Titel

Tanja Dückers

Hausers Zimmer

Roman




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Schöffling & Co.





Dies ist ein Roman, ein Werk reiner Fiktion.
Figuren und Handlungen sind frei erfunden.

Hausers Zimmer

Das Rattenloch – Taubenland

Drüben brannte schwaches Licht. Er lag ausgestreckt auf dem Bett, die Arme hatte er hinterm Kopf verschränkt, die Lockenmähne hing ihm übers Gesicht. Wenn ich die Augen zusammenkniff, konnte ich auf seiner Brust dunkle, krause Haare erkennen. Mein Blick wanderte weiter: Seine Unterhose war ein wenig verrutscht, und ich sah, dass er überall gleichmäßig braun war. Wahrscheinlich ging er in eines der neuen Sonnenstudios. Neben ihm lagen zwei kleine Bierflaschen. Der Fernseher flimmerte. Wie immer. Hinter dem Bett erkannte ich ein Motorradpärchen auf einem Strandweg; Palmen, Wolkentupfer, Abendrot. Das war nicht das Fernsehbild, sondern eine Hawaiitapete. Ick schlaf in Berlin unta Palmen, sagte der Hauser. Sein Alter konnte ich schwer schätzen. Vermutlich war es bei ihm andersherum als bei Klaus: Meinen niedlichen Vater mit dem blassen Jungengesicht und den strohblonden strubbeligen Haaren hielten alle für jünger, als er war. Ich schob den Vorhang noch mehr zur Seite und schaute hinüber zu unserem Küchenfenster, das zum Hof wies. Wiebke und Klaus saßen am abgedeckten Abendbrottisch, tranken Wein und lasen sich gegenseitig aus der Zeitung vor. Wie immer. Sie sahen mich nicht.

In gleichmäßigem Abstand flackerte es bunt über den hawaiianischen Abendhimmel und durch die Berliner Finsternis: Auch nach Silvester hatten Pechs ihre Weihnachtsdekoration nicht abgehängt. Und wie ich Pechs kannte, blinkte und glitzerte es mindestens bis Ostern bei uns im Hof.

Jetzt trat Herr Kanz aus einer der Souterrainwohnungen, er schleppte, wie es aussah, eine neue Skulptur in den Hinterhof. Er fabrizierte grundsätzlich nur Brüste. Er sagte, das sei sein »Thema«. Klaus sagte »Masche« dazu. Im Hof standen zurzeit dreizehn große Brüste. Sie waren alle ungefähr einen Meter hoch. Manche waren flacher, andere runder, manche hatten Brustwarzen so groß wie unsere Abendbrotteller, manche nur knopfgroße Punkte. Auf eine Brust hatte Herr Kanz ein Herz gemalt: »Sven, ich liebe dich«. Er selbst hieß Sven. Als ich einmal Klaus, der sich den ganzen Tag mit Kunst beschäftigte, fragte, was er von Herrn Kanz’ Brüsten halte, schüttelte er nur den Kopf und rollte mit den Augen. Wenn Klaus Herrn Kanz auf dem Hof begegnete, winkte er ihm jedoch lässig zu, rief »Frohes Schaffen!« oder »Wohlan!« Einmal auch ein launiges »Wie viele sollen’s denn noch werden?«

Gegenüber von Herrn Kanz hatte ein anderer Künstler sein Freiluftatelier und seine Dauerausstellung im Hof: Herr Olk. Herr Olk, den Falk und ich auch den Grottenolk nannten, tat immer sehr bescheiden und nannte sich »Sammler« oder »Erfinder«, nicht Künstler. Er betonte dies stets gegenüber Herrn Kanz, der Kunst studiert hatte. »Ick bin keen Studierta«, sagte Herr Olk gern und nicht ohne Eitelkeit von sich. Denn im Grunde hielt er sich bei aller zur Schau gestellten Bescheidenheit natürlich für ein Genie, unverbraucht, keinerlei professionellen Deformation zum Opfer gefallen, kurz: für einen edlen Wilden. Sobald sich ein Journalist auf unseren Hinterhof verirrte, was durchaus ein paar Mal vorgekommen war, nannte er seine im Hof herumliegenden Haufen Urbane Collagen. Zurzeit bestanden diese aus verrosteten Schrottteilen, an denen bunte Plastiktüten und -eimer baumelten (als Sinnbild des Konsums, wie er Falk und mir erklärt hatte), die sich nach stürmischem Wetter auch anderswo im Hof wiederfanden, zum Beispiel auf Herrn Kanz’ Brüsten. Nach jedem starkem Wind waren sie mit dem ein oder anderen Schrottteil, sei es einem verbogenen Kleiderbügel, einer zerdellten Clownsmaske oder einer vom Grottenolk schwarz angesprühten Plastikgirlande, neu »verziert«. Was jedes Mal dazu führte, dass Herr Kanz diese Objekte, ohne Herrn Olk zu fragen, eigenhändig in dessen Installationen »re-integrierte«, sehr zum Verdruss von Herrn Olk.

Herr Kanz und Herr Olk versuchten im Großen und Ganzen redlich miteinander auszukommen, aber jeder von ihnen nickte sofort erleichtert, sobald man auch nur andeutungsweise eine herablassende Bemerkung über die Qualität der Kunst des anderen machte.

Natürlich hatte ich Klaus auch gefragt, was er von Herrn Olks raumgreifenden Installationen hielt. Mein Vater hatte lange mit unglücklichem Gesichtsausdruck geschwiegen und dann gesagt: »Naja, bei Kanz existiert zumindest so etwas wie, wie könnte man das euphemistisch… vielleicht, hach, also, Gestaltungswillen… Ach, Julika, lassen wir das Thema, ich muss da schließlich schon jeden Tag dran vorbei.« Jedenfalls gab Klaus sich Mühe, mit keinem der beiden länger als mit dem anderen zu sprechen, um keine Zwietracht bei uns im Haus zu säen.

Mit einem Mal setzte ein trommelndes Geräusch ein; ich lehnte meinen Kopf an die Scheibe, hörte und spürte, wie der Hagel gegen meine Fensterscheibe prallte. Dieser Hagel schien heute das Erste zu sein, was durch meine Müdigkeit zu mir drang. Ein böses, dumpfes Hämmern war das. Es klang, als ob aus dem metallfarbenen Himmel Nägel fielen– in einer Zeit, als die Welt wieder eine Scheibe zu sein schien, oben und unten, West und Ost, Gold oder Blech, Schein oder Sein, Lüge und Wahrheit, oder umgekehrt, die Scheibe drehte sich, drehte sich, flirrend, blitzend generierte sie neue Gegensatzpaare, das meiste davon Lug und Trug. Und irgendwo dazwischen, auf der Kippe, auf der Kante, am Rande, also an der Front, und doch in der Mitte, im Zentrum, im ruhigen Auge des stillen Sturms, der den Kalten Krieg über die meiste Zeit herrschte: Berlin, West und Ost, regennass, hüben wie drüben.

Nach einer Weile löste ich mich vom Fenster, rief laut »Tschü-hüss« durch die ewigen Jagdgründe unserer riesigen Wohnung und knallte die Tür zu. Letzte Woche im Keramikkurs hatten wir Eierbecher getöpfert; meine waren nachher im Ofen zersprungen. Heute konnte ich von vorne anfangen. Viel lieber würde ich am Fenster stehen bleiben, den Hauser beobachten und die Hauptstädte mittel- und südamerikanischer Länder auswendig lernen. Das tat ich seit Silvester und war schon bis H (Honduras/Tegucigalpa) gekommen, obwohl wir erst den 3.Januar hatten.

