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Inhalt

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Titel

Die Vorzüge der Dunkelheit

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Ungefähr zehn Jahre später

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Über das Buch

Autorenporträt

Impressum

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Die Vorzüge der Dunkelheit

mit 79 Collagen des Autors

1

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Im Februar begann der Mann neben mir zu erzählen. Er öffnete seinen Mund und begann zu erzählen: In der vergangenen Nacht, sagte er, schlief ich fest, ich bemerkte nichts Ungewöhnliches, aber plötzlich wurde ich durch ein Rauschen geweckt, durch ein Rauschen, das ein im Inneren dieses Zimmers umherfliegender Schwarm von Fledermäusen verursachte, der ganze Raum war förmlich geschwärzt durch das ununterbrochene Umherkreisen von Fledermäusen. – Nachdem ich einige Minuten lang mit dem Schirm auf sie eingeschlagen hatte, verschwanden sie, kaum aber war alles ruhig, erschienen sie wieder. Ich beschloß dann, mich nicht mehr um sie zu kümmern und schlief weiter, nur einige, die sich auf meinen Körper setzten, ergriff ich und warf sie gegen die Wand. Ich glaube, sagte der Mann neben mir, ich glaube ich hatte den Mantel an, und unter dem Mantel war ich ganz nackt.

Am Morgen nach dieser Nacht sah ich eine Hand neben mir liegen und etwas in dieser Hand erregte meine Aufmerksamkeit. Ich saß vor dem Spiegel, sagte der Mann eines Tages, ich sah nur die Beine und meinen Kopf. Etwas später sah ich nur noch die Beine, sagte der Mann, ich saß vor dem Spiegel und sah meine Beine mit den auf den Knien liegenden Händen, mein Kopf war verschwunden, er war fort. An diesem Tag hatte ich Angst, meine Stimme zu hören. Ich schwieg, sagte der Mann neben mir, ich war still, ich saß einen ganzen Tag lang still vor dem Spiegel und bemerkte, daß ich mich plötzlich bewegte, allerdings wußte ich nicht, ob ich das war, der sich plötzlich bewegte.

Etwas tropfte durch meine Finger hinab auf den Tisch auf den Teller. Mein Gesicht floß fort, und neben den Füßen sah ich rohes Fleisch auf dem Boden liegen, in der Nähe des Waschbeckens, das plötzlich davonkroch. Plötzlich hatte ich auch den Eindruck, daß etwas Fremdes aus mir herauswuchs, etwas Haariges Fettes Stummes. Und vor dem Fenster, in den Regenpfützen, sah ich grüne schleimige Fäden, und dann sah ich den Schimmel im Brot, das auf dem Tisch lag, und ich sah die Bewegungen in den Eingeweiden der Menschen, die ganz still standen, vor mir und neben mir, ich sah die lebendigen Tiere in ihren Körpern, ich sah die Würmer unter der Haut und die Eingeweide, die aus ihnen herauskrochen. Ich sah die Bewegungsvorgänge der Außenwelt, die meinen Körper umgab, im Spiegel sah ich die Oberfläche des Körpers, die Körperoberfläche, und ich sah die Bewegungen, die von außen kamen und durch meine Haut hindurch, durch die Öffnungen, in meinen Körper hineindrangen, ich sah ein Schieben und Stoßen und hörte es schreien, sagte der Mann neben mir, ich hörte es schreien und bemerkte dann eine schmerzhaft klopfende Anschwellung, eine Art Entzündung des ganzen Lebens, und schließlich brach mein Körper an mehreren Stellen auf, es war, als flösse er aus, zum Fenster hinaus, als flösse er unaufhaltsam davon, hinein in die fremde Natur vor dem Fenster und schließlich in ein Kaffeehaus hinein.

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Ich bestellte Schreibzeug, um meine Lage zu schildern. Später hatte ich das Gefühl, als würde ich wie ein Brot in den heißen Ofen geschoben, und ich weiß nicht genau, aus welchem Grund ich das Schließen der Tür hinter mir verlangte. Das luftlose Kriechen in den engen Schächten ermüdete mich, deshalb zahlte ich und ging ins Freie.

