Titel

Christina Maria Landerl

Verlass die Stadt






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Schöffling & Co.

Verlass die Stadt

(Ich)

Der Ort des Geschehens ist Wien. In Wien spielt es, und zwar heute. Nur bin ich heute nicht mehr da. Hier ist Wien. Ich bin weg.

Jetzt soll Wien zusehen, wie es ohne mich zurechtkommt. Und ich sehe Wien zu, wie es ohne mich zurechtkommt, und ich muss sagen, Wien kommt sehr gut zurecht. Hier wird einfach weitergemacht ohne mich. Hier wird getan, als ob ich nie hier gewesen wäre.

In der Florianigasse, Höhe Lammgasse, wird getan, als wäre ich nie hier gewesen, als hätte ich hier nie gewohnt. In der Margaretenstraße, kurz nach dem Margaretenplatz, wenn man Richtung Innenstadt geht, wird getan, als wäre ich nie hier gewesen. Als hätte ich hier nie gegessen. In der Skodagasse, da, wo die Lederergasse in sie mündet, wird getan, als wäre ich nie hier gewesen. Als hätte ich hier nie getrunken. In der Siebensterngasse, da, wo die Mondscheingasse von ihr wegführt, wird getan, als wäre ich nie hier gewesen, und das war wohl schon früher so. Als hätten die Straßen zu schöne Namen für mich.

Ich weiß, es fällt keinem auf. Doch es hat sich etwas verändert. Und ihr könnt, wenn ihr wollt, die Stadt nach mir absuchen. Aber in der Margaretenstraße werdet ihr mich nicht finden. Und ihr könnt mich suchen, wenn ihr wollt, in der Siebensterngasse, aber nein, da bin ich bestimmt nicht. In der Florianigasse werde ich auch nicht sein. Und in der Skodagasse, da könnt ihr es schon versuchen, aber das wird nichts bringen, das könnt ihr mir glauben.

Wenn ihr euch fragt, wo ich bin, dann kann ich euch nicht helfen. Ich habe die Stadt, vielleicht auch das Land verlassen, bin in Rom oder Puerto Plata, in Bearsville oder woanders.

(Tauben)

Es ist Sommer in Wien, und wer den Sommer in Wien kennt, weiß, dass er sich träge durch die Gassen schiebt und sich gerne auf den Plätzen und in den Schanigärten niederlässt, wo er den Asphalt zum Glühen und die Eiswürfel in den Getränken zum Schmelzen bringt. Sofern es nicht regnet. Derzeit regnet es nicht.

Auf dem Heldenplatz gehen die Touristen herum, fotografieren und schwitzen. Auf dem Naschmarkt stehen die Obst-, Fisch-, Fleisch- und Gemüsehändler, schreien und schwitzen. In der Margaretenstraße sitzt Max auf einem erhitzten Klappstuhl, trinkt warmes Cola und redet.

Es hat sich viel verändert in Wien, sagt er.

Fällt dir nicht auf, was sich in letzter Zeit alles verändert hat? Sie haben die Votivkirche weißgewaschen. Aber sie wird auch wieder schwarz werden. Und das Gasthaus Vorstadt hat zugesperrt. Aber das wird sicher bald neu übernommen.

Was mir aber wirklich zu denken gibt, ist die Sache mit den Tauben. Ist dir aufgefallen, dass die Tauben weg sind? Die Tauben haben Wien tyrannisiert, wir haben alle ständig über die Tauben geflucht, und jetzt sind sie weg, und es fällt niemandem auf. Zumindest spricht niemand darüber. Wer hat Wien von den Tauben befreit? Ich möchte ihm danken. Aber vielleicht kommen sie auch wieder zurück. Vielleicht sind die blöden Viecher nur für eine Weile weg, im Süden oder so.

Max hört auf zu reden und hebt sein Glas an den Mund. Peter ist noch gar nicht aufgefallen, dass die Tauben weg sind. Aber jetzt, wo er es weiß, vermisst er sie plötzlich sehr heftig. Es fehlt ihm auf einmal ihr Gurren. Das hysterische Auffliegen eines Taubenschwarms, wenn man rasch auf ihn zugeht, ohnehin nur, um dieses Geräusch zu hören. Wien ohne Tauben, das ist nicht mehr Wien. Peter kann sich auch nicht erinnern, je über die Tauben geflucht zu haben. Aber Max sagt er das nicht. Zu Max sagt er nur, dass er jetzt wieder arbeiten muss, und er geht, um zwei Tische abzuräumen und ein Bier zu kassieren.

Es ist beschissen heiß, sagt Gudrun, als sie ins Lokal kommt. Nicht Hallo oder Mahlzeit, sondern nur diesen Satz. Du hast gerade Max verpasst, sagt Peter. Gudrun bindet sich die Schürze mit der Aufschrift PETARS um die Hüften. Da habe ich sicher nicht viel versäumt. Er redet doch nur über seine Arbeit oder ähnlich belangloses Zeug.

