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Inhalt

[Cover]

Titel

I. AUF DIE FESTPLATTE KOMMT ES AN

Ich bin Autor

Frauen verstehen keinen Spaß

Grenzerfahrungen

Einerseits – andererseits

Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?

Liebe

Trost

Hoffnung

Schreibt Ingeborg Bachmann Männerliteratur?

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Post scriptum

II. SAG MIR, WAS LIEBE IST

Das Hohelied – Hoffnung der Frauen?

Die erotische Freiheit

Die schreckliche Liebe

Die Liebe als Floskel

Nähe und Distanz

Sadismus und Mitteilungsbedürfnis

Anteilnahme und Übertragung

Realismus und Sentiment

Ekstasen. Ein Kultbuch

Warum Vorwörter?

Lauter hysterische Weiber

Mann und Frau

Die finstere Welt

Sind wir denn Tiere?

III. DIE MÄNNER, DIE WIR LIEBEN

Alleinerziehend? Nichts leichter als das

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Die Männer, die wir lieben

Zauberei

Sag mir, was Liebe ist

Harry

Asexualität

IV. DIE ERINNERUNG IST EINE ERFINDUNG

Es hat sich etwas sehr Eigenartiges getan

Wenn die Mondwinden blühen

Das Auto und ich

Rückkehr in die Erinnerung

In Vimperg, wenn es dunkel wird

Warum japanische Maler keine Sumoringer malen

Aus zweiter Hand

Japan 2003

V. DAS ENDE DER GEMÜTLICHKEIT

Der hässlichste Ort Österreichs

Denk ich an Berlin bei Tag und bei Nacht

Das Ende der Gemütlichkeit

Schon nehmen die Überschwemmungen zu

Für alle, die es nicht mehr freut

Ein Nachwort als Ausblick

Nachweise

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

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I.
AUF DIE FESTPLATTE KOMMT ES AN

Ich bin Autor

Jetzt ist schon wieder was passiert. (So hätte Wolf Haas einen seiner Krimis begonnen. Mit dem Schreiben von Krimis hat er mittlerweile aufgehört.) Seit dem – relativen – Erfolg von Haus, Frauen, Sex habe ich mir vorgenommen, alles anzunehmen, was mir angeboten wird. Lesungen, Interviews, Vorträge, Essays. Veranstalter und Auftraggeber aller Art denken ja meistens gar nicht daran, wie mühsam sich ein Schriftsteller ernährt und dass er manchmal sogar noch ein Kind oder mehrere Kinder ernähren muss. Was man den Veranstaltern auch nicht verdenken kann. Nicht ohne Grund haben viele Schriftsteller gar keine Kinder und stattdessen Frauen, die zumindest als Lehrerinnen arbeiten. Aber ich wollte auf etwas anderes hinaus. Da ich keine Frau habe, die als Lehrerin arbeitet, und auch keinen Mann, der mich ernährt, dafür aber ein Kind, hatte ich mir vorgenommen, alles Mögliche anzunehmen. Das war zunächst sehr fruchtbar. Ich stellte fest, dass es wesentlich mehr Spaß macht, beispielsweise einen Essay zu schreiben, wenn einen jemand dazu auffordert, als einen Essay zu schreiben, wenn einen niemand dazu auffordert. Also entstanden einige Essays. Ich habe Interviews gegeben zu den Büchern, die ich geschrieben habe, aber auch zu Themen wie »Neue Tendenzen der österreichischen Literatur«, »Schreiben Frauen anders?«, zu autobiographischer und fiktionaler Literatur, zu Satzanfängen in Romanen und so weiter. Ich muss nun leider sagen, so etwas schleift sich ab mit der Zeit. Vor allem auch deshalb, weil der Eindruck entsteht, dass die Literatur, die die Schriftsteller schreiben, eine immer kleinere Rolle und das, was sie so sagen, eine immer größere Rolle spielt. Abgesehen davon, dass das kränkt, denn schließlich ist man deshalb als Schriftsteller angetreten, weil man der Überzeugung war, auf eben diese Weise am besten sagen zu können, was man zu sagen hat, stellt man fest, dass allenthalben die Primärliteratur ab- und das Gerede über Literatur zunimmt. Das wird auch daran liegen, dass Reden meist billiger kommt als Schreiben. Zumindest für die Medien. Die zahlen nämlich fürs Reden meist gar nichts, für den Druck oder die Lesungen von Texten gibt’s fixe Sätze. Und die will man sparen. Überhaupt ist Sparen das oberste Gesetz geworden in den reichsten Ländern der Erde. In Deutschland sparen die Kulturinstitutionen neuerdings so fleißig, dass ohne die deutsche Bahncard 50, was immer das sein mag (die Karte für den Menschen über fünfzig?), die Bezahlung längerer Anreisen zu Lesungen nicht mehr gewährleistet werden kann. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zu den bereits erwähnten Irritationen kommt hinzu, dass ich neuerdings immer stärker den Eindruck habe, dass der Schriftsteller zwar zu allem Möglichen befragt wird, dass man seine Antworten aber immer weniger hören will. Das heißt, man will natürlich schon eine Antwort auf die eigene Frage hören, aber nicht die, die der Schriftsteller gibt. Man will lieber, sagen wir einmal, die Antwort eines Germanisten hören oder eines Journalisten, eines Politikers, Historikers oder eines Lesers. Je nachdem. Umso erfreulicher, wenn eine Einladung zu einem Abend bei einem Symposion über niederländische und deutschsprachige Literatur im Kontext »Ich bin Autor, nicht Leser« lautet. Und das in Bezug auf Thomas Bernhard. Gut, also Leser bin ich auf jeden Fall auch, wenn ich lese, aber vor allem, da muss ich zustimmen, bin ich Autor.

