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Fürst Myschkin: Peter Huchel und seine Katzen

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[Leseprobe – Ein ganz normaler Kater]

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Peter Huchel mit Fürst Myschkin

Fürst Myschkin
Peter Huchel und seine Katzen

Bijou
Chéri
Chichi
Joujou
Minouche
Misi
Fürst Myschkin
Ninette
Stummelschwanzmutter

London, 16. Oktober (AP) Wer einen Vogel hat – oder irgendein anderes Haustier –, ist körperlich und geistig gesünder als Leute, die keine Haustiere halten. Diese Meinung vertritt der britische Verhaltensforscher James Serpel von der Universität Cambridge. In der jüngsten Ausgabe des »New Scientist« schreibt er, die Vorteile der Haustierhaltung würden kraß unterschätzt und mißverstanden. In Großbritannien werden, so Serpel weiter, 5,7 Millionen Hunde, 5,2 Millionen Katzen und einige Millionen Sittiche, Kanarienvögel, Kaninchen und andere Tiere zum Spielen, Streicheln und Hätscheln gehalten. Die meisten Tierbesitzer sind entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil nicht einsame, alleinstehende Frauen, sondern junge Familien mit Kindern. »Haustiere sind höchst vorteilhaft, und es lohnt sich wirklich, sie zu halten«, schreibt Serpel. Sich mit seinem Tier zu unterhalten und es zu streicheln senke den Blutdruck und lockere nervöse Anspannungen und Depressionen. Leute mit verschiedensten Leiden, von Herzkrankheiten bis Alkoholismus, könnten ohne große Kosten behandelt werden, wenn man ihnen ein Haustier zum Umsorgen gebe. Der Verhaltensforscher zitiert auch eine Studie in einer amerikanischen Nervenanstalt, wo durch Tiertherapie die Zahl der Selbstmordversuche und der Gebrauch von Beruhigungsmitteln auf die Hälfte zurückgegangen sei. Klinische Versuche in den Vereinigten Staaten hätten deutlich gezeigt, daß bei der Behandlung psychischer Leiden Haustiere besonders wirkungsvoll seien. »Die Liebe, Achtung und Anerkennung anderer hat die Macht, die Gesundheit wiederherzustellen, und in einigen Fällen können Haustiere in dieser Hinsicht wirkungsvoller sein als Menschen«, meint der Wissenschaftler.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.1983

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Peter Huchel mit Frau Mucke

Aufs schwimmende Nebelhaupt
der Eiche
setzt sich die Krähe.
Der Katzenbalken ist leer.

Peter Huchel

Gewiß, es gibt viel zu viele Katzen auf der Welt. Und zuwenig Menschen, die sich ihrer annehmen. Eine »natürliche« Auslese findet noch durch die auf den Landstraßen dahinrasenden Autos statt, durch Fänger, die die Tiere zu Versuchszwecken an Institute verkaufen, durch Gift und Fallen in Nachbars Garten. In Rom sah ich eines Tages in den Grünanlagen bei der Cestius-Pyramide, nahe dem evangelischen Friedhof, viele größere und kleinere Gehege. Die Stadtverwaltung hatte sie eingerichtet und Pfleger bestellt, die sich um die Katzen und deren Nachwuchs kümmerten. Das ist der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Denn im Park des Vatikans zählte ich an die neunzig Katzen, die sich klein, mager, buntscheckig und lebensgierig in der Sonne räkelten; vom Forum Romanum, wo sich hinter jedem Stein mindestens eine Katze sonnt, will ich gar nicht erst reden.

Auch in der Villa Massimo wimmelte es von Katzen, und ich glaube kaum, daß ich mich dort besonders beliebt gemacht habe, wenn ich auch noch Katzen mitbrachte, die halb verhungert im Rinnstein gegenüber, vor der algerischen Botschaft, gelegen hatten. Katzen, Katzen, wohin man sah. Bis Antonio, der neue Portier der Villa Massimo, auf die für seine Verhältnisse – oder stammte sie nicht von ihm – geniale Idee kam: Er stöberte in den Ateliers, im Park, in den Garagen, in den Waschküchen jeden frischen Wurf Katzen auf, steckte vier bis fünf von ihnen in einen fest verschließbaren Karton und gab einen dicken mit Chloroform getränkten Wattebausch hinein. Eine Viertelstunde später wurde der Karton dann verscharrt.

