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Inhalt

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Titel

Zitat

Ab ovo

Auswahl

Stempel

Wächter

Landvermesser

Teiresias’ Fenster

Schwankender Weltenplan

Vermessen

Zäsur

Ungerechtigkeit der Perspektive

Durchgang

Vorwort

Philosophie des Korridors

Brüder / Schwestern

Winkel

Kenner der Anspielungen

Kleine Geometrie der bürgerlichen Klasse

Euklid, Parkettleger

Verkehrte Geschichte

Geteiltes Zimmer

Himmel

Ansichtssache

Bernstein

Fotograf

Untermieter

Anthologie

Alkoven

Gezeichnetes Nichts

Laden

Mosschuchin

Raubtierkäfig

Punische Kriege

Nachträglich zusammengestellt

Astronomie

Babylonische Bibliothek

Poststation

Schachtel

Trias, Jura, Kreide

Der Baum im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Ordentliche Tiere

Begräbnis

Mandat

Kiosk

Doppelhund

Kritik der Plattform

Gott des Nichts

Tagebuch der Riesen

Wertpapiere

Straße im Norden

Verfallsvorbild

Medusa

Vom Zubehör des zwanzigsten Jahrhunderts

Chodorowsky

Nachwort

Zitatnachweis

Autorenporträt

Übersetzerporträt

Über das Buch

Impressum

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Berlin kam mir wie eine Stadt von Buben vor, denen man am Tage zuvor Seitengewehre
und Helme, Stöcke und Pfeifen,
richtige Fahrräder und Anzüge geschenkt hatte.
Ich traf sie bei ihrem ersten Ausgang;
sie hatten sich noch nicht an die Veränderung gewöhnt, und jeder brüstete sich mit dem,
was er gestern bekommen hatte.

BORIS PASTERNAK

Auch Berlin ist ein Zustand.

IRENA VRKLJAN

Lange Schatten in Berlin

Ab ovo

Irgendwo muss ein Handbuch für den Aufenthalt im zwanzigsten Jahrhundert existiert haben, nur bin ich nie drangekommen. So lebte ich ein gutes Stück des Jahrhunderts ohne jede Anleitung, und das sieht man mir und meinem Leben deutlich an. Was besagter Leitfaden enthielt – jeder Bürger dieser Zeit hätte ihn bitter nötig gehabt –, muss ich mir selbst ausdenken. Bestimmt beschrieb darin einer, der klüger war als ich, Einrichtungen wie den Bürgersteig oder die Eingänge zu städtischen Gebäuden einschließlich der Treppenhäuser bis in die letzte Einzelheit. Und erläuterte den Sinn eines Aufzugs inklusive sämtlicher Details der Anlage. Denn manche sind mit einer kleinen, gepolsterten Bank ausgestattet, andere nicht. In den meisten hängt ein Spiegel, oft geschliffen und mit Zeichnungen verziert, ausgeführt in einer besonderen Technik, die Teile des Glases erblinden lässt. So kann, wer Aufzug fährt, erst sein Spiegelbild und dann das Bild einer jungen Frau betrachten, das solcherart auf dem Glas aufgebracht wurde. Bestimmt hat schon jemand über die Lage der Rastplätze nachgedacht, die sich zwischen zwei Stockwerken befinden, wo es keine Türen gibt, höchstens ein Fenster, und das ist oft genug blind, so dass man nicht sehen kann, was im Hof geschieht. Damit die, die zu Fuß gehen, ganz unbeeinflusst von draußen Atem schöpfen können.