Am 4. März bemerkte ich einige dunkle Haare zwischen den Augen, aber vor allem wurde ich jetzt vom Fußboden aufgesogen, ich sank in den Boden hinein, meine Zunge war ganz behaart, ich sah, wie mir die Haare zum Mund herauswuchsen. Und als ich die Schuhe ausziehen wollte, konnte ich meine Füße nicht finden. Allerdings waren die Knie noch da, deshalb kniete ich mich auf den Boden und versuchte, an meinen Kopf zu klopfen, aber die Hände waren verschwunden. Um mich herum war alles wie Filz, diese ganze Gegend, und auch in meinem Kopf war damals nichts anderes als Filz oder Sülze. Ich bemerkte plötzlich, wie mir auf der Stirn ein Ohr wuchs, das Ohr schoß förmlich hervor. Ich sah es im Spiegel wachsen, ein Ohr, erzählte der Mann neben mir. Er habe auch Frösche im Magen und Salamander.

Ich selbst saß damals wie eingemacht, wie in Spiritus, wie in Aspik. Oder ich spürte ein schwappendes Geräusch im Leib beim Dahingehen, überhaupt, ich hielt mich für eine Art beweglicher Geschwulst, für etwas Geschwollenes. Und am nächsten Tag, am 5. März, hatte ich das Gefühl, daß meine Haare nach innen wachsen. Oder ich hatte die Vorstellung, der Darm wüchse mir zum Mund heraus. Am 6. März dachte ich plötzlich: Du hast vergessen zu atmen. Ich fühlte nur diesen fürchterlichen unerträglichen ekelerregenden – ja, kann man sagen.

Damals saß ich in meinem Zimmer. Ich hörte nichts, nur ein ganz kleines Klopfen, ein Klopfen, während der Mond vorbeizog, ein ganz kleines Klopfen vor dem Fenster, durch das hin und wieder ein Mann hereinsah zu mir und mir zuwinkte oder zunickte oder auch gar nichts tat, sondern einfach vorbeiging, kopfschüttelnd. – Auch ich tat so gut wie gar nichts. Ich nickte ein wenig in den Mond hinein. Ich war ja auch gründlich erschöpft von den vorausgegangenen Abenteuern und Ereignissen dieser letzten Tage, über die ich gerade nachdachte. Die Straßen brannten, die Mauern fielen um, die Menschen stießen im Nebel gegeneinander, und alles war still, nur ein ganz kleines Klopfen. Der einzige Mensch, den ich zu Gesicht bekam, war ich, wenn ich in den Spiegel sah. Übrigens wuchs der Mond, er wuchs tatsächlich. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte mich aufgegessen.

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Als ich am 22. März erwachte, saß eine Frau auf mir. Sie hockte gespreizt auf mir. Wie heißen Sie, fragte ich. Ich versuchte mich an etwas zu erinnern, weiß aber nicht, an was ich mich zu erinnern versuchte. Ich habe wahrscheinlich etwas überstanden, von dem ich nicht weiß, was es war, dachte ich. Vielleicht habe ich es auch nicht überstanden, aber ich habe den Eindruck, daß es vorbei ist, abgeschlossen, beendet.

Als ich am 23. März erwachte, war ich zugeschneit. Vom 24. und 25. März weiß ich nichts mehr. Ich weiß aber, daß diese Zeit für mich keine Bedeutung hat. Manchmal erlebte ich etwas, mir fällt im Moment nicht ein, was es war, aber manchmal erlebte ich etwas, nicht viel, nichts Besonderes, nichts, was der Rede wert wäre, und schon gar nichts, was sich erzählen ließe, es wäre mir sogar recht, wenn man meine Worte von nun an gar nicht beachten würde.

Als ich am 26. März erwachte, dachte ich: Was heute passiert ist, wird nie wieder, ich wiederhole: nie wieder passieren. Als ich am 27. März erwachte, passierte nichts. Es geschah nichts. Erst sehr lange danach geschah etwas, aber nur in Gedanken, nur im Kopf. Ich vertrieb mir am 27. März eine Weile die Zeit mit dem langsamen Nachdenken. Ich geriet in Verwicklungen mit Menschen, die hereinkamen, aber bevor ich wußte, wer diese Menschen waren, verschwanden sie wieder. Die Tür schloß sich hinter ihnen, und ich verbrachte die ganze folgende Nacht damit, herauszufinden, wohin diese Tür führt, die ich rechts neben mir sah, neben dem Bett.