Eingehüllt in ein hässliches Regencape meiner Mutter und mit einem Wollschal um den Hals marschierte ich los. Ich grüßte Herrn Kanz, der keuchend Bierkästen aus seinem alten Volvo-Kombi holte; auf der Krempe seines schwarzen zerbeulten Huts glitzerten Hagelkörner. Der Grottenolk hatte sich in seiner Souterrainwohnung verkrochen und tauchte bei Kerzenschein Plastikblumen abwechselnd in Eimer mit schwarzer und roter Farbe. Anarchoblumen.

Dann lief ich am Mottenmuseum, wie wir den kastenartigen Neubau mit winzigen Fenstern neben unserem Haus nannten, vorbei. Mottenmuseum hatte Klaus sich einfallen lassen. Ein Bekannter aus einer der lichtarmen Wohnungen in diesem Gebäude hatte über Motten in seinen vier Wänden geklagt und zur Bekräftigung seiner Worte auf ein Loch im Ärmel seines Wollpullovers gezeigt.

Klaus hatte Falk und mir einmal erzählt, dass beim Häuserkampf im Frühjahr ’45 die Eckbauten besonders oft zerstört worden seien. Für unsere kleine Straße traf das jedenfalls exakt zu: an jeder Ecke eine Art Mottenmuseum, dazwischen graue Altbauten. In einem dieser dunklen, taubenverkackten Häuser mit Einschusslöchern wohnten wir. Unsere Eltern, die Falk in Anlehnung an ihre Lieblingsband The Mamas and the Papas gern The Wiebkes and the Klauses nannte, waren Anfang 1964 in die geteilte Stadt gezogen, im Jahr von Falks Geburt. Klaus hatte in einem damals neu gegründeten Kunstbuchverlag zu arbeiten angefangen. Was er da genau machte, hatte ich als Kind nie verstanden. Oft lag er tagsüber zu Hause in seinem unförmigen Lieblingssessel, las in dicken Manuskripten und kritzelte in ihnen herum. Manchmal besuchte er Ausstellungen und schrieb nachts darüber. Manchmal hielt er auch Reden oder Vorträge, oft wurden dabei zittrige Diabilder an die Wand geworfen. Und oft wurde geklagt, dass der Projektor plötzlich nicht mehr funktioniere. Falk und ich fanden diese Veranstaltungen meistens schrecklich langweilig. Nicht mal friedlich dösen durfte man, dann gab es Ellenbogenrempeln oder Kniffe in den Oberarm von Wiebke. Falk ging genau einmal mit, dann nie wieder. Jahrelang versuchten Wiebke und Klaus mit missionarischem Eifer, bei ihm wieder Interesse für »wichtige« Ausstellungen, Rundgänge, Gedenkfeiern, Lesungen und Vorträge zu wecken, und lamentierten, er sei »ignorant«, aber Falk zuckte nur die Schultern. Kulturterror. Den musste man aussitzen.

Überall blitzte und blinkte es noch in den Fenstern. Die Bewohner unserer Straße schienen einen regelrechten Wettkampf gegeneinander angetreten zu haben, wer die exorbitanteste Weihnachtsdekoration aufzubieten hatte. In meinem Dämmerzustand sah ich bald alles doppelt, ein Inferno ans Lichtblitzen und -funken prasselte auf mich ein. Ich schlurfte weiter durch den Hagelsturm; unter meinen Moonboots knirschte es, als bräche der Bürgersteig auseinander. Auf der Lietze, wie wir die Lietzenburger Straße nannten, gingen die festtäglichen Lichterketten nahtlos in die glitzernden Lämpchenreihen von Bordellen und Peepshows über. Bei Wuppkes neben Lorettas Garten hing eine Uhr mit einem großen glitzernden Weihnachtsmann; der Zeiger war vorn auf seiner Hose angebracht. Sehr witzig.

Überall in den Wohnzimmern lief die dritte Folge von Das Traumschiff, reiste man auf dem Sofa mit nach Barbados. Alle wollten heimlich nach Süden. Alle wollten sie weg. Nein, alle wollten in Berlin bleiben und sich dann aus der Mitte der Stadt hinauskatapultieren, aus einem Tunnel, dem Rattenloch, dem Bahnhof Zoo, der Ruine der Gedächtniskirche, der Nationalgalerie, der Akademie der Künste, dem Grunewaldsee, dem Wannsee, dem Schloss Charlottenburg, dem Flughafen Tempelhof– aus irgendeinem der magischen Orte dieser Stadt, in der die Luft auf eine vibrierende Art stillstand (eine besondere Art der Stille, eine erregte Stille, war das), in etwas ganz Anderes katapultieren. Nur nicht Restdeutschland. Nur nicht Deutschland. Berlin–New York. Berlin–Honolulu. Berlin–Utopia. Glitzerberlin. Weit fort– und immer wieder zurück.

Überall roch es nach modrigem Laub, nach Zersetzung und nach Steinkohle. Überall klebte gefrorene Taubenscheiße. Neben uns auf einem Schneeberg stieg dampfend der Geruch von Urin auf. Ein verspäteter Silvesterknaller krachte in der stillen, kalten Luft. Dann fiel Goldregen auf die verwitterte Brandmauer vor mir. Die Straße war leer, nur die beiden türkischen Mädchen aus unserem Hinterhaus hockten in ihren weiten karierten Röcken, die sie in mehreren Schichten trugen, auf einem Mäuerchen, tuschelten und kicherten. Manchmal rieben sie ihre roten Hände aneinander und pusteten sie warm. Dann erklang der melodische Singsang: »Serife, Filiz! Hadi artık, yemek sogˆuyacak!« Ich kannte jedes einzelne dieser Worte, ohne mehr als die Vornamen der Nachbarskinder zu verstehen: Vermutlich wurden sie zum Abendessen gerufen.

Meine Zehen waren mittlerweile so kalt, dass ich sie beim Gehen kaum noch spürte. Die Obdachlosen, mit denen Wiebke und Klaus in freundschaftlichem Verhältnis standen, dösten in ihrem beheizten Verschlag (deshalb konnte man sie eigentlich nicht als Obdachlose bezeichnen) vor sich hin; ich winkte einmal. Karl trug einen ausrangierten Pullover von Klaus. Ein bisschen irritiert war ich immer, wenn ich Karl in italienischer Markenkleidung sah. Der rostrote V-Ausschnittpullover meines Vaters stand ihm jedoch gut. Karl hatte einen langen rotbraunen Bart. Die kleine Hütte hatten Klaus, Falk und Herr Hülsenbeck widerrechtlich am Rande eines nahe gelegenen Parkplatzes errichtet, was aber nie jemand beanstandet hatte.

Jetzt kam Fred mit der Koderitz um die Ecke gebogen; er kläffte mich freudig an, sprang an mir hoch und leckte mein Regencape ab. Die Koderitz täschelte seinen Kopf; sie grüßte mich nicht. Für die Temperaturen war sie sehr leicht bekleidet, ihr Haar hing ihr in nassen Strähnen ins aufgedunsene Gesicht.

