Titel

Monica Cantieni

Grünschnabel

Roman




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Schöffling & Co.




Die Autorin dankt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, dem Aargauer Kuratorium, der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung, Luzern, und der Gemeinde Wettingen.

Grünschnabel

Mein Vater hat …

MEIN VATER HAT MICH für 365.– Franken von der Stadt gekauft. Das ist viel Geld für ein Kind, das keine Augen im Kopf hat. Ich habe das die Eltern möglichst lange nicht wissen lassen. Es ist nicht gut, schon in der Tür alle Hoffnungen zu zerstören, wenn man Tochter werden soll. Das hat uns die Chefin eingebläut. Bei ihr können wir nicht bleiben. Wir sind zu viele, müssen unter die Leute. Solche mit schönen Augen gehen gut, die mit dichtem Haar und guten Zähnen. Wir müssen aber auch etwas im Kopf haben. Er ist das wichtigste Organ. Er kann einen Arm ersetzen.

Nicht alle Menschen sind gleich. Bei den Eltern ist das wichtigste Organ die Geduld.

Als ich abgeholt wurde und vor dem Zaun die frischen Eltern warteten, nervöser als der Hund der Chefin, beugte sie sich zu mir runter und flüsterte:

– Du wirst jetzt Tochter. Von dort ist es nicht mehr weit bis ins Leben.

Sie fuhren mich mit meinem neuen Koffer in ihre Wohnung. Sie hatten mich schon zur Probe gehabt wie später die Couchgarnitur mit dem gelben Plüschbezug, an der sie fast so lange abzahlten wie an mir. Ich war froh darüber, dass sie sich gleich für mich entschlossen, nachdem sie es mit mir versucht hatten, und dass sie erst mit den Couchgarnituren wählerisch wurden. Zweimal ließen sie eine zurückgehen. Einmal wegen der Farbe und einmal wegen des Komforts.

Sie sah während der Fahrt zum Fenster hinaus und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Nur manchmal drehte sie sich nach mir um und lächelte verlegen, fragte, ob mir der Wackeldackel auf der Ablage gefällt.

Ganz im Gegensatz dazu fragte er mir Löcher in den Bauch, wie dies heißt und das, ob ich das kenne oder jenes. Ich tat, als würde ich schlafen.

Er wollte mir auf den Zahn fühlen. Sie wollen immer herausfinden, ob sie das große Los gezogen haben oder eine Niete.

– Das lässt sich nicht verhindern, hatte die Chefin gesagt, als ich nach drei Wochen von Leuten zurückkam, die ein Kind gebraucht hätten.

Sie hatten mich eine Straße früher abgesetzt. Sie hatten es eilig gehabt, kein Kind mehr zu haben, ich hatte ihnen einen solchen Schrecken eingejagt. Die Chefin kratzte mir die Salzränder von den Wangen.

– Ein Kind ist eine Anschaffung fürs Leben.

Ob die hier das wussten? Ich machte ein Auge auf, schielte auf die Vordersitze, wo sie saßen. Sie rauchend, er den Griff des Lenkrades knetend. Ich machte das Auge wieder zu.

Er sagte leise:

– Sie hat ja keine Ahnung von Sprache.

– Sie kennt doch die Welt noch nicht, antwortete sie.

Die Chefin hatte auf Sprache keinen Wert gelegt, sie bekam davon Kopfschmerzen. Ich war an Wörtern knapp. Aber daran sind die Augen schuld, sie sehen schlecht. Meine neuen Eltern waren deshalb beunruhigt. Sie brachten mich zum Arzt, um mich durchleuchten zu lassen, ob das Gehirn da ist: In etwa sagte der Arzt, dass, wenn man nicht geboren wird wie ich, sondern durch die Tür in eine Familie kommt, sich Entwicklungen eben hinziehen können. Das wollten sie nicht wahrhaben.

Er zeigte in den Himmel. Das Blau war mit Lärm gefüllt.

– Da, schau, ein Flugzeug.

Ich kniff die Augen zusammen, schaute auf seinen Zeigefinger und begann zu schwitzen. Ich bückte mich, zog den Schnürsenkel auf und versuchte, ihn neu zu binden, er rutschte mir aus den Fingern, ich verknotete ihn.

– Siehst du es nicht?

Ich verknotete den Schnürsenkel doppelt.

