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Mutterland

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Mutterland

Womit soll ich anfangen«, sagt Mutter. Im selben Augenblick strecke ich meine Hand aus und drücke den Knopf des Tonbandgeräts. Das Tonbandgerät ist alt. Tagelang bin ich auf der Suche nach einem solchen Gerät durch Geschäfte gelaufen, die Marke war mir nicht wichtig. Die Verkäufer waren freundlich, sie lächelten, zuckten mit den Schultern, führten mir die neuesten Typen von Kassettenrekordern vor. Einer von ihnen in einem Einkaufszentrum im Norden der Stadt gestand mir, noch nie ein Tonbandgerät gesehen zu haben. Er meinte jedoch, sein Vater, genauer sein Stiefvater, habe einmal eine solche »Vorrichtung« gehabt. Er habe kein besseres Wort dafür, denn in Anbetracht der heutigen Anlagen, sagte er und ließ dabei seine Hand über eine Reihe neuer japanischer Modelle gleiten, könne man sie nicht anders bezeichnen. Er gab mir seine Visitenkarte. Für alle Fälle, sagte er, falls ich es mir überlegen sollte. Er könne sich noch an die Tonbandspulen aus schwarzem oder farblosem Kunststoff erinnern, die er mit Ausnahme derer, die leer waren, nicht anfassen durfte. Die habe er manchmal, das sei ihm erlaubt gewesen, über den Boden rollen lassen. Sicher sei jedoch, dass sein Stiefvater ständig Aufnahmen von Buddy Holly gespielt habe. Die Visitenkarte steckte ich in die Brusttasche meines Sakkos. Es war dasselbe Sakko, in das ich bei meinen Reisevorbereitungen die Bänder gepackt hatte. Es lag zusammengefaltet ganz oben im Koffer, es hätte die Bänder nicht vor einem kräftigeren Stoß bewahren können. Das hätten eher die Pappschachteln vermocht, in denen die Bänder steckten, aber die Ärmel des Sakkos, die ich darüber gekreuzt und mit elastischen Gurten festgemacht hatte, linderten meine Unsicherheit. Ich wollte nicht weg, so wie ich auch nicht bleiben wollte, und die Leere der Ärmel, welche die in elektromagnetische Aufzeichnungen verwandelte Stimme umschlangen, hätte eigentlich erst recht zu meiner Verunsicherung beitragen müssen, aber gerade diese beiden Leerräume veranlassten mich, den Koffer zuzuklappen und die kleinen Schlösser einrasten zu lassen. Ich faltete die Liste der eingepackten Sachen – Kleidungsstücke, Handtücher, einige Bücher, Turnschuhe, Kulturbeutel – zusammen und schob sie in mein Portemonnaie zwischen die Zettel mit Adressen und Telefonnummern. Die Bänder standen nicht auf der Liste. Ich trug sie später nach, als der Koffer schon gepackt war. Auf dem Boden kniend hatte ich bereits alles in ihn hineingelegt, als ich mich aufrichtete, zum Bücherregal ging und hinter den Bänden des von der Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Wörterbuchs der serbokroatischen Sprache, von dort, wo sie, seitdem sie aufgenommen worden waren, lagen, die Tonbänder in den verstaubten roten Schachteln hervorholte. Seit vierzehn Jahren hatte ich sie nicht angerührt, wenn ich vom letzten Anstrich des Zimmers vor sieben Jahren absehe, bei dem ich alle Bücher aus den Regalen genommen, jedes einzeln mit einem weichen Tuch abgewischt und fest zusammengeschlagen und dann in große Kartons geschichtet hatte, die mitten im Zimmer unter dem in eine Plastiktüte eingehüllten Lüster aufeinandergestapelt waren. Obwohl ich noch nicht weggegangen war, bin ich eigentlich ihretwegen zurückgekehrt, dachte ich, während ich den vorderen Teil des Sakkos hochhob, die Tonbänder zwischen den Stofflagen verstaute und sie mit den zusammengefalteten Ärmeln zudeckte. Vor vierzehn, nein, vor sechzehn Jahren war mein Vater gestorben. Er starb schnell, in einem Wimpernschlag, wie meine Mutter sagte. Ich war jedoch überzeugt, dass sein Sterben langsam war und Jahre dauerte, dass mein