Nur einen bestimmten Wurf zu finden gelang ihm nie: einen Wurf der Stummelschwanzmutter. Das war eine alte, kluge, äußerst häßliche Katze, die ihren Schwanz bis auf einen kleinen, vom Körper abstehenden Rest eingebüßt hatte. Einmal im Jahr, seltener zweimal, war sie trächtig. Des Pförtners alles erspähenden Blicken war das natürlich nicht entgangen. Aber dann verschwand sie. Wo sie ihre Jungen warf, habe ich nie herausgefunden, doch durch Zufall entdeckte ich den Platz, wo sie sie versteckt hielt. Eines Abends, als es schon dämmrig war, huschte sie an mir vorüber, und mir schien, sie trüge etwas im Maul. Zuerst nahm ich an, es sei eine Maus, aber dann sah ich, wie sie mit einem gewaltigen Satz auf ein Garagendach sprang und von da aus geradezu halsbrecherisch über Mauervorsprünge in den alten Wasserturm kletterte. An dessen eisernem Tor hing ein Warnschild, er war schon lange wegen Baufälligkeit geschlossen. Während ich noch überlegte, warum ein so stämmiges und resolutes Tier wie sie solche Kletterpartien unternahm, um ihre Beute zu verzehren, sprang sie schon wieder vom Garagendach herunter und lief an mir vorbei. Wenn ich sie jetzt angerufen hätte, wäre sie stehengeblieben, ich hätte sie gestreichelt und mit ihr gesprochen, aber ich rief sie nicht. Denn mir war durch ihre Zielstrebigkeit und ihre Eile klargeworden, daß sie ihre bestimmt erst ein paar Tage alten Jungen in den Turm und in Sicherheit brachte. Noch zweimal wiederholte sich der Vorgang, beim letztenmal blieb sie im Turm. Erst am nächsten Morgen sah ich sie wieder, als sie unter den mißtrauischen Blicken des Portiers seelenruhig in die entgegengesetzte Richtung ging.

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Katzen vor der Mauer der algerischen Botschaft

In Venedig folgte ich eines Abends einer alten Frau, die mit einem Eimerchen von Trattoria zu Trattoria zog und mir plötzlich geheimnisvoll zuflüsterte: »Prego, Signora, andiamo« –, um mir zu zeigen, wie sie die eingesammelten Abfälle an mindestens dreißig Katzen, die im Handumdrehen herbeigeeilt waren, verteilte – es gibt wirklich schrecklich viel Katzen auf der Welt.

Und es gibt, wie gesagt, nicht genug Menschen, die Katzen zugetan sind. Das lautlose Schleichen, das bei plötzlichem Lichteinfall grell aufleuchtende Augenpaar, die schrille Katzenmusik bei Vollmond macht vielen die Katzen unheimlich. Haftet dieser Ablehnung vielleicht immer noch etwas von jenem mittelalterlichen Aberglauben an, wonach die Hexen es mit den Katzen hielten und umgekehrt, und weswegen man beide gleichermaßen verfolgte? Während die Hexen verbrannt wurden, tauchte man Katzen in siedendes Öl, schleuderte sie von hohen Mauern und Türmen in die Tiefe oder peitschte sie mit Geißeln zu Tode. Auch gefoltert wurden Katzen zu jener Zeit. In den sogenannten Katzenorgeln zwängte man sie in engste, rechteckige Gelasse vor der Klaviatur, und bei jedem Anschlag traf ein metallener Dorn den Schwanz der Katze, die dann qualvoll aufschrie. Stammt auch der Schreck vor der Unglück verheißenden schwarzen Katze, läuft sie einem unversehens über den Weg, aus dieser Zeit?

