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Reinhard Kaiser

»Dies Kind soll leben«

Die Aufzeichnungen der
Helene Holzman 1941–1944

Schöffling & Co.

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Helene Holzman, um 1950.

Anmerkungen

Erstes Heft

Die Buchhandlung, die Max Holzman 1923 als Filiale der Breslauer Buch- und Lehrmittelhandlung Priebatsch in Kaunas gegründet hatte, wurde nach der Besetzung Litauens durch die Rote Armee im Sommer 1940 enteignet (»nationalisiert«) und geschlossen. Vgl. Nachwort, S. 358ff.

Die Holzmans wohnten zu dieser Zeit in Kaunas auf dem »Grünen Berg«, einem vorwiegend von wohlhabenderen Leuten bewohnten Viertel mit vielen Neubauten oberhalb des Zentrums – in der Višinskio-Straße, Nr. 22. Das Haus steht noch.

Wilna (Vilnius), die größte Stadt Litauens, war nach dem Ersten Weltkrieg für kurze Zeit Regierungssitz der neuen, aus dem Russischen Reich hervorgegangenen Republik Litauen, wurde dann jedoch 1920 mit seinem Umland von Polen besetzt. Bis 1940 war Kaunas Hauptstadt Litauens. Mitte September 1939, nach dem Beginn des deutschen Überfalls auf Polen, marschierte die sowjetische Rote Armee in Ostpolen ein und gab Wilna und das Wilna-Gebiet an Litauen zurück, erhielt im Gegenzug dafür das Recht, Truppen auf litauischem Gebiet zu stationieren, und besetzte dann im Sommer 1940 ganz Litauen. Danach wurde wieder Wilna Hauptstadt der Litauischen Sowjetrepublik.

Gemeint sind hier natürlich die Soldaten der Roten Armee.

Außerhalb des Deutschen Reiches lebende Angehörige deutscher Volksgruppen, die nicht die deutsche, sondern eine andere Staatsangehörigkeit hatten, z.B. die Wolga-Deutschen in Rußland, die Banater Schwaben in Rumänien – im Unterschied zu den »Reichsdeutschen«, die über einen deutschen Paß verfügten.

Die von den Nationalsozialisten in ganz Deutschland inszenierten, gegen Juden und jüdische Einrichtungen gerichteten Pogrome vom 9. und 10. November 1938.

Nach der Nazi-Nomenklatur war Max Holzman als Kind zweier jüdischer Eltern ein »Volljude«. Helene Holzman war als Kind eines jüdischen Vaters und einer nicht-jüdischen Mutter »halbjüdisch« – wurde aber von den deutschen und litauischen Behörden nicht als »jüdisch«, sondern als »deutsch« wahrgenommen, zumal sie, ebenso wie ihre beiden Töchter, evangelisch getauft war.

Die Holzmans erwarben die litauische Staatsangehörigkeit im Jahre 1936.

Helene Holzman greift hier ironisch eine Parole auf, die ursprünglich von dem sudetendeutschen Politiker Konrad Henlein während der Sudetenkrise 1938 geprägt und dann als geflügeltes Wort auch auf ähnliche Zusammenhänge (z.B. den Konflikt um Danzig) übertragen wurde.

Eine vermutlich aus Rücksicht auf potentielle sowjetische Mitleser allzu freundliche Formulierung: Nach der Besetzung Litauens durch die Rote Armee am 15. Juni 1940 wurde die Buchhandlung Max Holzmans geschlossen. Die Holzmans standen als »Bourgeois« auf den sowjetischen Listen für die Deportationen nach Sibirien, die noch wenige Tage vor dem Einmarsch der Deutschen begannen.

Edwin Geist und seine Frau Lyda waren mit den Holzmans gut befreundet. Ihrer Geschichte ist, wie man lesen wird, ein wesentlicher Teil der Aufzeichnungen Helene Holzmans gewidmet. Der einschlägige Eintrag im »Lexikon der Juden in der Musik« von Theo Stengel in Verbindung mit Herbert Gerigk (Berlin 1943, Sp. 88) lautet: »Geist, Edwin Ernst Moritz. (H), *Berlin 31.7.1902, Komp, MSchr, KM – Berlin.« Die Abkürzungen bedeuten: H = Halbjude, Komp = Komponist, MSchr = Musikschriftsteller, KM = Kapellmeister.

Der 24. Juni 1941. Am Abend dieses Tages wurde Kaunas von der deutschen Wehrmacht eingenommen.

Diese litauischen Partisanen kämpften gegen die Rotarmisten und bildeten zugleich die wichtigste Hilfstruppe der deutschen Besatzungsmacht bei den Mordaktionen gegen die jüdische Bevölkerung. Schon vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht organisierten die Partisanen erste Pogrome.

Zu dem Kreis der »Tolstoianer«, dem dieser Freund wie auch Maries Freund Viktor, der Sohn der Augenärztin Elena Kutorga, angehörte, vgl. auch S. 30.

Vgl. Anm. 2.

Marie Holzman hatte sich während des »Sowjetjahrs« (Juni 1940 bis Juni 1941) beim »Komsomol«, der kommunistischen Jugendorganisation, engagiert.

Im Manuskript irrtümlich: »23. Juni«. Siehe Anm. 12.

Die Laisves Aleja (Freiheits-Allee) war die Haupt- und Flanierstraße von Kaunas. Im Haus Nr. 48 hatte sich zuletzt Max Holzmans Buchhandlung »Pribačis« befunden.

Wörtlich: »Der litauische Hof«, eine halbstaatliche Handelsgenossenschaft für Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Honig, in deren Büro Marie eine Zeitlang gearbeitet hatte.