Vater sich mit dem Tod vierzig Jahre zuvor angesteckt hatte, damals, als er sich hinter dem Stacheldrahtzaun eines deutschen Gefangenenlagers für Offiziere wiederfand. Meine Mutter widersprach dem natürlich. Man stirbt nur einmal, sagte sie, niemand läuft als ein lebender Toter herum. Meine Freunde hielten zu ihr. Du betrachtest die Geschichte wie ein Romantiker, sagten sie, für dich ist das Schicksal eine pastorale Szene, in der in allen Ecken böse Geister lauern. Nein, sagte ich, es gibt Fäden, die den Menschen an seinen Wendepunkten festhalten, an denen die Seele ihre Kraft einbüßt. Danach ist das Leben nur noch ein Abspulen, bis der Faden zu Ende ist, sich spannt und die Seele – man kann es nicht anders ausdrücken – aus ihrer schäbig gewordenen Bleibe herausreißt. Die Freunde winkten ab, Mutter schenkte Schnaps nach, aus der Küche brachten Frauen immer wieder warme Käseplätzchen. Das war nach der Beerdigung. Der Rabbiner hatte die Gebete so leise gesprochen, dass sich die Menschen auf die Zehenspitzen stellten, in der Hoffnung, ihn so besser zu hören. Am nächsten Tag, als wir beide in der Wohnung in der neu entstandenen Leere dauernd aneinanderstießen, sagte ich zu meiner Mutter, ich wolle ihre Lebensgeschichte aufnehmen. Ich spule das Band zurück und drücke auf den Knopf mit der Bezeichnung »Start«. »Womit soll ich anfangen«, sagt Mutter. Im selben Augenblick halte ich das Band wieder an. Ich wusste damals nicht, was ich ihr sagen sollte. Wir saßen am Esszimmertisch, vor mir lag ein Bogen Papier, auf den ich am Vortag »Mutter: Das Leben« geschrieben hatte, vor ihr stand das Mikrofon, dessen Metallfüßchen in der gehäkelten Tischdecke verheddert waren, die Spulen drehten sich vergebens, ich starrte Mutters dunkelbraune, tiefliegende Augen an. Ich vermute, dass diese Stille mir jetzt Angst macht. Zunächst jedoch erschreckten mich ihre Worte. Seit zwei Jahren hatte ich meine Muttersprache nicht mehr gehört, die Gelegenheit dazu ergab sich nicht oft, so weit im Westen Kanadas, in einer Stadt, in der jeder ein Einwanderer ist. Als die Worte aus dem Lautsprecher des Tonbandgeräts schallten – in Anbetracht der Enge des Häuschens, in dem ich wohne, ist das der richtige Ausdruck –, brach ich beinahe zusammen. Wäre auf dem Tisch, auf den ich das Tonbandgerät gestellt hatte, Platz gewesen, hätte ich die Wange auf seine glatte Fläche gelegt und wäre augenblicklich eingeschlafen. Am Abend davor hatte ich einen alten Italiener ausgelacht, der behauptete, das Wort »Sizilien« enthalte mehr Bedeutungen als das größte Wörterbuch, jetzt aber war ich bereit zu glauben, dass vier nichtssagende Wörter ein ganzes Leben beschreiben können. Mutter wartete, sie verstand sich aufs Warten. Vater war immer derjenige, der vom Stuhl aufsprang und zum Telefon lief, der zusammenzuckte, wenn es an der Türe klingelte. Ich malte in eine Ecke des Blattes einen sechszackigen Stern, zwei Dreiecke über Kreuz. Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte. Ich wusste nicht, womit die Dinge anfangen und womit sie enden. Mich beherrschten nur das Gefühl, dass etwas fehlte, und der inzwischen verlorengegangene Glaube, dass Worte alles zu ersetzen vermögen. Das würde sie freuen, es würde sie freuen, dass ich nicht mehr an die Worte glaube. Jeder Glaube ist gut, sagte sie, aber wer nicht schweigen kann, darf nicht hoffen, in Worten Trost zu finden. Daher das Unbehagen in ihrem Gesicht, während ich das Tonbandgerät aufstellte, die Kabel verlegte, das Mikrofon einschaltete. Sie verstellte sich nie. Sie schaute den Menschen geradewegs in die Augen und zeigte, was sie dachte, was sie fühlte, was sie zu sagen beabsichtigte. Unzählige Male versuchte ich, es ihr gleichzutun, aber mein Blick glitt immer ab, meine Lippen pressten sich aufeinander, meine Wangen fielen ein, meine Stirn legte sich in Falten. Schließlich sagte sie: »Nur einmal hatte ich den Wunsch zu sterben, danach war es leichter.