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Katzen aus der Villa Massimo

Auch das ist Unsinn und Aberglaube. Stand die Katze doch zu anderen Zeiten und in anderen Ländern in hohem Ansehen. Landauf, landab wurde ein ansehnlicher Preis für sie gezahlt, damit sie Haus und Hof und vor allem die Kornspeicher von Ratten und Mäusen freihielt. Eine schöne Geschichte, die den damaligen Wert der Katze deutlich macht, ist uns aus der Wende des ersten Jahrtausends aus Japan überliefert. Dorthin war die Katze aus China gekommen. Eines Tages warf eine Kätzin in den Gemächern des kaiserlichen Palastes zu Kioto. Als der Kaiser den Wurf von sechs ungewöhnlich schönen Kätzchen erblickte, gab er sogleich den Befehl, diese Katzenfamilie in behüteter Abgeschiedenheit zu versorgen und vor allem fremde Katzen von ihr fernzuhalten. Da die Bewohner Kiotos ihrem Kaiser aufs Wort gehorchten, hielten sie ihre Katzen von nun an hinter verschlossenen Türen. Hier konnten sie zwar die wenigen Mäuse fangen, die sich an Kokons oder an kostbaren seidenen Bucheinbänden zu schaffen machten, doch es fehlte ihnen die Jagd auf den Feldern und in den Scheunen. So wurden die Katzen fett und faul. Das war die Chance der Mäuse: Es gelang ihnen, so viel Landwirtschaft und so viel Seidenweberei zu zerstören, daß beides im Begriff stand, zusammenzubrechen. Die Verwaltung erließ also ein neues Dekret, wonach alle Katzen augenblicklich freizulassen und ihrer Funktion als Staatsdiener des Mäusefangs wieder zuzuführen seien.

Beziehungen zwischen Mensch und Katze gab es bereits in der Mitte des 6. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Ausgrabungen in der Nähe der heutigen Stadt Burdur in Westanatolien förderten unter anderem Tonstatuetten zutage, die Frauen darstellen. Neben sitzenden, liegenden, stehenden Einzelfiguren gibt es auch Gruppen: Eine Frau auf einem Leopardenthron mit einer Katze auf dem Arm; eine andere Frau, die eine mit den Hinterbeinen auf ihrem Schoß stehende Katze vor sich hält. Es ist die Falbkatze, die in ganz Afrika und Vorderasien heimisch ist.

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Katzen aus der Villa Massimo

Auch bei Hindus und Mohammedanern erfreute sich die Katze größter Wertschätzung. Eine mohammedanische Legende weiß zu berichten, die erste Katze überhaupt verdanke die Menschheit einem Löwen aus der Arche Noah – der habe sie aus seiner Nase herausgeniest. Eine andere Legende erzählt, Mohammed habe sich einmal ein Stück seines Gewandes abgeschnitten, auf dem seine Lieblingskatze, die er beim Aufstehen nicht wecken wollte, gerade eingeschlafen war.

Freia, die Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit bei den Germanen, fuhr in einem mit Wildkatzen bespannten Wagen. Die Kelten hielten Katzen für übernatürliche Wesen. Ihre Augen seien Spiegel, durch die nur wenige Auserwählte einen Blick in das Reich der Feen tun könnten. Die Feen wiederum betrachteten durch das Auge der Katze die Welt. Das Christentum hält nichts von Tieren, so ist ihnen auch kein Platz im Jenseits reserviert. Nach Thomas von Aquin haben Tiere zwar eine Seele, doch da die Tierseele nicht »unzerfällig« ist, wie die menschliche Seele, vergeht sie mit dem Zerfall des Leibes. Also kein Jenseits, keine Unsterblichkeit, kein Paradies.

Während die Ägypter lange vor unserer Zeitrechnung die Katze – die nordafrikanische Falbkatze, die Stammform unserer heutigen Katze – als heiliges Tier ansahen, das sie, wenn es gestorben war, mumifizierten und im Tempel der Göttin Bast beisetzten, und mit dem Tode bestraften, wer eine Katze umgebracht hatte, kam sie zu den Griechen und Römern erst viel später. Ihr uns geläufiger Name geht auf diese Zeit zurück, catus, das sowohl Katze als auch listig, schlau bedeutet. Auf dieser lateinischen Grundform basieren unter anderem das englische »cat«, das italienische »gatto«, das französische »chat«, das russische »koschka« und natürlich das deutsche Wort »Katze«.

