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Inhalt

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Titel

Widmung

Luigi Scalfaro

Der Genueser Chauffeur

Domina domus

Viola

Der Schatten einer Frau

Ein Zwischenfall

Via delle Grazie N°8

Roter Bereich

Spurensuche

Der sechste Tag

Knechte fremden Willens

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

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Meinem Vater
(1944–2014)

So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

aus dem »Abendlied« von Matthias Claudius

Am sechsten Tag

Luigi Scalfaro

Als ich Luigi Scalfaro traf, wusste ich nicht, dass er nur noch eine knappe Woche zu leben hatte. Er wusste es auch nicht. Wir saßen in einer Trattoria an der Piazza Caricamento im Hafen von Genua. Es war ein blauer Spätsommertag; eine salzige Brise vom Meer blätterte in den Papierservietten und machte Appetit. Luigi hatte Spaghetti Frutti di Mare bestellt und Kalbsfilet, für uns beide. Wenn ich geahnt hätte, was ich eine Woche später wusste – ich wäre aufgestanden und gegangen. So aber schmeckte ich dem letzten Schluck meines Martinis hinterher und freute mich auf das Essen.

Mein Gegenüber war ein Mann in den besten Jahren und Italiener, was die Jahre noch einmal besser machte. Er trug ein kräftig blaues, kurzärmeliges Hemd, eine dunkle Krawatte, eine goldene Uhr, einen Ehering, eine randlose Brille und das schwarze Haar kurz und gescheitelt. Luigi hatte Sorgen, was man ihm aber nicht ansah. Im Gegenteil, seine schwarzen Augen blickten gelassen, und er verströmte einen vertrauenerweckenden Duft aus Bergamotte und Lavendel. Doch wie gesagt, er hatte Sorgen.

»Wissen Sie, Dottore, weswegen ich mit Ihnen sprechen wollte – es ist wegen unseres Hauses in Nervi.«

Das »Haus« in Nervi, das wusste ich, war eine Villa, ein Landhaus, einen Kilometer oberhalb der Küste. Ich war nicht verwundert, denn das, womit ich mich beschäftige, ist oft an bestimmte Häuser gebunden, und ich machte insgeheim Wetten, worum es gehen würde: um einen Kellerraum? Einen Kamin? Aber es war etwas anderes.

»Das Haus, Dottore, das Haus ist eigentlich vollkommen in Ordnung. Wieso auch nicht«, sagte er ärgerlich, und der Ärger betraf das, was er mir eigentlich sagen wollte. Ich kannte diesen Ärger; viele, die sich privat an mich wenden, tun es in einer Mischung aus Sorge und Unglauben, die ärgerlich macht. »Es ist nur so«, fuhr er fort und entnahm dem Brotkorb ein Stück Baguette, »dass wir uns dort nicht mehr wohlfühlen.« Er pausierte und sah auf die Straße. »Ab und zu passiert Merkwürdiges. Nichts Schlimmes, Gott bewahre, auch nichts wirklich Unheimliches, kein Spuk« – er lachte auf –, »bloß, ja, sagen wir: Merkwürdiges.« Er hatte das Baguettestück in der Mitte geteilt und begann, aus dem Teig einer der Hälften Kugeln zu formen und auf die Straße zu schnipsen. Ich wartete geduldig, denn ich war es gewohnt, dass meine Klienten den Gegenstand ihrer Anfrage eine Weile umkreisen, bevor sie ihn berühren. »Si, Dottore, es passieren dort einige Dinge, die wir mit unserem Alltagsverstand nicht erklären können, für die es aber, naturalmente, eine vernünftige Erklärung geben wird – und Sie, Dottore, sollen sie uns geben. Ich habe mich an Sie gewandt, weil Sie seriös sind, verstehen Sie, was ich meine?« Und dieses »Verstehen Sie, was ich meine?« klang etwas aggressiv. Er gebrauchte es mir gegenüber recht häufig; vielleicht weil er sich sorgte, mein Italienisch könnte zu schwach sein, um seine Rede gedankentreu zu verfolgen. Wahrscheinlich und dem Ton nach aber eher, weil es ihm nicht behagte, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Hilfe von der Art, die ich anbiete.