« Ich strecke die Hand aus zu den Bedienungsknöpfen des Tonbandgeräts. Nicht die Stille macht uns Angst, sondern das, was auf sie folgt: die Unvermeidbarkeit der Wahl, die Unmöglichkeit der Veränderung, die Unwiderlegbarkeit der Zeit, die Anordnung der Dinge im Weltall. Die Spulen beginnen sich wieder zu drehen. Die Stille, wie alles, an das wir uns erinnern, währt viel kürzer. Damals und dort dachte ich, wenn es so weitergeht, wird mein Vorrat an Tonbändern nicht ausreichen; jetzt und hier bin ich nicht sicher, ob ich in dieser Zeitspanne irgendetwas auf das Blatt vor mir geschrieben habe. Hätte ich jetzt einen Stift, würde ich, während das Band läuft, versuchen, den sechszackigen Stern zu wiederholen, oder ich würde vielleicht ein Quadrat und darüber ein Dreieck malen und dann eine dünne Spirale, die das Ganze in die Vorstellung von einem Haus mit einem rauchenden Schornstein verwandelte, in jene schattige Figur, die ich in Vorlesungen, bei Dichterlesungen, in Konzertpausen, während dienstlicher Sitzungen eifrig an den Rand von Buchseiten und Heften kritzele. Während sich die Spulen drehen, erzeugt eine nicht geölte Achse oder, wie Donald behauptet, ein trocken gewordener Transmissionsriemen einen leisen Pfeifton, ähnlich dem Piepsen einer hinter einem Schrank versteckten Maus. Der Vergleich mit der Maus stammt nicht von mir, denn ich habe noch nie eine Maus gehört. Den Vergleich zog Donald, als er mich zu überzeugen versuchte, dass sein altes Tonbandgerät noch in einem brauchbaren Zustand sei. Wir standen über den Apparat gebeugt im Keller des Hauses seiner Eltern, in einem Raum, der übervoll war mit Werkzeug, alten Haushaltsgeräten, Weihnachtsschmuck und Stapeln verstaubter Wochenzeitungen. Unüberhörbar und hartnäckig, weckte dieser Ton Zweifel in mir, ob ich, wie ich zu Donald sagte, die Stimme meiner Mutter würde hören können. Ich lauschte zunächst mit dem linken, dann mit dem rechten Ohr. Donald schüttelte den Kopf. Das sei kein Donnern, welches das Trommelfell erzittern ließe, sondern das dumpfe Aufbegehren der Materie, nicht mehr als das Piepsen einer hinter einem Schrank versteckten Maus. Die Europäer, sagte er, glaubten so sehr an Zweifel, dass sie am glücklichsten seien, wenn sie sich nicht entscheiden müssten. In diesem Erdteil hingegen bekämen die Zweifler kein Bein auf die Erde oder sie kämen über die Anfänge nicht hinaus, was zumindest für ihn ein und dasselbe sei. Donald ist Schriftsteller. Er entsann sich seines Tonbandgeräts, als ich ihm in einem Restaurant, das auf einer weiten, in einen Stadtpark verwandelten Flussinsel lag, von meiner erfolglosen Suche nach einem Gerät berichtete, mit dem ich die Bänder mit der Stimme meiner Mutter abhören könnte. Er glaubte, das Tonbandgerät sei noch immer irgendwo im Keller des alten Hauses seiner Eltern. Eigentlich war er überzeugt, dass es sich dort befand, weil sein Vater nichts wegwarf, alles könne man, behauptete dieser, wiederverwenden, alles warte auf einen neuen Augenblick, was sich, sagte Donald, wenigstens in diesem Fall als richtig herausgestellt habe. Er, Donald, habe allerdings dieses Gerät schon immer gehasst wegen der Bänder mit alten ukrainischen Liedern und Kirchengesängen, die sein Vater ständig nur noch einmal habe hören wollen. Mein Vater, sagte ich, hat nie mein Tonbandgerät benutzt. Das war eigentlich eine jener kleinen Lügen, die uns helfen, das Leben zu meistern. Die, besser gesagt, mir helfen, das Leben zu meistern und die große Lüge der Verallgemeinerung zu vermeiden. Es gibt nichts auf der