Eine Katze, die ich einmal schwer verletzt im Straßengraben auflas, ließ sich widerstandslos ins Haus tragen und in einen Korb legen. Als ich sie eine Stunde später, im selben Korb und ohne sie anzurühren, ins Auto trug, um sie zum Arzt zu fahren, biß sie mir den Mittelhandknochen der rechten Hand durch. War diese Katze nun böse? Natürlich nicht. Warum hat sie gebissen? War es Angst, gerade erst überwundener Schock, das laute Aufspringen der Heckklappe? Wahrscheinlich alles zusammen. Der Arzt kommentierte kopfschüttelnd, nicht einmal seinen eigenen Hund fasse er an, wenn dieser verletzt sei. Umgang mit Tieren will gelernt sein. Vielleicht kann mein langjähriger Umgang mit Katzen ein wenig dazu beitragen.

Als wir nach Hause zurückkamen, war Fürst Myschkin gerade ausgegangen. Nur Chichi gähnte uns aus seinem Korb entgegen. Wir stellten die Tasche ab, die wir den ganzen Weg lang zwischen uns getragen hatten, unser Sohn Stephan und ich, und schlossen die Verandatür. In der Tasche rumpelte und fauchte es, Bijou und Joujou befanden sich darin, ein schwarzer und ein roter Zwilling, elf Wochen alt und unterwegs in eine fremde, Furcht einflößende Welt.

Wir liebten sie schon jetzt, die beiden Käterchen. Doch machten wir uns auch Gedanken darüber, daß wir sie von der Mutter fortgeholt hatten, sie mitnahmen in ein neues Zuhause mit neuen Gefahren? Ich gestehe, wir machten uns keine Gedanken darüber. Im Gegenteil, wir boten ihnen Haus und Garten, wir waren überzeugt davon, Gutes zu tun, zumal Katzenmutter Jacky nur noch widerstrebend ihren Pflichten nachgekommen war und schon wieder nach fremden Katern Ausschau hielt. Jacky ist unwiderstehlich schön, sie hat ein schwarzes Fell mit leuchtend roten Streifen. Sie ist breit und kurzbeinig, aber ihre malachitfarbenen Augen funkeln betörend. Niemand weiß, wie alt sie ist, sie hat Generationen von Katzen geboren. Ihre Jungen kommen immer schwarz oder rot zur Welt, die schwarzen haben noch den roten Schimmer im dunklen Fell und weiß gefütterte Öhrchen, die roten sind symmetrisch mit dunklerem Rot geringelt.

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Bijou

Bijou und Joujou waren inzwischen aus der Tasche herausgeklettert. Sie hatten noch kein Frühstück gehabt, so war es ausgemacht. Denn die erste Frage beim Umgewöhnen in eine neue Umgebung ist immer: Nehmen sie zu essen an oder nicht. Sie nahmen an, die mit einem Eigelb verquirlte Milch schmeckte ihnen vorzüglich. Beim zweiten Gang, gekochter Fisch mit Haferflocken, bequemte Chichi sich von einer Sessellehne herunter, auf die ihn seine Neugier getrieben hatte. Er steuerte auf das Menu der Kleinen zu. Mit gesträubtem Fell, Buckel und kerzengerade in die Höhe gerecktem Schwanz stellte sich Joujou, der rotgeringelte, ihm in den Weg. Bijou, der schwarze mit den grünen Jackyaugen, verschwand unterm Schrank.

Chichi ist eine Seele von einem Katerjüngling. Ein Findling im mausgrauen Fell und einem schwarzen wie angemalt wirkenden Verlängerungsstrich über den Augenwinkeln, der ein bißchen an Geishas erinnert. Er streifte das Essen nur mit einem Blick. Sein Napf stand am gewohnten Platz, Katzen sind nicht futterneidisch wie Hunde. Sollte Joujou also ruhig fauchen, er drehte sich um und fraß aus dem eigenen Napf. Joujous Angstfauchen hörte auf, der Hunger war größer als die Angst, beide Köpfe, der schwarze und der geringelte, tauchten wieder im Fischmenu unter.

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Chichi