Titel

Silvia Tennenbaum

Straßen von gestern

Roman

Aus dem Englischen
von Ulla de Herrera


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Schöffling & Co.




Im Andenken an meine Mutter
Lotti Steinberg, geb. Stern,
die in meinem Leben und meiner Arbeit
immer gegenwärtig ist.




Es bleibt uns vielleicht irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.

Rainer Maria Rilke
Erste Duineser Elegie

Karte

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Erstes Kapitel

1903

EDUARD WERTHEIM fand alle Babys häßlich, und er versäumte es nie, dies ihren Müttern mitzuteilen. Als er an einem strahlenden Frühlingstag das Wohnzimmer seiner Schwägerin betrat, um sich zum erstenmal Helene anzusehen, die in Caroline Wertheims Armen lag, rief er: »Mein Gott! Sie sieht aus wie ein wütendes Äffchen!«

Hedwig, die Kinderfrau, schnaubte entrüstet, und das zaghafte Lächeln verschwand aus Carolines Gesicht. Sie saß auf einer eleganten Empire-Chaiselongue, einen weichen, weißen Morgenrock aus Musselin über ihrem voluminösen Batistnachthemd, doch sie fühlte sich nicht wohl; ihre Brüste waren fest umwickelt, um den Milchfluß zu unterbinden. Dr.Schlesinger, der Arzt der Familie, beachtete es nicht, wenn sie über ihren unbehaglichen Zustand klagte, und verordnete weiter Ruhe und leichte Nahrung. »Kein Gänseschmalz«, sagte er schmunzelnd.

Trotz der Beschwerden versuchte Caroline, zu all ihren Besuchern freundlich zu sein, besonders zu Edu, über den sie sich häufig ärgerte. »Ich finde, sie ist schön«, sagte sie. »Du magst einfach keine Babys!«

»Sie wird schön sein, sobald sie anfängt, ihrer Mutter zu ähneln«, erwiderte Edu galant. Eine Wolke von Zigarrenrauch quoll aus seinen Nasenlöchern; er wartete darauf, daß Caroline ihm verzieh.

»Das Kind wird noch ersticken«, brummte Hedwig, nahm Lene aus den Armen ihrer Mutter und rauschte mit ihr hinaus.

Caroline, die keineswegs besänftigt war, wußte nicht, was sie mit diesem Schwager reden sollte, der sich, obwohl erst zwanzig, das Air eines Mannes von Welt gab. Er war gerade von einem zweijährigen Aufenthalt in Amerika zurückgekehrt und hatte ein festes Urteil über alles und jedes. Aber auch er wußte im Augenblick nichts zu sagen. Er besaß noch nicht die nötige Ungezwungenheit im Gespräch mit Frauen und auch nicht die Gewandtheit, einen toten Punkt in der Unterhaltung mühelos zu überwinden. Er war geistreich und witzig, aber er brauchte ein männliches Gegenüber, um in bester Form zu sein; bei Frauen wurde sein Esprit allzu leicht zur Kränkung.

»Jetzt, da ich das kleine Monstrum bewundert habe, kann ich mich verabschieden«, sagte er. Caroline lächelte ihm erleichtert zu. Sie hatte weder etwas für seinen Zigarrenrauch noch für seinen Humor übrig, und seine Selbstgefälligkeit empfand sie als beleidigend.

»Ich danke dir für deinen Besuch«, sagte sie, seinen flüchtigen, pflichtschuldigen Kuß entgegennehmend. »Wir haben uns alle gefragt, ob du wohl in Amerika bleiben würdest.«

»Amerika ist nichts für mich«, verkündete er großspurig. »Die Männer haben nicht einen kultivierten Knochen im Leib; sie könnten ebensogut mit Kriegsbemalung herumlaufen wie die Indianer. Und die Frauen! Alles alte Vetteln! Und Frauenrechtlerinnen«, setzte er hinzu. Er war aufgestanden, um zu gehen, blieb aber einen Augenblick stehen– ein schlanker, gutaussehender Mann, in das Beste gekleidet, was englische Schneiderarbeit liefern konnte– und blickte sich im Zimmer um. Er sah, wie das Licht, das über die Mahagonimöbel glitt, den alten Teppich in einen üppigen, farbenfrohen orientalischen Garten verwandelte. Es war schön, wieder daheim in Deutschland zu sein, vor allem in Frankfurt, bei den Seinen.

Edu drückte die Zigarre in dem sauberen Marmoraschenbecher aus, der genau in der Mitte der Brokatdecke auf dem kleinen Tisch neben der Tür stand. »Laß es dir gutgehen«, sagte er zu Caroline, die ihre Augen vor der eindringenden Sonne geschlossen hatte, »und grüße meinen Bruder Nathan von mir.«

»Wir sehen uns am Samstag«, murmelte sie.

Er schloß behutsam die Tür. Es war niemand in der unteren Halle, um ihn hinauszulassen, und so nahm er selbst seine Melone vom Hutständer und hinterließ kein Trinkgeld für das unaufmerksame Hausmädchen. Er stieg die breiten Stufen vor dem Haus seines Bruders hinab, und sein Blick fiel auf den lila Flieder, der in duftender Fülle kaskadenartig über die Gartenmauer fiel, und die stattliche Kastanie, über der zarte, weiße Lämmerwolken im endlosen blauen Maienhimmel schwebten. Aber er sah auch, daß die geschwungene steinerne Balustrade gereinigt werden mußte und daß das Eisentor einen neuen Anstrich brauchte.

Edu war mit sich und der Welt zufrieden. Er beschloß, auf dem Heimweg einen Bummel durch den Palmengarten zu machen. Während er gemächlich dahinschlenderte, dachte er an die Zeit in New York, wo er im Bankhaus Kuhn, Loeb & Co. gelernt hatte. Für ihn war es eine Verbannung gewesen. Er hatte seine Arbeit gewissenhaft, ja sogar eifrig erledigt, aber es war ihm nicht gelungen, seine Einsamkeit zu überwinden. Die lärmenden Amerikaner, voller Optimismus und Naivität, hatten ihn eingeschüchtert. Er hatte keine Freunde gefunden. Und er war nicht, wie er gehofft hatte, von den besten amerikanischen Familien mit offenen Armen empfangen worden, obgleich sein Vater, Moritz Wertheim, sich seiner guten Beziehungen zu Jacob Schiff rühmte.

»Mein Großvater hat in der Judengasse direkt gegenüber von den Schiffs gewohnt«, sagte Moritz jedesmal, wenn er an die Zeit im Judenviertel zurückdachte, »und die Familien waren eng befreundet. Alle Welt spricht über die Rothschilds, aber sie sind nicht die einzige bedeutende Familie, die aus dem Frankfurter Ghetto stammt. Sie sind die reichste, gewiß, aber auch einigen anderen von uns ist es nicht gerade schlecht ergangen.« An diesem Punkt angelangt, neigte er sich unweigerlich vornüber. Er hielt diese kleine Rede schon fast gewohnheitsmäßig jedem seiner Kinder und Enkel, sobald sie alt genug waren, ihn zu verstehen. »Und etwas darfst du nicht vergessen«, pflegte er zu sagen. »Es gibt noch eine andere Art von Prestige– die alten Juden nannten es jichus–, und davon besaß unsere Familie sehr viel, selbst als wir noch nicht das Geld hatten.«

»Ich weiß«, pflegte Edu seinem Vater zu antworten, aber die kleine Predigt umschwebte seinen Kopf wie die Dämpfe, mit denen seine Mutter Erkältungen kurierte– ein seltsam duftender Hauch der Vergangenheit, ohne Beziehung zu dem, was er als Gegenwart kannte.