Welt, was allen gleichzeitig eigen ist, ausgenommen eventuell biologische Funktionen. So muss jeder von Zeit zu Zeit seine Blase entleeren, aber niemand tut es auf die gleiche Art und Weise. Mein Vater zum Beispiel schüttelte sich beim Wasserlassen, ich hingegen stand und stehe ruhig und fahre mir gelegentlich mit der Zunge über die Lippen. Wir unterschieden uns auch darin, wie wir die Bedienungstasten des Tonbandgeräts drückten: Mein Vater tat es mit dem Daumen, ich benutzte meinen Zeigefinger. Das Tonbandgerät hatten wir zu einem äußerst günstigen Preis einem Gastarbeiterehepaar abgekauft, das sich auf diese Weise meinem Vater erkenntlich zeigen wollte. Mein Vater war Arzt, Gynäkologe, ein Fachmann nicht nur für Abtreibungen, sondern auch, wie das so üblich ist, für Empfängnis und die Erhaltung der Frucht. Er nahm als Erster seine Stimme auf, trug ein Gedicht von Vojislav Ilić vor. Das war es, was ich mit den kleinen Lügen meinte. Er wünschte sich ein eigenes Tonbandgerät, auf dem er Artikel aus medizinischen Fachzeitschriften aufnehmen wollte, um sie dann in der Pause nach dem Mittagessen zu hören, was er nie getan hat. Hier endete meine kleine Lüge und ging in Wahrheit über. Meine Mutter hingegen kam dem Tonbandgerät nie nahe. Jahrelang mussten wir auf sie einreden, dass ein Elektroherd besser sei als ein Kohleherd, dass ein elektrischer Warmwasserbereiter praktischer sei als ein Badeofen, den man mit Zeitungspapier, Holzscheiten und Kohlestücken heizen muss. Sie besaß eine Hartnäckigkeit, die mein Vater damals als »bosnische Sturheit« bezeichnete. Wenn sie nein sagte, dann hieß das nein; dann gab es dafür keine andere Bedeutung, keine andere Auslegung, keine andere Lesart. Es mussten Jahre vergehen, damit sie nach einem Nein wieder ja sagte, aber selbst dann blieb sie skeptisch, bereit, uns, wenn auch ohne Bosheit, an ihre ursprüngliche Ablehnung zu erinnern. Im Grunde behielt sie recht. Die neuen Geräte gingen schnell kaputt, die Heizplatten, Heizöfen und Sicherungen brannten durch, die Magnete ließen nach, schnell setzte sich Kalk an. Der Kohleherd hingegen hielt ewig. Seine Schamottewände überdauerten jedes Menschenleben. Es gebe keinen Grund, anders zu sein, meinte Mutter. Das Leben sei keine Veränderung, meinte sie, das Leben sei eine Wiederholung. Und erst jetzt weiß ich, warum sie stockte, als ich das Mikrofon vor sie setzte und mich all ihren früheren Weigerungen zum Trotz anschickte, ihre Stimme aufzunehmen. Sie stockte nicht wirklich, sondern in ihrem tiefsten Inneren, was ich an ihren tränenerfüllten Augen sah. Die Wiederholung war zu Ende, das Leben wurde zur Veränderung. Ich sagte ihr, ich tue es wegen des Vaters, weil ich nicht so klug gewesen sei, seine Lebensgeschichte festzuhalten, ihre Geschichte würde eigentlich die Lücke füllen, die er hinterlassen habe. Hätte ich gesagt, ich täte es ihretwegen, hätte sie sich geweigert. Nichts tat man ihretwegen und für sie, vielmehr tat sie alles für andere. Alles mündete in sie, jedes Unglück und jeder Misserfolg, jedes Dulden und jedes Leiden. Donald würde sie einen großen Blitzableiter nennen, der jede dunkle Energie auf sich zieht, der uns überragt, bereit, selbst zu verbrennen, nur um uns zu retten. Ich weiß, dass er das sagen würde, weil ich einmal hörte, wie er seine Mutter, oder war es vielleicht seine Tante, mit einem Regenschirm verglich. Sie stand über uns wie ein Regenschirm, sagte er, und kein Regentropfen benetzte jemals unser Haar. Ich werde nie wie Donald reden können, ich werde es nie schaffen, die Worte derart zueinander in Beziehung zu setzen, dass zwei Wörter ein unausgesprochenes drittes ergeben oder dass sie über die eigentlichen Wörter hinaus eine Metapher, eine Bedeutung ergeben, die man