Hans Multscher (ca. 1400–1467), Maler und Bildhauer. Sein malerisches Hauptwerk ist der Wurzacher »Passionsaltar« (1447) mit der Kreuztragung Christi, heute in Berlin.

General Statys Raštikis, vor dem Krieg Generalstabschef der litauischen Armee, war in der im Juli 1941 gebildeten, von der deutschen Besatzungsmacht allerdings weitgehend ignorierten litauischen Regierung Verteidigungsminister.

Am Rand der Seite ein wohl nachträglicher Zusatz, der sich nicht zuordnen läßt, möglicherweise etwas, das Moschinskis Helene Holzman damals erzählt hat: In Wilna habe auf deutschen Befehl die Stadtverwaltung verordnet, daß alle Juden einen gelben Stern auf der Brust tragen müssen. Die Kaunaer Stadtverwaltung habe sich gesträubt, eine solche Verordnung zu erlassen. In Wilna wurde dieser Befehl erstmals am 3. Juli 1941 herausgegeben, in Kaunas durch den Stadtkommissar Cramer am 31. Juli 1941.

Helene Holzman hat die Stelle für die Zahl der Opfer freigelassen, wohl um sie später nachzutragen. Diesem Massaker, bei dem zahlreiche deutsche Uniformierte zugegen waren und fotografierten, fielen am 27. Juni 1941 etwa sechzig Juden zum Opfer. Der Garagenhof der »Lietukis«-Genossenschaft lag nicht an der Bahnhofstraße, wie Helene Holzman schreibt, sondern am Vytautas-Prospekt, der zum Bahnhof führt. In der Zeit vor der sowjetischen Besetzung Litauens hatte sich hier die Shell-Tankstelle befunden.

Am 10. Juli 1941 gaben der litauische Militärkommandeur von Kaunas, Jurgis Bobelis, und der Bürgermeister von Kaunas, Kazys Palčiauskas, den Erlaß heraus, daß alle Juden spätestens bis zum 15. August in das Ghetto Vilijampole umzuziehen hätten.

In Kaunas lebten zum Zeitpunkt des deutschen Einmarschs etwa 40000 Juden. Etwa 15 Prozent der ca. 30000 Personen, die noch im Juni 1941 von den Sowjets aus Litauen nach Sibirien deportiert wurden, waren Juden. Anfangs lebten im Ghetto Vilijampole etwa 30000 Menschen.

Vgl. Anm. 19.

Viktor Kutorga.

»Wehrlos« im Sinne von »waffenlos«, »unbewaffnet«.

Vgl. Anm. 5 über den Begriff »Volksdeutsche«.

Fritz Jordan, Hauptsturmführer der SA, Referent für Judenfragen bei der Zivilverwaltung in Kaunas.

Noch vor der Verordnung vom 31. Juli 1941, der zufolge alle Juden vorn und auf dem Rücken einen gelben Stern tragen mußten, hatte der deutsche Stadtkommissar von Kaunas, Hans Cramer, am 28. Juli 1941 bestimmt: »Der jüdischen Bevölkerung wird das Betreten der Gehsteige untersagt. Die Juden haben den rechtsseitigen Rand der Fahrstraße einzuhalten und hintereinander zu gehen.« (»Hidden History of the Kovno Ghetto«, S. 49)

Als letzter Termin für den Umzug ins Ghetto war der 15. August 1941 festgesetzt worden.

Robert Stender, erster Geiger an der Kaunaer Oper. Er wurde bei der sogenannten »Intellektuellen-Aktion« (vgl. S. 66f.) ermordet.

Wahrscheinlich Franz Vocelka, von dem noch die Rede sein wird. Er hat seine Frau später wieder aus dem Ghetto geholt.

Helene Holzman hat die folgenden beiden Briefe Maries in ihren Aufzeichnungen abgeschrieben. Die Originale sind nicht erhalten.

Über den Pelikan hieß es schon in der Antike, er würde sich die Brust aufreißen, um mit dem eigenen Blut seine Kinder zu ernähren.

Gretes und Ludmillas Freundin Bella Feigelowitsch, genannt »Beka«, war mit ihrer Familie am Ende des Sowjetjahres nach Sibirien deportiert worden.

Zusatz am Seitenrand: Zur Flucht brauchten wir vor allem Geld. Wir verkauften Bettwäsche, Bücher, Kleidungsstücke, Eßgeschirr sehr billig. Es hatte sowieso keinen Wert mehr für uns.

Im Sinne von »einschüchtern«.

Im Sinne von »prahlten«.

Russische Zigaretten mit einem langen Mundstück aus Pappe.

Es gab einen relativ humanen deutschen Offizier, Oberst Erich Just, der als Beauftragter des Wehrmachtbefehlshabers Ostland im Baltikum war. Möglicherweise ist aber doch Heinz Jost gemeint, ein allerdings nicht durch seine Milde bekannt gewordener Generalmajor der Polizei. Er war ab März 1942 mit der Wahrung der Geschäfte des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD und des Chefs der Einsatzgruppe A beauftragt. Avraham Tory (S. 251) berichtet, der Ältestenrat des Kaunaer Ghettos habe sich bemüht, mit Jost in Kontakt zu kommen, da er vor dem Krieg mit einigen Juden, die nun im Ghetto lebten, befreundet gewesen sei. Offenbar hoffte man, in ihm einen Fürsprecher zu finden.

Vgl. Anm. 31, S. 44.

Die sogenannte »Intellektuellen-Aktion«. Die Erschießungen wurden im IV. Fort ausgeführt. Die Zahl 534 wird in vielen Berichten genannt. Nach dem sog. »Jäger-Bericht« vom 1. Dezember 1941 fielen dieser Aktion sogar 711 Juden zum Opfer.

Marijonas Senkus

Da es im kyrillischen Alphabet kein »H« gibt, würde man den Namen »Holzman« in russischer Umschrift mit »G« oder »Ch« (kyrillisch Γ oder Χ) beginnen lassen.