Es gibt auch unter Autoren Vorurteile über Autoren. Zum Beispiel, dass man von Thomas Mann nichts lernen kann, weil er das 19. Jahrhundert noch einmal literarisch zusammenfasst, aber sprachlich nichts darüber hinaus bietet, also eine Sackgasse ist. Oder dass Hemingway einer untergegangenen (Macho-)Welt angehört, oder, wie Andreas Maier sagt, dass Thomas Bernhard auf Dauer nicht trage, weil er nur Worthülsen anbiete. In einem Artikel in Volltext vom Dezember/Januar 2003 bezichtigt er Bernhard der Unehrlichkeit. Er begründet das unter anderem damit, dass der Autor in seinen autobiographischen Büchern Situationen beschrei be, die er gar nicht beschreiben könnte, wenn er sie wirklich erlebt hätte. Zum Beispiel, sagt er, kann der todkranke Thomas Bernhard nicht die Wäschestücke in der Abstellkammer des Krankenhauses beobachtet haben, wenn er wirklich todkrank gewesen wäre.

Was aber ist wirklich, was wahr, was Lüge, was Fiktion und was Wirklichkeit, was objektiv und was subjektiv? Und ist nicht alle autobiographische Literatur ebenfalls nichts als Fiktion, ja ist nicht unser ganzes Leben eine Fiktion? Man legt einmal die Eckdaten fest: geboren, zur Schule gegangen, studiert, gearbeitet, veröffentlicht, und hält sich dann selbst daran.

Man könnte von Thomas Mann die langen Schachtelsätze lernen, präzise und gemeißelt, von Ernest Hemingway die kurzen Sätze, prägnant und ohne Schnörkel, und von Thomas Bernhard die Tirade, die ungehaltene Rede. Eine einmalige Chance übrigens. Denn Bernhards Protagonisten sprechen aus, was gemeinhin (auch in der Literatur) verschwiegen wird. Es kommt nur auf den persönlichen Zugang an, der allerdings auf einer jeweils ganz bestimmten Welt- und Literatursicht beruht.

Was mich schon lange ärgert ist die – meist – ganz unterschwellige, weil eben auf einer bestimmten Welt- und Literatursicht beruhende – Forderung nach Wahrheit in der Literatur. Es ist einfach nicht wahr, sagte schon mein Onkel Fritz, der nach seiner Arbeit in der oberösterreichischen Landesregierung am Abend am liebsten Anton Bruckner hörte, dass Bruckner ein schlechter, wenn nicht gar miserabler Komponist war. Es ist nicht wahr, was Bernhard sagt, sagt Andreas Maier, dass jedes geistige Werk an irgendeinem Punkt gescheitert ist. Merkwürdigerweise wird die Forderung nach Wahrheit in der Literatur oft gleichzeitig mit Unterstellungen geäußert. Mein Onkel Fritz unterstellte, Thomas Bernhard wolle mit seinen medienwirksamen Tiraden seine Verkaufszahlen erhöhen, Andreas Maier unterstellt, Thomas Bernhard sei in Wahrheit gar nicht so krank gewesen wie er behauptete und wollte überhaupt selbst bloß in jeder Situation der Größte sein und musste daher alles andere klein machen. Er unterstellt, Bernhard mache Kant klein, um selbst größer zu wirken als Kant. Was Andreas Maier (seltsamerweise) ärgert. Die Sache ist aber doch offensichtlich die, dass Wahrheit in der Literatur keine Größe ist. Denn dort, wo alles, selbst Autobiographisches, fiktiv ist, wo Übertreibungen und Untertreibungen, Ironie, Spott, Pathos, Understatement eine Rolle spielen, wackelt der Wahrheitsbegriff.