– Es ist gut, sagte er. Komm.

Ich ging hinter ihm ins Haus zurück. Wir hatten vorhin in seinem ganzen Stolz gestanden. Der Garten war nicht größer als die Küchenschürze von der dicken Köchin Helene, aber wegen dem grünen Daumen meines Vaters und der Kuhscheiße wuchs das Gemüse, als müsste es den Abendzug nach Paris kriegen.

Er setzte sich aufs Sofa und klopfte neben sich aufs Polster. Einen Arm um mich gelegt, schlug er einen Flughafenprospekt auf.

– Was meinst du, was ist das?

– Papier.

Am Samstag packte er mich in den Toyota und fuhr mit mir zum Flughafen, damit ich ein Flugzeug sehen konnte.

Wir fuhren oft los, um Wörter aufzutreiben. Sie fuhr auch mit, aber sie langweilte sich dabei, weil sie alle Wörter schon kannte. Sie rauchte im Auto, bis der Qualm zum Schneiden dick war. Dann kurbelte er das Fenster herunter, und sie zog die Kaninchenfelljacke an. Sie hatte auch immer eine Plastikhaube dabei. Er trug nicht gern Plastikhauben. Er mochte den Regen. Er mochte es, den Regen im Gesicht zu spüren, verschenkte am Laufmeter Wörter dazu:

– Beim Autofahren schieß ich Wörter mit links, wir sammeln alle ein. Frühlingsregen, Gewitterregen, Sprühregen. Geschmolzenen Schnee. Nebel. Wir nehmen alle mit nach Hause. Wind! Morgenwind, Abendwind, Schneewind. Und der hier: Wind, der in keinem Baum zu sehen ist, bloß zu spüren, wenn du die Hand bis zum Ellenbogen aus dem Fenster hängen lässt. Versuch es.

Ich griff aus dem Fenster, und er gab Gas. Sie schüttelte den Kopf.

– Vorsicht, der Gegenverkehr!

– Wo denn?, lachte er.

Manchmal fuhr er an den Straßenrand und schrieb mir ein Wort auf. Er fuhr oft an den Straßenrand und schrieb das Wort auf einen Streichholzbrief, auf einen Briefumschlag, auf einen Kassenzettel, eine leere Zigarettenpackung, und wenn er nichts dergleichen fand, musste ich die Hand ausstrecken, er schrieb es auf die Innenfläche und buchstabierte es. Ich behielt das Wort in der Hand, ich behielt es im Ohr, und zu Hause schnitt ich jedes einzelne aus, malte es von der Hand ab und sortierte alle in Streichholzschachteln. Er beschriftete sie. So konnten sie nicht verloren gehen. Er bewahrte sie in Büchern auf: Die Eisenbahnen der Welt, Die kalte Küche, Die 7Weltmeere, Wildtiere im Kongo und Edelsteine und Romane, manche in zwei Sprachen. Die zweite sprach er selten. Nur wenn er sich mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen hatte und wenn wir in die Berge fuhren und von dort in ein Tal. Zu Tat, der überall sonst Großvater hieß oder Nonno.

– Diamanten waren mal Holz, stell dir vor. So gesehen, sagte er, verheizen wir unser Kapital.

Später legte ich KAPITAL in eine Streichholzschachtel, in eine andere als FLUGZEUG.

– KAPITAL, hatte mein Vater gesagt, leg in SPÄTER, FLUGZEUG zu JETZT. WIND und REGEN leg in IMMER.

– IMMER ist wann?

Bei IMMER riss ihr der Geduldsfaden. Sie warf die Zigarette aus dem Fenster und schrie ihn an, dass man auch für die Muttersprache nicht so viel Benzin verbrauchen muss. Er fuhr wieder an den Straßenrand und knetete das Lenkrad.

– Und? Hast du eine bessere Idee?

– Kauf ihr eine Brille, Herrgott.

Die Chefin hatte gesagt, dass Mütter naturgemäß näher an der Praxis sind, auch wenn sie mit der dann nicht zurechtkommen und sie im Heim abgeben. Aber sie haben sich immerhin neun Monate damit herumgeschlagen.