»Es hat etwas mit Rechtschaffenheit und Tugend zu tun, mit Güte und Ehrfurcht vor denen, die Reichtümer des Geistes besitzen: Wissen und Gelehrsamkeit. Geh hin und lies– aber natürlich kannst du das nicht– die Worte auf den Grabsteinen des alten Friedhofs, dann wirst du wissen, was deine Vorfahren für so wichtig hielten, daß die Welt es erfahren und Gott nicht vergessen sollte.«

Daraufhin lehnte sich Moritz immer in seinem Stuhl zurück, und Edu machte ein ernstes Gesicht, denn er wußte, daß das von ihm erwartet wurde. Aber jetzt fragte er sich, warum er während seiner Lehrzeit so wenig von Jacob Schiff zu sehen bekommen hatte, wenn die Familienbeziehung so eng war, wie sein Vater behauptete. Nur ein einziges Mal war er zu einem Freitagabend-Essen eingeladen worden. Es hatte ihn, wie er seiner Familie berichtete, nicht sehr beeindruckt. Die Frömmigkeit stieß ihn ab. »Stellt euch vor, die Männer mußten Scheitelkäppchen tragen! In der heutigen Zeit!« Außerdem (und dies war, wie er zugab, nicht die Schuld von Jacob Schiff) wurde New York von einer Million oder mehr mittelloser Einwanderer überschwemmt, von denen viele, wenn nicht die meisten, Juden aus Osteuropa waren. »Ihr werdet schon sehen, was das für einen Antisemitismus in ihrer kostbaren Demokratie hervorrufen wird«, sagte er, und seine Mutter, Hannchen, nickte. Sie stimmte immer mit Edu überein; er war der jüngste ihrer fünf Söhne und ihr erklärter Liebling.

Edu schlenderte zufrieden durch den Palmengarten, den er wegen seiner Vielfalt an heimischen und exotischen Pflanzen liebte. Er hatte seine Wege und Treibhäuser ausgekundschaftet, solange er denken konnte, hatte die Blumen und Kakteen, die tropischen Palmen und Orchideen genau untersucht und sogar ihre lateinischen Namen gelernt. Die Gärtner kannten und grüßten ihn. Obwohl sie im allgemeinen wortkarg waren, erklärten sie ihm sogar hin und wieder die Pflege einer besonders kostbaren Pflanze. Pflanzen zu züchten erschien Eduard Wertheim eine großartige und befriedigende Beschäftigung; die schwere Arbeit wurde mit Schönheit oder süßem Duft belohnt, und man brauchte dabei keine rührselige Zuneigung zu zeigen.

AN DEM SAMSTAG nach Edus Besuch beim Baby traf sich die ganze Familie Wertheim nachmittags im Haus von Nathan und Caroline in der Guiollettstraße. Samstags kamen sie, wenn nichts anderes auf dem Programm stand, für gewöhnlich zum Tee zu Nathan. Der Sonntag gehörte unwiderruflich den Eltern, Hannchen und Moritz, einschließlich des Mittagessens um Punkt eins. Nathan, ein Rechtsanwalt, war der älteste Sohn und der gesetzteste, pedantisch und melancholisch und ein wenig eigenbrötlerisch. Er hielt seinen kleinen Spitzbart kurz, und die Enden seines Schnurrbarts waren ganz leicht gezwirbelt. Obwohl erst dreißig, war er fast kahl und sich dessen so peinlich bewußt, daß er sich nie ohne Hut photographieren ließ.

Der zweite Sohn, Siegmund, neunundzwanzig, arbeitete in der Wollgroßhandlung seines Vaters und galt als der gewandteste der ganzen Familie. Er war auch der sorgloseste, und er spielte Cello– wenn auch schlecht. Man hörte ihn häufig sagen, er hätte als Landedelmann geboren werden sollen, damit es ihm erspart geblieben wäre, jeden Tag zur Arbeit gehen zu müssen. Im Büro flirtete er mit den Sekretärinnen und gewann mit seinem Charme die Sympathien der Handlungsreisenden. Nie arbeitete er eine Minute länger als nötig. Sein Schwiegervater war sehr reich. Pauline, seine Frau, hatte, da sie in Luxus aufgewachsen war, schon früh einen Blick für Kleider und eine Vorliebe für üppige Gesellschaften entwickelt.

Gottfried, achtundzwanzig und unverheiratet, war seit seinem dritten Lebensjahr zu seinem guten Aussehen beglückwünscht worden, und obgleich alle erwartet hatten, daß er zu einem eitlen Mann heranwachsen würde, hatte doch niemand gedacht, daß Genußsucht und Hemmungslosigkeit eine so große Rolle in seinem Leben spielen und seiner Fähigkeit, wirkliche Freunde zu gewinnen, solch enge Grenzen setzen würden. Gottfried arbeitete ebenfalls in der Firma seines Vaters und drängte ihn, größere Risiken einzugehen, als der alte Mann für klug hielt. Die Beziehung zwischen den beiden war keine sehr glückliche.

Der fünfundzwanzigjährige Jacob, wortkarg und intelligent, hatte nie zu hören bekommen, daß er gut aussehe. Vielmehr sah man in ihm das häßliche Entlein der Familie, aber er hatte schon als Kind entdeckt, daß sein Vater seine geistigen Gaben schätzte und ihretwegen gegen ihn nachsichtig war. Er hatte, wie seine Mutter es ausdrückte, »mehr Jahre, als ihm guttaten«, auf der Universität verbracht, und er spielte im Amateurquartett seines Bruders Siegmund die zweite Geige.

Außer Gottfried trafen an diesem Sonnabendnachmittag alle Brüder pünktlich bei Nathan ein. Es war wieder ein herrlicher Frühlingstag, und Edu schwang eine Rede über sein Lieblingsthema: Er analysierte den amerikanischen Charakter und beschrieb die schlechten Lebensbedingungen im Armenviertel von New York. Nathan, der gerade von einem kurzen Aufenthalt in Berlin zurückgekehrt war, bemerkte dazu, daß auch dort die Einwanderung polnischer Juden zu einer Bedrohung würde.

»Dann können wir Gott danken, daß wir in Frankfurt leben.« In Jacobs Stimme lag ein Anflug von Sarkasmus.

»Sie werden auch hierher kommen«, sagte Siegmund.