mit bloßen Worten nicht ausdrücken kann. Dabei ist es gleichgültig, ob ich mich seiner oder meiner Sprache bediene. Jetzt weiß ich, woher meine Angst rührt. In zwei Jahren kann man eine Sprache vergessen, in sechzehn Jahren kann sie vom Erdboden verschwinden, und wenn sie verschwunden ist, gibt es auch uns nicht mehr. Alles, was bleibt, ist ein pfeifender Ton. Meine Mutter blickte mich an: Die Art, wie sie die Lippen aufeinanderpresste, deutete an, dass sie, wie sie sich auszudrücken pflegte, »das Ihre gesagt« habe. Das Band lief noch eine Weile weiter, dann hörte man eine Tür, dann lautes Weinen, danach meine Worte: »Wir machen morgen weiter.« Weitergemacht haben wir nach etwa zehn Tagen oder vielleicht erst nach zwei Wochen. Bis dahin hatte sich die Prozession der Verwandten, Freunde, Patienten und Nachbarn gelichtet. Immer öfter blieben wir allein, vor allem abends, aber Mutter schlug meine Aufforderungen weiterzumachen aus. Einmal hatte ich sogar schon wieder alles gerichtet, die Kabel gelegt und das Mikrofon auf den Füßchen befestigt, aber als ich die Knöpfe drückte, stand Mutter auf und ging in die Küche. Jetzt hörte sich das an wie zwei aufeinanderfolgende Schläge, wie beim Schlucken, der erste kurz und entschlossen als Ausdruck meiner Überzeugung, der zweite etwas gedehnt, verschnörkelt, als ich, meine Enttäuschung nicht verhehlend, das Gerät langsam zum Stillstand brachte. Den dritten Schlag, als wir tatsächlich weitermachten, als meine Mutter bereit war zu sprechen, konnte ich nicht hören, oder er ging, falls er zu hören war, in dem Pfeifen und Quietschen der schlecht geölten Achse unter. Mutter räusperte sich zunächst, was mir zu verstehen geben sollte, wie unwohl sie sich fühlte. Das wusste ich damals und weiß es heute erst recht. Allerdings war ich damals wie heute nicht bereit, es zu akzeptieren. Heute ist mir klar, dass sie sich überwinden musste, nicht wegen der Angst vor dem unbekannten Mechanismus, sondern aus Entsetzen, weil ich ihr einen Zwang auferlegte, weil ich sie durch eine Handlung, gegen die sich ihr ganzes Wesen sträubte, nötigte, ihre Liebe zu mir in Worte zu fassen, sich ausgerechnet in dem Augenblick zu ihr zu bekennen, als sie den Verlust der wahren Liebe, der Liebe zu meinem Vater, beklagte. Jetzt, in dem Häuschen sitzend, das nach kanadischen Maßstäben trotz seiner bescheidenen Größe ein richtiges Haus war, aber nach europäischen Standards nur als eine Baracke bezeichnet werden konnte, erkenne ich meinen unersättlichen Egoismus. Indem ich sie zum Sprechen zwang, wollte ich sie für mich allein haben, ich wollte ihr Gefühl des Verlustes für mich in ein Gefühl des Gewinns verwandeln. Du glaubst zu sehr an die Worte, sagte mir Donald einmal, und das belastet immer den, der schreibt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist. Schreiben heißt, nicht den Worten glauben, es heißt, der Sprache, jeder Art des Erzählens misstrauen, sagte er. Das Schreiben ist eigentlich eine Flucht vor der Sprache, sagte er, und nicht, wie behauptet wird, ein Eintauchen in sie. Derjenige, der darin eintaucht, sagte er, ertrinkt, während ein Schriftsteller an der Oberfläche schwimmt, er bewegt sich an der Schnittstelle der Welten, an der Grenze zwischen der Sprache und der Stille. Ich war mir nicht sicher, ob ich verstand, was er meinte. Ich erzählte von den Tonbändern mit der Lebensgeschichte meiner Mutter und sagte, man könne daraus ein Buch machen. Donald winkte nur ab. Wir saßen im Restaurant auf der Flussinsel, die in einen großen Park verwandelt worden war, und starrten auf die Wolkenkratzer im Stadtzentrum. Die Stadt war auf den umliegenden Hügeln erbaut, die einst zur Prärie am Fuße der kanadischen Rocky Mountains gehörten, die Wolkenkratzer