Ich lief weiter und kam an der Praxis meiner Zahnärztin vorbei, weshalb ich unwillkürlich bis in den Rinnstein auswich, dann an Neue Küchen, in dem letztes Jahr die orangefarbenen und die hellgrünen Einbauküchen verschwunden waren und chromfarbene Einzug gehalten hatten. Friederikes Pflanzenoase beachtete ich nicht mehr, denn da gab es keine Kakteen, nichts Exotisches– trotz des Namens. In einem Fenster hing ein riesiges Bild von einem Weihnachtsmann mit vierundzwanzig Adventstürchen. Die 24 war vorne an seiner Hose angebracht. Offenbar war das der Renner der Saison.

An der nächsten Straßenecke stieg ich vom Bürgersteig auf ein moosbewachsenes Mäuerchen. Dort blickte ich durch das Astloch eines hohen, schiefen Holzzauns auf die verwilderte Wiese vor mir, die wir das Rattenloch nannten. Isa und ich hatten dort einmal Ratten so groß wie Dackel gesehen. Ein anderes Mal hatte ich, als ich über den Zaun auf zertrümmerte Möbel und herumliegenden Unrat starrte, den Hauser entdeckt: Er stand in zerrissenen Jeans und Cowboystiefeln auf einem der Müllberge und hielt etwas in der Hand, das wie ein Luftgewehr aussah. Ein bisschen sah er dabei aus wie der Marlboro-Mann. Eine Reklame, die Wiebke verabscheute.

Ich schob die morschen Holzlatten so gut es ging auseinander, tastete mit einem Fuß den Boden ab– er gab nicht nach: Berliner Permafrost. Es war still. Ein Fisch lag in einem Meer glitzernder, von Blutrinnsalen durchzogener Schuppen, auf einer zerdellten Fanta-Dose sammelte sich Regenwasser, Wind fuhr pfeifend durch die verdorrten Sträucher. Ich stapfte durch das Gestrüpp, das mir bis zu den Hüften reichte, passte auf, dass keine Konservendosendeckel in meine Turnschuhe schnitten. Und da waren sie wieder, die Ratten, die eigentlichen Herren über dieses Gebiet, das seit dem Krieg niemand mehr bebauen wollte, weil es zu feucht war. Da waren sie: Sie hüpften auf Waschmitteltonnen, sprangen über ausrangierte Kühlschränke und Kinderwagen, rollten behände wie Zirkustiere auf Bierflaschen und stellten sich auf die Hinterbeine, um einen Pappteller mit zermatschten Pommes zu ergattern. Sie wälzten sich in Ketchup, suhlten sich in Mayonnaise und purzelten in Senflachen. Sie gelangten mühelos auf ein altes Klavier und schlugen zwei, drei wilde Akkorde an. Von dort kletterten sie in ein kaputtes Kettcar, sprangen zwischen verbogene Fahrradspeichen und hopsten auf einer alten verrosteten Schreibmaschine herum, schrieben unsichtbare Briefe– himmelwärts. An ihren großen, gütigen Rattengott. Ihr Gott war gütig, da war ich mir sicher. Vielleicht erlebten ja alle Herrschaftssysteme– um einen bevorzugten Begriff von Wiebke und Klaus zu benutzen– die gleiche Abfolge von Blüte und Verfall, nur zu unterschiedlichen Zeiten. Falls es für Ratten ein »altes Rom« geben sollte, dann entfaltete es sich hier in West-Berlin, zu Beginn des Jahres 1982, direkt vor meinen Augen.

Nachdem ich herumgelaufen war, ließ ich mich auf einer alten Ariel-Tonne nieder. Sofort landete eine Taube auf meiner Schulter. Selbst durch kräftige Handbewegungen ließ sie sich nicht verscheuchen. Nein, sie verscheuchte meine Hand mit ihrem Flügelschlag. Schließlich kapitulierte ich, und sie pickte mir seelenruhig eine Cornflakesflocke aus meinem Wollschal. In ihren Augen sah ich keinen Stolz, keinen Triumph, nur das sture, durch nichts zu erschütternde Selbstbewusstsein Jahrhunderte alter Herrschaft. Dann spazierte sie ohne Hast meinen Arm herab, über meine rotgefrorene Hand, auf die Tonne und von dort– hoch erhobenen Hauptes– auf die verrostete Schreibmaschine. Und schrieb fröhlich klappernd Briefe. An ihren großen, gütigen Taubengott.

Noch einmal krachte es– rot, grün, gold flackerte die Brandmauer auf. Bunt leuchtete das Graffiti All you need is LSD auf. Hinter aufsteigenden Rauchschwaden konnte man Lummerland ist abgebrannt und Bonzen, wir kriegen euch lesen. Klein auf der Höhe eines Kindes auch drei Üs. Woher die kamen, wusste ich ganz genau. Noch einmal leuchtete der Himmel über dem Rattenloch in Diskofarben auf. Die Ratten und die Tauben fingen an zu tanzen. Und ich– ich war einfach nur dabei.

Geschlossen hatte Falk an seine Tür gehängt, als ich vom nächsten missglückten Eierbechertöpferversuch nach Hause kam. Dieses Schild galt nur mir, denn Wiebke und Klaus waren abends nach der Tagesschau fast immer unterwegs. Unsere Eltern wollten nicht, dass wir sie mit Mama und Papa anredeten, sie nannten uns ja auch nicht Sohnemann und Tochter, sondern Falk und Julika, so ihre Begründung. Zum Glück hatten sie kurze Vornamen.

Ich hörte endlose Bassläufe und ahnte, dass mein Bruder auf seinem Hochbett saß und Roth-Händle ohne Filter rauchte. Da hatte er mich nicht gern dabei. Falk war lieber allein, das hieß: allein mit seinen Platten. Ohne Musik wäre er jämmerlich krepiert. Im Urlaub hatte er von Anfang bis Ende schlechte Laune, weil er vorher nur einen Bruchteil seiner Platten auf Kassette überspielen konnte. Gut ging es ihm erst, wenn der Grenzübergang in Sicht, Berlin also nicht mehr fern war. Beim Anblick des russischen Panzerdenkmals am Grenzübergang Dreilinden freute er sich immer mächtig. Endlich wieder zurück in die Höhle. Falk hasste Reisen. Sicher auch, weil lange Autofahrten für ihn unbequem waren: Er war mit siebzehn Jahren fast einen Meter neunzig groß.

Ich dagegen sammelte nicht Platten, sondern Aufkleber. Meine Tür war mit den widersprüchlichsten Aussagen der Zeit zugeklebt: Vom überstrapazierten Gemeinschaftsdenken bis zum selbstsüchtigen Rette sich wer kann!, vom hysterisch ausgerufenen Endlos-Party-Optimismus bis zum ebenso hysterisch heraufbeschworenen Katastrophenszenario, von Klo- und Galgenhumor bis zu witzfreier Bitternis.

Seit Neuestem klebte, zwischen HE-Man und der Maus aus der Sendung mit der Maus, ein kleiner grüner Igel auf gelbem Grund an meiner Tür. Den hatten mir Wiebke und Klaus mitgebracht. Ein anderer dieser Igel klebte plötzlich bei uns am Kühlschrank. Mit dem Igelchen wurde keine Kinderfernsehsendung beworben, wie ich erst vermutete, sondern eine neue Partei, über die meine Eltern oft sprachen.