»Ich meine, Dottore, man hat Sie mir an der Universität empfohlen, und ich habe mir Ihre Seiten im Internet angesehen, die Ihres Instituts in Friburgo, und das alles wirkt sehr seriös, die Publikationsliste, die Referenzen, verstehen Sie, was ich meine, eh?«

»Ja.«

»Sehen Sie, Dottore«, seine Mundwinkel senkten sich, »machen wir es kurz. Es sind folgende Dinge geschehen, die man noch einmal untersuchen könnte« – er bemühte ein Lächeln –, »auch um Wiederholungen auszuschließen.« Es war wie gesagt kein freudiges Lächeln, kein Lächeln, an dem die Augen teilnahmen, sondern nur ein beidseitiges Anheben der Mundwinkel.

»Wir saßen beim Abendessen, etwa vor einem Monat, als plötzlich ein Stein durch die Scheibe flog, un sasso, peng!«, und er schlug mit der Handfläche auf unseren Tisch. »Natürlich ist das nichts Außergewöhnliches, ich meine ›Übernatürliches‹« (er sprach die Anführungszeichen, indem er das Wort überbetonte und den Kopf nach vorne reckte); »es hatte sich offenbar jemand einen ungezogenen Scherz erlaubt. Es war dann nur so, dass nie jemand gesehen wurde, weder von uns noch vom Personal, und dass sich auch keine Spuren fanden, Schuhabdrücke oder dergleichen; auch hatte sich die Alarmanlage in Schweigen gehüllt. Und eine Woche später ist es wieder passiert. Zwei Wochen darauf erneut – gestern zum vierten Mal.« Seine Wangenknochen traten hervor, und er stieß etwas Luft durch die Nase. »Da nimmt sich jemand eine Frechheit heraus, die ich nicht tolerieren werde.«

Er pausierte, und ich nutzte die Gelegenheit, mich wieder vorsichtig einzuschalten: »Beunruhigt Sie noch etwas, ich meine außer diesen Steinwürfen?«

Mein Gegenüber lachte freudlos. »Sie meinen, ob das schon alles ist, weswegen ich einen Professor aus Deutschland kommen lasse?« Er beschwichtigte meinen höflichen Protest mit seiner dunkel behaarten Rechten, an der ein goldener Ehering glänzte. »Ah, nein, das ist nicht alles. Es hätte mir allerdings schon gereicht.«

Er schwieg einen Moment. »Zwei Dinge gibt es da noch. Das eine ist die Elektrizität, der Strom, verstehen Sie, was ich meine?« Er wartete nicht auf eine Antwort. »Einige Lampen brennen durch.Ich meine, natürlich brennen Lampen durch, aber bei uns tun sie es auch, wenn sie nagelneu sind; manchmal. Und die Lampen insgesamt, das heißt nicht bloß die Glühbirne, sie – ja, Dottore, sie …«, er schob den Unterkiefer vor und fuhr mit der Zunge hinter die Unterlippe. »Sie bewegen sich. Sie – sie schwingen, etwas vor und zurück, von links nach rechts und im Kreis. Ich habe das selbst gesehen.« Er sprach wie ein Angeklagter, der schon beim ersten Wort weiß, dass ihm der Richter keinen Glauben schenken wird. Langsam und in einen Gedanken versunken schüttelte er den Kopf. »Als hätte eine unsichtbare Hand dagegengeschlagen.«

Dann blickte mir Luigi Scalfaro in die Augen. Er hatte sich gleichsam entschlossen, zum Angriff überzugehen, und betrachtete nun umgekehrt mich wie einen Beschuldigten, der sich zu einem belastenden Beweis äußern soll: »Ich nehme selbstverständlich an, dass es auch dafür eine Erklärung gibt. Etwas im Zusammenhang mit dem Strom, verstehen Sie, was ich meine?«

»Das kann gut sein«, sagte ich und beließ es bei der leichten Doppeldeutigkeit. Luigi schnippte ein weiteres Brotkügelchen auf die Straße und traf eine Taube. Sie flog verschreckt auf, während eine Artgenossin sofort nach dem Kügelchen pickte.