»Ich lag in New York nachts im Bett und stellte mir vor, daß ich wieder hier wäre, durch den Palmengarten ging oder mit der Straßenbahn nach Bockenheim fuhr. Um einzuschlafen, zählte ich im Geist der Reihe nach die Haltestellen auf.«

»Gab es denn nichts in New York, was dir gefallen hat?«

»Ich habe gelernt, unter Wilden zu überleben. Mir gefiel der Gedanke, Herr meines Schicksals zu sein.«

Die Männer saßen im Salon zusammen, während die Frauen im Wintergarten plauderten; er ging auf den Garten hinaus, der jetzt, auf dem Höhepunkt des Frühlings, eine überraschende Vielfalt von Grün zeigte– vom glänzenden Dunkel der Magnolien bis zu den federartigen, gelblichen Blättern der Linden. Und das alles wurde von zwei Rotbuchen und einer alten Kastanie überragt. Älter als das Haus, älter als irgend jemand, der jetzt lebte, hatten sie bereits auf diesem Stück Land gestanden, ehe die Stadtmauern niedergerissen wurden, ehe die Juden die engen Grenzen des Ghettos verlassen durften. Vielleicht standen sie sogar schon dort– natürlich noch zart und jung–, als Goethe seiner Geburtsstadt Lebewohl sagte.

Die Fenster des Wintergartens waren geöffnet, und die Frauen unterhielten sich angeregt, während die Kinder– Carolines Zwillinge, Ernst und Andreas; ihre Älteste, Emma; und Pauline Wertheims zwei Töchter, Jenny und Julia– unter den wachsamen Blicken von Fräulein Gründlich, der Erzieherin, auf den Kieswegen spielten. Lene schlief, vor Wind und Sonne geschützt, in ihrem Kinderwagen, die kleinen Hände trotz des milden Frühlingswetters in Fäustlingen aus rosa Wolle, ihr widerspenstiger schwarzer Haarschopf von einer dazu passenden rosa Mütze bedeckt.

Es war nicht ungewöhnlich, daß die Männer und Frauen getrennt zusammensaßen. Wenn die Familie beisammen warentre nous, wie sie es nannten–, sprachen die Männer gern über ihre geschäftlichen Probleme, während die Frauen über die Dienstboten und die jüngsten Skandale im vornehmen Westen Frankfurts schwatzten. Obgleich sie alle gebildet und frei von Vorurteilen waren, sahen sie es doch als gegeben an, daß das Leben einer wohlhabenden bürgerlichen Familie von festen Grundsätzen und Regeln bestimmt wurde, die jedem seinen Platz zuteilten: Die Frauen hatten ihren Wirkungskreis und die Männer einen anderen; Kinder lebten in einer Art Niemandsland (»man sieht sie, aber man hört sie nicht«); und Dienstboten gehörten zum »ungewaschenen Volk«. Hannchen Wertheim inspizierte persönlich jeden Morgen die Fingernägel ihrer Mädchen und schnupperte diskret an der Kleidung der Dienstboten. Nur Jacob, den das endlose Gerede der Männer über Geschäfte langweilte, sowie Carolines Schwester, Eva Süßkind, stellten gelegentlich die Unveränderlichkeit der gesellschaftlichen Ordnung in Frage. Eva war neunzehn und wollte studieren oder arbeiten; keinesfalls wollte sie heiraten. Sie hatte »fortschrittliche« Ansichten, und man nahm an, daß der frühzeitige Tod ihrer Mutter und ihr eigenes herbes Gemüt gleichermaßen zu ihren unkonventionellen Anschauungen beigetragen hatten. Hannchen war überzeugt, daß sie sich weniger schroff geben würde, wenn sie hübscher wäre, aber Caroline wußte, daß das Wesen ihrer Schwester, nicht ihr Gesicht, für ihre unabhängige Art und Weise verantwortlich war. Manchmal hatte sie den vagen und flüchtigen Wunsch, selbst etwas von Evas Zielstrebigkeit zu besitzen.

Die Süßkinds waren von niedrigerer Herkunft als die Wertheims. (Und zwar– so sah es Moritz–, weil sie noch nicht lange in der kultivierten Atmosphäre Frankfurts lebten.)

Carolines Vater war Drogist. Er war erfolgreich, das war nicht zu leugnen, aber sein Laden und seine Wohnung lagen in der Grünen Straße, nahe dem Zoo, im schrecklich ungepflegten Osten der Stadt. Er stammte aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Mainz und war schon als junger Mann nach Frankfurt gekommen. Seine Angehörigen waren einfache und fromme Landjuden, die schlammbespritzte Stiefel trugen und alle in einem Raum schliefen– zweifellos zusammen mit den Hühnern! Gewiß, Süßkind war ehrgeizig, und er hatte sich hochgearbeitet. Er war entschlossen, seinen ältesten Sohn, Jonas, auf die medizinische Fakultät zu schicken, und Elias, der jüngere, sollte an der Freiburger Universität Kunstgeschichte studieren. Elias und Edu waren Schulfreunde gewesen, und die meisten Klagebriefe des heimwehkranken jungen Lehrlings in Amerika waren an Elias gerichtet.

Hannchen Wertheim war mit ihrem Charme und Esprit wie immer der Mittelpunkt der Runde, die sich an diesem Samstag im Wintergarten versammelt hatte. Es kümmerte sie dabei nicht im geringsten, daß es das Haus ihres Sohnes und nicht ihr eigenes war. Sie beherrschte das Gespräch überall, selbst das der Männer, und hatte schon so manches Ladenmädchen zum Weinen gebracht und zahllose Händler in Angst und Schrecken versetzt. Sie war sehr stolz– stolz, mit einem guten und erfolgreichen Mann verheiratet, stolz, die Mutter von fünf Söhnen, stolz, eine Bürgerin von Frankfurt am Main zu sein. Sie verkündete ihr Urteil über alles, selbst über ihre Söhne, und verhehlte nie, wer ihr Liebling war oder wer ihr mißfiel. Daß ihre Ehe mit Moritz eine glückliche war, stand außer Zweifel; auch das ließ sie alle wissen. Moritz vergötterte sie und schrieb ihr all das Gute zu, das in der Familie geschah. Wenn irgend etwas danebenging, so geschah es, weil Hannchen dabei nicht ihre Hand im Spiel gehabt hatte. Sie war eine stämmige Frau, gutaussehend, aber nicht schön, einen Kopf größer als ihr Mann, und sie ging an einem Ebenholzstock, den sie eigentlich gar nicht benötigte. Sie war in Bockenheim, damals ein kleiner Ort westlich von Frankfurt, geboren, wo ihre Familie eine kleine Möbelfabrik besaß. Ihr Vater hatte schon als junger Mann die frommen Bräuche aufgegeben, aber Hannchen versäumte es nie, an den hohen Feiertagen in die Synagoge zu gehen oder am Todestag ihrer Eltern eine Spende zu schicken.