So zugeklebt und bunt wie meine Tür war, so weiß und kahl war Falks. Aus den abgesenkten Vertäfelungen ragte ein riesiger verrosteter Nagel, und an diesem hing das wendbare Plastikschild: Geöffnet, Geschlossen– das war alles, was mein Bruder der Außenwelt mitteilen wollte.

Langsam schlurfte ich durch unsere Wohnung. Sie war so groß, dass Falk und ich früher Angst hatten, nachts auf die Toilette zu gehen. Es war ein Labyrinth aus großen und kleinen Zimmern mit und ohne Durchgängen, mit Flügeltüren, mit Geheimtüren, mit zugemauerten Türen, mit Türrahmen, in die Klaus und Wiebke Bücherregale eingebaut hatten, mit herausgerissenen und nachträglich wieder anders eingebauten, mit stuckverzierten und schmucklosen Wänden, mit schwindelerregend hohen Decken, mit Rumpelkammern, Vorratskammern, Abstellkammern, früheren Dienstbotenzimmern, mit einem riesigen, fast lichtlosen Berliner Zimmer (lange Zeit hatte ich mich gefragt, warum das so hieß, bis Klaus mir erklärt hatte, dass es sich bei dieser Besonderheit des Berliner Mietshauses um ein Durchgangszimmer handelt, das das Vorderhaus mit dem Seitenflügel eines Gebäudes oder den Seitenflügel mit dem Hinterhaus verbindet), mit einem ohne Erlaubnis in die Außenwand gebrochenen Fensterchen zum Hof, mit kleinen und großen Kachelöfen, manche meterhoch aufragend und reich ornamentiert wie Altäre, andere niedrig wie Küchenherde, manche mit Jugendstilkacheln– rosa Tulpenmotive auf flaschengrünem Grund–, andere hellbraun wie die Hundescheiße auf den Schneebergen an der Lietzenburger oder dunkelbraun wie das Fell von Frau Koderitz’ Mischlingshund. Es war ein Labyrinth mit Hochbetten, Himmelbetten und eingezogenen Böden, mit einem Versteck unter den Dielen, in dem früher vielleicht mal jemand Schutz gesucht hatte (vor den Nazis? hatten wir uns gefragt) und Klaus jetzt kostbare Zeichnungen aufbewahrte (dort sind sie nun wirklich lichtgeschützt!– so seine Logik). Es gab zwei Eingangstüren, eine große im Vorderhaus, eine kleinere im Seitenhaus– so groß war diese Wohnung, und nicht nur diese, auch die von Hülsenbecks, Klügers, Herrn Olk und Herrn Wiedemann.

Es waren Wohnungen, in denen man sich verkriechen, Besatzungen und Kalte Kriege, Rudi Carrell und Karel Gott, Michael Schanze und Heino überstehen konnte. Ein Teil der Zimmer war ordentlich hergerichtet, mit weißen Fußleisten und glänzenden Fensterbrettern, ein anderer unrenoviert. Ein Teil war im Krieg weggebombt und in den Fünfzigerjahren wieder angebaut worden, dort fehlte der Stuck. Es waren Wohnungen, die nie fertig wurden, deren Wände an einem Ende schon wieder vergilbten, wenn sie am anderen gerade erst gestrichen wurden. Wurde in einem Teil der Räume halbherzig begonnen, die Wasserschäden an den Decken zu überpinseln, tropfte es schon wieder von anderen Decken; es waren Wohnungen, deren Sicherungen genauso locker saßen wie die ihrer Bewohner.

Ein Zimmer, dessen Existenz ich manchmal richtiggehend vergaß, hatten Wiebke und Klaus bis auf einen freistehenden Stuhl komplett unmöbliert gelassen. Es war nur von Klaus’ Arbeitszimmer aus betretbar, und mein Vater nannte es seinen Denkraum. Gelegentlich stand dort eine angebrochene Flasche Rotwein, und einmal sagte Falk, um ihn zu ärgern: »Klaus– hast du den Rotwein ein bisschen angedacht?« So kahl wie Klaus’ Rückzugszimmer war, so vollgestopft war Wiebkes Bücherstube. Bei unserem Einzug damals hatte Wiebke, die von Körperpflege nicht allzu viel hielt, das Gästebadezimmer in ein schmales Bücherstübchen umgewandelt. Wenn sie sich dort wieder einmal zurückzog, klopfte Falk manchmal an die Tür und rief: »Runter vom Pott!«

In allen anderen Räumen wucherte bei uns Kunst. Da gab es den Sprechenden Waschlappen– dieses Objekt hatten Wiebke und Klaus von einem befreundeten Künstler aus London geschenkt bekommen. Der knittrige Frotteewaschlappen in einer Glasvitrine sagte jede Menge unanständige Dinge wie Put me between your legs oder Don’t forget to wash your ass, wenn man außen auf einen Knopf drückte. Dieses Kunstwerk war eines der wenigen, das auch Falk gefiel.

Gleich neben der Eingangstür ragte ein ungefähr ein Meter langes, rot-weißes, an eine Straßenabsperrung erinnerndes schmales Brett in Kopfhöhe aus der Wand– diese Skulptur wurde gelegentlich von ahnungslosen Gästen als Garderobe benutzt, was Wiebke und Klaus stets in helle Aufregung versetzte.

Nicht viel leichter zu erkennen war die Kunst in den Hauptzimmern, was nicht nur daran lag, dass ein Teil davon, vor allem Zeichnungen, tagsüber oft mit Laken abgedeckt wurde– um sie vor Sonnenlicht zu schützen. So mancher Besucher ahnte gar nicht, was an Überraschendem hier oder da unter den stockfleckigen Laken seinem Blick verborgen geblieben war.

Neben dem Berliner Zimmer gab es noch mehrere andere große Räume– in einem der Wohnzimmer hing eine Lampe, die eigentlich eine Skulptur war– oder umgekehrt. Die Skulptur sah wie ein Karton mit mehr Ecken als üblich aus, und in den Karton waren Löcher geschnitten. Aus den Löchern hingen dünne Fäden, an denen wiederum Fotos baumelten. Aber auf den verwackelten Fotos sah man nichts außer verschiedenen Augenpaaren. Ich fand die Lampenskulptur oder Skulpturlampe ausnehmend hässlich, aber Klaus meinte, sie sei grandios, ein Meisterwerk. Die Arbeit hieß Löcher– Gegenwelt.

Einmal sagte ich so leichthin zu Klaus, dass Löcher– Gegenwelt mich ein wenig an eines der Arrangements von Herrn Olk in unserem Hinterhof erinnere. Tief getroffen blickte Klaus mich an, so dass ich meine Aussage hastig zurücknahm.

Dann gab es noch eine Art Pappmachéskulptur, die Falk und ich Boat People getauft hatten. Das hatten wir in den Nachrichten aufgeschnappt. Falk und ich hatten so konsequent von Boat People gesprochen, dass Wiebke und Klaus den Titel übernahmen. »Wiebke, vielleicht sollten wir die Boat People doch woandershin verfrachten, hier gehen sie ein bisschen unter«, hörte ich Klaus tatsächlich sagen, als er sich mit Wiebke spätabends nach einer Vernissage durch unseren kunstgespickten ersten Flur bugsierte.

