantiert. Übrigens: Philippe Starck und andere reloaden diese Teile heute ungeniert.

In den sechziger Jahren gings dann los mit der Nostalgie-Welle: Alte Kohlebügeleisen wurden mit Blümchen gefüllt, aus den Schubladen hölzerner Kaffeemühlen quoll getrocknetes Schleierkraut. Und nicht zu vergessen die Chianti-Flaschen aus Rimini im Baströckchen mit einer mickernden Baccara-Rose drin. Es muss irgendwann in den siebziger Jahren gewesen sein, dass jemand Mosy erfand und die Ikebana-Kurse an den Volkshochschulen. Und bald konnte man keine Wohnzeitschrift mehr aufschlagen, ohne dass einem darin ein Aquariumbecken, gefüllt mit Murmeln und Tulpen, begegnete.

Sache ist: Wir haben vasenmäßig bestimmt so viel mitgemacht wie in der Mode.

DD_Almqvist_Was_mir_blueht.pdf