Wir wohnten etwas …

WIR WOHNTEN ETWAS AUSSERHALB der Stadt, direkt an der Straße. Die Häuser waren so schlecht wie die Zähne meines Vaters, und ein Fahrstuhl kam für den Vermieter nicht in Frage. Er sagte, er ist nicht Mutter Teresa, und meine Mutter maulte, dass das Haus nur noch vom Putz zusammengehalten wird und von der Geldnot der Bewohner. Aber es war billig, dort zu wohnen, und aufs Billige waren wir angewiesen, weil mein Vater ein Trottel war und kein guter Geschäftsmann. Das hatte weder meine Mutter noch der Rest der Verwandtschaft gleich gemerkt. Vielleicht waren auch sie durch die Tür in eine Familie gekommen, und da konnten sich Entwicklungen eben hinziehen.

Mein erster Geburtstag im Haushalt fiel mit einem Todesfall aus dem Erdgeschoss zusammen. Der Tod hatte die Nachbarin geholt. Vorsichtshalber versteckte ich mich, um ihm nicht auch begegnen zu müssen. Die dicke Köchin Helene hatte gewarnt davor, dass der einem über den Weg laufen kann und man danach nicht mehr dieselbe ist.

– Nichts findet man mehr, hatte sie gesagt, nicht mal mehr den eigenen Namen.

Meine Mutter klaubte mich im Morgengrauen unter dem Bett hervor und sagte:

– Komm mit, es ist nichts dabei. Sie hat ihn erwartet. Pietät: Das ist jetzt das Wichtigste.

– Was ist das?

– Die Ruhe bewahren.

Im Käfig schaukelte der Vogel der Nachbarin und sang, so laut er konnte. Mein Vater nickte mir zu.

– Wo warst du denn?

Er schaukelte auf einem Stuhl vor der Nachbarin, die klein und ein bisschen geschrumpft in ihrem Sessel saß, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Schoß. Er wischte sich Tränen vom Gesicht.

– Seite zweiundfünfzig.

– Was?

– Bis Seite zweiundfünfzig ist sie gekommen.– Morgen hätten wir die Via Mala gemacht.

– Wie denn?

– Wenigstens mit dem Feldstecher.

Zu gern hätte er die Nachbarin ins Grüne gefahren. Einmal im Monat machte er das, seit ihre Beine den Geist aufgegeben hatten. Ich fuhr jedes Mal mit, denn die Nachbarin buk einen grandiosen Kuchen, den sie Strudel nannte, über den er während jeder Fahrt alles wissen wollte, über den Teig, über die Äpfel und die Kirschen oder den Mohn darin, über den Quark, den sie Topfen nannte, während mir schlecht war von den drei Portionen und von ihrem Haarlack, den meine Mutter auch verwendete. Sie türmte ihr Haar auf wie sie, sie verwendete dasselbe Kölnischwasser, und sie waren sich darüber einig, mit welchem Waschpulver man diese Blusen und jene Röcke waschen musste, nur dass die Nachbarin eine Vorliebe für Blusen hatte, die meine Mutter nicht einmal mit Sonnenbrille ertrug.

Sie beugte sich über den Sessel, in dem die Nachbarin saß.

– Mach doch Licht.

Er zog die Gardinen auf, öffnete die Fenster. Wir blinzelten in die Sonne und sie sagte:

– Mein Gott, was für eine Farbe. Und erst dieses Muster: nicht zu fassen.

Für mich gab es nichts zu tun. Während meine Mutter die Nachbarin wusch, fiel ich fast vom Stuhl, weil ich mich an die Sonne anlehnte. Sie ließ den Staub schweben, sie guckte in die Spiegel und rückte herum, was auf dem Boden lag: den Schatten des Fensterkreuzes, den der Stühle, den einer großen Vase, eines Bücherstapels. Sie sah in die Ecken und sogar unter den Sessel, und als sie genug gesehen hatte, verschwand sie aus dem Fenster. Ich blinzelte, mein Vater schaute mir ins Gesicht.

– Na, ausgeschlafen? Sich unter dem Bett zu verkriechen– es ist halb so wild. Nimm ihn mit.

Er deutete auf den Vogel

– Füttere ihn. Er gehört jetzt dir. Wenn die Verwandten anrufen, sag ihnen, dass für alles gesorgt ist.

Die Verwandtschaft der Nachbarin kam von weit her. Sie war schon unterwegs.