Ghettos, die länger Bestand hatten, gab es nach den verfügbaren historischen Untersuchungen auf litauischem Gebiet nur in drei Städten, Kaunas, Wilna und Schaulen (šiauliai). Zu Beginn der deutschen Besetzung wurden allerdings für kurze Zeit auch in zahlreichen kleineren Orten Ghettos errichtet.

Der Ältestenrat wurde auf deutschen Befehl als Instrument der inneren Selbstverwaltung am 4. August 1941 gebildet. Zum Vorsitzenden wählten die Vertreter der jüdischen Gemeinde von Kaunas den angesehenen Arzt Elchanan Elkes. Dem Ältestenrat gehörte auch Avraham Tory (Golub) an, dessen Tagebuch, »Surviving the Holocaust. The Kovno Ghetto Diary«, eine besonders aufschlußreiche Quelle für die Geschichte des Kaunaer Ghettos ist.

Sie wurden auch »Jordan-Scheine« genannt, nach dem deutschen Referenten für Judenfragen in Kaunas, Fritz Jordan, der sie einführte.

Quartier, Stadtviertel.

Wahrscheinlich wurden an diesem Tag, dem 26. September 1941, 1200 Menschen ermordet. (Vgl. »Hidden History«, S. 243). Möglich, daß Helene Holzman diese Aktion und die von ihr anschließend geschilderte Liquidierung des Kleinen Ghettos am 4. Oktober, bei der etwa 1800 Menschen (Helene Holzman nennt auf S. 91 die Zahl 2000) ermordet wurden, zusammengenommen hat. Der »Jäger-Bericht« beziffert die Zahl der Opfer bei diesen beiden Aktionen mit 1608 und 1845.

Im Text: SA-Bannerführer.

Hier verwirrt sich die Chronologie der Ereignisse. Das vorgetäuschte Attentat auf den deutschen Ghetto-Kommandanten Willy Koslowski diente als Vorwand für die Mordaktion vom 26. September 1941, von der Helene Holzman weiter oben (S. 88f.) schon berichtet hat. Vgl. dazu Tory, S. 60.

Gemeint ist das Stereotyp des knollennasigen, unter dicken Augenbrauen und schwarzem Kraushaar verschlagen hervorblickenden »Juden«, das vor allem vom »Stürmer«, dem von Julius Streicher herausgegebenen antisemitischen »Deutschen Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit«, aber auch von anderen Zeitungen der Nazizeit in unzähligen Karikaturen verbreitet wurde.

Vgl. hierzu die im Anhang, S. 348, zitierte Tagebucheintragung Elena Kutorgas vom 31. Oktober 1941.

Helene Holzman benutzt hier ausnahmsweise einmal den von der deutschen Besatzungsmacht verwendeten Namen für Kaunas.

Zweites Heft

Das im August 1941 gegründete Kollegium der Generalräte war das oberste Organ der litauischen »Selbstverwaltung« während der deutschen Besetzung. Vorsitzender war Petras Kubiliunas. Der Generalrat, dem sich Helene Holzman anvertraute, war Vladas Jurgutis.

Der nördlich der Memel (russisch: Njemen – litauisch: Nemunas) und des Rus gelegene Teil Ostpreußens kam mit der größten Stadt Memel (litauisch: Klaipeda) nach dem Ersten Weltkrieg unter französische Mandatsverwaltung und wurde 1923 von Litauen annektiert. Im März 1939 erzwang das Deutsche Reich die Rückgabe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Memelgebiet der Litauischen Sowjetrepublik angegliedert und gehört heute zu Litauen.

Hans Cramers korrekte Amtsbezeichnung war »Stadtkommissar«.

Während des Krieges wurde die obligatorische Verdunkelung der Städte zum Schutz vor Bombenangriffen scharf überwacht. Die Straßenbeleuchtung war abgeschaltet, die Fenster der Häuser mit lichtundurchlässigen Verdunkelungsvorhängen versehen.

An diesem 28. Oktober 1941 fand im Kaunaer Ghetto die S. 92f. beschriebene Selektion, die sogenannte »Große Aktion«, statt.

Olga Fugalevičiute.

Die 1938 im Zusammenhang mit der Errichtung des Westwalls von dem Ingenieur Fritz Todt (1891–1942) aufgebaute »Organisation Todt« erfüllte während des Krieges wichtige Aufgaben im militärischen Bauwesen.

Landwirtschaftliche Erzeugnisse, Lebensmittel.

Nicht identifiziert.

Helene Holzman schreibt den Namen von Sofija Binkiene in deutscher Form.

Jurgis Bobelis war nicht Kommandant des IX. Forts, sondern Militärkommandant von Kaunas.

Mit dem Angebot, die zwei- oder dreitausend in den ersten Tagen nach dem deutschen Einmarsch zusammengetriebenen jüdischen Frauen und Kinder freizulassen, setzten die deutschen Organisatoren der Judenvernichtung in Litauen, Walter Stahlecker und Karl Jäger, eine Gruppe von fünf Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung in Kaunas unter Druck, die Übersiedelung sämtlicher Juden in das Ghetto von Vilijampole in eigener Verantwortung voranzutreiben. (Siehe Tory, »Surviving the Holocaust«, S.10) Die etwa dreitausend Männer, die in dieser Zeit ebenfalls verhaftet worden waren, wurden auf dem VII. Fort erschossen.

Das angegebene Datum ist wohl falsch: Am 5. und 6. Februar 1942 wurden aus dem Kaunaer Ghetto Juden zur Zwangsarbeit nach Riga in Lettland deportiert. Tory, S. 69, beziffert sie auf 380. »Hidden History«, S. 244, nennt die Zahl 359. Eine zweite Deportation brachte im Oktober 1942 etwa 370 Menschen von Kaunas nach Riga.