Dazu gesellt sich eine Fantasie über den Teppich, der, gehalten von Messingstäben, die Stufen hinabgleitet. Wie Endlospapier, eingespannt in der Rotationspresse oder einer Schreibmaschine. Vielleicht ist es ein ehemals fliegender und nun gelandeter Teppich, vielleicht eine Replik der Rolltreppen in Kaufhäusern und U-Bahnhöfen. Vielleicht sind Treppen ganz allgemein Varianten von etwas. Denn selbst vollkommen neue Phänomene wie die Vorrichtungen, die uns in den Untergrund transportieren, könnten das endlich zum Vorschein gekommene Original und alle Treppen der Vergangenheit lediglich Vorläufer der heutigen Version sein. Das Handbuch dürfte zudem etwas über Sinn und Zweck der Geländer sowie der Schlüssel enthalten haben, mit denen wir unsere Wohnungstüren öffnen, natürlich einschließlich der Konnotationen, welche die Psychoanalyse dieser vorzeitlichen Erfindung zusprach. Diese Wissenschaft dürfte sich auch mit dem kleinen Guckloch in der Tür beschäftigt haben, ein Glasauge, das auf der Innenseite von einem Lid verschlossen ist. Unsere Großmütter nannten das Ding Spion. Er erlaubt einen Blick auf Besucher, die durch das Glas völlig deformiert erscheinen. Würde man sich auf ihr Bild im Spion stützen, man ließe sie niemals ein, denn sie wirken wie Monster mit Minikopf und Riesenleib. Sollten sie ein hübsches Päckchen in der Hand halten, schaut es so aus, als wollten sie uns mit einem riesigen Ziegelstein den Schädel einschlagen.

All diese Dinge hätten in dem Buch, das im zwanzigsten, dem bürgerlichen, städtischen Jahrhundert unentbehrlich gewesen wäre, notwendig vermerkt sein müssen. Nun, da dieses Jahrhundert und unser darin gelebtes Leben vergeht, müssen wir uns selbst zusammenreimen, wie wir in ihm hätten leben sollen und im Großen und Ganzen nicht gelebt haben. Wir haben es nur bis vor die Tür geschafft, die wir für unsere Wohnungstür hielten, aber die Wohnung, unsere Wohnung, haben wir nie richtig betreten. Deswegen ist mir das Treppenhaus so wichtig, eine Art vorbereitender Raum, Vorrede zum Text, womöglich ohne Inhalt, der drinnen eingeschlossen sein mag. Denn unser Leben im 20. Jahrhundert hatte keinen Inhalt, es war ein einziger Wirrwarr, so unordentlich wie russische Romane. In denen, wie in unserem Leben, alles durcheinandergeraten ist, Stühle, Uhren, Wetter, Kranke und kleine Kinder, die in der Ecke lernen. Ein Mädchen spielt Klavier, es gibt Streit, ein festliches Mittagessen, bei dem der Oma plötzlich schlecht wird. Lauter solche Sachen, die ich nie ohne Rest in ein System bringen kann. Deswegen konnte ich das Handbuch nicht finden, es wäre ziemlich schwer zu schreiben gewesen. Jetzt, im Rückblick, lässt sich ein Leitfaden über die Art, wie wir hätten leben sollen, viel leichter zusammenstellen. Und lustiger obendrein, weil man Dinge, die sich zugetragen haben, mit solchen kombinieren kann, die sich hätten zutragen sollen. Phänomene im Projekt sind sowieso immer interessanter als Phänomene, die aus Projekten hervorgehen.

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Auswahl

Unser Berliner Haus hat drei Innenhöfe, die ziemlich weit auseinanderliegen. Wohl deshalb regnet es in dem einen oft, während im anderen die Sonne scheint. Den dritten füllt immerzu Dämmerung aus. Welcher der drei Räume ist der richtige Ausdruck vom Stand der Dinge, vom reinen Substrat des Menschenlebens auf Erden, unbeschwert von Nebensächlichem, eine genaue Beschreibung unseres Schicksals? Welcher bietet eine so unübertrefflich verfeinerte Umgebung, dass wir, die Anwohner, sie nur voller Hemmungen betreten und uns fragen, womit wir einen derart endlichen Garten der Welt verdient haben? Und da keiner weiß, welche Wahl die richtige ist, sind wir mal hier, mal da, ohne groß nachzudenken.