Andererseits: Auf die Frage, wie er ein Buch beginne, soll Hemingway gesagt haben: Ich setze mich hin und schreibe den ersten wahren Satz. Und daraus folgen dann die weiteren wahren Sätze.

Auch wieder wahr!

Gott sei Dank ist es nicht meine Aufgabe, den Wahrheitsbegriff in der Literatur zu definieren oder zu begründen, warum etwas gut oder etwas anderes schlecht ist. Als Leser wie als Autor lese ich ein paar Seiten eines Buches und finde es interessant oder nicht. Wenn ich darüber eine Rezension schreiben soll, muss ich es begründen. Wenn nicht, geht das gelesene Buch, ob begründet oder nicht, in meine Welt- und Literatursicht ein. Das heißt, das Netz, das ich selbst in meiner Literatur auswerfe, wird dichter. (Ziel ist es vielleicht, das Netz so dicht zu knüpfen, dass alles, außer Wasser, darin hängen bleibt.)

Kein Autor kommt auf Dauer ohne Selbstdefinition als Autor aus. Jeder Autor wird auf Dauer zum Spezialisten seiner Werke. Die sich immer wiederholenden Fragen bei Lesungen oder bei Interviews schulen die Eigenwahrnehmung. Schult man sie nicht, ist man als Schriftsteller verloren. Ich habe Reich-Ranickis Ausspruch »Der Schriftsteller versteht von (seiner) Literatur so viel wie der Vogel von Ornithologie« nie für mehr als ein Bonmot gehalten. Ich glaube auch nicht an die Trennung von Instinkt und Verstand. Schon gar nicht in intellektueller Arbeit. Ich glaube hingegen, der Schriftsteller muss eine ganze Menge von Literatur verstehen, er muss ein Fachmann sein oder besser im Laufe seines Schriftstellerlebens werden. Nur: Der Fachmann Schriftsteller denkt und spricht und schreibt ganz anders als der Fachmann Germanist oder der Fachmann Journalist oder der Fachmann Leser.

Andererseits wieder soll Peter Rosegger gesagt haben: Der Dichter kann gar nicht dumm genug sein.

Auch wieder wahr!

Jeder Autor stößt bei seiner Arbeit des Netzeknüpfens und der Selbstdefinition zu jeder Zeit auf eine ganz spezielle, verbreitete Reihe von Vorstellungen, was Literatur ist und sein soll und welche Stellung der Autor in der Gesellschaft hat. Diese Vorstellungen können sein: Literatur soll erziehen, bilden, geheimnisvoll sein, aufklären, politisch sein, unterhalten, erzählen, zweckfrei sein, ein Spiel sein, verbindlich sein, unverbindlich sein usw. Der Schriftsteller ist, je nachdem, der Aufklärer, der Romantiker, der kühle Kopf, der Mystiker, das Genie. Ich glaube, es ist (über)lebenswichtig für den Autor als Autor, wo er hier einhakt, wogegen er sich absetzt und wo er anknüpft und weiterknüpft. Das wird bei Robert Menasse anders sein als bei Martin Mosebach, bei Andreas Maier anders als bei Julia Franck usw., es gehört aber zum Netz, das den Stil eines Autors schließlich mitbestimmt. Aber – interessanterweise: beim Schreiben selbst wieder unbewusst. Eher eine Parallele zum Leser als beispielsweise zum Germanisten!

Der Schriftsteller setzt sich nicht mit dem Vorhaben an die Maschine, Literatur zu schreiben, sondern er schreibt. So wie der Tennisspieler beim Spielen nicht darüber nachdenkt, wie er ein Ass schlägt. Er schlägt es, wie Lars Gustafsson sagt. Der Fußballer schießt sein Tor oder nicht.