Moritz war geborener Frankfurter. Seine Familie war schon im frühen siebzehnten Jahrhundert in der Judengasse der Altstadt ansässig gewesen, und er kannte sich in der Geschichte ihrer Bewohner und der Topographie ihrer alten Behausungen ebensogut aus wie im Textilgeschäft. Er sagte allen, die es hören wollten, oft und mit großem Vergnügen, daß mehr Juden als Christen ihre Wurzeln bis ins Frankfurt von 1500 zurückverfolgen konnten. Jetzt, da er kurz davorstand, sich zur Ruhe zu setzen, und ein wenig leidend war, ging er den Leuten mit diesem Thema oft auf die Nerven, und viele seiner Bekannten, vor allem die Nichtjuden, fingen an, ihn zu meiden. Obwohl ziemlich klein, war er immer noch eine eindrucksvolle Erscheinung mit seinem großen Kopf mit dem schneeweißen Haar, dem altmodischen Schnurrbart und dem Backenbart. Er war halsstarrig in seiner Abneigung gegen die Preußen, die 1866 als Eroberer in Frankfurt einmarschiert waren, und gerecht mit seinen Söhnen. Jacob stand seinem Herzen am nächsten, schien am meisten dazu geeignet, die geheiligte Tradition von Bildung und Gelehrsamkeit wiederaufleben zu lassen, die in dem hartnäckigen Kampf, aus dem Ghetto in eine führende Stellung in Frankfurts Kaufmannschaft aufzusteigen, verlorengegangen war. Diese Handelswelt war in der Tat bedeutend, denn Frankfurt hatte eine lange kaufmännische Tradition, auf die Goethe allerdings mit all der Geringschätzung herabgesehen hatte, deren sein Genie fähig war.

Moritz hatte für Jacob einen Treuhandfonds errichtet, für den Fall, daß er eines Tages außerstande sein sollte, sich einen angemessenen Lebensunterhalt zu verdienen. Seine Chancen, einen Ruf an eine Universität zu bekommen, waren zweifellos gering; man mußte immer noch zum Christentum übertreten, um für annehmbar befunden zu werden, und bei Jacobs störrischem Stolz war es höchst unwahrscheinlich, daß er sich zu solch einem Schritt entschließen würde. Seine Brüder hatten keinen Einwand gegen dieses Arrangement erhoben, obgleich sie gegen Jacob äußerst kritisch waren. Vor allem Edu ließ sich keine Gelegenheit entgehen, ihn wegen seiner nachlässigen Art, sich zu kleiden, und seines ungeregelten Lebens herunterzuputzen. Aber er konnte nie lange ärgerlich bleiben, denn Jacob war großzügig und gutmütig, und er amüsierte sie mit seinem Talent zur Pantomime.

»Einen unnützen Intellektuellen zum Sohn zu haben verleiht der Familie einen gewissen Cachet«, sagte Moritz an diesem Nachmittag im Salon in einer Wolke von blauem Rauch. Und dann setzte er mit gedämpfter Stimme und erhobenem Zeigefinger hinzu: »Es ist sehr viel besser, als ein schwarzes Schaf zu haben, einen Homosexuellen oder einen Dieb, den man in die Tropen schicken muß. Wie ihr euch vielleicht erinnert, erwähnt sogar die Haggadah den ›schlechten‹ Sohn. Es gibt ihn in zahlreichen angesehenen jüdischen Familien.«

In diesem Augenblick öffnete sich wie auf ein Stichwort die Tür, und Gottfried trat ein. Er trug eine Blume im Knopfloch und strömte einen starken Geruch von Haarwasser aus.

»Puh!« Edu schnitt eine Grimasse.

»Wir haben gerade über dich gesprochen«, sagte Jacob, dem strengen Blick seines Vaters ausweichend.

»Sicher nicht sehr freundlich«, erwiderte Gottfried. »Verzeih, daß ich zu spät komme«, sagte er, an Nathan gewandt, »aber der Friseur hat mich warten lassen. Er sagte, es sei nicht seine Schuld, er habe den französischen Kulturattaché rasieren müssen. Habe ich viele von Edus Geschichten über Amerika versäumt?«

»Er beklagt sich über New Yorks Elendsviertel«, sagte Siegmund, »und glaubt, die Neger könnten unruhig werden.«

»Ich würde lieber etwas über die besseren Leute hören«, bemerkte Gottfried, sich an Edu wendend. »Hast du denn keinen Kuhn oder Loeb kennengelernt?«

Edu errötete zornig.

»Laß den armen Jungen in Ruhe«, sagte Moritz, »und geh deine Mutter begrüßen.«

Als Gottfried hereinkam, sprachen die Frauen gerade über Hannchens Hausmädchen. »Was, sie ist schon wieder schwanger?« fragte Pauline ungläubig.

»Ich konnte es auch kaum glauben«, erwiderte Hannchen. »Stell dir vor, zum drittenmal! Gott sei Dank sind die ersten zwei gestorben.«

»Hat sie nicht versucht, es abzutreiben?« fragte Caroline zögernd. Sie hatte immer ein behütetes Leben geführt, und das Wort »abtreiben« machte sie schaudern. Es beschwor schreckliche Bilder herauf– von armen Leuten in düsteren Zimmern, in denen es nach Kohl und Desinfektionsmitteln roch. Schmutzige alte Frauen gingen dort mit Stricknadeln ihrer grauenvollen Arbeit nach. Ein Wunder, daß nicht noch mehr ihrer Opfer starben.

»Sie hat das erste abgetrieben«, sagte Hannchen, »und ist tagelang nicht zur Arbeit gekommen. Als sie schließlich eintraf, blaß wie der Tod, blutete sie immer noch, und ich mußte Dr.Schlesinger rufen. Zum Glück kam er sofort. Das zweite Baby war eine Frühgeburt und hat nur ein paar Stunden gelebt. Sie hat monatelang darüber gejammert, ohne mir je zu sagen, was wirklich geschehen ist.«

»Ich kann meine Mädchen auch nicht dazu bringen, über ihr Privatleben zu sprechen«, bemerkte Pauline, der noch nie zuvor in den Sinn gekommen war, daß Dienstmädchen ein Privatleben haben könnten.

»Sie glauben, wir wollen uns in ihre Angelegenheiten mischen«, sagte Caroline.

»Wo wir doch nur versuchen, ihnen zu helfen«, mischte sich Gottfried ein, der im Türrahmen gestanden und das Gespräch mitangehört hatte.

»Mach dich nicht über uns lustig«, sagte Hannchen.

»Keine Sorge«, erwiderte Gottfried, »du kannst sicher sein, daß die sogenannten Christen ihre Hausangestellten sehr viel schlechter behandeln als wir.«

Hannchens Schwester Berthe, die so klein und dick war, daß man ihr den Spitznamen Queen Victoria gegeben hatte, betupfte sich den Mund mit einer Leinenserviette– die sie selbst zu Carolines Hochzeit umsäumt und mit Initialen bestickt hatte– und sagte: »Mir scheint, daß wir von nichts anderem als von Dienstboten reden.« Sie war eine alte Jungfer und konnte sich nur stundenweise eine Reinemachefrau leisten.

Es war dunkler geworden im Wintergarten, der Tag ging langsam in Dämmerung über, das Grün des Gartens verblaßte zu einem fahlen Violett; die Kinder waren längst wieder im Kinderzimmer.

»Ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns zu den Männern gesellen«, sagte Caroline, und sie gingen in den Salon.

Gottfried sah auf seine Taschenuhr. »Ich muß gehen«, sagte er. Er schüttelte seinem Vater die Hand und küßte seine Mutter pflichtschuldig auf die Stirn.

»Kannst es nicht erwarten, von uns wegzukommen?« fragte Moritz wie jedesmal, wenn Gottfried davoneilte.

»Ich komme zu spät zu einer Verabredung«, war die stets gleichlautende Antwort.

»Ich weiß nicht, warum er sich die Mühe macht, überhaupt zu erscheinen«, bemerkte Edu, nachdem die Tür hinter seinem Bruder zugeschlagen war.

»Ich war heute in der Buchhandlung«, berichtete Pauline der Gesellschaft im allgemeinen, »und habe entdeckt, daß eine deutsche Übersetzung von The Picture of Dorian Gray erschienen ist…«

»Ich bin überrascht, daß man es genehmigt hat«, sagte Berthe.

»Natürlich habe ich es in Englisch gelesen«, fuhr Pauline fort, »aber ich habe einen Blick auf die Übersetzung geworfen und fand sie recht gut. Ich kann das Buch sehr empfehlen. Es ist außerordentlich originell.«

»Der Mann ist ins Gefängnis gesperrt worden«, sagte Berthe.

»Worüber redet ihr eigentlich?« fragte Hannchen ein wenig verärgert. Sie sah es nicht gern, wenn ihre Schwester die Unterhaltung beherrschte.

»Er war ein moralisch entarteter Mensch«, erklärte Berthe selbstgerecht.

»Hast du noch andere kulturelle Neuigkeiten für uns?« fragte Moritz Wertheim seine Schwiegertochter Pauline.

»Ich habe gehört, das Städel bemüht sich um Gelder, um einen großen Rembrandt aus einer Wiener Sammlung zu erwerben.«

»Das ist die Chance für dich«, sagte Jacob. »Wenn du dem Städel das Geld gibst, sicherst du dir den Aufstieg in den Olymp der Kultur und gleichzeitig wirst du in die ersten Kreise aufgenommen.«

»Hatten die Schiffs gute Gemälde?« fragte Hannchen, an Edu gewandt.

»An dem Abend, als ich dort war, war es so dunkel, daß ich nicht richtig sehen konnte, was sie an den Wänden hängen hatten«, erwiderte er. »Die Möbel waren gediegen, die Bilder vermutlich auch.«

»Sicherlich hat man doch in Amerika nicht viel Sinn für große Kunstwerke?« bemerkte Jacob ironisch.

»Groß, groß, groß«, schnaubte sein Vater verächtlich. »Edu sagt, sie interessieren sich dort drüben nur für Quantität.«

An den Wänden von Moritz’ und Hannchens großem und stattlichem Haus in der Neuen Mainzer Straße hingen zahlreiche Kopien von Gemälden alter Meister, deren Originale man jenseits des Mains in den Sälen des Städel sehen konnte.

»Ich rate dir, zu dem Fonds für den Ankauf von ›Samson und Delila‹ beizusteuern«, sagte Edu.

»Woher weißt du, um welches Bild es geht?« fragte Pauline, gekränkt, daß er über Informationen verfügte, die ihr vorenthalten worden waren.

»Ich habe meine Quellen«, erwiderte er mit einem huldvollen Lächeln.

»Die neuen Arbeiten, die von den Künstlern der Berliner Sezession ausgestellt werden, sollen absolut phantastisch sein«, sagte Pauline rasch und war hoch erfreut zu sehen, daß sie das letzte Wort in der Angelegenheit hatte. Edu nahm sich vor, Elias nach diesen Bildern zu fragen.

Ein letzter goldener Sonnenstrahl, der aus den dunklen Wolken am Horizont hervorbrach, durchflutete das Zimmer. Er glitt über die Glastüren der Vitrine und ließ die silbernen Gegenstände darin einen Augenblick lang aufblitzen. Ehe er hinter der hohen, vom Flieder überwucherten Mauer verschwand, traf sein glühendes Licht auf den Teerosenstrauß, der in einer schlanken Kristallvase auf dem Flügel stand.

Caroline, die allein auf dem Ecksofa saß, empfand diesen Augenblick als »magisch«. Sie ließ sich gern von solch kleinen farbenfrohen Details fesseln. Sie gaben ihr das Gefühl, so etwas wie eine Künstlerin zu sein.

»Die Tage werden länger«, sagte Hannchen und fuhr dann ohne Zusammenhang fort: »Ich lese gerade Die Buddenbrooks von Thomas Mann.« Sie seufzte. »Es ist sehr lang, wie Romane eben so sind.«

»Nicht länger als Krieg und Frieden«, sagte Jacob, »und auch nicht ganz so gut.«

»Er verrät alle Familiengeheimnisse«, sagte Berthe, stolz, den Roman schon bei seinem ersten Erscheinen vor zwei Jahren gelesen zu haben. »Das Buch hat ganz Lübeck in Aufruhr versetzt.«

»Ich bin Thomas Mann einmal in München begegnet«, sagte Pauline mit Genugtuung, »auf einem Kostümfest.«

Die alte Biedermeieruhr schlug sechs, und Moritz holte seine Taschenuhr heraus, um sich zu vergewissern, daß die beiden Zeitmesser übereinstimmten. Siegmund und Jacob gähnten, fast unisono. Es blieb noch viel Zeit bis zum Abendessen, und ein paar Minuten lang schwiegen alle, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Hannchen dachte an die ruhigen, friedlichen Sabbatnachmittage in ihrem Elternhaus. Sie hatte nie wieder dergleichen erlebt. Jetzt gab es Sorgen und Ablenkungen, verborgene Strömungen von Bitterkeit. Ihre Gedanken schweiften nie weit vom Thema Gottfried ab– er würde bestimmt in Schwierigkeiten geraten. Sie erinnerte sich an den ersten Zwischenfall, der ihre Befürchtungen hinsichtlich seines Charakters bestätigt hatte. Er hatte eine Goldmünze aus dem Portemonnaie des Kindermädchens gestohlen. Moritz hatte ihn natürlich bestraft. Er hatte ihm eine gehörige Tracht Prügel verabreicht und ihm befohlen, die Münze zurückzugeben und sich zu entschuldigen. Gottfried tat das widerwillig, denn er wußte genau, daß man ihm nicht verzeihen würde. Kinder aus gutem Hause bestahlen einfach keine Dienstboten.

Es war plötzlich dunkel geworden; Hannchen konnte in den Ecken des Zimmers nichts mehr erkennen. Vielleicht irrte sie sich, und alles würde gut ausgehen. Sie zog es vor, unangenehme Gedanken zu verscheuchen. Es war besser, an erfreuliche Dinge zu denken. Wo sollten sie zum Beispiel ihre Sommerferien verbringen? Es gab so viele hübsche Orte, die Welt wurde mit jedem Tag leichter zugänglich.

»Macht doch um Himmels willen Licht!« sagte Moritz, und dann fingen sie alle langsam an, sich zu verabschieden.