Die Aktion, von der hier (und weiter oben S. 138 mit der ebenfalls falschen Datumsangabe 19.2.) die Rede ist, fand am 6. Februar 1942 statt.

Es folgen einige Wiederholungen aus dem Bericht weiter oben, S. 123f.

Hermann Lurje. Seine auf der nächsten Seite erwähnte Schwester, Esther Lurje, ist »Rehlein«.

Die Stelle für die genaue Datumsangabe hat Helene Holzman freigelassen und später nicht ausgefüllt.

Im Original: »eingerichtet«, statt »umgewandelt«.

Gemeint sind die Deutschen, die Litauen nach der Besetzung durch die Rote Armee im Sommer 1940 verließen und verlassen mußten.

Ohne Bezugsmarken erhältlich.

Das Tagebuch von Edwin Geist und sein kompositorischer Nachlaß befanden sich nach dem Krieg bei Helene Holzman. Als sie 1965 mit ihrer Tochter die damalige Sowjetunion verließ und in die Bundesrepublik übersiedelte, mußte sie das Tagebuch und die Partituren zurücklassen. Das in deutscher Sprache verfaßte Tagebuch übergab Margarete Holzman einem Beamten des Außenministeriums der Litauischen Sowjetrepublik. Der Schriftsteller Jokubas Skliutauskas hat es später zur Grundlage eines zusammen mit Mykolas Jackevičius verfaßten Theaterstücks gemacht: »Aš girdžiu muzika.« (Ich höre Musik), Vilnius 1973. Dieses Tagebuch ist heute ebenso wenig erreichbar wie der musikalische Nachlaß Edwin Geists. Dieser gelangte an den Dirigenten Juozas Domarkas, der ihn im März 1973 bei einer Konzertreise in die DDR dem damaligen stellvertretenden Kulturminister der DDR und späteren Intendanten der Komischen Oper Berlin, Werner Rackwitz, aushändigte. Die litauische Presse berichtete darüber, die Zeitung »Tiesa« im März 1973 z.B. unter der Überschrift »E. Geists Werke kehren heim«. Die Bemühungen von Margarete Holzman, den Verbleib von Geists Partituren zu klären, blieben bisher ohne Erfolg.

Nicht identifiziert.

Die Stelle für die Zahl hat Helene Holzman freigelassen.

Durchgestrichen: Gouverneur von Sumatra.

Ilse Kaufmann, geborene Moses (daher »Mositchen«), war die Frau des deutschen Geologen Rudolf Kaufmann. Rudolf Kaufmann hat das »Multifoto« von Marie und Margarete Holzman angefertigt. Sie nannten ihn »Brüderchen«. Von der Geschichte seines Lebens und seiner Beziehung zu der Schwedin Ingeborg Magnusson handelt mein Buch »Königskinder. Eine wahre Liebe«. Daß Rudolf Kaufmann, der nach seiner Flucht aus Deutschland für längere Zeit bei den Holzmans Unterkunft fand, in den Aufzeichnungen von Helene Holzman sonst an keiner Stelle erwähnt wird, läßt sich vielleicht damit erklären, daß er noch während der Sowjetzeit eine Anstellung als Geologe erhielt und seither nicht mehr bei den Holzmans wohnte. Gelegentliche Besuche gab es nach der Erinnerung von Margarete Holzman aber auch noch in der Zeit der deutschen Besetzung.

Vgl. auch Tory, S. 59, Anm. 2.

Elena Kutorga.

Ursprünglich lautete die Formulierung: »Unsere Feinde, das sind die Deutschen.« Im Manuskript von Helene Holzman korrigiert.

Renoviert.

Die Mobilisierung von »Freiwilligen« für die SS im Baltikum, die die deutsche Besatzungsmacht Anfang 1943 nach dem Entschluß zur »totalen Kriegsführung« noch intensivierte, war in Litauen, anders als in Lettland und Estland, tatsächlich wenig erfolgreich. Vgl. Stossun, S.217f.

Agnes Holzman, geb. Priebatsch, war in den zwanziger Jahren aus Obornik bei Posen, wo sie während der Inflation ihr Haus verloren hatte, nach Jena in das Haus von Marguerite Czapski, der Mutter von Helene Holzman, gezogen.

Agnes Holzman wurde in Theresienstadt ermordet, wahrscheinlich 1943.

Suse von Hörner-Heintze. Ihr Roman »Mädels im Kriegsdienst. Ein Stück Leben«, Leipzig 1934, über ihr Leben als Sanitäterin im Ersten Weltkrieg war sehr erfolgreich gewesen.

»Aukštuju šimoniu likimas« (Das Schicksal der Hochland-Simonis), zuerst erschienen in Kaunas 1935.

Drittes Heft

Aus erster Ehe.

Konzentrationslager.

Das Datum ist wahrscheinlich falsch. Vgl. S. 197, Anm. 4.

Edwin Geist wurde dem Tagebuch von Avraham Tory, S. 158, zufolge am 3. Dezember 1942 ins Ghetto zurückgebracht.

Am 10. Dezember 1942. Vgl. Tory, S. 159.

Der Hauptteil der deutschen 6. Armee kapitulierte in Stalingrad am 31. Januar, der Rest am 2. Februar 1943.

In diesem Haus war Max Holzmans Buchhandlung »Pribačis« untergebracht, bevor sie in die Laisves Allee Nr. 48 umzog.

Im Manuskript folgt hier ein Satz, dessen Zusammenhang mit dem übrigen unklar ist: Stütz wußte, daß sie keine Möbel besaß, und fragte sie mißtrauisch, woher sie die zwei Matratzen habe, auf denen sie beide schliefen.