Andererseits: »Der intelligente Fußballer spielt auf Dauer besser als der dumme«, sagte der intelligente Fußballtrainer Ernst Dokupil.

Auch wieder wahr!

So kompliziert, wie die Sache scheint, ist sie aber nicht. Auf die Festplatte kommt es an. Nicht auf die Disketten. Die Festplatte ist das Netz, das der Schriftsteller im Laufe seines Lebens knüpft. Hier geht der Einfluss ein, den andere Autoren ausüben, nicht direkt in das Werk. Einmal abgesehen von solchen Äußerlichkeiten wie lange, gemeißelte Sätze oder kurze, prägnante Sätze oder das seit Thomas Bernhard, wenn schon nicht für immer, so sicher für lange Zeit mit ihm verknüpfte, seit ihm immer ironische, wunderbare »naturgemäß«.

Einige der Vorstellungen über Literatur und Autoren, bei denen ich im Laufe meiner Tätigkeit als Schriftsteller oder vielleicht, unbewusst, schon lange vorher eingehakt habe, sind die Vorstellungen vom Guten, Wahren und Schönen und unserem logischen Denken. Allen diesen Kategorien misstraue ich seit langem. Vielleicht seit immer. Ich komme aus einem katholischen, kleinbürgerlichen Elternhaus. Lange Zeit hielt ich das für einen großen Mangel. Inzwischen denke ich, man muss hinnehmen, was ist, und das Beste daraus machen beziehungsweise lernen. So durfte ich lernen, dass, was einem gut tut, dem anderen schadet, was für den einen wahr ist, für den anderen falsch und dass die Vorstellungen meiner Mutter und mir darüber, was eine schöne Wohnungseinrichtung ist, diametral auseinandergehen für immer.

Und das logische Denken? Eine Falle! Vielleicht die größte überhaupt. Man will etwas beweisen und beweist in Wirklichkeit gar nichts, weil der Beweis nur unter den Rahmenbedingungen gilt, die man selbst erstellt hat. Verrücken Sie eine Ecke der Wirklichkeit und Ihr schöner Beweis zerbröckelt wie morsches Holz. Jede Erklärung der Wirklichkeit ist keine Erklärung der Wirklichkeit, sondern eine zweite, künstliche Wirklichkeit. Naturgemäß halten wir uns an einige Rahmenbedingungen und Eckdaten. Sonst wäre jede Kommunikation unmöglich. Vielleicht ist sie auch so unmöglich. Wer weiß. Vielleicht machen wir uns nur vor, Sie und ich, dass wir von etwas Ähnlichem sprechen. In Wirklichkeit sprechen wir aber von völlig verschiedenen Dingen, weil wir uns die Dinge verschieden vorstellen. Vielleicht machen wir uns nur vor, einen bestimmten Menschen zu lieben, vielleicht lieben wir nur unsere eigene Vorstellung eines bestimmten Menschen, und wenn wir mit ihm sprechen, sprechen wir in Wirklichkeit gar nicht mit ihm, sondern mit uns selbst. Thomas Bernhard sagt von einer Figur in Gehen: »Er konnte sich die Wirklichkeit nicht vorstellen.«

Alles Selbstgespräche, Monologe? Wir alle Egomanen, Monomanen mit plötzlichen Einbrüchen äußerster Behutsamkeit einem gänzlich Unbekannten gegenüber? Unsere Ehen Täuschungen, unsere Liebe Übertragungen, unsere Kinder Halluzinationen und nur die von uns selbst zusammengestammelte Literatur unsere Wirklichkeit?

Jetzt ist schon wieder was passiert. Ich habe aus Versehen die folgenden zwei Seiten dieses Essays gelöscht. Es genügt eine zufällige Berührung mit der Handaußenfläche. Einen Augenblick lang ist mein Vortrag vom Bildschirm verschwunden. Danach taucht quer über dem Text ein Fenster auf: Wollen Sie »Ich bin Autor« wiederherstellen? Klar will ich und tippe auf »Ja«, und schon sind die letzten zwei Seiten weg. Verschwunden in einem undurchschaubaren System, gelöscht für den großen Rechner, der irgendwo in meinem Computer sitzt und sich ins Fäustchen lacht. So schnell kann es gehen und ein System, an dem wir gebaut haben, ist verschwunden. Alles andere aber bleibt. Wir hinken sogar unserer eigenen stammelnden Wirklichkeit nach, abhängig von der zufälligsten Berührung unserer Handaußenfläche.