»Um es abzuschließen, Dottore, noch etwas Drittes. Etwas, das nur einmal geschehen ist und dessen Erklärung mich fast am meisten interessiert. Ich stand mit meiner Frau im Esszimmer und unterhielt mich mit ihr über unsere Tochter, Viola. Wir standen vor einem Foto der Familie, einem gerahmten Foto, das dort an der Wand hängt. Mit einem Mal, wie bei einem Erdbeben, schwingt dieser Rahmen aus und klappt herum, paff, dreht sich um einhundertachtzig Grad und hängt mit dem Foto zur Wand. So muss es jedenfalls gewesen sein, denn als wir nach diesem knallenden Geräusch hinsahen, hing der Rahmen verkehrt herum und wippte noch leicht hin und her. Wir starrten wie Idioten auf das verdrehte Bild. Auch meine Tochter, die gerade hereingekommen war, blickte starr zu der Wand.« Luigi wischte mit einer gewalttätigen Geste die Krümel vom Tisch und sah wieder gerade zu mir herüber. »Sie halten mich vielleicht für überdreht oder drogensüchtig, aber es ist genau so passiert. Und ich meine, völlig ausgeschlossen ist eine Erklärung doch auch in diesem Fall nicht, denken Sie an die Kunststückchen, die Ihnen ein guter Zauberer zeigt, ein gewerblicher meine ich«, er lachte, »verstehen Sie? Eh?«

Ein Kellner erschien mit unserem ersten Gang und half über den etwas prekären Punkt des Gesprächs hinweg, oder besser gesagt: über den Punkt, an dem der Bericht meines Auftraggebers zu einem Gespräch werden sollte. Wir waren beide dankbar für den Duft von Fisch, Olivenöl und Knoblauch; Luigi, weil er das ihm Unangenehmste hinter sich hatte, und ich, weil die Atmosphäre dadurch wieder ins Alltäglich-Vertraute gezogen wurde, wo es sich unbeschwerter fragt und antwortet als in der knisternden Stimmung, in die Luigi durch seinen Bericht versetzt worden war. Als er indes die Gabel zum zweiten Mal auf dem Teller drehte und das tropfende Arrangement aus Spaghetti, dem rosa Innenleben einer Muschel und einem Stückchen Paprika zum Mund führte, trübte sich seine Miene noch einmal ein. Er kaute, spülte den Bissen mit einem Schluck Moscato d’Asti hinunter, den er sich als Aperitif bestellt hatte, und blickte aufs Meer. »Mich nimmt die ganze Sache ziemlich mit. Ich schlafe schlecht. Es gibt Nächte, nach denen wache ich wie gerädert auf; als wäre ich barfuß einen Marathon gelaufen oder hätte einen Boxkampf über zwölf Runden gekämpft.« Er setzte zu einem Männerlachen an: »Dottore, ich fange sogar an, den Spaß an den Frauen zu verlieren. Sie sehen, es kann so auf gar keinen Fall weitergehen«, und das Amüsement ob des eigenen Humors half ihm, zumindest den Spaß an seinem Essen zurückzugewinnen.

Ich versagte es meiner Neugier, jenen unspezifischen Plural zum Gegenstand einer Frage zu machen, in den er seine »Frauen« gesetzt hatte, und widmete mich gleichfalls dem Essen. Auch im weiteren Verlauf der Mahlzeit beschränkte ich mich auf Fragen zu Nebensächlichem rund um Luigis Bericht, da ich mir ein brauchbares Bild ohnehin erst vor Ort würde verschaffen können und weil ich meinem Auftraggeber die Laune nicht ohne Not dauerhaft verderben wollte. Der Valpolicella, den wir zum Hauptgang tranken, tat ein übriges, und als Luigi den Löffel in die Zabaglione senkte, die als Dessert vor ihm stand, da war er beinahe vergnügt. Jedenfalls ließ er sich den Nachtisch sichtlich schmecken, biss von einem Biskuit ab und erklärte schmatzend und aufgeräumt: »Ich muss Sie übrigens bitten, gleich mit dem Taxi zu uns nach Nervi zu fahren. Ich habe hier noch geschäftlich zu tun und könnte Sie erst abends mitnehmen. Die Kosten für das Taxi berechnen Sie selbstverständlich als Spesen.«

Hätte ich geahnt, worum es sich bei diesem geschäftlichen Termin handelte, würde ich mir zumindest einen spitzen Blick erlaubt haben. Andererseits: Hätte ich gewusst, was sechs Tage später geschah – ich hätte wohl nach seinem Arm gegriffen und gesagt: Lass das! Verschwende keine Zeit! Pack deine Sachen und fahr nach Mailand oder Rom oder noch besser raus aus Italien und sonstwohin! Vielleicht hätte ich aber auch gar nichts gesagt. Und tatsächlich sagte ich so etwas wie: »Kein Problem, Signor Scalfaro, mein Gepäck ist sowieso noch am Bahnhof.«

Während der Kellner abtrug, rauchte Luigi eine Dunhill und schwatzte etwas von einer Bar, wo ich noch einen Espresso trinken solle. Dann zahlte er, und wir verabschiedeten uns mit einem Nicken.