Sie telefonierte weinend von zu Hause, sie telefonierte von einer Zelle aus, von einer nächsten. An einer Autobahnraststätte schluchzte sie in den Hörer, schnäuzte sich, und jemand schrie, fragt, hier raus oder bei der nächsten. Es klingelte ununterbrochen, und ich musste mich wiederholen. Sie riefen an, um zu erfahren, wie es der Nachbarin ging, und ich sagte ihnen allen, dass sie tot ist und alles voller Pietät, meine Mutter sie wäscht und mein Vater kocht, so sicher wie das Amen in der Kirche und so gut wie im Himmel.

– Wir fahren wie der Teufel, sagten sie.

Sie haben nicht viel Zeit. Die Nachbarin will Asche werden. Sie muss in einer Dose unter die Erde.

Vorhänge wurden zurückgezogen, die Leute legten sich auf Kissen ins Fenster, kratzten sich am Kopf, grüßten die, die vor dem Haus stehen blieben, den Kopf schüttelten wegen der Autos, die mit röhrenden Auspuffen in die Straße bogen und sich auf den Bordstein stellten. Bei der Ankunft Hupen, Motorengeheul und Türenknallen. Dann das Fluchen, Weinen, das Rascheln von Papier im Flur. Meiner Mutter war zum Heulen zumute. Aber was sollte sie machen? Die kamen von weit her, hatten Lilien mitgebracht, Wein, knirschende Gladiolensträuße, die sie in den Händen drehten, bis die ersten Blüten abfielen und meine Mutter sagte: Kommt herein.

Neben meinem Bett stapelte sich mein Geburtstagsgeschenk: das dickste Lexikon in fünfzehn Bänden. Auf dem Band A bis BAU sprudelten Zähne in einem Glas. Ich schlief nicht allein. Bei mir lagen zwei Schwestern der Nachbarin. Eine links und eine rechts. Sie waren so breit, dass das Bett quietschte, wenn sie Luft holten. Im Flur lagen Onkel und Söhne, im Wohnzimmer weitere Verwandte; ein Menschenteppich in Socken und Mänteln, die Hüte ins Gesicht geschoben. Die Gladiolen standen in Putzeimern, und im Flur stapelten sich Kränze wie Autoreifen. Lilienduft stand in den Räumen, klebte im Gaumen, ließ sich nicht vertreiben, süß und schwer wie die beiden Tanten, die schnarchten. Das Zahnglas zischte, und das Bett knurrte. Mich hatten die beiden vergessen, sie fassten sich bei den Händen, immer wieder nass von Tränen.

Meine Mutter nahm eine Tablette gegen das Himmelelend. Sie öffnete der Blondierten von nebenan die Tür, in deren Arm ihre drei Hunde kläfften, und schlug ihr die Tür vor der Nase wieder zu. Später ging sie mit Kuchen und zwei Gästen zur Blondierten hinüber, drängte ihr Kuchen und Gäste auf, weil sie nicht wusste, wohin mit ihnen. Es waren ausgesuchte Gäste; die eine auch blondiert. Gemeinsame Interessen können das Eis brechen.

Im Flur war Gerenne. Alle in Schwarz. Alle in bester Stimmung. Die Nachbarn grüßten meine Mutter: Eine schöne Beerdigung. Und meine Mutter grüßte zurück: Viel zu teuer.

Einige Nachbarn hatten vergessen, dass sie mit mir nicht zurechtkamen. Sie fassten mir ins Haar. Die Blondierte allen voran, und sie ließ mich ihre Hunde streicheln.

– Wenn der Tod im Spiel ist, sagte meine Mutter, sehen die meisten die Dinge nicht mehr so eng. Einige fallen bei der Aussicht sogar ins Bodenlose.

– Das, sagte mein Vater, gibt sich wieder beim Essen.

Für riesige Fuhren gehörte die Küche ihm, und das Wochenende war sowieso seine Domäne. Die Nachbarin hatte Glück, dass sie am Donnerstag gestorben war, und die Verwandtschaft hatte Schwein, dass sie eine riesige Fuhre war: ein doppelter Jackpot. Mein Vater war schon ganz aufgeregt, pellte in Gedanken Berge von Kartoffeln, schnitt Gemüse, zerlegte ein Rind, Hühner und Schweine, denen das Sterben leichter von der Hand gegangen war als der Nachbarin. Viel leichter.