GOTTFRIED WAR FROH, daß er sich so früh aus dem Staub gemacht hatte. Der Abend war schön, die Luft mild– wenn nur seine eigenen Gefühle der Jahreszeit entsprochen hätten! Er war zornig, ohne zu wissen, warum. Die friedliche Atmosphäre der Stadt störte ihn. Er fand sie erstickend, selbstzufrieden, eine Stadt voll bourgeoiser Tugend– und Laster. Kein Wunder, daß seine Familie sie liebte! Den ganzen Nachmittag hatte er sich ihre Loblieder anhören müssen, die gut zu Edus abschätzigen Bemerkungen über New York paßten. Wie lächerlich froh sein Bruder war, wieder »zu Hause« zu sein. Warum hatte man statt dessen nicht ihn geschickt? Er hätte Amerika im Sturm erobert, hätte es mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Edu hatte nicht den Charakter, den man brauchte, um in jenem Land der unbegrenzten Möglichkeiten erfolgreich zu sein. Man mußte ein Spieler sein– dessen war Gottfried sicher–, um New York zu erobern. Nur ein Dummkopf konnte glauben, daß die Zukunft hier lag.

Er ging schnell durch die zunehmende Dunkelheit, ohne auf den Weg zu achten, den er gut kannte. Deshalb bemerkte er die zwei Männer nicht, die sich ihm auf dem Bürgersteig näherten, bis sie plötzlich unmittelbar vor ihm auftauchten. Er sah sie zu spät und stieß mit dem kleineren der beiden zusammen. »Verzeihung«, sagte Gottfried, aber sie versperrten ihm den Weg, und er mußte sie ansehen. Natürlich waren sie betrunken. Sie standen in der Nähe einer Straßenlaterne, die gerade angegangen war. »Saujud!« sagte der größere, und der andere wiederholte: »Saujud!«

»Was?« sagte Gottfried gedehnt. Er war auf die feindselige Haltung der Männer nicht vorbereitet. Sie hoben die Fäuste– zwei ehrbare Bürger mit steifen Filzhüten und gutgeschnittenen Anzügen, die Augen glasig vom Alkohol. »Du hast uns genau verstanden«, sagte der kleinere, und da lief Gottfried los. Er machte sich einfach davon und rannte den Rest des Weges nach Hause– wie ein kleiner Junge, der sich vor Angst in die Hosen macht, sagte er sich, als er die Haustür hinter sich schloß. Er schämte sich. In Wirklichkeit war nichts geschehen, man hatte ihm lediglich ein häßliches Wort ins Gesicht geschleudert; so etwas passierte häufig. Ihm war das bisher noch nie widerfahren, aber er wußte, das war bloßer Zufall. Warum schämte er sich so? Er war in Schweiß gebadet, und seine Knie zitterten. Sobald er in seiner Wohnung war, ließ er heißes Wasser in die Wanne laufen. Er schenkte sich einen Cognac ein und saß lange in dem warmen Bad, bemüht, an nichts zu denken.

DIE KUTSCHE holte Moritz und Hannchen pünktlich um halb sieben ab. »Komm«, sagte Hannchen zu Berthe. »Vite, vite!« Sie hatte es eilig, nach Hause zu kommen, und ließ ihre Ungeduld an der kleinen, dicken Frau aus, die sich dafür nur um so länger und umständlicher von der übrigen Familie verabschiedete. Als sie schließlich im Wagen saßen, gab jeder von ihnen Laute der Billigung, des Behagens und der Müdigkeit von sich.

»Wir müssen unbedingt ein Automobil haben«, sagte Hannchen und legte Moritz die Hand aufs Knie, während das Pferd in flottem Tempo durch die Straßen trabte, vorbei an der Oper, am Reiterdenkmal WilhelmsI. und den Trauerbuchen in den Anlagen, dem anmutigen Park im englischen Stil, der einen grünen Gürtel um die Altstadt bildete.

»Vergeßt mich nicht!« sagte Berthe, die nur ein paar Ecken weiter nach Norden wohnte und nicht einsehen konnte, weshalb sie nie zuerst abgesetzt wurde.

»Bruno weiß Bescheid«, erwiderte Moritz mit einer Kopfbewegung in Richtung des Kutschers. »Er fährt dich heim, sobald er uns nach Hause gebracht hat. Hast du es denn besonders eilig?«

»Nein, nein«, sagte Berthe, die auf die Gefälligkeiten anderer angewiesen war.

»Mathilde Rothschild hat eins«, sagte Hannchen.

»Ein was?« fragte Moritz.

»Ein Automobil. Du hast selbst gesagt, daß der Tag kommen wird, wo niemand mehr einen Pferdewagen benutzt.«

»Was ich sage und was ich meine, ist nicht immer das gleiche.«

»Es wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk«, sagte Hannchen im Flüsterton. Sie wollte nicht, daß Bruno sie hörte.

Das Haus der Wertheims in der Neuen Mainzer Straße stammte aus den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Sein schlichter, fast strenger klassischer Stil wurde jetzt, da eine eklektischere und prunkhaftere Architektur in Mode gekommen war, als altmodisch angesehen, aber es gefiel Hannchen und Moritz. Es war ein sehr großes Haus. Als sie es 1878 kauften, verkörperte es das Äußerste an Vornehmheit und eine Pracht, die sich Moritz’ Großvater, der Galanteriewaren in der Judengasse verkauft hatte, nie für einen seiner Nachkommen hätte vorstellen können.

Sie hatten hier ihre fünf Söhne großgezogen, und Edu wohnte immer noch in einem geschmackvoll »modernen« Appartement im zweiten Stock. (Die anderen Räume waren vor einigen Jahren in dem damals vorherrschenden düsteren und überladenen viktorianischen Stil neu ausgestattet worden.) Der weitläufige Garten hinter dem Haus hatte eine ausgedehnte grüne samtige Rasenfläche, auf der manchmal Krocket gespielt wurde. Der Rasen konnte sich zwar an Größe nicht mit dem der Rothschilds messen, aber der Gärtner schwor, daß er ihm in der Beschaffenheit nicht nachstand.

Moritz fand es töricht, mit den Rothschilds zu wetteifern, aber er ließ Hannchen das Vergnügen– in Grenzen. Er würde ihr vielleicht wirklich das Auto kaufen, dachte er bei sich, falls man Bruno beibringen konnte, es zu fahren.

EDU HATTE SEINE ELTERN nicht nach Hause begleitet; er wollte mit Nathan unter vier Augen sprechen. »Laß uns in deinem Arbeitszimmer einen Cognac trinken«, sagte er.

Siegmund und Pauline, die die Kinder schon lange vor Einbruch der Dunkelheit mit ihrer englischen Gouvernante heimgeschickt hatten, waren gerade im Begriff, sich zu verabschieden. »Pauline braucht viel Ruhe«, sagte Siegmund. »Sie ist nämlich wieder enceinte.«

»Zum drittenmal«, murmelte Jacob.

