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Inhalt

[Cover]

Titel

Der Rivale

Der Garten meiner Kindheit

Die Yucca-Palme

Erste Eroberung

Der Wunderhibiskus

Ein neues Haus, ein neuer Garten

Digitales Grün

Von Säbelfechtern und Juristen

Im Garten-Wunderland

Von der Wüste zum Schlachtfeld

Alte Rosenträume

Der Praktiker

Birnenflut und Birnenwut

Drei Gärtnerinnen

Fremde im Garten

Vom grünen englischen Daumen

Englische Lese-Lust

Kann denn Erde dreckig sein?

Der Traum vom Aufsitzrasenmäher

Kampf den Feinden

Visite bei Jürgen Dahl

Blinde Leidenschaft

Gartenzwerge sind nicht spießig

Der Vorhang fällt

Ökos im Garten

Über die Gartenliebe

Editorische Notiz

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – Das Jahr des Gärtners]

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Grüne Liebe

Der Rivale

Ich liebe meine Frau. Und ich liebe unseren Garten. In dieser Reihenfolge. Eindeutig. Bei meiner Frau bin ich mir über die Rangfolge nicht immer ganz so sicher. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, ist sie müde und abgespannt, braucht Erholung. Das ist mehr als verständlich. Sie schließt dann die Türe auf, ruft mir »Hallo Schatz« zu und geht in den Garten. Kein Kuss, keine Frage, wie es mir geht, nichts. Sie setzt eben Prioritäten. Wenn bei mir nicht alles in Ordnung wäre, hätte ich sie sicher schon im Büro angerufen. Außerdem bin ich erwachsen und selbstständig. »Ihr« Garten aber braucht sie. Er wartet den ganzen Tag lang auf sie, wartet darauf, gewässert, gedüngt, von Unkraut befreit zu werden. Ich kann ja selbst für mich sorgen, einkaufen gehen und mir etwas zu essen machen.

So ein Garten aber ist wie ein kleines Kind. Er braucht seine Pflegerin, sonst bockt er oder schlägt über die Stränge. Meint sie jedenfalls. Mindestens eine halbe Stunde lang wandelt sie dann durch die Idylle, betrachtet die Rosen, bewundert den Rittersporn, strahlt die Hortensie an, flirtet mit ihren geliebten Lilien und macht den von Schnecken bedrohten Lupinen Mut. Und ich überlege, ob ich im nächsten Leben nicht als Cosmea wiedergeboren werden will. Mit welchem Glanz in den Augen sie die Dreimasterblumen anstrahlt, wie liebevoll sie die Trollblumen streichelt.

Man könnte direkt eifersüchtig werden. Was heißt könnte. Ich bin eifersüchtig. Und zwar zu Recht. Schließlich habe ich sie zuerst gekannt. Der Garten trat erst später in unser Leben. Und daran hatte ich einen nicht unerheblichen Anteil. Ich habe ihn schließlich angelegt, während sie irgendwelche Meetings hatte. Von mir stammt der letztendlich realisierte Grundriss. Und was ist der Dank: Meine Frau verliebt sich in ihn. Noch nicht einmal eine ordentliche ménage à trois ist möglich. Sie ist auch noch eifersüchtig, wenn ich etwas anderes mache, als ihm still dienend Wasser zu geben.

Neulich sah ich auf dem Markt einen wunderschönen Ranunkelstrauch, den ich voller Stolz nach Hause schleppte. Sie machte ein Gesicht, als hätte ich das Rosenbeet umgegraben. Er passte ihr einfach nicht in den Kram. Sie fand immer neue Ausreden, warum sie ihn nicht einpflanzte. Die Farbe passte nicht, er würde zu groß werden, sie hätte den letzten verfügbaren Platz schon anderweitig verplant. Wir verschenkten ihn schließlich an Freunde. Sie hatte ihren Willen durchgesetzt.

Ich muss inzwischen richtig kämpfen, wenn ich von einem der beiden etwas will. Um ihn darf ich mich nicht mehr richtig kümmern und bei ihr spiele ich zumindest zeitweise die zweite Geige. Ich gebe ja zu, dass er in manchen Dingen leichter zu handhaben ist als ich. Er widerspricht zum Beispiel grundsätzlich nicht, kommt nie zu spät und kriegt keine Wutanfälle. Aber das ist doch noch lange kein Grund, mich zu ignorieren.