Vgl. die S. 348 zitierte Tagebucheintragung von Elena Kutorga.

Vgl. S. 9, Anm. 3.

Der maschinenschriftliche Durchschlag wird hier im Faksimile wiedergegeben.

Radiosender in Kaunas.

Im Original irrtümlich: Schwarzarbeit.

Dieser Schwiegersohn, der Musiker Vladas Varčikas, hat zusammen mit Sofia Binkiene zahlreiche Juden versteckt und gerettet. Er lebt heute in Kaunas.

Bis Februar 1944 wurden etwa 50000 Litauer zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert.

Susanne Czapski, später verheiratet mit dem Fernsehjournalisten und Publizisten Gert von Paczensky. Bemühungen von Gert und Susanne von Paczensky haben in den sechziger Jahren dazu beigetragen, daß Helene Holzman und ihre Tochter Margarete aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik übersiedeln konnten.

Dieser »Spez« war der schon erwähnte Vocelka.

Vgl. S. 169f.

Vgl. W. Grossman, »Das Schwarzbuch«, S. 501f. und das Theaterstück »Ghetto« von Joshua Sobol aus dem Jahre 1984.

Ihren Grundstock bildete die Privatbibliothek, die der wohlhabende Gelehrte und Händler Matitjahu Straschun (1817–1885) der jüdischen Gemeinde von Wilna stiftete.

Das »Institut zur Erforschung der Judenfrage«, seit 1938 geplant, wurde im März 1941 in Frankfurt am Main eröffnet. Grundlage seines Bestandes bildete die Judaica-Hebraica-Sammlung der Frankfurter Stadtbücherei. Hinzu kam Beutegut aus den besetzten Gebieten. Das Institut sollte der über Planungen nicht hinausgediehenen »Hohen Schule der NSDAP« unterstellt werden.

Im Text statt dessen: »das Leben von Verfemten«.

Den Text hat Helene Holzman in einer von ihr selbst angefertigten handschriftlichen Kopie ihren Aufzeichnungen beigefügt.

Im Manuskript fälschlich »März«. Der Aufstand im Warschauer Ghetto begann am 19. April und endete mit der Liquidierung des Ghettos am 16. Mai 1943.

Jacob Gens war nicht »Ghettokommandant«, sondern Vorsitzender des Ältestenrates im Wilnaer Ghetto.

Wahrscheinlich handelt es sich hier nicht, wie Helene Holzman anzunehmen scheint, um einen »Einzelfall« – sondern um eine von vielen Mordaktionen, die sich nur mehr als andere herumsprach, weil sie aufgrund des Widerstands, den die Opfer leisteten, so »irregulär« verlief. In Paneriai (Ponary) existierte eine der größten Mordstätten in Litauen. In Zügen wurden Juden vor allem aus Wilna, aber auch aus anderen Orten hierher gebracht und erschossen, zwischen 1941 und 1944 etwa 70000. Einen ähnlichen Vorgang wie den, den Helene Holzman hier schildert (oder denselben, allerdings mit der Datumsangabe Oktober 1943), beschreibt Jozef Mackiewicz in »Der Stützpunkt«, abgedruckt in: Benz, Neiss (Hrsg.), »Judenmord in Litauen«. Vgl. auch Grossman, »Das Schwarzbuch«, S. 471f.

Aleksandras-Vytautas Kupstas war Regisseur am Theater in Kaunas.

In der älteren Bedeutung von »Denunzianten«.

Zwei Wörter unleserlich.

Unleserlich: eventuell auch »Schwagers«.

Im Original irrtümlich: »die Sachen der Hinterbliebenen«.

Am 26. Oktober 1943 wurden »mindestens 2700« Juden aus Kaunas deportiert – die Arbeitskräftigen in die Lager Vaivara und Klooga in Estland, Kinder und alte Menschen nach Auschwitz. »Hidden History«, S.247.

Zum »Heeres-Kraftfahrzeug-Park« – einer Werkstatt für Militärfahrzeuge.

Die Stelle hat Helene Holzman freigelassen, um den Namen später nachzutragen. Gemeint ist Bruno Kittel. Siehe S. 263. Vgl. auch Grossman, »Das Schwarzbuch«, S. 487ff

Vgl. S. 240, Anm. 43.

Im Manuskript: Brenneisen, korrigiert nach Streim, S. 178.

Nach Weinmann (Hrsg.): »Lagersystem«, S. 619. Im Manuskript: Kivieri. Das Lager Kiviõli gehörte wie das Lager Klooga zum Konzentrationslager Vaivara.

Im Manuskript: Botmann, korrigiert nach Streim, S. 178, dort: Dr. Freiherr von Bodmann.

Im Manuskript: Augmeyer, korrigiert nach Streim, S.178.

Vgl. hierzu Streim, S. 184f.

Auch dies war kein Einzelfall. Seit Dezember 1941 wurden mehrere Deportationszüge aus Deutschland und Westeuropa nach Kaunas geleitet. Insgesamt wurden zwischen 10000 und 15000 Juden aus Deutschland und anderen Ländern in Kaunas ermordet.

Ein Wort unleserlich: Kochplatten?

In Berlin.

Fruma Kučinskiene (geb. 1933, F. Vitkin).

Kama Ginkas, der ein bekannter Theaterregisseur wurde.

Benjamin Lipzer war Chef der jüdischen Arbeitsbrigade beim Hauptquartier der Gestapo und verfügte daher über gute Kontakte zu ihr. Nach Tory, S. 59f., soll er versucht haben, die Kontrolle über die jüdische Ghettopolizei an sich zu ziehen. Chef dieser Polizei war Moshe Levin.

Vermutlich: mit dem Vater dieser Familie.