»Man schlüpft in ein Hemd hinein … und es zerreißt, in die Hose, und sie zerreißt … wäscht man es, geht es ein usf. Zieht man an neuen Schuhbändern, zerreißen sie …« (Watten), schreibt man einen Vortrag, verschwindet er im Computer. Ohne Thomas Bernhard könnte man in so einer Situation regelrecht verzweifeln.

Andererseits: »Was man auch immer in seinem Leben macht, man bleibt so seltsam klein dabei. Dann schaut man in einen Bernhardtext, und dort erscheint alles so seltsam groß gegen einen. Das eigene ›Leiden‹, wie klein gegen das eines Bernhardhelden! Der leidet universal«, schreibt Andreas Maier in Volltext.

Auch wieder wahr!

Nur (wir haben schließlich gelernt aus unserer kleinbürgerlichen Herkunft): Was den einen ärgert, tröstet den anderen! Was Andreas Maier für eine Schwäche Thomas Bernhards hält, halte ich für seine größte Stärke. Ich brauche den berühmten Satz Bernhards vom Scheitern des Geistesmenschen hier nicht zu zitieren. Andreas Maier sagt, wenn alle ohnehin scheitern, werden Kant, Heidegger, Schopenhauer, Wittgenstein zu Worthülsen. Name dropping. Sagt er. Man kann es aber auch ganz anders verstehen. Ist es denn wirklich so ein unermesslicher, meilenweiter Unterschied zwischen dem der Wirklichkeit hinterherhinkenden und stolpernden philosophischen System Kants und unser aller Gestolpere und Gehinke? Oder ist nicht der einzige Nutzen eines Geisteswerkes, was wir selbst daraus machen, was wir daraus lernen und wo wir etwas begreifen über das Leben? (Also: das Netz damit dichter knüpfen?)

»Nahezu alles Wissen, das nicht unmittelbares Wissen über uns selbst ist, ist umsonst«, schreibt Imre Kertész in seinem Galeerentagebuch.

Das Geisteswerk, das unangetastet im Bücherschrank stehen bleibt oder bloß manchmal nach einem Zitat, das wir brauchen können, durchgeblättert wird, ist nutzlos. Und doch wollen die Fragenden meist bloß ihre eigenen, (dort, im Bücherschrank) bereits feststehenden Antworten. Die Philosophie, die Medien, die Schulen, die Universitäten, die Gesellschaft, der Staat feiern sich selbst.

Das hat mich schon in der Schule gestört. Ich werde gefragt, dachte ich, aber niemand will meine Antwort hören. Sie wollen nur die Antworten hören, die sie schon vorher wissen. So ist das bei Prüfungen. Aber man sollte dann auch Prüfung dazu sagen und nicht Befragung oder Evaluierung. Unsere Gesellschaft prüft uns ab, sie befragt uns nicht. Aber sie tarnt alles. Auch ihre Prüfungsstunden. Versuchen Sie einmal, in einem Vorwort zu Mela Hartwig Nabokovs Einschätzung der Psychoanalyse zu zitieren. In seiner Autobiographie Erinnerung, sprich schreibt er: »Ich habe meine ältesten Träume nach Aufschlüssen und Fingerzeigen durchwühlt und ich möchte gleich sagen, dass ich die vulgäre, schäbige, durch und durch mittelalterliche Welt Freuds mit ihrer spinnerten Suche nach sexuellen Symbolen … und ihren verbitterten kleinen Embryos, die von ihrem natürlichen Unterschlupf aus das Liebesleben ihrer Eltern bespitzeln, ganz und gar ablehne.« Könnte von Thomas Bernhard sein. Oder? Thomas Bernhard ist Österreicher und tot. Ein toter Österreicher ist gerettet. Wenn Sie noch leben, werden Sie, wenn schon nicht auf Zensur, so doch auf ein erhebliches Naserümpfen stoßen. Die mittelalterliche Welt Freuds? Nabokov hin oder her – der hat doch auch Lolita geschrieben, oder? –, das sagt man einfach nicht. Zumindest nicht so!

Immer, wenn ich als Kind etwas gesagt habe, hat man mir schon gesagt, dass man das aber nicht sagt. Sondern etwas anderes. Man sagt nicht das, was man meint oder meinen könnte, sondern man sagt das, was andere meinen oder meinen könnten. Auf jeden Fall hat man jede Aussage sicherheitshalber zu tarnen.