Am Wochenende geht’s weiter. Nach dem ausgiebigen Samstagsfrühstück mit mir zieht es sie zu ihrem Geliebten. Wenigstens macht sie sich nicht auch noch schön für ihn. Ganz im Gegenteil: Die ältesten Jeans und T-Shirts sind gerade gut genug für ihn. Und angefasst wird er nur mit unförmigen Gartenhandschuhen. Das geschieht ihm ganz recht.

Voller Elan stürzt sie sich in das Vergnügen und hat schon wieder keine Augen für mich. Stundenlang beschäftigt sie sich mit ihm. Sie verschönert ihn, kocht Tabaksud für die von Ungeziefer befallenen Rosen, zupft hier und da, pflanzt dort etwas ein, da etwas um. Keine Mühe ist ihr zu groß, keine Gießkanne zu schwer, keine Erde zu schmutzig, keine Dorne zu spitz. Sie verausgabt sich völlig. Erst wenn sie völlig erschöpft ist, erinnert sie sich meiner wieder. Dann hat sie Hunger und Durst, braucht eine Schulter zum Anlehnen, weil der Rücken schmerzt.

Und ich stehe wie immer bereit. Schließlich mag ich ihn ja auch und sie hat ihm Gutes getan. Davon profitiere ich genauso wie sie. Und wenn ich mich recht liebevoll zeige, vergisst sie mich vielleicht bis zum Winter nicht ganz. Denn dann kommt meine Zeit, dann bin ich dran. Während er draußen in der Kälte frieren muss, liege ich im warmen Bett mit ihr. Dann ignoriert sie ihn.

Der Garten meiner Kindheit

Es begann in München. Auf einer der ersten Luftaufnahmen der Stadt, ungefähr 1917 von Bord eines Luftschiffs aus fotografiert, sieht man links oben in der Ecke den Garten meiner Kindheit. Eigentlich ist es der Garten meines Großvaters und seiner Familie, denn damals war noch nicht einmal mein Vater geboren, von mir ganz zu schweigen.

Den Prinzregentenplatz, wo ein paar Jahrzehnte später ein schnauzbärtiger Verrückter, der die Welt ins Unglück stürzte, wohnte, kann man erkennen und eine nach Osten führende Landstraße, von Alleebäumen, Wiesen und Weiden gesäumt. Und dann stehen fast genau da, wo heute im Tunnel des Mittleren Rings der Verkehr vierspurig braust, noch zwei Wohnhäuser und ein backsteinernes Fabrikgebäude.

Ach ja, und ein schmaler, wie ein Deich zwischen Wiesen aufgeschütteter Feldweg führt von besagtem Prinzregentenplatz schnurgerade auf das eine Haus zu. Der Legende nach hat ihn mein Urgroßvater anlegen lassen, weil er sich dann vor seinen geliebten St. Georg Weinstuben (die viele Jahrzehnte überdauerten, aber inzwischen zum indischen Lokal mutiert sind) nur in die Kutsche fallen lassen musste und das Pferd dann immer geradeaus nach Hause laufen konnte. Die Einfahrt war breit genug für Ross und Wagen, und Urgroßvater konnte trockenen Fußes – er hatte nach einer Kriegsverletzung nur noch einen – aussteigen und mit seinem Lift, einem der ersten privaten Aufzüge in München, zu Urgroßmutter in den ersten Stock fahren. Soweit die Familienlegende.

Neben den Wohnhäusern und dem Fabrikgebäude also erstreckte sich der Garten: 4000 Quadratmeter pappelgesäumtes Paradies. Auf dem Foto kann man leider nicht erkennen, wie der Garten damals angelegt war. Und ich habe ihn ja erst vierzig Jahre später vom Kinderwagen aus kennengelernt.

Zu meiner Zeit teilten sich drei Familienzweige diesen Garten. Ganz links, gleich neben den Häusern, begann das Reich meiner Tante Bertha. Hinter einem kleinen grünen Türchen führte eine steile, efeubewachsene Treppe hinab in den vielleicht drei Meter unter Straßenniveau liegenden Garten. Hier war alles piekfein und ordentlich: Der Rasen regelmäßig gemäht, das Unkraut gezupft, die Rosen geschnitten. An einem Ende des Gartens stand ein hölzernes Häuschen für die Gartengeräte, mit einer Bank zum Ausruhen davor. Als Kinder brauchten wir nicht lange, um herauszubekommen, dass darunter der Wasserhahn versteckt war, mit dem man die weiße Porzellangans im Zentrum des runden Goldfischteichs mitten in Tantes Garten zum Wasserspeien bringen konnte. Zum Sonntagskaffee saßen Tante Bertha und Onkel Otto, ein Genussmensch, der mit Vorliebe Blumenaquarelle malte, hinter einem blühenden Rosenbogen auf einem gepflasterten Platz und versuchten die lärmende Bagage im restlichen Teil des Garten zu ignorieren.