Zusatz von Helene Holzman: Marianne, die gut deutsch sprach, war Wirtschafterin in einer deutschen Familie geworden. Sie galt als Russin und war die Vertraute der ahnungslosen Hausfrau, die immer wieder rühmte, sie habe gar nicht gewußt, daß eine Russin so tüchtig und sauber sein könnte. »Sie könnten gut einen Deutschen heiraten«, war ihr höchstes Lob. Marianne erwiderte, die Rasse sei ihr gleichgültig, ihretwegen könne es auch ein Neger sein. »Aber nur keinen Juden«, sagte Frau Balz allen Ernstes, denn vor so etwas Abscheulichem wollte sie sie bewahrt wissen.

»Hidden History«, S. 248, nennt die Zahl von insgesamt 1300 Kindern unter zwölf Jahren und Erwachsenen über fünfundfünzig Jahren.

Remonte = Renovierung.

Margarete Holzman hat später in Kaunas Landwirtschaft und anschließend in Moskau Pflanzenphysiologie studiert. Bis zur Übersiedelung in die Bundesrepublik im Jahre 1965 hat sie im Botanischen Garten der Litauischen Akademie der Wissenschaften in Kaunas gearbeitet, nach 1965 im Institut für Pflanzenbau und Agrarforschungszentrum der Universität Gießen. Seit 1974 arbeitet sie als Übersetzerin und Dolmetscherin für Russisch und Litauisch in Gießen.

Rom wurde am 4. Juni 1944 von den Alliierten besetzt. Am 6. Juni erfolgte die Landung in der Normandie.

Minsk wurde von der Roten Armee am 3. Juli 1944 eingenommen, Wilna am 13. Juli.

»Solluxlampen« dienten der Bestrahlung mit Blaulicht unter anderem bei Prellungen, Muskelrheumatismus und Erkältungen.

Der 4. Juli 1944 war ein Dienstag.

Barchent – Baumwollflanell.

Zusatz am Rand: Von den Hemden schnitten sie sich Streifen ab und machten sich Handtücher, Taschentücher, Büstenhalter. Eine Nähnadel war die größte Kostbarkeit. Mit Glasscherben schnitzten sie sich Löffel.

So im Manuskript.

Die Stelle für den Namen wurde im Manuskript freigelassen.

Die Mutter der »kleinen Regina« (Deckname Edit) war Cile švabaite, die junge Litauerin Irena Gaižauskiene.

Aus dem Litauischen: »Geburtsurkunde«.

Unter dem Titel »Campagne in Frankreich« (1792) hat Goethe den Feldzug eines preußisch-österreichischen Heeres während des Ersten Koalitionskrieges gegen das revolutionäre Frankreich und den entscheidenden Wendepunkt dieses Feldzugs, die Kanonade von Valmy, geschildert.

In Friedrich Rückerts Gedicht »Es ging ein Mann im Syrerland« rettet sich ein Kameltreiber vor der plötzlichen Wut seines Tieres in einen Brunnen. Er bleibt im Schacht auf halber Höhe an einem Brombeerstrauch hängen und begreift nach und nach seine Lage: oben das wütende Kamel, unter ihm, am Boden des Schachts ein Drache, der sein Maul aufsperrt, und an dem Strauch, der ihm noch Halt bietet, nagen zwei Mäuse. Dann heißt es bei Rückert: »Der Mann in Angst und Furcht und Not, / Umstellt, umlagert und umdroht, / Im Stand des jammerhaften Schwebens, / Sah sich nach Rettung um vergebens. / Und da er also um sich blickte, / Sah er ein Zweiglein, welches nickte / Vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren! / Da konnt’ er doch der Lust nicht wehren...«

Russisch: Opa.

Russisch: Oma.

Darunter durchgestrichen: »gläubig«.

Nachtrag: Toljas Bericht

Stiehlt.

»Kat« bedeutet im südwestlichen Rußland, auch in Polen und der Ukraine »Henker« oder »Folterknecht«.

Zusatz am Rand der Seite: Katte verlangt, daß ein anderer Jude ausführt: wenn nicht wirst du gehängt. Weigert sich.

Diese Aktion fand Ende August 1942 statt. Die Zahl von achthundert Juden, die in das Ghetto von Lodz kamen, nennt auch Martin Gilbert, »The Holocaust«, S. 433. Die übrigen, deren Zahl er mit 2500 angibt, wurden nicht in der Kirche von Lask, sondern im Vernichtungslager Chelmno mit Gas ermordet.

In der Zeit von 1939 bis 1945 der deutsche Name für Lodz.

Elektrotherapie mit hochfrequenten Wechselströmen, die im Körper Wärme entstehen lassen.

Zusatz am Rand der Seite: Man läßt ihnen etwas Zeit, ein Bündel zu packen, Kleidung, Lebensmittel bis 25 Kilogramm.

Holzschuhe.

Am Seitenrand: Zaun elektrisch geladen.

Einfügung: Wie wildes Tier gebeten [getreten?] und geschlagen. Beim Zählen mit Stock geschubst.

Lageraufseherin.

Auschwitz war, wie heute allgemein bekannt, sowohl Arbeits- als auch Vernichtungslager.

Etwas oberhalb der Linie Bartenstein-Rastenburg im polnischen Teil des früheren Ostpreußen.

Nicht die Aufseher, sondern die Arbeitenden.

Zusatz unleserlich, etwa: Decken umgefädelt, Saum aufgetrennt, zu Hosen zerschnitten. Nach zwei Tagen keine Decken mehr da.

Zusatz: J. [jüdisches/junges?] Mädchen mußte sie täglich frisieren. Ließ sich Aussteuer nähen. Nähmaschine bei Magazin, eiskalt. Schönste Kleider wechselte mehrmals am Tag. Rotes Schleifchen im Haar, Dauerwellen.

