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Inhalt

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Titel

Von Katzen und anderen Menschen

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – Katzenleben]

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Von Katzen
und anderen
Menschen

ERSTES KAPITEL

Es gibt so viele verschiedene Wege, in den Besitz einer Katze zu kommen, wie es Katzen gibt – und jeder davon ist ein Irrweg. Denn nicht Sie besitzen irgendwann eine Katze, sondern die Katze besitzt Sie. Sie sucht sich ihren Besitz sogar sorgfältig aus.

Der Ausdruck ›Katzenhaltung‹ wird in diesem Zusammenhang meistens mißverstanden; korrekt angewendet bedeutet er natürlich: Die Katze hält sich einen Menschen.

Während in vergangenen Zeiten die Katzen meist auf Köchinnen und Künstler fixiert waren, zeichnet sich in den letzten Jahren ein bemerkenswert veränderter Trend ab: Immer häufiger gehören beurlaubte Chefredakteure, milieugeschädigte Models und frustrierte Computerfreaks zu den bevorzugten Bezugspersonen vieler Katzen. Tatsächlich gibt es heute kaum noch Katzen, die sich keine umweltbewußte, kreative Werbegraphikerin halten. Auch in dieser Branche geht der Trend zumSingle mit wechselnden Lebensabschnittspartnern – die Software wird ausgetauscht, doch die Katze bleibt. Sie hat Windows 95 leise belächelt, die Updates scheinbar schlafend verfolgt, die Nervenzusammenbrüche ihrer Bildschirmhelden schnurrend umsorgt und dieEinführung von Windows 98 mit einem mitleidigen Blick begleitet, weil sie als Hüterin der Tradition vom menschlichen Fortschrittswahn zu Recht überhaupt nichts hält.

Bei einer Befragung von repräsentativ ausgewählten Talk-Show-Gästen, SPD-geschädigten Jungunternehmern und geschiedenen Sekretärinnen stellte man fest, daß sie alle an einem tief empfundenen Werteverlust leiden: Sie vermissen ein ordnendes Element in ihrem Leben. Diesen Umstand nutzt die Katze geschickt aus, indem sie jenen Gruppen nicht allein das warme Gefühl der Beständigkeit vermittelt, sondern ihnen auch die verlorengegangene Autorität ersetzt. Im unsicheren Wechselspiel des Lebens wird nämlich nichts dringlicher ersehnt als die heimliche Beherrschung durch einen zärtlichen Individualtyrannen. Dieses elementare Bedürfnis des postmodernen Menschen befriedigt eine Katze in idealer Weise, da sie zudem äußerlich völlig harmlos wirkt. Wie ahnungslos sich der Mensch in die Samtpfoten des gefährlichen Machtpolitikers Katze begibt, können Sie leicht an sich selbst erfahren.

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Nehmen wir also an, Sie stehen an einem schönen Junitag vor einem Wurf von vier allerliebsten Tierchen. Man kann darauf wetten, daß Ihre erste Reaktion der etwas kindliche Ausruf sein wird: »Sind sie nicht süß!?!« Das macht gar nichts, Sie brauchen sich dieses verbalen Rückfalls in die präpubertäre Phase nicht zu schämen. Es ist sogar ganz natürlich, junge Katzen süß und niedlich zu finden, denn sie sehen ja wirklich viel putziger (auch so ein Wort!) aus als diese verschrumpelten, rothäutigen, keifenden kleinen Dinger, aus denen mit viel Glück nach langer Zeit Menschen werden sollen. Die Katze hat es da besser: Sie ist zwar winzig, aber sie ist schon eine Katze. Oder ein Kater natürlich. Hüten Sie sich vor dem ersten drohenden Mißverständnis, daß kleine Katzen in ihremWesen kleinen Menschenbabys ähneln. Babys suchen sich ihre Umgebung nicht aus, sondern werden hineingelegt, im doppelten Sinne, und brüllen höchstens – das aber ziemlich regelmäßig, sozusagen immer. Die armen Eltern versuchen, das unschuldige Baby zu beeinflussen, damit es seine Umgebung akzeptiert und trotzdem nicht brüllt, was angesichts der meisten Eltern und Kinderzimmer eine Zumutung ist. DiesenVorgang nennt man gewöhnlich ›vorschulische Erziehung‹. Vergessen Sie am besten alles, was Sie über Erziehung gehört haben, wenn Sie von einer Katze aufgefordert werden, deren Lebenskomfort zu sichern. Letzteres ist vielleicht etwas prosaisch ausgedrückt, wo es sich doch um ein sooo süßes, niedliches und allerliebstes, winziges Tierchen handelt (natürlich haben auch Sie die süßeste Katze der Welt), aber Sie werden bald merken, daß auch eine kleine Katze große Wirkungen zeigt.