– Es ist für sie eine Überraschung, sagte er, auf der Schweinewolke aufzuwachen, im Rinderhimmel, auf Hühnersternen. Von dort oben gucken sie stolz in diese Pfannen und staunen: Na so was. Da, das bin ja ich, das mein Schwager. Erstaunlich: Aus der blöden Sau ist doch noch was geworden, und hier: Was man aus einem dämlichen Rindvieh so machen kann. Nicht zu fassen.

Mein Vater wollte die Küche für sich haben. Aber meine Mutter wischte Brotkrumen von der Anrichte, vom Tisch, sie wischte unter dem Tisch, sie fand Socken. Sie wischte den Fernseher ab, sie fand einen Hut, drei Hüte, den vierten auf dem Vogelkäfig. Sie wischte, so lange sie konnte, weil alle auswärts waren, sich auslüfteten, einen Gang taten, und mein Vater wanderte Listen schreibend auf und ab und ging schließlich einkaufen.

Er soll nicht übertreiben, er, der seine Gastfreundschaft noch nicht einmal im Schlaf ausziehen kann, rief sie ihm hinterher, Herrgott, dass er doch gleich alle mitbringen soll, die er auf der Straße noch findet und in Hauseingängen oder unter Steinen.

Sie musste ein wenig weinen, weil ihr seine Gastfreundschaft bis in den Tod über den Kopf wuchs und sie sich schon wieder Rechnungen essen sah, damit sie vom Tisch waren.

Meine Mutter ging durch den Lilienduft, sie teilte ihn mit Kölnischwasser, sie hatte sich schön gemacht, sie deckte den Tisch. Seit zwei Tagen deckte sie fast ununterbrochen den Tisch, und am dritten brauchte sie alle Teller; alle, die sie hatte, und alle, die sie kriegen konnte. Teller waren Pflicht. Keiner kam ohne, und mein Vater stand in der Küche und sah Eli zu, wie er die Schnitzel platt schlug.

Mein Vater schaute Eli gern zu. Eli machte normalerweise Mauern im Akkord. Er hatte Hände so groß wie Bratpfannen, und sein Augenmaß war im Fach hoch angesehen. Aber trotzdem redeten die Leute über Eli. Sogar in der Regierung. Es war nicht klar, ob die Regierung ihm die Schweiz erlaubte oder nicht. Obwohl er alles konnte: Mehrfamilienhäuser so gut wie den Kaninchenstall für Schneewittchen. Er machte so etwas im Schlaf, und tagsüber besuchte er uns oft, um eine große Hilfe zu sein. Dass die Leute redeten, war meinem Vater egal, und dass die Regierung wegen Eli sogar Briefe schrieb, machte ihm erst recht keinen Eindruck.

– Idioten. Ausnahmslos. Rindviecher. Die Regierung kann uns mal.

Er hob mich auf die Anrichte. Von seinen Händen bröckelte Panade.

– Schau dir doch Eli an. Eliseo Álvaro Manuel Raúl Caballero Pardo. Der kann was, stimmt’s?

Ich wartete. Mein Vater wollte mir den Rinderhimmel genauer erklären.

– Es ist nämlich so: Im Rindviecherhimmel müssen die Tiere zusammenrücken. Dort fahren nach ihrem Tod auch Menschen hin, ohne dass es auffällt. Bei den Schweinen und Hühnern ist es ebenso. Solche Versehen passieren.

Ist es ein Wunder? All die Himmel. Soll sich einer auskennen. Und dann ist da noch das Pfefferland. Es ist ein Paradies zu Lebzeiten, wo mein Vater meine Mutter manchmal zur Kur hinschicken wollte, es aber nie klappte, weil unser Geld hinten und vorn nicht reichte.

Die Tür stand offen. Sie ging gar nicht mehr zu. Meine Mutter ging zwischen den Gästen hindurch und zählte sie. Auf dem Flur, im Klo, in den Zimmern– sie klaubte zwei vom Ehebett, die keinen Hunger auf Schnitzel hatten, bloß einander grade aufaßen und mit Schnaps kleckerten, es war noch nicht einmal aufgetragen. Sie zählte im Wohnzimmer und in der Küche die, die aufs Fleisch einschlugen, es droschen, dass ihm die Sehnen hervorquollen. Sie rief ihnen zu:

– Es ist eine Schande– in unserem Bett.

Eli krempelte die Ärmel hoch. Mein Vater hielt ihn zurück.