Zusatz: Wenn der Tritt von Lederschuhen zu hören war, wußte man schon: Kontrolle. Kam Sendung mit Kleidung, nahm sich das beste, ließ nur Unbrauchbares für Juden.

Hier im Sinne von »erkannte«.

Zusatz am Rand der Seite: Kranke Finger. Füße geeitert, gefault, kein Essen, gestorben, verlaust. Mit Schere Kleidung der Toten aufgeschnitten, Tote in Kiste, abgefahren mit Auto.

Zusatz am Rand der Seite: Jedesmal, wenn der unheilvolle Befehl »Abmarsch!« erscholl, Verzweiflung – Russen schon nah.

Zusatz am Rand der Seite: Frontführer hat sich in Städtchen Befehle auf Kommandantur geholt, wollte nichts auf eigene Verantwortung machen.

»Kepaze«, eigentlich »Kapeze« bzw. »KPZ«, ist die russische Abkürzung für »Kamery Predvaritel’nogo Zakliutchenia« – »Provisorische Haftzellen«, dabei handelte es sich um kleine Ortsgefängnisse an Bahnhöfen, Häfen oder in Dörfern.

Russische Währungseinheit. Ein Tscherwonez entsprach zehn Rubel.

Hier bricht die Aufzeichnung von Toljas Bericht ab. Tolja überstand auch diese Krankheit. Sie heiratete in Litauen und ging in den sechziger Jahren nach Israel.

Anhang von Reinhard Kaiser – Drei Kladden

Elena Kutorgiene-Buivydaite (Elena Kutorga), »Tagebuch. Juni bis Dezember 1941«. In: Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg, »Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden«. Reinbek: Rowohlt 1994, S. 666. Richtigzustellen ist hier, daß Marie bei ihrer Ermordung neunzehn Jahre alt war und daß ihre Schwester Margarete, wie man dem Bericht Helene Holzmans entnehmen kann, nach den Vorschriften der deutschen Zivilverwaltung als »Halbjüdin« zwar ins Ghetto gemußt hätte, aber nicht ins Ghetto ging.

Vgl. S. 307, Anm. 66.

Vgl. S. 179, Anm. 28.

Nur zu einigen der längeren Abschnitte, in denen Helene Holzman andere Augenzeugen – Emma Frenkel, Stasia und vor allem Tolja – zu Wort kommen läßt, gibt es Entwürfe: stichwortartige Notizen, vermutlich beim Anhören der Berichte oder kurz danach aufgezeichnet. Wie eine historische Flaschenpost mutet unter diesen Notizen ein Zettel an, der eine Geschichte skizziert, die keinen Eingang in die Aufzeichnungen fand, und deshalb hier im Wotlaut wiedergegeben werden soll: »Der Bruder war 1940 mit anderen Männern geschnappt und verschickt worden. Die Familie glaubte ihn verloren, aber nach 3 Monaten kam eine Postkarte. Befinde mich in Posen, Arbeitslager, Stadion; bin gesund. Auf die Bitte der Angehörigen, ausführlicher zu schreiben, erfolgte eine 2. Postkarte: Ich antworte ›pod znaczek‹! [unter der Marke] ich arbeite noch, es geht mir gut. Die in den Lagern Internierten durften nur 1 x monatlich 10 oder 15 Worte auf deutsch schreiben und ebenso erhalten. Was bedeutete das poln. Wort in dem sonst deutsch geschriebenen Satz? Man löste die Briefmarke ab und fand darunter in winziger Schrift: Oft sind Appelle, jeden 10 bringt man um, an jeden wird die Reihe kommen

Neben den eigenen Erinnerungen und solchen mündlichen Zeugnissen hat Helene Holzman anscheinend auch schriftliches Material genutzt, das so kurz nach den Ereignissen allerdings wohl nur in geringem Umfang verfügbar war. Mit den Kladden haben sich drei solcher Textdokumente erhalten: 1. Ein Protokoll vom 18. August 1944, das die Aussagen eines Überlebenden aus dem Kaunaer Ghetto, Ch. S. Gordon, über die verschiedenen Mordaktionen festhält. 2. Die deutsche Rohübersetzung eines in der sowjetischen »Prawda« abgedruckten Kommuniqués einer polnisch-sowjetischen Kommission zur Untersuchung der deutschen Greueltaten im Vernichtungslager Maidanek vom September 1944. 3. Ein Artikel aus einer Kaunaer Zeitung (»Taryba Lietuva«) vom 13. Oktober 1944 über die Liquidierung des Ghettos.

Helene Holzman – Stationen ihres Lebens

Gershom Scholem, »Von Berlin nach Jerusalem. Jugenderinnerungen«. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977, S. 129f. – Über den Verbleib des Porträts ist nichts bekannt.

Franz Roh, Eine neue Malerin: Helene Czapski, in: »Jahrbuch der jungen Kunst 1923«, S. 273ff.

Edwin Geist, »Alte litauische Volksmusik«, 1938; »Antikes und Modernes im litauischen Volkslied«, 1940. Von Kazys Binkis erscheint schon 1928 seine Übersetzung des Struwwelpeter ins Litauische. Horst Engert, »Aus litauischer Dichtung. Deutsche Nachdichtungen«, 1936. Viktor Zinghaus, »Baltische Köpfe«, 1938. Vladimiras Stankevičius, »Der Stern vom Morgenlande«, 1937 und »Dynamik der Weltwirtschaft«, 1937.Zu den wichtigen Publikationen gehören auch: Nikolai Worobjow, »M.K.Ciurlionis, der litauische Maler und Musiker«, 1936; und »Graf Alfred Keyserling erzählt«, 1937.