»Nach zwei Mädchen wird es diesmal vielleicht ein Junge.«

»Ich wollte sagen, du hast uns die gute Neuigkeit heute schon zum drittenmal erzählt«, sagte Jacob.

»Eine gute Neuigkeit kann getrost wiederholt werden«, sagte Caroline, der die Wortgeplänkel ihrer Schwäger immer Unbehagen verursachten. Die Atmosphäre in ihrer Familie hatte sich durch große Zurückhaltung ausgezeichnet– zweifellos eine Reaktion auf den Tod ihrer Mutter. Als seine Frau mit achtundvierzig an Brustkrebs starb, hatte sich Benedict Süßkind konsequent bemüht, seine Kinder ohne die Hilfe einer ständigen Haushälterin oder– Gott behüte– einer zweiten Frau zu versorgen. Sie wurden eine eng verbundene Familie, aber es erforderte Geduld und Nachsicht von seiten aller. Benedict ermahnte seine Kinder ständig, freundlich zueinander zu sein und böse Worte und zornige Erwiderungen hinunterzuschlucken.

Die Sippe der Wertheims hatte keinen Grund, sich eine solche Zurückhaltung aufzuerlegen. Von Anfang an standen sie in lebhaftem Wettstreit miteinander und hielten es nur vor Außenstehenden für notwendig, sich würdevoll und einig zu zeigen. Die Jungen wurden angehalten, nicht nach Art der Ostjuden mit den Händen zu reden, und man bemühte sich sehr, ihnen Hochdeutsch beizubringen und jeden Anflug des vulgären Frankfurter Dialekts zu vermeiden. Dabei hatte Moritz jedoch einen schlechten Einfluß, denn alle seine Lieblingswitze und -geschichten mußten im typischen Tonfall der Frankfurter erzählt werden.

Sobald Siegmund und Pauline fort waren, eilte Caroline nach oben, um nach dem Baby und den Zwillingen, Ernst und Andreas, zu sehen. Jacob folgte dicht hinter ihr, denn die dreijährige Emma hatte ihn gebeten, ihr gute Nacht zu sagen. Sie war ein dunkeläugiges kleines Mädchen mit einem hübschen, runden Gesicht, das von Korkenzieherlocken eingerahmt wurde. Der melancholische Gesichtsausdruck, den sie von ihrem Vater geerbt hatte, machte sie, wie Jacob meinte, viel zu ernst für ein Kind ihres Alters.

»Wie geht es meinem kleinen Liebling?« fragte er.

»Ich wußte, daß du kommen würdest«, flüsterte Emma.

Jacob küßte sie.

»Gib meiner Puppe auch einen Kuß«, bat sie, und er tat es.

»Versprichst du mir, daß du morgen früh lächelnd aufstehen wirst?« sagte er.

»Wenn du mir eine Geschichte vorliest.«

»Jetzt?«

Sie nickte.

»Es ist spät.«

»Dann werde ich morgen nicht lächeln.«

Jacob drehte das Licht höher und nahm den Struwwelpeter aus dem Regal. »Welche Geschichte soll ich vorlesen?« fragte er. »Die von Paulinchen, das mit den Streichhölzern gespielt hat und ganz und gar verbrannte?«

Bevor er zu der Stelle kam, wo die zwei Katzen über der Asche des kleinen Mädchens weinen, war Emma fest eingeschlafen.

Als Caroline ins Kinderzimmer schaute, gab Hedwig dem Baby gerade die Flasche. Lene fuchtelte zufrieden mit den kleinen rosa Händchen in der Luft, während sie mit aller Kraft an dem Sauger zog. »Hoffentlich ist ihr nicht kalt«, sagte Caroline und berührte sanft einen der nackten kleinen Füße. Die Kinderfrau warf ihr einen vernichtenden Blick zu. Carolines Brüste schmerzten immer noch, und sie fragte sich zum hundertstenmal, warum sowohl die Ärzte als auch die anderen Frauen ihrer Gesellschaftsklasse es nicht für richtig hielten, daß man sein Kind selbst nährte. Sie spürte, daß sie ebensosehr eine Gefangene ihrer Stellung im Leben war wie diejenigen, die weniger vom Glück begünstigt waren als sie.

Hedwig legte das Baby an ihre Schulter, um es aufstoßen zu lassen, und klopfte ihm sanft den Rücken.

»Sie sieht wirklich wie ein Äffchen aus«, murmelte Caroline, während sie zusah, wie das rote, faltige Gesicht mit dem widerspenstigen Haarschopf schläfrig auf die Schulter der Kinderfrau sank.

»Wie bitte?« fragte Hedwig.

»Sie ist ein süßes, dickes Baby«, sagte Caroline.

Die Jungen schliefen fest in ihrem Zimmer: Ernst hielt einen Teddybär umklammert, während Andreas an einem Zipfel seiner Decke nuckelte.

Als Caroline wieder herunterkam, wartete Jacob in der Halle auf sie. »Ich möchte mich verabschieden«, sagte er. »Deine Tochter und ich hatten ein sehr nettes kleines Tête-à-tête.«

»Sie ist immer so blaß«, sagte Caroline, »und obgleich ihr Gesicht rund ist– das hat sie von meiner Familie–, ist sie sehr zart. Ich mache mir Sorgen um sie.«

Caroline fand, daß Jacob der verständnisvollste ihrer Schwäger war. Er war der einzige, der bereit war, die sanfte Seite seines Charakters zu zeigen. Aber er war auch in mancher Hinsicht der zurückhaltendste; wenn ein gewisser Punkt erreicht war, pflegte er wie ein Geist zu verschwinden.

»Ich muß gehen«, sagte er. »Grüß Nathan und Edu von mir. Sag ihnen, ich weiß, daß sie vertrauliche Dinge besprechen.«

»Wo sind sie?«

»Im Arbeitszimmer.«

Er küßte Caroline leicht auf die Wange und ging hinaus, kam aber nach einer Minute zurück, weil er seinen Hut vergessen hatte.

Caroline ging wieder nach oben in ihr Wohnzimmer, um sich auszuruhen. Sie war müde und wollte nicht über Emma nachdenken. Fräulein Gründlich betreute die Kinder sehr gewissenhaft, und es bestand in Wirklichkeit kein Grund zur Sorge, selbst wenn Emma schlecht aß. Dr.Schlesinger sagte, sie sei eines jener Kinder, die zwar zart, aber auch sehr robust waren. Caroline zog das Kleid aus und legte sich auf die Chaiselongue. Es war dunkel und behaglich im Zimmer; das Fenster stand offen, und sie konnte den Flieder riechen. Eine Mattigkeit überfiel sie, die weit größer war als bloße Erschöpfung. Plötzlich schien ihr, als liebte sie ihre Kinder nicht wirklich, als sei sie im tiefsten Grunde ihres Herzens eine kalte und gefühllose Frau. Jene »magischen« Augenblicke, die sie bewegten und ergriffen, waren selten ein Ausdruck von Liebe– es sei denn jener Liebe, wie Narziß sie empfand, als er im Wasser sein Spiegelbild erblickte. Diese Magie wurde hervorgerufen von der Harmonie lebloser Dinge, von Licht, von Farben, unabhängig von menschlichen Gefühlen. Wäre sie eine echte Künstlerin gewesen, hätte man ihr vielleicht verziehen, daß sie nur darauf reagierte, aber das war sie nicht. Sie hatte etwas Talent, ihr Skizzenbuch war angefüllt mit reizenden kleinen Aquarellen, aber– was hatte das schon zu bedeuten? Sie würde künftig ein wenig angestrengter arbeiten, sagte sie sich, während Schläfrigkeit ihre Gedanken zu verwirren begann. Sie hatte bereits vergessen, daß sie noch einen Augenblick zuvor ein Gefühl der Leere empfunden hatte.

