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Inhalt

[Cover]

Titel

1. Kapitel

Eine Ebene in Ostdeutschland

Das Mittagessen

2. Kapitel

Der Weg nach Hause

Meyers Theater

Der Zimmermann

Die Verwandlung

Neues Leben im alten Klo

3. Kapitel

Das Scheißding

Überall Löcher

Raffzahns Gesang

Der Nußknacker

4. Kapitel

Appelkopp brennt durch

Das Krebsmärchen

Ein Dachziegel auf Abwegen

Ein Seemann kehrt heim

Der Weg aus dem Schrank

In den verhexten Wäldern Nordlands

5. Kapitel

Mit einer Augenbinde auf dem Fahrrad

Rosafarbene Briefe

Eine verchromte Fahrradhupe

Unter Engeln und Stiefmüttern

Fehllieferungen

6. Kapitel

Der Lügner und die Briefvandalin

Hundsköpfe unter der Treppe

Das Zeitalter der Freier

Die Bergsteigerin

7. Kapitel

Mount Blakhsa

Askilds Landschaften

Der Krug am Ende des Regenbogens

Dank

Autorenporträt

Übersetzerporträt

Über das Buch

Impressum

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Hundsköpfe

1

Eine Ebene in Ostdeutschland

Irgendwo in Ostdeutschland läuft mein Großvater über eine Ebene. Die Deutschen sind hinter ihm her, er hat einen Schuh verloren, es herrscht Frost. Der Halbmond wirft einen bleichen Schatten über die Landschaft und verwandelt sie in ein Ackerfeld mit halb im Morast begrabenen, erfrorenen Soldaten. Vor weniger als drei Stunden hat sich mein Großvater von seinem Freund Herman Hemning verabschiedet. Jeder lief in eine andere Richtung, um ihre Verfolger dazu zu bringen, sich auf eine der beiden Spuren zu konzentrieren. Mein Vater ist noch nicht geboren. Meine Großmutter, die bei der Verhaftung in Oslo zu spät kam und Askild nie auf Wiedersehen sagen konnte, ist noch nicht mit ihm verheiratet. Offiziell sind sie nicht einmal verlobt. Meine ganze Existenz hängt also an einem ziemlich dünnen Faden.

Er zieht die mit Rattengift eingeschmierten Knochen aus der Tasche und wirft sie wahllos auf die Erde, um die Hunde abzulenken. Eine Minute vergeht, zwei Minuten. Askild ist wieder zu Atem gekommen, er kann weiterlaufen. Jetzt gilt es abzuhauen, Askild Eriksson, denn vielleicht sind es Bluthunde, die da in der Ferne heulen, möglicherweise ist es aber auch die Katarina, deren Schiffssirene im Morgennebel von Bergen heult – eine Erinnerung, die vollkommen unmotiviert auftaucht und ihm die Beine wegzuschlagen droht. Oder sind es seine tauben Ohren, die ihm einen siebten Sinn bescheren, nun, da die ganze Erikssonsche Sippe auf dem Spiel steht. Lauf, verdammt noch mal, lauf doch! Aber Askild bleibt stehen – mit dem Rattengift, den Knochen und dem Bild des Schiffs Katarina, wie geblendet vom Blitz einer plötzlichen Erinnerung.

Es ist kein schönes Bild. Großvater steht wie versteinert in einer deutschen Ebene. Und Großmutter lebt in Norwegen, nicht ordentlich ernährt, mit blutendem Zahnfleisch und einem schlechten Gewissen. Seit ihr Großvater als junger Mann aus Nordland nach Bergen kam, war die Reederei im Familienbesitz, jetzt ist sie bankrott. Die sieben Transportschiffe haben die Deutschen versenkt, die Patriziervilla wurde verkauft, und Urgroßvater Thorsten liegt von einer Thrombose gelähmt im Bett. Großmutter muß in Holsts Konfektionsgeschäft arbeiten, mit ihrem Zahnfleisch, aus dem das Blut auf die Stoffe tropft. »Die deutschen Torpedos haben uns alle versenkt«, sagt sie.

Jetzt schreckt Askild auf. Die Bluthunde heulen –

Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf. Herman schafft es. Die Hunde haben ihr Schicksal entschieden, als sie sich auf Askilds Spur konzentrierten. Er schaut hinunter und sieht ein Loch in der Socke, aus dem sein großer Zeh ragt. Blau ist er und dreckig, er sieht aus wie ein kleiner Fisch, der es nicht schafft, aus seinem Loch zu kommen. Askild war knapp ein Jahr in Sachsenhausen und will auf keinen Fall zurück. Es ist Sonntag, der 5. März 1944, es ist acht Minuten vor zwei, und ein gigantisches NEIN wächst im Bauch meines Großvaters und explodiert in seinem Körper. Endlich – viel zu spät – setzt er sich in Bewegung, läuft einen Abhang hinunter, stolpert, kommt wieder auf die Beine, stolpert erneut und steht wieder auf.

Die Bluthunde heulen, in der Ferne fällt ein Schuß.

NEIN, hallt es in meinem Großvater, NEIN zu den Deutschen und ihren Bluthunden, NEIN zu Sachsenhausens alptraumhaften Wintern. Und Askild läuft, in Trance, verzweifelt, mit einem schallenden NEIN im Körper. Auf einem aufgelassenen Kaufmannsgehöft am Rande von Odense hingegen herrscht tiefer Friede. Dort befinden sich die übrigen zwei Viertel meiner Gene.

Mein Großvater mütterlicherseits erwacht, zieht die Pantoffeln an und geht hinaus an den Schuppen, um in der frostigen Nacht zu pinkeln. Möglicherweise denkt er an eine undichte Stelle im Dach, die repariert werden muß, als Großvater Askild mit dem großen Zeh an einen gefrorenen Erdballen stößt und sich ein Loch in die Unterlippe beißt. Meine Großmutter mütterlicherseits schläft mit gefalteten Händen, sie hat ihre übliche Medizin genommen. Onkel Harry schläft mit den Händen unter der Bettdecke, obwohl er das nicht darf, er träumt von all den furchtbaren Dingen, die ihm passieren könnten. In Bergen träumt die andere Großmutter, daß ein Seemann an ihr Fenster klopft und mit erschrockenen Augen zu ihr hereinschaut. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Sie ruft um Hilfe, aber niemand ist zur Stelle. Sie ruft lauter und lauter, bis ihr endlich bewußt wird, daß der Seemann um Hilfe schreit, und dann … als Askild mit dem Fuß an den gefrorenen Erdballen stößt, erwacht sie und setzt sich im Bett auf.

Uhrenvergleich. Askild läuft in der Dunkelheit.

Noch bevor die Sonne aufgegangen ist, haben die Deutschen ihn eingeholt. Er sitzt auf einem Baum im Wald. Die Bluthunde hetzen durch den frühen Morgen und stellen ihn am Fuß des Baumes. Großvater ist blau vor Kälte, als die Deutschen mit ihren Gewehrläufen auf ihn zielen und ihm befehlen herunterzukommen. Er wird nicht erschossen. Ein paar Monate später wird er nach Buchenwald gebracht.