Denn unmittelbar hinter der durch einen hüfthohen Drahtzaun markierten Grenze begann unser Teil des Paradieses, das von Herrn Held, einem entfernt ebenfalls zum Familienclan gehörenden Gärtner, in Schuss gehalten wurde. Heute weiß ich, unter welchen Mühen er diesem Garten wahre Wunderdinge abgerungen hat. Damals war es selbstverständlich, dass darin massenweise Erdbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Walderdbeeren, Himbeeren, frische Erbsen, gelbe Rüben, Rettiche, Rhabarber, Kirschen, Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Spinat, Salat und Kräuter zur freien Bedienung wuchsen.

Wir Kinder stopften uns die kleinen Mäuler mit Beeren voll, bis uns der rote Saft übers Kinn lief. Wir holten uns die zartesten gelben Rüben frisch aus der Erde und ritzten die Schalen der Erbsenhülsen mit dem Daumennagel auf, um die köstlichen Erbsen herauszubekommen. Wir hauten uns die Bäuche voller Kirschen, bis wir uns vor Bauchschmerzen krümmten und zu guter Letzt schlugen wir unsere Milchzähne in die harten, wässrigen, aber zuckersüßen Birnen, die ich heute noch jeder anderen Birnensorte vorziehe.

Gar nichts anfangen konnten wir mit den Holunderbeeren, die an der Böschung rund um den Garten wuchsen. Höchstens, dass wir uns mal einen Holunderzweig abbrachen, das weiche Mark herausschälten und versuchten, mit dem Taschenmesser daraus eine Pfeife zu schnitzen, wie das in den Kinder- und Jugendbüchern immer so schön beschrieben war. Leider gelang es mir nie, diesen selbst gebastelten Flöten Töne zu entringen.

Die Holunderbüsche hatten dennoch ihr Gutes. Man konnte sich in ihnen rund um das gesamte Grundstück schleichen, ohne gesehen zu werden. Und in dem Holzzaun, der sie von der Straße trennte, fehlte immer wieder mal eine Latte, so dass man sich heimlich hindurchquetschen und fortschleichen konnte, um für ein Zehnerl ein Eis holen zu gehen. Dummerweise war der Zaun auch in der anderen Richtung durchlässig, was beim Indianerspielen unangenehm werden konnte. Denn unser Garten war auch so etwas wie eine Festung gegen die feindlichen Nachbarstämme, und nur die besten Freunde durften einem helfen, dieses weitläufige Fort mit Kastanienwürfen zu verteidigen.

Der wichtigste Teil des Gartens aber war die große Wiese, die auf beiden Seiten von großen Teppichstangen umrahmt war. Manchmal wurden hier Teppiche geklopft und an dazwischen gespannten Seilen Wäsche zum Trocknen aufgehängt, aber meistens dienten die Stangen als perfekte Fußballtore für uns. Das unterschied unsere Fußballwiese ganz wesentlich von all den anderen Wiesen rundherum. Wo sonst gab es schon richtige Tore, sogar mit einer Querlatte, so dass es nie Streit über Tor oder Nicht-Tor gab? Und noch zwei Vorteile hatte unsere Fußballwiese: Erstens wurde sie von Herrn Held von Zeit zu Zeit mit der Handsense kunstgerecht gemäht, und zweitens gab es bei uns keine Schafe, so dass man auch nicht dauernd in der Schafscheiße ausrutschte.

An Tieren herrschte – einmal abgesehen von den obligatorischen Wespen auf Mutters Sonntags-Zwetschgenkuchen – überhaupt ein auffälliger Mangel im Garten meiner Kindheit. Als ich ganz klein war, hatte es wohl mal einen Schäferhund gegeben, der aber bald überfahren wurde und keinen Nachfolger hatte. An Katzen kann ich mich nicht erinnern, obwohl die zahlreichen Vogelnester und die Mäuse ihnen sicher ein sorgenfreies Leben ermöglicht hätten.