»Ja, hat denn die Sprach’ da kein anderes Wort?«, hat Nestroy schon vor 150 Jahren gesungen (Couplet aus Mein Freund), wenn versucht wurde, mittels Sprache die Wirklichkeit zu entschärfen. Mir scheint, wir haben uns heute perfektioniert in dieser Kunst.

Der Krieg wird als Terrorbekämpfung getarnt, seine Folgen, Mord und Zerstörung, sind Kollateralschäden, der Zusammensturz des Sozialstaates heißt private Pensionsvorsorge. Die geringste Abweichung wird zum Riesenaffront. Jede Kleinigkeit zur Gefahr. Ich schreibe seit einigen Monaten für eine oberösterreichische Regionalzeitung eine Kolumne und weiß, wovon ich spreche. Die Erwähnung von Zugverspätungen hat gleich eine Beschwerde der Bundesbahn zur Folge, das Erwähnen der lästigen Handytelefoniererei in der Straßenbahn eine seitenlange Entgegnung der Verkehrsbetriebe und über den Wahlkampf zum Bundespräsidenten schreibe ich gleich freiwillig nichts, weil ich nicht sofort wieder ausgebootet werden will. Ja, ich weiß, es gibt Satirezeitschriften, da darf man all das schreiben, oder alternative Zeitungen. Die liest niemand. Unsere Gesellschaft hat Nischen für jeden. Aber unter einer liberalen Gesellschaft verstehe ich nicht, dass sie Nischen für jeden hat, sondern dass sie über sich selbst reflektiert und lächelt.

Das war meine andere wesentliche Kindheitserfahrung: Überall lauert Gefahr. Meine Mutter hat mich ununterbrochen gewarnt. Vor den Gefahren des Straßenverkehrs (pass auf, ein Auto), vor den Gefahren des Wetters (es könnte regnen, donnern und blitzen), vor den Gefahren selbstver schuldeter Krankheiten (Blindheit als Folge von Lesen bei schlechtem Licht, Darmverschluss beim Genuss zu vieler Süßigkeiten, Hautkrebs bei Sonnenbestrahlung, Rückenmarkschwund bei Onanie – oder ist das nur für Knaben gefährlich? Und so weiter). Die Schwester meiner Mutter ist ab ihrem fünfundsechzigsten Lebensjahr nur mehr auf Beton spazieren gegangen, weil sonst überall auf dem Boden Wurzeln sind, über die man stolpern könnte. Am besten war, man rührte nichts an, stellte nichts in Frage und bewegte sich so wenig wie möglich. Meine Mutter saß am liebsten auf dem Wohnzimmersofa und löste Kreuzworträtsel. Im Grunde eine direkte Kriegsfolge. Stillhalten und warten, dass nichts passiert. Warten, dass nichts passiert, das ist laut Hans-Christoph Buch, einem Schriftsteller, der als Kriegskorrespondent in vielen Krisengebieten der Welt war, die Definition von Krieg. Warten, dass nichts passiert, das ist es, was das KZ ausmacht, sagt Imre Kertész. Ich behaupte, ich leide nun bereits mein Leben lang an den Folgen des Krieges und der Tatsache, dass es KZs gab. Und daran, dass wir genau das verdrängen wollten und wollen. Nicht nur im Großen und Ganzen, sondern auch im Kleinsten und Privatesten. Und diese Erkenntnis verdanke ich unter anderem der Literatur von Thomas Bernhard. Und zwar nicht, weil er es sagt, auch nicht, weil er es schreibt, sondern weil es zwischen den Zeilen steht. Und darauf kommt es an in der Literatur. Thomas Bernhard ist ein Nachkriegsautor und seine Weltsicht ist in allen seinen Büchern durch den Krieg und seine Langzeitwirkung bestimmt, durch die Vernichtung und die Auslöschung. Und das zähe Schweigen darüber. Ich habe bis heute gebraucht, um das zu verstehen. Am Ende seines Lebens hat er in Auslöschung (1986) nicht etwas anderes, sondern das gleiche beschrieben, das in allen seinen Büchern DIE Rolle spielt:

1967: »Es sei aber falsch, meinte er, sich der Tatsache, dass alles krank und traurig ist, … zu verschließen …« (Verstörung)

