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Inhalt

[Cover]

Titel

Widmung

Das Versteck

Prolog

I. Teil

II. Teil

III. Teil

IV. Teil

V. Teil

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

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Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang
R.M. Rilke

Das Versteck

Prolog

Wenn ein Mann halb nackt in der Küche sitzt und ein Glas Milch trinkt, weil er nicht schlafen kann, muss das noch lange nicht heißen, dass die Geschichte tragisch endet. Auch dann nicht, wenn sein Rücken im Licht der Glühbirne krumm, sein Gesicht hager und der Blick ein wenig unstet wirkt. Er ist Anwalt. Selbst die Schweißperlen auf der Stirn sollte man nicht überinterpretieren. Der Jahrhundertfrühling wurde von einem Jahrtausendsommer verdrängt, und die Stadt ächzt unter einem Klima, das auf den Wandel nicht mehr warten will. Ein unangenehmes Schweigen hat sich ausgebreitet, nachdem den Kindern ihre Schreie im Hals stecken geblieben und den Trinkern die Texte ihrer Lieder abhandengekommen sind. Selbst die Martinshörner klingen unengagiert und zu weit entfernt, um Hilfe leisten zu können. Dabei ist es nicht wirklich still. Das Stöhnen der Stadt wird in jede Wohnung getragen, wo die Kompressoren der Kühlschränke und die Ventilatoren der Computer brummend und sirrend ihre Arbeit verrichten, während im Bad der Wasserhahn tropft. Nicht regelmäßig. Sondern nur dann und wann. Wirklich still ist es, wenn überhaupt, in der Abstellkammer. Ein winziger Raum, in dem man einen Klappstuhl aufstellen kann. Mehr nicht. Da der Schlüssel vor Jahren verloren ging, bleibt dies eine Vermutung.

Flüchtige Bekannte beschreiben Bernhard nicht als direkt gut aussehend, aber einnehmend und angenehm im Umgang. Ohne zu zögern würden sie ihm ihre Zimmerpflanzen, nicht aber ihre Kinder anvertrauen. Wer ihn besser kennt, macht Witze über seine Unbeholfenheit in der Öffentlichkeit, schätzt seine Loyalität und beneidet ihn um seine Frau. Beruflich ist er überraschend erfolgreich. Da er außerdem bereits als kleiner Junge unter Schlaflosigkeit litt und kein einziges Mal auf seine Frage, ob der Bruder im Bett über ihm schon schlafe, eine Antwort erhielt, ist die Schlussfolgerung erlaubt, dass es dem Mann mit dem Glas Milch und den Shorts trotz der fortgeschrittenen Stunde gut geht. Mag das Klima auch vor die Hunde gehen. Im Bett gibt es keine Blutspuren, seine Finanzen sind solide, und nicht einmal ein Tatverdacht zur Fahrerflucht liegt vor.

Fest steht aber, es werden keine Bücher über Milch trinkende Männer geschrieben, nur weil sie nicht schlafen können. Und so sei noch der Juckreiz zwischen den Augenbrauen erwähnt, der Bernhard befällt, sobald er unter die Bettdecke kriecht. Als würde ein Finger über seiner Stirn schweben. Gerade so nah, dass es nicht zur Berührung kommt. Das Gefühl von Blicken, die sich in seinen Rücken bohren, wenn er sich auf die Seite dreht. Der beklemmende Gedanke, sein Alter Ego würde am Schreibtisch unter dem Fenster sitzen, frisch geduscht, in einen Bademantel aus Frottee gehüllt, und ihn beobachten. Die Mundwinkel zu einem höhnischen Grinsen verzogen, ihm eine gute Nacht wünschend.