Falk und ich waren der Meinung, dass wir mehr Mitspracherecht haben sollten, was die Möblierung der Wohnung anbetraf, schließlich hatten wir früher im Kinderladen fast alles selbst gestalten dürfen– was Klaus und Wiebke uns als großen Vorzug dieses Kinderladens gegenüber herkömmlichen Kindergärten angepriesen hatten–, doch unser Vorstoß versetzte sie in Angst und Schrecken. Falk musste angesichts ihrer Unglücksmienen lachen und meinte: »Schon gut, meinetwegen stolpere ich weiterhin dreimal am Tag über die Boat People, bis das Ding eines Tages wie eine zermanschte Bifi aussieht, Himmel, beruhigt euch.« Und so blieben nur unsere Kinderzimmer ordentlich aufgeräumte kunstfreie Zonen.

In der Nähe unserer Wohnung gab es ein Theater. Jedes Jahr fand dort ein »Tag der offenen Tür« statt, bei dem man ausrangierte Theaterklamotten ergattern konnte. Das war für mich früher einer der größten Tage überhaupt. Falk und ich kamen jedes Mal als Ritter, Prinzen, Drachen oder Sultane verkleidet zurück, und Wiebke und Klaus machten begeistert Fotos von uns. Manchmal packte sie dann der Spieltrieb, und wir vier rasten in den von uns angeschleppten Klamotten durch die Wohnung, und an diesem einen besonderen Tag durften Falk und ich uns auch in den eigentlich den Erwachsenen vorbehaltenen Wohnzimmern aufhalten. Wir krabbelten dann unter die orangefarbenen Schalensitze vor dem Fernseher und unter den klobigen Glastisch oder steckten die Köpfe aus einer Plastikskulptur, die wie die Kreuzung einer Aubergine mit einem Krokodil aussah. Weil wir heute selbst »Kunstwerke« waren, so die Logik unserer Eltern, war das ausnahmsweise erlaubt.

Als Falk und ich jünger waren, hatten Klaus und Wiebke voller Hingabe einen Teil der Wohnung in eine Art Möbel-und-Kunst-Landschaft verwandelt, denn sie wollten uns Kindern Kunst nahebringen, indem sie bekrabbel- und begehbare Kunstwerke kreierten und manchmal auch solche, die ursprünglich nicht zur Begehung gedacht waren, eigenhändig ummodelten. Sie entwickelten dabei viel Phantasie: Durch ganze Zimmer konnte man sich nur noch kletternd bewegen. Unsere Verwandten hielten uns spätestens ab diesem Zeitpunkt für verrückt.

Aus unserer Kindersicht waren The Wiebkes and the Klauses zumindest ziemlich merkwürdig: Als Falk und ich klein waren, durften wir in unseren Zimmern die Wände bekrakeln. Das taten wir auch ausgiebig. Wir malten und kritzelten und klebten aus Zeitschriften ausgerissene Bilder an die Wand. Wiebke und Klaus fotografierten unsere »originellen Einfälle« sogar. Aber wir mussten jeden Tag unsere Betten machen. Auch wenn wir »Scheiße« an die Wand daneben schreiben durften.

Irgendwann gingen uns dann unsere Krakeleien auf den Wecker. Hundertmal stand bei mir in verschiedenen Farben und Größen: »Falk ist doof«; bei Falk prangten endlose Reihen von sich an den Händen haltenden Skeletten mit irren Augen. Nachdem wir stundenlang auf Leitern gestanden und unsere Zimmer neu gestrichen hatten (in Weiß), verspürten wir nie wieder den Wunsch, die Wände zu bemalen.

Wiebke und Klaus waren tief enttäuscht darüber. Und nicht nur über unseren Entschluss, die eigenen »Werke« unter eintönigem Weiß verschwinden zu lassen: Als wir vier einmal bei einer Kollegin von Wiebke zum Kaffeetrinken eingeladen waren, äußerten Falk und ich uns spontan begeistert über ihre »gemütliche, kleine« Neubauwohnung. Obwohl Falk ein Hüne ist, gefielen ihm sogar die niedrigen Decken sehr. Wiebke und Klaus waren sprachlos. Doch Falk und ich hätten damals gut auf unsere langen Flure, die man endlos staubsaugen musste, und auf die ewig hohen Decken mit den vielen Spinnweben verzichten können. Da oben sammelten sich doch nur abgestandene Gedanken– dachten wir. Den Luxus von Platz und Raum hatten wir noch nicht begriffen, Platz war da wie Luft, wie Müll, wie Kunst.

Ich trat ans Hoffenster und hob den Vorhang ein wenig: Die Pechs saßen vor ihrem Monstrum von Fernseher und sahen sich an, wie ein Haufen aufgedrehter alter Leute die Polonäse Blankenese tanzte– Gottlieb Wendehals’ Riesenhit. Als Tanz konnte man dieses Geschiebe und Getrippel allerdings kaum bezeichnen. Auch beim Hauser lief die Polonäse, aber er schien nicht da zu sein. Hatte wohl Besseres zu tun, als sich anzugucken, wie Rentner im Chor in einem Pseudodialekt etwas über die Annäherung zwischen dem Erwin und der Heidi sangen.

Ich drehte mich um und legte mich auf meine Matratze. Ich war, wie so oft, sehr müde, denn ich schlief nachts kaum. Flackernd erhellte jetzt der Pechsche Riesenfernseher mein Zimmer, die Musik wurde lauter, die Polonäse schien auf einen Höhepunkt zuzusteuern: Erwin zieht los mit ganz großen Schritten und fasst der Heidi von hinten an die– Schulter. Der Refrain über die wegfliegenden Löcher im Käse mit dem Reim auf Polonäse wiederholte sich, und die Pechs stellten ihren Fernseher noch lauter.

In der Küche nahm ich mir eine Dose aus dem Müll und spielte einmal durch die Wohnung kicken. Damit war ich eine halbe Stunde beschäftigt. Ich schoss mich durchs Berliner Zimmer, durch drei Flure und an zahlreichen Hindernissen, will sagen Kunstwerken, vorbei bis zur Haustür. Ich hatte drei Joker. Dreimal durfte meine Dose aus einem Kunstwerk befreit werden. Wenn sie beim vierten Mal festhing, hatte ich verloren. Gegen mich selbst. Diesmal schaffte ich den Hindernislauf in achtundzwanzig Minuten. Persönliche Bestzeit.

Danach wollte ich sehen, ob Isa zu Hause war.

Isa und ich kannten uns, seit wir fünf Jahre alt waren. Unsere Eltern zogen zeitgleich in den damals noch halb leerstehenden Altbau. An diesem Tag standen wir uns im Treppenhaus zwischen all den Umzugshelfern gegenüber, beide mit einem Stofftier im Arm, das jeweils ungefähr so groß war wie wir selbst. Hinter uns brüllten unsere Eltern, schleppten Möbel, Bücherkartons und mit Geschirrtüchern und Laken bedeckte Kunstwerke nach oben. Unsere Kinderzimmer waren irgendwo in den Kisten verschwunden. Nichts war mehr so, wie es war. Während wir uns ansahen, fingen wir an zu weinen. Dann sagte Isa: »Ich bin Isabel«, und ich sagte: »Ich bin Julika.« Das war der Beginn einer äußerst soliden Freundschaft, die Vieles aushielt.