hingegen befanden sich, von überall gut sichtbar, in der Ebene, die durch einen schmalen Fluss und seinen noch schmaleren Nebenfluss begrenzt war. Die Achse quietschte wieder, oder der Transmissionsriemen war wieder irgendwo hängen geblieben. Es schien, als hätte Mutter tief eingeatmet, als hätte sie die Luft durch die zusammengepressten Zähne geschlürft. Ich dachte, sie würde in Tränen ausbrechen; dann hätte ich mir sofort Vorwürfe machen müssen, weil sie sich nie gestattet hatte, vor uns zu weinen, zumindest nicht über sich selbst. Sie weinte bei Beerdigungen oder Hochzeiten oder in Kinosälen, als wir uns noch alle zusammen Filme anschauten, vor allem bei der Veilchenverkäuferin, aber niemals ihretwegen, auch dann nicht, wenn die Kränkung unmissverständlich, die Erinnerung schmerzlich, der Schmerz offensichtlich waren. »Als die Deutschen in Zagreb einzogen«, sagte Mutter, »marschierten sie über Blumen und Schokolade.« Den Satz kenne ich gut. Er gehörte zur Geschichte und zur Mythologie unserer Familie, und ich hörte ihn oft an den Abenden, wenn Vater und Mutter zusammen mit ihren Gästen darüber redeten, wie es vor dem Krieg gewesen war. Jetzt muss man ergänzend »vor dem Zweiten Weltkrieg« sagen, denn während ich hier sitze, im Häuschen, das ich von einer mageren alten Chinesin gemietet habe, herrscht dort, woher ich komme, ein neuer Krieg beziehungsweise wird der alte Krieg zu Ende geführt, werden die nicht realisierten Absichten verwirklicht, als hätte jemand die Vergangenheit aus einem Filmarchiv hervorgeholt und Schauspieler angewiesen, die einst begonnene Szene weiterzuspielen. Damals jedoch, als wir unter dem altmodischen Lüster saßen, entging mir der wahre Sinn dieses Satzes. Meine Mutter, noch immer in schwarzer Bluse und schwarzem Rock, saß unnatürlich steif, den Rücken an die Stuhllehne gedrückt, als wolle sie vor dem Mikrofon flüchten. Über das Tonbandgerät gebeugt, starrte ich auf das grüne Licht des Kontrolllämpchens, das flackerte, während es sich im Rhythmus von Mutters Stimme ausdehnte und zusammenzog, und war nur auf die Qualität der Aufnahme bedacht. Ich fürchtete, die Worte würden sich wegen Mutters Widerstand und Zurückweichen möglicherweise nicht in eine Aufzeichnung verwandeln wollen oder sie würden, ausgesprochen außerhalb der Reichweite der Mikrofonmembran, verzerrt, kaum hörbar, unbrauchbar werden. Wenn ich nur schreiben könnte, würde ich jetzt mit dem absurden Paradox spielen, dass Mutters verächtliche Worte über die Deutschen mit Hilfe eines deutschen Tonbandgeräts auf ebenfalls in Deutschland hergestellten Tonbändern aufgenommen wurden. Sie hat freilich nicht verächtlich gesprochen. Für sie war die Geschichte eine Tatsache, ein Hammer, der mit unerbittlicher Präzision, wann immer er wollte, auf sie, auf Mutter, niedersauste, so dass jede Verachtung trotz des Schmerzes und trotz der Schlagkraft des Hammers nur eine Bestätigung ihrer Niederlage gewesen wäre, die sie sich einfach nicht eingestehen wollte. Die Verachtung ist ausschließlich mein, das ist eine Ergänzung, die ich in der Überzeugung mache, dass ich jetzt, weit entfernt von dem neuen Krieg, den alten besser verstehe, obwohl ich nie begriff, warum jemand den Wunsch verspüren sollte, marschierenden Soldaten Schokolade vor die Füße zu werfen. Jedenfalls, während die Blumen durch die Luft flogen und die Schokolade zu einem zähen Matsch zertrampelt wurde, packte meine Mutter eilig ihre Koffer. Zagreb war nicht mehr dieselbe Stadt. So zerbrach ihr Leben auf die gleiche Weise wie meins, als fünfzig Jahre später ein neuer Krieg begann und Belgrad zu einer anderen Stadt wurde, durch die – ohne Blumen oder Schokolade wirklichen   FremdwörterbuchKleine Enzyklopädie    meine  Politikaihrem