– Lass, erst sollen sie essen.

Meine Mutter schüttelte den Kopf, trug jetzt Flaschen herum, sie nahm noch zwei Pillen gegen das Himmelelend und begann mit dem Zählen wieder von vorn. Sie kommandierte mich und die Blondierte mit Schüsseln und Gläsern durch die Wohnung und sagte zu den Gladiolen:

– Es sind noch nicht mal alle da.

Dejan und Mirela fehlten. Das schönste Paar weit und breit. Sie steckten noch im Restaurant fest, in dem sie arbeiteten. Sie wollten nachkommen, mit gebratenem Schweinefleisch und Dejans Gitarre, die in seiner Freizeit für Stimmung sorgte. Auch Henry und Silvester hätten schon längst da sein sollen. Sie waren aus Afrika gekommen, weil die Schweiz sie brauchte, um riesige Schaufelräder herzustellen, mit denen das Ausland Strom machen konnte, sagte mein Vater. Henry und Silvester waren von Afrika nach Amerika gereist, um dort zur Schule für Schaufelräder und Strom zu gehen und hatten in ihren Zimmern viereckige Hüte mit Kordeln, die auf Kissen verstaubten, und an den Wänden hingen eingerahmte Papiere. In Amerika hatten sie sich einen Ruf gemacht, der bis nach Europa reichte, und sie waren auf einem roten Teppich in die Schweiz gekommen. Henry und Silvester waren für die Schweizer Industrie unentbehrlich. Schaufelräder waren der Verkaufsschlager. Auch Eli sagte, die beiden wären handverlesen. Bloß meiner Mutter machte das keinen Eindruck. Im Gegenteil: Immer wenn mein Vater über Henry und Silvester reden wollte, klingelte das Geschirr im Küchenschrank ähnlich laut, wie wenn er Onkel Gion erwähnte, der nicht richtig im Kopf war, oder eine Nachbarin, die in Zürich einen Supermarkt für Liebe hatte.

Mein Vater trug Schnitzel auf, und meine Mutter wollte nach dem Rechten sehen. Seit das Ehebett entweiht worden war, war mit allem zu rechnen, sagte sie. Und tatsächlich: lebendige Hühner am Duschkopf hängend, zu einem Strauß gebunden, der mit den Flügeln schlug, als sie ihn losmachte.

– Eli!

Sie trug sie in die Küche. Eins fiel zu Boden, es rappelte sich auf, flatterte über den Köpfen, die Blondierte musste ihre Hunde bändigen, das Huhn war aufgeregt, es verteilte Federn und Scheiße. Eine Cousine der Nachbarin fing es ein und griff ihm unter die Federn. Sie drückte es so lange in den Blumen ihres Kleides nieder, bis es ruhig wurde und sich in die Handtasche stecken ließ. Dort guckte es zwischen den Zähnen des Reißverschlusses hervor und machte keinen Mucks.

Endlich waren auch Mirela und Dejan da. Mirela strahlte für zwei, das tat sie immer. Sie hatte eine Haut so weiß wie die Milch, die sie im Restaurantkeller zu Käse rührte und durch Lappen presste. Die beiden hatten eine Kiste Slibowitz dabei, Goran-die-Geige, Dejans Gitarre und das Schweinefleisch im Ganzen, vor dem meine Mutter weglief. Dejan hielt mir das fettige Paket hin.

– Was hat sie? Es ist frisch. Und noch warm. Wieso mag sie Ferkel nicht?

– Sie kann keine Kinder essen.

Er zuckte die Schultern, schob sich an mir vorbei, öffnete ein Glas Paprikamus, das ihm Mirela gereicht hatte, stapelte runde Brote auf dem Tisch, klemmte einen Teller unter den Arm, steckte sich Besteck in die Jackentasche und ging zum Telefon, wählte mit der Gabel die Nummer. Beim Essen vermisste Dejan die Sprache von zu Hause am meisten. Er telefonierte mit Freunden. Die Schnur hinter sich herziehend, ging er dabei durch die Zimmer, bis die Verbindung plötzlich abbrach. Dejan schüttelte den Hörer, klopfte die Muschel aus, damit die restlichen Wörter herausfallen konnten, als einer die Tür aufriss und ihm das Kabel vor die Füße warf. Er hielt Dejan die Gitarre hin.