Eines Tages wunderte ich mich, daß ich auf der Welt war, daß ich Arme und Beine hatte, die zu mir gehörten, daß ich einen Kopf hatte und ein Gesicht hatte. Eines Tages bemerkte ich auch, daß mich mein Gesicht aus dem Spiegel heraus ansah. Das war am 30. März, 14 Uhr.

2

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Ich will jetzt über mich sprechen, sagte der Mann neben mir, und es ist besser, wenn ich gleich damit anfange. Aber was soll ich sagen? Vielleicht das: Ich lebte inzwischen unter falschem Namen im Norden von London und erklärte Doktor Q, dem ich auf der Straße begegnete, er müsse sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß ich eine Person sei, die er vollkommen falsch einschätze. – Es ergab sich damals im Norden von London folgendes Gespräch, das ich hier nicht wiederholen will.

Es gefällt mir, was Sie da sagen, sagte Q, mir gefällt Ihre Art. Es gefällt mir auch, wie Sie diese Sache anpacken. – Das kann sein, sagte ich, aber ich habe inzwischen mit anderen Sachen zu tun, ich beschäftige mich mit anderen Sachen. – Mit den Worten: ich gehe, ging ich. Und als ich mich nicht mehr im Norden von Londen befand, habe ich alles aufgeschrieben. Ich habe es aufgeschrieben und damit viel Aufmerksamkeit erregt, viel Bewunderung oder Verwunderung. Das war im April. Ich glaube ich dachte Anfang April darüber nach, wie es nun weitergehen sollte. Und als ich darüber nachdachte, ging es weiter.

Die wurmlangen Eisenbahnen fuhren vorbei. Ich schwieg und der Mann, der mir gegenübersaß, im Bahnhofshotel, schwieg auch. Schließlich erhob er sich, er ging durch die kalte lautlose Gaststube, an den leeren Tischen vorbei, bis zur Tür und hinaus in das vom Schnee leicht bedeckte Bahnhofsgelände. Der Wind pfiff und ich mußte hinter ihm herziehen, die unbeleuchtete Straße hinauf, an der Nähmaschinenfabrik vorbei, am Schlachthof vorbei, am Wasserwerk Gaswerk am Elektrizitätswerk vorbei und weiter, Koksfabrik, Keksfabrik, Malzfabrik und an vielen anderen Fabriken vorbei, so änderte sich mein Leben, Amtsgericht, Handelskammer, Brausebad, Tanzpalast, Schloßplatz, Heimatmuseum, Stadttheater, ich mußte hinter ihm herziehen und ein anderes Leben beginnen.

Am 3. April, als ich ihm im Palasthotel gegenübersaß, während draußen der Regen schwer herabfloß, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, daß er niemals zu überbieten wäre. Mir fiel auf, daß ich einen Brief in der Hand hielt und soeben gelesen hatte. Wie geht es weiter, fragte man mich. Keine Ahnung, sagte ich, ich weiß es nicht.

Ich hatte schon lange so gesessen, da schlug mir ein Mann auf die Schulter. Es war Doktor Q. Ich erhob mich, setzte mich aber wieder. Ich saß damals im Bahnhofsrestaurant und habe vergessen, was ich in diesem Moment dachte. Machen Sie sich keine Sorgen, sagte Doktor Q.

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Und wie geht es weiter, fragte man mich, was haben Sie vor? Was habe ich vor. Ich weiß nicht, ich glaube nichts von Bedeutung. Vielleicht ließ ich mir einen Anzug anfertigen, den ich freilich kurze Zeit später in einem Pfandhaus versetzte. Danach hielt ich es für angebracht, das Fenster zu schließen. Ich kaufte ein Sofa, damit ich mich hinlegen konnte. Wenn man sich einfach hineinlegen kann ins Leben, dann ist es weich, schrieb ich. Damals genoß ich die Vorzüge dieses Zustands. Ich legte mich einfach ins Leben hinein und blieb eine Weile liegen. Als ich erwachte, spürte ich etwas Fremdes auf mir, etwas Nacktes und Kaltes, und als ich es abschütteln wollte, bemerkte ich, daß es eine Frau war, die auf mir saß, sie hatte die Hände auf meine Schultern gepreßt. Ich sah ihre Arme und Beine und sah das Gesicht mit den geschlossenen Augen und einen tiefen geöffneten Mund. Draußen gingen die Türen, ich hörte Schritte, also kam jemand, oder jemand ging fort. Jemand ging, öffnete eine Tür und verschwand. Das war im April, Ende April.