1971: »… und dieser fürchterliche Schmutz! sagt er, als wenn es nichts anderes mehr auf der Welt für ihn gegeben hätte als Schmutz.« (Gehen)

1986: »Der Schermaier [der im KZ war, Anm. d. Verf.] ist nicht entschädigt oder doch nur auf die abstoßendste Weise vom Staat mit einem lächerlichen, bescheidenen Geldbetrag sozusagen abgefunden worden für seine Leiden, die ihm der nationalsozialistische Ungeist zugefügt hat, während dem Massenmörder, der heute in Altaussee lebt, von demselben Staat eine immense Pension an jedem Monatsersten überwiesen wird, die ihm ein luxuriöses Leben garantiert, dachte ich. Der Schermaier ist für ein Leben gedemütigt und aus dieser Demütigung von diesem Staat niemals entlassen worden, dachte ich, der Massenmörder, der in Altaussee lebt, ist von demselben Staat in alle sogenannten bürgerlichen Rechte schon bald nach dem Kriegsende eingesetzt und damit in seinem Denken und Handeln bestätigt worden. Ich hasse diesen Staat, dachte ich, ich kann nicht anders, als diesen Staat hassen.« (Auslöschung)

Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass so die Netze geknüpft sind. Mit einem solchen Satz beginnt man nicht, mit dem hört man auf. Eine Verallgemeinerung, die zugleich das Konkreteste ist, was man sagen kann. Der Autor Thomas Bernhard hat jede Position eingenommen, die des Opfers, die des Täters, die des Kindes, die des Erwachsenen, die des Mannes und die der Frau. Er hat alle Positionen verdreht und auf den Kopf gestellt. Jeder Autor wird auf seine Weise alle Verallgemeinerungen hinter sich lassen müssen.

Erinnern wir uns: »Verstand haben heißt doch nichts anderes, als mit der Geschichte und in erster Linie mit der eigenen persönlichen Geschichte schlußmachen.« (Gehen)

Naturgemäß ist mit Verstand nicht der wissenschaftliche Verstand gemeint. So heißt es schon 1970 in Verstörung: »Aber der Verstand, den ich meine, sagte ich, ist ein vollkommen unwissenschaftlicher.« Was mit Verstand gemeint ist, ist nichts als Nonkonformismus, die schwierigste Art zu denken und zu leben überhaupt. Alles in Frage zu stellen und immer auch sich selbst und trotzdem zu leben. Sich der Pseudowirklichkeit zu entziehen, nicht zu funktionieren.

»Wirklicher Nonkonformismus bedeutet, dem System – allen Systemen – das Leben restlos aus der Hand zu nehmen; uns selbst zu Ursache, Wirkung und Resultat zu machen und dabei nichts über das Regime, das System, das sich gegen dies alles – lebensgefährlich – stemmt, zu verschweigen.« (Kertész, Galeerentagebuch)

Ich bin Autor, nicht Leser. Jeder Leser kann das oben gesagte ebenfalls nachvollziehen. Wenn er Literatur liest. Aber der Autor wird es nicht nur nachvollziehen, sondern, wenn es ihn angeht, durch sein Innerstes ziehen müssen, er muss es waschen und walken und färben. Er muss es für sich verändern, also verarbeiten. Was ihn selbst verändern wird. Einer der wenigen Vorteile des Berufes übrigens. Vielleicht liegt es daran, dass immer mehr Menschen schreiben. Es gibt eine Unmenge von Klein- und Kleinstverlagen, die alle die Tendenz zum Selbstverlag haben. Selbst mittlere Verlage haben heute eine Tendenz zum Selbstverlag. Wahrscheinlich sind wir bald alle Autoren. Die einen, die Profis, bei den großen Verlagen, die anderen, die Amateure, bei den Kleinverlagen. Jeder schreibt sich das Buch, das er gerne lesen würde, selbst. Jeder ist Autor, keiner mehr Leser.

Andererseits: Die Hirnforschung weiß heute, dass der Widerspruch, das Missverständnis für die Entwicklung des Hirnes geradezu erforderlich sind.

»Wenn die Frauen mit unausgefüllter Tagesfreizeit und die männlichen Krimi-Workaholics, denen ein normaler Arbeitstag einfach nicht ausreicht, aufhörten zu schreiben und stattdessen lesen würden, stünde es besser um die Entwicklung unserer Nationalintelligenz.« (Anonymus)

Auch wieder wahr!

2007