– Komm endlich rein und spiel!

Dejan hielt, was die andern versprochen hatten. Was für eine Musik. Sogar meine Mutter und die Blondierte tanzten, bis ihnen schwindlig wurde und man sie hätte stützen müssen, wäre die Wohnung nicht so voll gewesen wie der Bus Nummer vier. Ab und zu kippte jemand zur Tür hinaus, blieb im Stiegenhaus sitzen und schlief ein; kein Einziger merkte, dass ich ihnen schrumplige, schwarze Oliven in die Ohren steckte. Dejan schwor darauf, wenn er seine Ruhe haben wollte.

Drinnen hielt Dejan die Gitarre im Arm, und Eli hielt Dejan im Arm. Sie hatten große Gefühle und sangen, als ich den Kuchen hereintrug. Es war, wie die Tanten sagten: Alle gingen aus dem Weg, sie machten Platz. Weiß der Himmel, wo sie den hernahmen, sie zogen die Bäuche ein, als käme die Braut.

Bloß einer schob sich den Hut in den Nacken.

– Was soll ich damit?

Er drehte dem Kuchen den Rücken zu, hielt die Hand auf ein Schnitzel, um ihm die Temperatur zu nehmen. Er schnalzte mit der Zunge, sagte ›kalt‹, sagte ›egal‹ und aß es von Hand.

– Wie heißt du?

– Johann.

– Woher kommst du?

– Von der Hernalser.

– Wo ist Hernalser?

– Die Hernalser. Hernalser Hauptstraße. Österreich.

– Wo liegt das denn?

– In Wien.

Johann tupfte sich die Lippen mit einem Taschentuch ab. Mein Vater und Eli stellten sich dazu.

– Die besten, geh, die allerbesten Schnitzel in meinem Leben waren das.– Aber sag, was macht der Tschusch da?

– Was ist ein Tschusch?

– Einer von denen.

Johann deutete auf Dejan.

– Hast auch Neger?

Mein Vater sagte kein Wort. Noch nicht einmal den Tschusch wollte er mir erklären.

– Du musst ins Bett.

– Ich will nicht.

– Sie trinken alle. Es geht schnell wie ein Sonnenuntergang in den Tropen; kaum blinzelst du, ist die Sonne weg und die Nacht da und bringt die Leute zu Fall.

– Wo sind Henry und Silvester?

– Das weißt du doch.

– Ich nenne ihn Vogel.

– Wen?

– Den Vogel.

– Das ist kein richtiger Name.

– Denkst du dir einen aus?

– Ja.

– Schreibst du ihn mir auf?

– Gleich morgen, wenn die Gäste aus dem Haus sind.

Seine Hände vergaßen das Versprechen. Sie waren anderweitig beschäftigt. Das waren sie immer. An jenem Tag zum Beispiel hatten sie die Hunde der Blondierten gekrault, den Toyota shampooniert, sie hatten Schnitzel geklopft, meine Mutter in der Küche um die Hüften gefasst und auf Henry und Silvesters Schultern gelegen, um ihnen im Stiegenhaus ein bisschen Mut zu machen, wieder zu gehen, weil außer Johann auch meine Mutter eine Allergie hatte gegen Afrika.

– SO EIN SÜSSES KLEINES Ding.

Tante Joujou war extra vom Dorf unter den Churfirsten hierher gefahren, um das zu sagen.

Sie wiederholte sich.

– Ein süßes Ding. Und so hübsch. Wo habt ihr es denn her?

Auf dem Tisch lagen zwei endlos dünne, lange Brote, auf die Tante Joujou schwor. Baguettes hießen sie, und einen Käse, der rann, nannte sie reif, obwohl er nicht aus dem Garten kam. Mutters Seite, sagte mein Vater, Mutters Seite kommt aus Frankreich. Mutters Seite ist komplett verrückt, sagte er. Und nicht auszuhalten.

Tante Joujou begann, im Kaffee zu rühren. Sie hatte die schönste Tasse bekommen. Die, auf der ein Reh mit weit aufgerissenen Augen aus dem Wald guckte, während der Jäger darauf zielte. Mein Vater nannte das eine klassische Jagdszene. Auf dem Unterteller war das Reh schon tot. Es lag auf Tannenzweigen und wartete auf den Koch.