Peter könnte sagen: Was soll der feindselige Ton, oder: Lass deine Laune nicht an mir und Max aus, aber er erzählt Gudrun lieber die Geschichte von den Tauben: Ist dir schon aufgefallen, dass die Tauben aus Wien verschwunden sind?

Gudrun hat das auch nicht bemerkt.

Da hat wohl endlich jemand Georg Kreisler ernst genommen, Bravo! Und sie fängt ungeniert zu singen an, dass die Sonne warm ist und die Lüfte lau sind und man in den Park gehen sollte, um die Tauben zu töten.

In der zweiten Strophe singt Peter, dass die Bäume grün sind und der Himmel blau ist, und er stimmt singend dem Taubenmord zu. Ob einige Gäste sich gestört fühlen könnten, darüber denkt er jetzt wirklich nicht nach. Er ist froh, dass er es geschafft hat, Gudruns Laune zu retten. Um Gudruns schwankende Stimmungslage im Gleichgewicht zu halten, tut er so einiges; zum Beispiel singt er, anstatt ihr zu sagen, wie gut sie und Max doch zusammengepasst haben.

Und dass er in Wahrheit die Tauben vermisst.

(Die U-Bahn)

Wer Wien im Sommer kennt, kennt das Problem mit der U-Bahn. Wer in den letzten Jahren nie im Sommer in Wien war, muss wissen, dass es in den Wagen der Wiener U-Bahn dann entweder unfassbar heiß oder dank Klimatisierung so kalt ist, dass man sich sehr leicht verkühlt, vor allem, wenn man zuvor in einer stark aufgeheizten Bahn gesessen ist.

Dieses Problem hat Gudrun im Moment nicht. Der Wagen der Linie U4, in dem sie stehen muss, ist nicht nur überfüllt; es ist auch so heiß, dass ihr schlecht wird. Ihr Kreislauf ist ohnehin nicht gut, und der Mangel an Sauerstoff und die unfreiwillige Nähe zu anderen Menschen, deren nackte Oberarme immer wieder ihre eigenen nackten Oberarme berühren, ist kaum auszuhalten. Den Schweiß fremder Menschen zu riechen ist schlimm, ihn zu spüren tut körperlich weh. Der Gurt ihrer Gitarrentasche schneidet ihr in die Haut; sie hat Angst, dass einer der hässlichen Menschen an ihre schöne Gitarre stößt. Sie muss den Impuls unterdrücken, ihre Arme zu heben und alle von sich weg zu schieben.

An der Station Pilgramgasse drängt noch Max herein, willkommen, Max, je mehr umso besser! Max sagt, hallo Gudrun, wie geht’s dir, und dann fragt er, hast du etwas von Margot gehört? Das ist das Schöne an Wien, sagt Gudrun, es ist wie in der Provinz, ständig trifft man seine Freunde zufällig in der U-Bahn, und sie redet weiter, weil sie die Stimme von Max jetzt nicht hören und weil sie nicht auf seine Fragen eingehen will: Aber in der Provinz gibt es keine U-Bahn, in der Provinz, da, wo wir herkommen, da gibt es nichts, da gibt es gar nichts, und jetzt muss ich, und sie springt an der Haltestelle Kettenbrückengasse raus. Bis zum Karlsplatz hätte sie noch fahren können, das wäre näher am Proberaum gewesen, aber es wird ihr jetzt wirklich zu viel. Diese U-Bahn, diese Schwüle, dieser Max.

Mühsam bahnt Gudrun sich ihren Weg durch den Naschmarkt, wo die Hitze den Geruch nach Käse, nach Fisch und Kebab so sehr verstärkt, dass man beinahe sagen könnte, es stinkt. Dabei versucht sie, an nichts zu denken. Während sie sich durch die Hitze und den Gestank an hunderten Touristen vorbeikämpfen muss, versucht sie, nicht an Max zu denken, nicht an das, was er gesagt hat, nicht an die Schmerzen in ihrer Schulter und nicht an den starken Wunsch, die Leute einfach mit Nachdruck beiseitezuschieben.

(Die leere Stadt)

Der Sommer in Wien ist faul und zäh. Es passiert wenig und nichts von Belang. Die Stadt fühlt sich leer an, aber das ist sie nicht. Die Stadt wird von Touristen übernommen, sie rauben ihr das Gesicht. Es ist eine innere Leere, die herrscht.

Wer kann, verlässt Wien, wer bleiben muss, versucht sich mit den vielen freien Parkplätzen zu trösten.

Max muss bleiben, die Parkplätze trösten ihn ungemein. Untertags muss er im Labor stehen, wo es sehr heiß ist, aber er weiß, dass er sich abends in sein Auto setzen und über den Ring nach Hause fahren kann, wo er es direkt in der Kleinen Pfarrgasse abstellen, die Stiege hinaufgehen und anschließend Lauras Bauch anfassen kann. Es ist eine gute Zeit, könnte man sagen.