Stempel

Meine Wohnungstür ist mit geometrischen Mustern verziert, mit Vertiefungen in Form von Quadraten, Rhomben und Ellipsen, die die Ornamentik am Anfang des Jahrhunderts bildeten. Ich habe das untrügliche Gefühl, dass in diesem Haus eine zweite Tür existiert, die mit Erhebungen verziert ist, als habe die aus meiner Wohnung im noch weichen Zustand an jener gelehnt, was den Unterschied erklären würde. Ähnlich wie man es von unserem eurasischen Kontinent annimmt, der sich einst, heißt es, an die amerikanische Platte schmiegte. Viele Dinge tragen so die Erinnerung an etwas Ähnliches, mehr oder weniger weit Entferntes in sich. In diesem Sinn haben alle Erscheinungen die Struktur von männlichen und weiblichen Körpern, die sich nur darin unterscheiden, ob bestimmte Segmente ausgestülpt oder eingedellt sind. So enthüllt die Gegenständlichkeit der Welt ihre Herkunft, die sich wohl von der bürokratischen Gepflogenheit des Stempelns herleitet. Die Entdeckung der Abhängigkeit zwischen einem Stempel und dessen Abdruck auf einem Blatt Papier dürfte auf eine Kanzlei zurückgehen. Die kleine Handbewegung will den Entwicklungsgang einiger Gedanken beglaubigen und keineswegs nur ein überraschendes Zeichen setzen, das wir als eigenständige Verzierung bewundern.

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Wächter

Die Finsternis zwischen Doppeltüren gehörte in meiner Kindheit noch niemandem. Damals bezog ich dort Posten in dem Glauben, von meinem Wachsein im Dunkeln hinge das gesamte Familienleben ab. Keiner aus der Besatzung unserer häuslichen Burg ahnte, dass seine Sicherheit in meinen Händen lag und das geringste Geräusch im Treppenhaus am Schild meiner Sorge abprallte. So wachte ich am Rand des Universums, unberührt von den Ereignissen in Europa, entschlossen, den Familiennamen auf dem Täfelchen draußen an der Tür um jeden Preis zu verteidigen, als sei es der Name eines weltweiten Handelsimperiums.

Landvermesser

Die Leute im Büro gegenüber halten mich für einen Irren. Das liegt daran, dass ich von Zeit zu Zeit vom Schlafzimmer aus die Hofwand betrachte, in der unser Badezimmerfenster sein sollte, dann ins Bad gehe, das Fenster öffne und Richtung Schlafzimmer schaue. Ich mache das, weil ich die Anordnung der Räume in der Wohnung letztlich nicht verstehe. Wenn ich aus dem Schlafzimmerfenster Richtung Badezimmerfenster schaue, vermute ich es viel weiter weg, als es tatsächlich ist. In Wirklichkeit liegen die Fenster nahe beieinander. Ein langer Gang führt vom Schlafzimmer zum Badezimmer, das täuscht mich jedes Mal. Ich vergesse, dass er der Schlafzimmerwand folgt, das beziehe ich nicht in meine Überlegungen ein. Wenn ich vom Schlafzimmerfenster Richtung Badezimmer schaue, entfällt der größte Teil dieser Entfernung. Daher meine Nervosität, daher das Schauen aus verschiedenen Richtungen. Die Mitarbeiter der Firma gegenüber beobachten mich. Vielleicht schreiben sie mit, auch wenn ich nicht wüsste, wozu das gut sein sollte. Ich will nur herausfinden, wie sich die einzelnen Räume meiner Wohnung zueinander verhalten, und ich würde gern endlich zusammenbringen, wo in meinem Bewusstsein oder meinen Erinnerungen was abgelegt wurde, weil in ihnen ein Riesendurcheinander herrscht. Das ist ja wohl nicht strafbar.

Ähnliches widerfuhr mir auf den Straßen Berlins. In den ersten Wochen musste ich oft am Wittenbergplatz umsteigen. Das ist eine wunderschöne U-Bahn-Station mit einigen Stuckresten aus der Zeit des Jugendstils und einer Kakao-Reklame aus derselben Epoche. Oft stellte ich mir den Raum darüber vor, wenn man aus dem unterirdischen Teil herauskommt, wie es da wohl aussieht. Damals ging ich mehrere Male zu Fuß Richtung Welserstraße ins Kino, den hübschen Pavillon mit Satteldach dort hatte ich mir gemerkt. Ich sah Treppen, die in dem kleinen Häuschen in die Tiefe führen, und erkannte die Kakao-Reklame wieder. Da wurde mir klar, dass es sich um den mir sympathischen U-Bahnhof Wittenbergplatz handelte. Die Fassade war ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte; dabei hatte ich geglaubt, die Station gut zu kennen. Als das nun klar war, merkte ich, wie mir die Straßenfassade, die ich mir vorgestellt hatte, unwiderruflich entglitt. Man kann eben nicht alles haben.

Teiresias’ Fenster

B