Hell, das Klingeln des Löffels, und leise. Wie Tante Joujous Stimme, die wissen wollte, ob ich erforscht wäre, weil man sich bei Kindern mit Hintergrund etwas holen konnte. Als Frau eines Apothekers hätte sie das gern gewusst, und eins war sicher: Ich wäre etwas dunkel, aber wir hätten gute Chancen, dass sich das noch auswachsen könnte. Sie seufzte und strich mir übers Haar. An einem Keks knabbernd, sagte sie noch dies und das, während mein Vater sich die Nasenwurzel knetete und an einer Tischtuchklammer die Feder prüfte. Meine Mutter trommelte mit den Fingern und warf ein paar zermatschte Oliven auf den Tisch.

– Aus dem Flur. Da waren noch mehr. Genauer gesagt waren da viele. Ich habe sie heute aus allen Ecken gewischt, lauter schwarze schrumplige Dinger. Sie waren in die Ritzen getreten, aus denen ich sie dann gekratzt habe. Nicht, dass ich sonst nichts zu tun gehabt hätte mit der Beerdigung.

Tante Joujou rührte in ihrem Kaffee, dass er in den Unterteller schwappte. Sie wurde ungern unterbrochen. Die Olivenreste zu einem Häufchen kehrend, sagte meine Mutter:

– Es war allerdings eine schöne Beerdigung. Eine sehr schöne, muss ich schon sagen. Mit vielen Blumen. Mit sehr vielen. Mit richtig vielen Leuten, wie es sich gehört. Nicht alle das Gelbe vom Ei, muss man auch sagen, aber die Verwandtschaft kann man sich nun mal nicht aussuchen, auch nicht, wenn man so nobel ist, wie die Nachbarin es war. Sie hat sehr gern gelesen, sie ist mit einem Buch in der Hand gestorben, hat es sich auch leisten können, herumzusitzen und Bücher zu lesen. Nicht, dass ich ihr das nicht gegönnt hätte. Sie war überaus angenehm.– Nicht zu glauben, wie viele Bücher wir in der Wohnung gefunden haben. Und erst im Keller. Und auf dem Dachboden. Ganze Schrankwände voll. Schachteln, Kisten, Koffer: gefüllt mit Büchern. Nur Bücher.– Und diese Blusen. In Farben, du hältst es nicht für möglich.

Tante Joujou schaute nicht von der Tasse auf, in der sie herumrührte. Im Gegenteil: Sie schien sie noch etwas genauer betrachten zu wollen, als wäre ihr die Jagdszene zum ersten Mal aufgefallen.

– Sehr schön gemacht. Ein Einzelstück?

Als meine Mutter wieder anfing, mit dem Olivenmatsch auf dem Tisch zu spielen, guckte sie lange auf das Reh, das auf den Koch wartete, bevor sie den Unterteller leer schlürfte.

– Hör mal: Kinderlos zu bleiben ist keine Seltenheit. Unglücksfälle wie dich gibt es viele. Das muss dich nicht beunruhigen.

Das hatte die Chefin auch gesagt. Unglücksfälle wie meine Mutter werden erst mit allen Organen unter ärztliche Obhut gestellt. Ist Hopfen und Malz verloren, gehen sie in die Kirche, um nach Gott zu schauen. Wenn Gott auch nicht hilft, sind wir an der Reihe.

– Und Unglücksfälle wie die Kleine übrigens auch. Ist doch nichts dabei.

Als die Tasse neben Tante Joujou an die Wand ging, rieb mein Vater seine Stirn und prüfte die zweite Tischtuchklammer. In der Küche hin und her gehend, sammelte meine Mutter alles ein, was Tante Joujou mitgebracht hatte: die Baguettes, ihren Mantel, die Reisetasche, den Käse, ein Tuch, Hut, Schuhe, Zeitschriften, Blumen, und warf alles aus dem Fenster. Auf der Straße klingelte und hupte es, eine Bremse quietschte, und jemand schrie: ›Ausländerpack!‹ Mein Vater drückte die Feder der Tischtuchklammer wieder und wieder durch.

Auf dem Klo ist es ruhig. Man kann ungestört seinen Gedanken nachgehen. Ich stellte mich vor die Tür, um meiner Mutter ein wenig dabei zu helfen. Sie hatte endlich aufgehört zu weinen.

– Tante Joujou ist fort.

– Gut.

– Es sind alle fort.

– Gut.