Nur ein einziges Mal kam wirklich tierisches Leben in unseren Garten, als ich im erlebnishungrigen Alter von zwölf Jahren beschloss, mich zusammen mit einem Freund zweier Kaninchen anzunehmen. Diese wurden im, noch aus grauer Vorzeit übrig gebliebenen, leer stehenden Hasenstall einquartiert. Wir versprachen, uns intensiv um Futter und Pflege zu kümmern, hatten dabei aber blöderweise übersehen, dass es sich um ein Pärchen handelte. Es kam, wie es kommen musste. Binnen Kurzem war aus dem Pärchen eine zwölfköpfige Großfamilie geworden, deren jüngstes Mitglied wir sogar mit dem Fläschchen fütterten. Inzwischen war es Winter geworden und ich musste mir zweimal täglich durch tiefen Schnee den Weg zum Hasenstall bahnen, um das Dutzend gefräßiger Nager mit geschnitzelten Zuckerrüben zu versorgen.

Leider war ich nicht nur für die Ver-, sondern auch für die Entsorgung zuständig. Niemand kann sich in der Theorie vorstellen, wie viel Mist zwölf Kaninchen machen können. Schubkarrenweise schaufelten ich und mein jüngerer Bruder stinkende, kleine schwarze Perlen.

Als das Frühjahr kam, musste eine Entscheidung fallen. Und die fiel nicht einmal mir dann mehr schwer. Die Kaninchen wurden zum Preis von damals drei Mark meinen Mitschülern angeboten, von denen einige Nichtsahnende auch begeistert zugriffen, andere Kaninchen wurde an entfernte Bekannte verschenkt, und das letzte bekam Herr Held. Ich vermute, er hat es sich schmecken lassen, jedenfalls wurde es nie wiedergesehen.

Dem Erfolg als junger, dynamischer Kaninchenzüchter standen völlige Misserfolge auf gärtnerischem Gebiet gegenüber: Sämtliche Versuche, in einer uns Kindern überlassenen Ecke des Gartens ein Beet, etwa mit Radieschen anzulegen, scheiterten kläglich. Bald nachdem der Tütensamen unter die Erde gebracht war, zeigten sich zwar erste grüne Spitzen, die sich auch zu einem kräftigen Kraut auswuchsen, allein unter der Oberfläche tat sich rein gar nichts. Kümmerliche und ungenießbare rote Gebilde waren alles, was wuchs. An der Erde kann es nicht gelegen haben, schließlich gedieh gleich nebenan alles bestens. Das Klima war auch dasselbe, es muss also der Samen aus der Tüte gewesen sein, der meinen aufkeimenden gärtnerischen Ehrgeiz so schnell wieder zunichtemachte. Vorerst blieb ich konsumierender Nutznießer des gärtnerischen Eifers anderer.

Mit dem Garten meiner Kindheit nahm es ein jähes Ende, als das Grundstück verkauft wurde. Im Frühherbst wurde der große Schornstein in einer spektakulären Aktion gesprengt und seine roten Ziegelsteine fielen auf die Himbeersträucher, die wir dummerweise noch nicht einmal vorher leer gefuttert hatten. Zu unbegreiflich war, dass all das Selbstverständliche mit einem Mal nicht mehr da sein sollte.

Wenig später fuhr ein gnadenloser Bagger mit der Abrissbirne durch den Salat und die Erdbeerrabatten. Die vom Blitz ohnehin schon angeschlagene, riesige Kastanie, in der noch die Reste des Baumhauses meines Bruders hingen, wurde gefällt. Den gewaltigen Pappeln rund um das Grundstück ging es ebenso, kein Baumschutzbeauftragter hielt sie für rettenswert. Ganze acht Bäume wurde von einer aus England angereisten Spezialfirma ausgegraben und mitsamt Wurzelballen auf ein Nachbargrundstück verpflanzt. Ein paar davon gingen bald ein, einige blieben stehen, und zwei Birnbäume kamen nach dem Bau des neuen großen Miets- und Bürohauses zurück aufs alte Grundstück. Wie es mit den Kirschbäumen zu Ende ging, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich konnten wir das Elend, das die Familie wohlhabend machte, da schon nicht mehr mitansehen.