Ich stapfte ins Treppenhaus. Wie immer war das Licht kaputt; im Dunkeln tastete ich mich ein Stockwerk tiefer. Auf jedem Treppenabsatz roch es auf spezifische Weise nach den jeweiligen Bewohnern. Jede dieser Riesenwohnungen hatte ihren eigenen Geruch, der nicht allein auf die jeweiligen Kochgewohnheiten zurückzuführen war. Diese Wohnungen hatten– oder entwickelten– ein Eigenleben. Ich hätte immer gewusst, bei wem ich vor der Tür stand.

»Isabel ist nicht da! Sie ist noch bei Wuschel!«

Isas Mutter, die keinesfalls Hildegard, sondern Mutti genannt werden wollte, stand mit ihrer merkwürdigen Lesebrille vor mir, die mich an ein tropisches Insekt denken ließ, vielleicht an die Große Patagonische Steppenfliege, falls es sie gäbe. An ihrer türkisfarbenen Seidenbluse steckte eine goldene Brosche, die respekteinflößend funkelte. Sie beugte sich zu mir herab: »Ich sage Isa morgen, dass du hier warst, ja? Sie übernachtet heute nach dem Reiten bei ihrem Vater. Du weißt ja, Wuschels Stall ist nach Lichtenrade verlegt worden.«

Ich nickte, warf noch einen Blick auf Frau Hülsenbecks hochhackige, ebenfalls türkisfarbene Schuhe, dann trabte ich die zwei Treppen wieder zu uns hoch. Frau Hülsenbeck trug Dinge, die Wiebke »nie im Leben« anziehen würde, aber sie verstanden sich trotzdem ganz gut. Wiebke hatte immer Cordhosen und Leinenhemden, Jeanshosenröcke oder Nickipullover an. Dazu Sandalen, Clogs oder monströse Schaffellstiefel. Pfennigabsätze waren ihrer Meinung nach die »reinste Männererfindung«, die »die Herrschaften gefälligst selbst tragen« sollten, bevor sie anderen »so was zumuten«. Aber Frau Hülsenbeck und Wiebke trafen sich oft auf einen Tee und redeten über die Elternabende an unserer Schule, über die Hobbys ihrer Töchter und darüber, welche Musik-, Bastel- oder Malkurse wir zur Förderung unserer Kreativität belegen könnten.

Frau Hülsenbeck war nach dem Krieg als Kind mit ihrer Familie aus Grünberg geflohen. In ihrem Esszimmer hingen mehrere große goldgerahmte Ölgemälde, die die Umgebung Grünbergs darstellten, in ihrem Schlafzimmer ein Aquarell mit dem »Kloster Paradies« in lieblicher Landschaft.

Wenn Falk und ich sie hin und wieder belauschten, fiel uns auf, dass es zwei Themen gab, über die Wiebke und sie fast nie sprachen: Kleidung und Politik. Über so schwierige Dinge redete Wiebke lieber mit Anna, der Mutter von Fiona. Bei denen brauchte ich heute gar nicht erst zu klingeln, denn Fiona hatte ihren Batikkurs. Fiona und Anna wohnten, ebenfalls auf 250 Quadratmetern, einen Stock unter Hülsenbecks. Bei Anna konnte Wiebke sich stundenlang verkriechen. Manchmal zog Anna dann die blau-weißen Seidenvorhänge zu, die sie von den griechischen Inseln mitgebracht hatte, und man sah nur den Schein einer großen Altarkerze dahinter.

Aber auch ich brauchte unser Haus nicht zu verlassen, wenn das Wochenende wieder einmal völlig verregnet, verhagelt oder einfach nur grau wie unser Fußabtreter war: Ich hockte dann mit meinen beiden besten beziehungsweise einzigen Freundinnen, mit Isa und Fiona, auf moosgrünen oder erdbraunen Matratzenlagern in einem unserer höhlenartigen Zimmer, die sich alle in der großen Höhle namens West-Berlin befanden. Dort zündeten wir auf Flaschenhälse gesteckte Kerzen und Räucherstäbchen an. Und wenn ich in den Hof schielte, sah ich den Hauser in seiner Hawaihöhle, und auch er verließ sie das ganze Wochenende nicht. Pechs blieben ebenfalls zu Hause– vorm Fernseher. Herr Wiedemann vergrub sich in seinen Kunstbüchern, Herr Kanz schloss sich im Atelier ein, und aus Herrn Olks Souterraingrotte vernahm man ein unterirdisches Rumpeln, Schleifen und Zischen.

Serife und Filiz saßen dicht nebeneinander im Treppenhaus und sprachen leise in ihrer geheimnisvollen Sprache miteinander, die sie berechtigt hätte, Mitglieder des Ü-Clubs zu werden. In einem Geheimversteck unter den Dielen in meinem Zimmer verwahrte ich eine Liste mit Ü-Worten, die die beiden mir einmal, etwas verwundert über mein Interesse, aufgeschrieben hatten. Es war nicht einfach gewesen, ihnen zu erklären, was ich wollte. Am Ende hatte ihr Vater sprachlich vermittelt. Mir schien, er hoffte, ich würde mich auch jenseits von meiner Sammlung besonders ü-lastiger Wörter für seine Muttersprache begeistern, aber ich war nicht kosmopolit, ich wollte nur Ü-Wörter sammeln. Güzel, otobüs, günlügüne! Çok üzüldüm! Türkisch gefiel mir sehr.

Frau Koderitz schlurfte schwankend durch ihre langen dunklen Flure, manchmal mit einer Flasche in der Hand, und hörte Schlager. An ihren Gesten und den Bewegungen ihres Kopfes konnte man erkennen, dass sie mitsang. Doch man konnte natürlich nichts hören. Es war, als hätte man ihr, uns allen, den Ton abgestellt. Nur draußen blitzte, donnerte und hagelte es.

Und jetzt sollte ich schlafen. Ich konnte aber, wie so oft, nicht schlafen. Wiebke fand es nicht gut, dass ich so lange wach blieb, sie meinte, ich müsse »fit« sein für die Schule. Aber das Wort »fit« gefiel mir gar nicht. Solange ich nicht am Ende des Schuljahres sitzenblieb, wollte ich lieber nachts herumgrübeln. Unseren Hof beobachten. Gucken, was der Hauser so machte. Hauptstädte auswendig lernen. Oder Flüsse. Oder ausgestorbene Tierarten. Oder die Namen der Mondkrater. Auf der abgewandten Seite, von der Pink Floyd sang.

Aufs Schlafen hatte ich noch nie besondere Lust gehabt. Das war schon im Kindergarten so: Punkt zwei Uhr mittags mussten alle Kinder die Augen schließen und auf Kommando wegdämmern. Ich blieb wach und dachte mir Geschichten aus. Meist bösartige über die anderen, friedlich neben mir schlummernden Kinder. Während sie schliefen, herrschte ich über sie. Ich beobachtete sie, wie ihnen die Spucke aus dem Mund lief und sie blöde Gesichter machten. Doch dann steckten mich Wiebke und Klaus in einen Kinderladen, aber nicht nur, weil man da mittags nicht schlafen musste. Wir durften die Wände bemalen und selber Marmorkuchen backen und dabei die Küche verwüsten. Wir zwickten der Kindergärtnerin Gisela, die eigentlich eher Kinderlädnerin heißen müsste, unterm Tisch in die Waden, und Gitte (so wollte Gisela von einem Tag auf den anderen genannt werden) zog uns an den Haaren und malte uns mit Fingerfarbe bunte Kringel ins Gesicht.