Jetzt zum Beispiel ist Abend, und er sitzt mit Laura beim Essen, sie hat gekocht. Sie hat sich trotz der Hitze und trotz der Schwangerschaft an den Herd gestellt und Essen zubereitet, hauptsächlich Gemüse, weil es doch heiß ist, sie hat es getan, weil sie ihn liebt, denkt er, und weil sie es schön findet, mit ihm zu essen, und ihm fällt ein, dass Gudrun das nie für ihn getan hat.

Ich habe heute Gudrun getroffen, sie war eigenartig.

Die ist doch immer eigenartig.

Ich habe sie nach Margot gefragt, ich habe länger nichts von ihr gehört.

Das stimmt, wir haben lange nichts von ihr gehört. Margot ist auch ein komischer Mensch, oder.

Du kennst sie doch gar nicht richtig. Gudrun hat mir keine Antwort gegeben. Ich werde Peter fragen, wenn ich zu ihm ins Lokal komme.

Und grüß ihn von mir, sagt Laura.

Später, als es dunkel wird, sitzen sie noch auf dem Balkon, wo es ganz still ist; die Nachbarn sind alle verreist. Max streicht über Lauras Bauch und er freut sich, aber er freut sich nicht so sehr, wie er sich untertags vorgestellt hat, dass er sich freuen wird, und er fragt sich, warum das immer wieder so sein muss.

(Ungargasse)

Ich wollte schon immer nach Wien. Aber nicht, weil ich Geschichten aus dem Wiener Wald gelesen habe. Auch nicht, weil ich Die Strudlhofstiege gelesen habe (das habe ich nicht) und nicht wegen Falco, den ich seit meiner Kindheit verehre; sondern weil ich Malina gelesen habe. Wer das Buch kennt, weiß, dass Wien darin keine sehr große Rolle spielt.

Nach meiner Ankunft habe ich angefangen, die Stadt abzusuchen. Ich habe die Stadt aus dem Buch gesucht. Ich habe nicht viel gefunden. In der Ungargasse: Am Haus Nummer5 eine Gedenktafel für Beethoven, der seine 9.Sinfonie hier beendet hat. Am Haus27 eine für Jakob Degen, Schweizer Flugpionier und Erfinder. An 6 und 9 keine Tafeln. Für wen auch.

Ich fand das trotzdem nicht richtig. Ich wollte noch ein steirisches Bier beim alten Heller, Nummer34, trinken, aber die Gaststube war mir zu finster. Ich kaufte eine Dose Ottakringer an der U-Bahnstation Rochusgasse und nahm sie mit nach Hause. Alles war anders, als ich es mir vorgestellt hatte.

Ich habe die Stadt nach Malinas abgesucht. Ich habe nicht viele gefunden. Im Telefonbuch ein paar Einträge: Helmuth und Erna Malina. Rudolf Malina, sinnliche Fotografie. Marlen Malina, bescheuerter Name. Für mich war kein Malina dabei.

Ich habe angefangen, die Stadt nach mir abzusuchen. Ich habe nicht viel gefunden. Nichts, was mich an mich erinnert hätte. Keinen Grund, hier zu sein, und auch keine Berechtigung. Offensichtlich hatte ich hier nichts verloren.

Also bin ich geblieben.

Erst später habe ich weitergesucht. Ich habe begonnen, in Büchern zu suchen. Ich habe die Bibliotheken der Universität und der Stadt Wien nach der Stadt Wien in den Werken Ingeborg Bachmanns abgesucht. Ich habe nicht viel gefunden. Dafür habe ich herausgefunden, dass Bachmann in der Ungargasse nie gewohnt hat, sondern in der Beatrixgasse, einer Querstraße, außerdem in der Gottfried-Keller-Gasse, ein paar Straßen weiter. Ob dort Gedenktafeln hängen, weiß ich nicht. Ich habe es unterlassen, hinzufahren, ich habe mir untersagt, nachzusehen.

Sieben Jahre hat sie hier nur verbracht, trotzdem ist Wien zum Hauptschauplatz ihrer Texte geworden. Ich war länger hier. Es ist mein Hauptschauplatz geworden.

Als Ingeborg Bachmann vor über sechzig Jahren in Wien ankam, war es nicht Sommer, es war Herbst. Es war Herbst, als ich vor gut zehn Jahren in Wien ankam. Es ist bald Winter geworden.

(Margot)

Nach so einem klebrigen Sommertag ist der Abend in der Stadt schön. Die Hitze ist verschwunden, aber die Wärme hängt noch in den Mauern und liegt auf den Straßen, und man kann im Schanigarten sitzen, ohne zu schwitzen, ohne zu frieren. Nach so einem Tag legt sich die Nacht über die Stadt, als wäre sie ein Baumwolltuch, das alles sacht und sorgsam einhüllt. Man kann sich sicher fühlen an so einem Abend, in so einer Nacht.