ZWEITES KAPITEL

Im Gegensatz zum Menschenjungen benötigt die Katze die erste Zeit nicht dazu, etwas von Ihnen zu lernen. Sie kann nämlich schon alles. Alle diese mühseligen und unappetitlichen Hilfsdienste wie Waschen, Näschenputzen, Töpfchengehen, Abtrocknen und Füttern entfallen.Das ist sehr praktisch, aber es ist für Sie kein Grund, sich in trügerischer Sicherheit zu wähnen.Denn während Sie sich noch ganz ahnungslos über das putzige Tierchen freuen, hat es schon damit begonnen, Sie einem gründlichen Lehrgang zu unterziehen. Sie haben nämlich vergessen, daß es nicht nur laufen, sondern auch schon denken kann.

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Es ist der historischen Forschung bisher nicht gelungen, den Urheber der Lehrpläne zu ermitteln, nach denen die Katze normalerweise vorgeht. Da aber alle Katzen nach einem verblüffend übereinstimmenden System an ihren Gasteltern arbeiten, ist die ursprüngliche Existenz eines einheitlichen Organisationsplans über jeden Zweifel erhaben. Daß jede Katze bei der Verfolgung ihrer Ziele zu vielleicht unterschiedlichen Ergebnissen kommt, liegt natürlich nicht an ihr, sondern an der unterschiedlichen geistigen Aufnahmefähigkeit ihrer Schüler. Der Mensch ist eben nur begrenzt lernfähig; diese Erkenntnis deprimiert die meisten Katzen zutiefst. Wie oft Sie in dieser Hinsicht Ihre Katze schon enttäuscht haben, können Sie an dem mitleidigen Blick ermessen, mit dem sie Sie von Zeit zu Zeit mustert: Sie zieht sozusagen die dürftige Hülle ihrer menschlichen Halbbildung von Ihnen ab – und was bleibt? Der tieftraurige Blick, in dem die Weisheit der ägyptischen Tempelkatze für Sie unerreichbar ruht, wird Ihnen die entmutigende Antwort geben. Aber auch junge Tempelkatzen waren einst optimistisch, bis sie merkten, daß die Götter noch dümmer sind als die Menschen, die sie erfunden haben, um ihre eigene Unzulänglichkeit zu verbergen. So wird auch Ihre Katze sich zunächst große Mühe mit Ihnen geben. Überlegen Sie sich jetzt schon, wie Sie sich dafür jemals erkenntlich zeigen können! Für Katzen ist bekanntlich alle Theorie mausgrau; sie denken praktisch und reden nicht von der Maus, sondern fangen sie. Deshalb sind die Übungen, die Sie unter Anleitung Ihres kleinen Lieblings durchführen werden, alle sehr praktisch und außerdem zu Beginn noch sehr leicht – eben ganz auf das langsam arbeitende menschliche Lernvermögen ausgerichtet.

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Das ist überaus pädagogisch gedacht und psychologisch sehr klug. Wenn Sie daran denken, wie kurz die Unterweisung der Katzenkinder durch ihre Eltern ist und daß sie trotz des kurzen, aber intensiven Heimstudiums perfekt ausgebildet das Nest verlassen, dann verstehen Sie, daß Katzen ideale Pädagogen sein müssen.