EDU UND NATHAN saßen einander gegenüber in dem behaglich eingerichteten Arbeitszimmer, das Nathan als Büro diente. Hannchen hatte die Möbel ausgesucht, zu denen unter anderem ein wahrhaft imposanter Schreibtisch gehörte. Die Platte war mit Maroquin eingelegt, und die Schubladen waren mit Messingbeschlägen verziert. Nathan, dessen Anwaltstätigkeit nicht seiner fürstlichen Umgebung entsprach, saß am Schreibtisch und spielte mit einem Brieföffner.

»Du wirkst nervös«, sagte Edu, der mit seinen zwanzig Jahren älter aussah, als er war. Sein Gesicht war, abgesehen von dem säuberlich gestutzten Schnurrbart, glatt rasiert, sein leicht gewelltes Haar sorgfältig gekämmt. Er ähnelte Nathan und auch seinen anderen Brüdern in der geraden, straffen Linie seines Mundes, den leicht herabhängenden Augenlidern und den markant gezeichneten Brauen. Der verschleierte Blick, den ihm die herabhängenden Lider verliehen, ließ ihn in sich gekehrt erscheinen und erweckte bei seinen Gesprächspartnern oft den Eindruck, daß er nicht bei der Sache war, während er in Wirklichkeit jede Einzelheit wahrnahm. Nathan hingegen schien unter den gleichen Lidern wie aus großer und unergründlicher Tiefe hervorzublicken. Er erfaßte weniger die Einzelheiten als vielmehr die Logik dahinter; oft schwieg er lange Zeit, um dann ganz plötzlich eine überraschende gedankliche Verbindung herzustellen. Er besaß weder Edus Eleganz noch Siegmunds Charme, Gottfrieds Eigenwillen oder Jacobs Intelligenz. Es war nicht leicht, ihn zu charakterisieren. Vielleicht lag das daran, daß er der Erstgeborene war, derjenige, über den seine Eltern mehr gewacht hatten als über die anderen.

»Ich bin nicht nervös«, sagte Nathan. »Worüber willst du mit mir sprechen?«

»Wie du weißt, werde ich am Montag mit der Arbeit bei Wertheim und Söhne beginnen– das heißt, offiziell«, erklärte Edu ein wenig hochtrabend. »Inoffiziell mache ich mich dort schon seit einiger Zeit mit den Geschäftsvorgängen vertraut. Ich habe einiges gelernt in New York.«

»Und das willst du hier anwenden?« Nathan überrumpelte seinen Bruder. Eigentlich hatte Edu die Absicht gehabt, langsamer vorzugehen.

»Ja, natürlich.«

»Warum sagst du das mir? Sprich mit Papa.«

»Ich glaube, es gibt Probleme…« Nathan schwieg, und so fuhr Edu fort: »Offengestanden, sie betreffen Gottfried.«

»Er ist nachlässig und gedankenlos. Das ist nichts Neues.«

»Er erhält seinen Anteil am Gewinn, also muß er auch das Seine dazu beitragen.«

»Was gedenkst du zu tun?«

»Wir müssen uns reorganisieren– langsam und vorsichtig, aber von Grund auf und umfassend.«

»Ich weiß immer noch nicht, weshalb du zu mir gekommen bist. Hast du die Absicht, vor Gericht zu gehen? Willst du juristische Schritte ergreifen?«

»Ich glaube nicht, daß das nötig sein wird– vorläufig.«

»Aber du hast daran gedacht?«

»Ich habe alles durchdacht.« Edus Gesichtsausdruck belebte sich und zeigte heftige Gefühle. »Ich habe viele Ideen, und ich möchte, daß du auf meiner Seite bist, wenn es Schwierigkeiten gibt. Papa wird alt, er ist nicht mehr so interessiert, denkt nicht mehr voraus. Man muß die Dinge nicht nur in Gang halten, sondern man muß auch für die Zukunft gerüstet sein.«

Nathan sah seinen Bruder nicht an, aber er lauschte seinen Worten, die stahlhart klangen.

»Ich will erfolgreich sein«, sagte Edu, »und ich habe die Kenntnisse, das Rüstzeug dafür. Ich bin kein Spieler wie Gottfried, ich habe nicht diesen ungestümen Charakter… aber ich werde das Geschäft zum Blühen bringen wie nie zuvor.«

Nathan war von Edus entschlossenem Ehrgeiz beeindruckt. »Und Siegmund?« fragte er.

»Siegmund ist rechtschaffen und ehrlich, aber unstet. Er interessiert sich für andere Dinge. Paulines Geld wird ihm immer eine gewisse Sicherheit bieten. Er macht seine Arbeit– und macht sie gut–, aber mehr auch nicht. Ich bin derjenige, der Papas Nachfolger sein wird. Und ich glaube, er weiß das, obwohl er nie darüber gesprochen hat. Er will ›fair‹ sein, aber war-um hat er mich nach Amerika geschickt? Weil er weiß, daß ich innerhalb von zehn Jahren Wertheim und Söhne zum größten Unternehmen seiner Art in Frankfurt– vielleicht sogar in Deutschland– machen werde.«

»Und Gottfried ist dir dabei im Weg?«

Edu stand auf und kam zum Schreibtisch. »Gottfried muß aus dem Geschäft ausscheiden«, sagte er ruhig und bestimmt. »Es wird auf die Dauer für alle Beteiligten billiger sein, wenn Papa ihn in eine andere Firma einkauft.«

GOTTFRIED KONNTE DIE ERINNERUNG an die unangenehme Begegnung auf der Straße nicht loswerden. Nachdem er aus der Wanne gestiegen war, schenkte er sich noch einen Cognac ein und legte sich aufs Bett. Er hatte für den Abend eine Karte für Die Meistersinger und war zu einem späten Abendessen mit Nellie verabredet, einem Mädchen aus dem Chor. Ihr Bild, auf dem sie für eine winzige Rolle in einer Oper kostümiert war, deren Namen er immer wieder vergaß, stand auf einem Tischchen in seinem Schlafzimmer. Er hatte seiner Mutter nicht erlaubt, seine Wohnung einzurichten; sie war nur einmal dagewesen, um sie zu begutachten, und hatte ihren byzantinischen Einschlag beanstandet. Vom Bett aus konnte er Nellies Bild sehen, und es half ihm, seine Gedanken auf den vor ihm liegenden Abend zu lenken.

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