Nachts, da gefiel mir alles besser. Niemand rief: »Bring den Müll runter, geh zum Briefkasten, bring Apfelsaft und Quark zu Erwin und Karl– ach, und auch noch diesen alten Pullunder von Klaus.« Niemand baute sich im Treppenhaus vor mir auf, um mich auszufragen. Niemand machte sich über meine Brille lustig, die angeblich eine Kinderbrille war. Ich konnte laut »Alma Ata, Bagdad, Bangkok, Delhi, Istanbul, Jakarta, Kabul« vor mich hinsagen, ohne dass sich Melanie und Larissa aus meiner Klasse anstießen. Ich konnte darüber nachgrübeln, ob die Fünf eher eine weinrote oder eine anthrazitfarbene Zahl war und ob der Januar depressionsgrün (das Grün, mit dem in meinem Schulatlas die Gegenden der Welt markiert sind, die unter dem Meeresspiegel liegen) oder golfstromblau war, ohne dass irgendein ahnungsloser Erwachsener mich für merkwürdig erklärte.

Und nachts, da sahen die sechs verbeulten Blechtonnen in unserem Hinterhof wie Gnome mit hochgezogenen Schultern aus. Manchmal beobachtete ich, wie sich ihre Deckel wie von Geisterhand öffneten und dunkle Schatten herausschlüpften. Dann wusste ich: Da waren sie wieder. Auf jeden Berliner kamen drei Ratten, das hatte uns Kugeritz letztens in Biologie erzählt. Neun Millionen Ratten, das musste man sich mal vorstellen. Ihr Höhlensystem war zehnmal ausgeklügelter als unseres, und wenn sie in ihren Bunkern, Gruften und Palästen die Polonaise tanzten, hatte es wenigstens Stil.

Auch den Hauser hatte ich nachts für mich entdeckt. Denn seit ein paar Monaten leuchtete ein Fenster bis tief in die Nacht, manchmal auch bis zum Morgen. Es war ein warmes, orangerotes Licht, das in unseren schmalen dunklen Hof fiel. Das Licht stammte von einer bauchigen orangefarbenen Lampe aus den Siebzigerjahren, die neben seinem Bett stand. Die Wohnung im Hinterhaus hatte ein halbes Jahr lang leergestanden, sofern man eine Wohnung, die von einem Mehrgenerationenhaushalt an Ratten belegt war, als leer bezeichnen konnte. Eigentlich war sie überbelegt. Als der Hauser einzog, hatte er nur zwei alte Koffer bei sich. Wenige Tage später brachte er eine riesige verstaubte Rolle mit nach Hause und klebte sich die Hawaiitapete an die Wand. Klaus und Wiebke befanden sofort, sie sei entsetzlich geschmacklos. Nach und nach schleppte der Hauser immer mehr Sachen an. Das Meiste davon schien reparaturbedürftig zu sein. Oft saß er bei uns auf dem Hof und schraubte an alten Fernsehern, Radios, Plattenspielern oder Fahrrädern herum. Und natürlich an einem seiner Motorräder. Von meinem Fenster aus beobachtete ich den neuen Nachbarn in seiner Bude beim Platten auflegen, Gewürzgurken und Kartoffelchips essen, Bier trinken, Pornos (glaubte ich zumindest) gucken, sich die Eier kratzen und nackt zu lauter Musik tanzen. Und fand das alles spannend. Viel spannender als schlafen.

Aber heute war er nicht da. Ich holte mein Hauser-Heft unterm Bett hervor und malte ein schwarzes Quadrat in mein Heft: mein Zeichen für sein dunkles Fenster. Alle Hauser-Beobachtungen wurden von mir sorgfältig notiert. Das rote Leinenbuch mit Blankoseiten, das ich mir für diesen Zweck gekauft hatte, zierte ein Marienkäferaufkleber, den ich meiner Tür vorenthalten hatte. Die Einträge darin waren sporadisch: Manche Tage schilderte ich ausführlich, andere nur stichpunkthaft. Manchmal ließ ich ganze Wochen aus, schrieb nichts nieder, manchmal hielt ich die Nachrichten eines Tages oder einen Dialog in allen Einzelheiten fest– oder Gedanken, die mir nachts, wenn ich wach lag, durch den Kopf wanderten wie nimmermüde Rattenlochratten.

Es klapperte und rumpelte, Wiebke und Klaus waren nach Hause gekommen und bugsierten sich durch das Kunstchaos im ersten Flur. Dann entfernten sich ihre Schritte, Klaus ging, wie es klang, noch in sein Denkzimmer, Wiebke verzog sich wahrscheinlich in ihr Himmelbett auf einem unserer eingezogenen Böden. Und über dem Himmelbett, über Wiebkes geheimsten Gedanken, über ihren Alp- und Euphträumen (Euphträume hatte sich der Ü-Club ausgedacht für das Gegenteil von Alpträumen, es gab kein richtiges Wort dafür, hatten wir bemerkt) würde auch Wiebke es gleich rascheln, knistern und kauen hören. Denn in den Zwischenböden, über unserer Wohnung und unter dem ausgebauten Dachgeschoss von Herrn Wiedemann, auch da waren sie. Auch da machten sie die Nacht zum Tag. Und alle Tage zu Feiertagen.

Ich lag im Bett und versuchte zu schlafen. Die Decke lag auf mir, als wäre sie aus Beton. Ich versuchte mich nicht mehr zu bewegen. Augen zu. Keine Bewegung. Kein Gedanke. Dann musste ich doch schlafen! Je schwerer die Decke auf mir lag, desto unruhiger wurde ich. Und das Ticken meines Weckers wurde immer lauter. Ich konnte nicht schlafen. Schließlich hob ich die Decke an, holte meinen Atlas ins Bett und las noch etwas über Patagonien, mein Geheimland, mein Traum-, mein Euphland: dort unten auf der Südhalbkugel. Allein beim Klang des Namens bekam ich eine Gänsehaut. Patagonien

Irgendwann musste ich doch eingeschlafen sein.

Müde lehnte ich mich am nächsten Morgen ans Fenster. Unten ging eine Tür auf, die Koderitz machte ihren ersten Gang mit Fred. Oder vielmehr machte Fred seinen ersten Gang mit der Koderitz, denn er wirkte deutlich munterer als sie. Die Koderitz trug entweder einen neongrünen oder einen neongelben Morgenmantel. Morgens, mittags, nachts. In ihrer Wohnung, auf dem Hof und beim Einkaufen, auf der Post. Und immer hatte sie, ob Minusgrade herrschten oder nicht, ihre einst rosafarbenen, jetzt grauen Hausschlappen– oder wie sie sagte: Futschen– an. Zwischen Drinnen und Draußen schien es für sie keinen Unterschied zu geben. West-Berlin war ihre große Altbauwohnung mit den vielen verstaubten Ecken, die man stets übersah, die ganze Stadt war ihr süffiges Sofa, ihr zerlegenes Kissen. Sie schlurfte über den von Baumwurzeln gewellten Boden, stolperte über ihre eigenen Füße. Fred wartete geduldig und geleitete sie sicher wie ein Blindenhund (warum sprach nie jemand von Säuferhund?) über den Hof, der wegen seiner vielen Unebenheiten, des Gerümpels vom Hauser, der Schrottsammlung von Herrn Olk und der Skulpturen von Herrn Kanz für nicht ganz nüchterne Zeitgenossen einige Tücken bereithielt.

Eine halbe Stunde oder eine Schale Cornflakes, einen Kakao und zwei angefeuerte Kachelöfen später trottete ich hinter Isa und Fiona die Joachimstaler Straße entlang. Ich war immer die Letzte, weil ich so langsam ging. Und ich ging deshalb so langsam, weil ich mit meinen Gedanken woanders war. Falk ging zur gleichen Schule wie ich, war aber drei Klassen weiter und vermied es, mit uns Mädchen gemeinsam zu gehen. Er fuhr immer mit dem Rad zur Schule, bei jedem Wetter.

Jetzt passierten wir »unsere« Apotheke. Ein schwarzhaariger Verkäufer, den ich noch nie gesehen hatte, trat vor die Tür und rückte die Fußmatte zurecht. Dann hängte er das Schildchen mit den Öffnungszeiten gerade. Ich ging noch langsamer. Im Schaufenster bewegte der Weihnachtsmann wieder in Zeitlupe seinen Arm. In seinen bauchigen Rumpf war eine Badeölflasche eingelassen, Latschenkieferextrakt– für freies Atmen! Frei klang immer gut. Immer frei! sang Ideal. In Zeitlupe senkte sich der Arm wieder. In Zeitlupe liefen Pechs mit ihrem Dackel draußen an uns vorbei, in Zeitlupe zog ein Vater sein Kind auf einem Schlitten über den Bürgersteig, sprang ein Hund über die Straße, fuhr eine Feuerwehr an uns vorbei, sank eine Taube auf einen Schneeberg. Blieb die Welt damals fast stehen– oder war ich nur wieder so müde? Der neue Apotheker hantierte immer noch an dem Schildchen mit den Öffnungszeiten. Auch er hatte offenbar keine Eile. Schließlich schien er zufrieden und drehte sich langsam um. Für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke.

»Jule, wir verpassen den Bus!«

Seit einem halben Jahr fuhren Fiona, Isa und ich täglich den Ku’damm hoch zu unserem Gymnasium. Interessanter als die tägliche Busfahrt– da dösten wir meist hinten auf dem Oberdeck– fanden wir den Weg zur Haltestelle an der großen Peepshow vorbei. Im Eingangsbereich hing ein Glitzervorhang aus Plastikstreifen, die ständig miteinander verklebten und dicke Knäuel bildeten. Hin und wieder trat eine leicht bekleidete, stark geschminkte und schlecht gelaunte Frau auf die Straße, um diese Knäuel auseinanderzuklamüsern.

Jeden Tag beobachteten Isa, Fiona und ich die Männer, die hinter diesem Glitzervorhang auf die Straße traten, und die, die eben noch scheinbar zielstrebig zum Ku’damm zu laufen schienen, plötzlich einen rechten Winkel einschlugen und in der Peepshow verschwanden. Wir kamen im Laufe der Monate zu dem Ergebnis, dass es keinen Typ von Männern gab, der nicht in die Peepshow ging. Banker, Gammler, Musketiere, Softies, Rocker, Popper, Rentner, junge Männer, nur ein paar Jahre älter als wir, Familienväter, Männer in Rudeln oder einsame Wölfe– alle schoben sie ihre Köpfe ängstlich aus dem flatternden Glitzervorhang, um sich dann, noch einmal den Hosenschlitz zurechtrückend, mit sichtlicher Erleichterung endlich dem Vorwärts-vorwärts der Stadtmenschheit zu überlassen. Mehr als einmal hatten wir beobachtet, wie einer von ihnen den Kopf aus dem Vorhang streckte, rasch nach links und nach rechts auf die belebte Uhlandstraße guckte, um sofort wieder in der Peepshow zu verschwinden. Wir malten uns dann aus, wen derjenige wohl gerade entdeckt– oder herbeihalluziniert– haben könnte.

Es gibt die Peepshow noch, und sie hat ihre Werbeplakate bis heute nicht ausgewechselt. Offenbar ist es nicht nötig, über ein neues Marketing nachzudenken. Doch die Peepshowbesucher sind nicht mehr so schamvoll, so verklemmt wie damals. Den Glitzervorhang, die scheuen Blicke gibt es nicht mehr. Seit einigen Jahren steht die Venus Internationale Fachmesse– umgangssprachlich die Sex- oder die Erotikmesse– selbstverständlich im Veranstaltungskalender der Stadt Berlin neben der Grünen Woche, der bautec oder dem art forum.

Eines Tages, wenn wir groß sind, nahmen wir uns vor, gehen wir auch irgendwie mal in die Peepshow. Irgendwie war eines unserer Lieblingsworte. Denn so vieles– fast alles– war noch irgendwie in unseren Leben.

Heute war es derart kalt, dass wir die Reißverschlüsse unserer Anoraks bis zum Kinn geschlossen hielten. Aus unseren Mündern stiegen Atemfahnen auf. Mit hochgezogenen Schultern hasteten wir die Uhlandstraße entlang. Auf beiden Seiten des Bürgersteigs türmten sich dreckige Schneehaufen auf, viele von ihnen waren gelb gesprenkelt. Neben uns hob ein fetter Köter undefinierbarer Rasse sein Bein, hinter der nächsten Straßenlaterne knöpfte ein fettes menschliches Wesen seine fleckige Hose auf.

Sechs dünne Cordhosenbeine eilten an der Pizzeria, einem Drogeriemarkt und der Herrenboutique Domingo vorbei. Unter unseren mächtigen Moonboots knirschte das Streusalz, nein, der extraterrestische Staub. Wenn ich die Augen zu Schlitzen machte, war ich ganz weit weg. Nicht in Berlin, sondern auf einem fernen Stern– der Ü-Club war zum Schulanfang in einer Ü-Rakete einfach abgedüst und in der Weite Patagoniens gelandet. Und da war ich jetzt– irgendwie– auf einem Motorrad mit dem Hauser, ein orangefarbener Himmel über uns.

Schon immer wollte ich möglichst weit weg. Zuerst wollte ich nach Kanada, Alaska, Australien, Neuseeland. Und davor nach Skandinavien. Aber dann kamen The Wiebkes and the Klauses auf die Idee, mit Falk und mir nach Skandinavien zu reisen. Doch in dem Moment, in dem ein Traumland, ein Euph- und Geheimland, Urlaubsziel der Eltern wird, verliert es natürlich seine Magie.

Auf Patagonien war ich nach unserem furchtbaren Weihnachtsfest im letzten Jahr gekommen. Allein die Fotos, die ich in einem Südamerikabildband aus unserer Stadtbibliothek gesehen hatte, hatten es mir angetan: die Steppen mit dem Andenkondor, die Urwaldriesenbäume, das Guanako, der Nandu, Flamingos, der valvidianische Regenwald… und dann die Gletscher, die Vulkane, die Eisseen und die Pinguine ganz im Süden. Und die Karte in meinem Atlas: Wie dünn besiedelt Patagonien ist– weniger als zwei Einwohner pro Quadratkilometer. Sicher stand dort auch sehr wenig Kunst herum. Und niemals würde dort die Polonäse im Radio laufen.

DomingoBuenos Dias, Argentina