Helena Baltrušaitis, Lietus lyja Lietuvoje (Regen regnet in Litauen), in: »Santara«, Nr. 33, S. 97, Kaunas: Winter 1999. (Übers. M. Holzman)

Vgl. Reinhard Kaiser, »Königskinder. Eine wahre Liebe«.

Vladas žukas, »Prisiminimu puslapiai« (Erinnerungsseiten), Vilnius: Baltos Lankos 1999, S. 58f. (Übers. M. Holzman).

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1. Helene Holzman, 1911.

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2. Um 1912.

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3. An der Staffelei, etwa 1914.

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4. Helene Holzman, »Bauernmarkt in Obra«, 1918.

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5. Helene Holzman, »Menschen und Tiere«, 1923.

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6. Helene Holzman, Erste Bleibe in Kaunas. Während einer Krankheit 1923 gemalt.

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7. Helene und Max ­Holzman, Kaunas 1927.

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8. Max Holzman, Helene stillt die Tochter Marie, Zeichnung, 1922.

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9. Helene Holzman mit ihren Töchtern Margarete (links) und Marie, etwa 1929.

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10. Helene, Margarete und Marie Holzman, etwa 1938.

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11. Max Holzman, dreißiger Jahre.

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12. Helene Holzman, Selbstbildnis. Ende der zwanziger Jahre. Das Original ist verschollen.

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13–15. Helene, Marie und Margarete Holzman auf dem Balkon ihres Hauses in Kaunas. Ende der dreißiger Jahre.

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16. Die Familie Holzman in ihrem Wohnzimmer, Kaunas 1940. Das Foto hat Herr Löw angefertigt, ein Emigrant, der eine Zeitlang bei den Holzmans untergekommen war.

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17. Marie und Margarete mit ihrer Freundin Ludmilla Brana­vickaja.

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18. Marie und Max Holzman. Etwa 1940.

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19. In dieses Handtuch hat Marie Holzman eine Botschaft gestickt, die sie zusammen mit der schmutzigen Wäsche an Mutter und Schwester aus dem Gefängnis geschmuggelt hat. September/Oktober 1941.

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20. Das IX. Fort außerhalb von Kaunas, August 1944.

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21. Die Straße zum IX. Fort, August 1944.

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22. Kaunas. Das Memelufer, dreißiger Jahre.

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23. Kaunas mit der Memel.

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24. Soldaten der Wehrmacht auf dem Vormarsch. Juni 1941.

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25. Kaunas bei der Einnahme durch die Wehrmacht, 24. Juni 1941.

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26. Die Fußgängerbrücke zwischen dem Großen und dem Kleinen Ghetto in Kaunas, Herbst 1941.

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27. Eine Brigade kehrt von der Arbeit ins Ghetto zurück.

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28. Der Demokratu-Platz im Ghetto von Kaunas, auf dem die »Große Aktion« stattfand.

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29. Die Überreste des Ghettos, nachdem die abrückende SS die Häuser niedergebrannt hatte, August 1944.

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30. Die erste Seite der Aufzeichnungen von Helene Holzman.

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31. Die Seite 5 der zweiten Kladde: »Dies Kind soll leben!«

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32. Der Komponist Edwin Geist.

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33. Lyda Geist.

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34. Natalija Jegorova, ­»Natascha« oder auch die ­»allerliebste Chinesin«.

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35. Natalija Fugalevičiute, ­»Natascha Feodosewna« oder »Nataschok«.

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36. Elena Kutorgiene-­­Buivydaite.

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37. Sofia Binkiene – Frau Binkis.

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38. Ilse Kaufmann, geb. Moses (»Mositchen«), nach dem Krieg mit einer Nichte in London.

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39. Gutia Šmukler, ­»Stasia«, nach dem Krieg.

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40. Sonja Gink Schabad – »Onyte«, fünfziger Jahre.

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41. Frau Lyda und einige der geretteten Kinder in Kulautuva. Stehend: Rosian Bagriansky, Fruma Vitkin (»Danute«), Vytu­kas Jagminas, Tania. In der Mitte: Lidija Fugalevič-Goluboviene (»Frau Lyda«) und Klaudija Šatunova. Vorn: Liuda Šatunova, Moše Lafer (»Kolja«), Vitia Šatunov, Rima Šatunova.

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42. Fruma Vitkin, Helene Holzman, Natalija Fugalevičiute (»Natascha«), Gutia Šmukler (»Stasia«).

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43. Rivka Šmukler-Oscherowitsch (»Regina«), Margarete und Helene Holzman, fünfziger Jahre.

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44. Helene und Margarete Holzman mit Fruma Vitkin-Kucˇinskiene, Ende der fünfziger Jahre auf dem Balkon des Hauses in der Vicˇinskio-Straße in Kaunas.

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45. Fruma Vitkin-Kučin­skiene und ­Margarete Holzman auf dem Balkon im Haus Vičinskio-Straße, April 2000.

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46. Das Haus in der ­Vičinskio-Straße auf dem Grünen Berg, wo die Holzmans vor und während des Krieges ­gewohnt haben.

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47. Das Gebäude, in dem während der Zeit der deutschen Besetzung die SS, der SD und die litauische ­Sicher­­heitspolizei ­resi­dierte, an der Ecke Laisves Aleja und Vyta­uto Prospekt in Kaunas.

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48. Das VII. Fort in Kaunas, wo Max ­Holzman wahrscheinlich ermordet wurde.

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49. Das Zentralgebäude der Kaunaer Universitätsklinik. Hier war das ­Lazarett untergebracht, in dem Marie Holzman, mit deutschen Soldaten über den Frieden diskutierend, im August 1941 verhaftet wurde.

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50. Reste des Kaunaer Stadtgefängnisses an der Ecke Mickevičiaus- und ­Kestuičo-Straße, in dem Marie Holzman bis zu ihrer Erschießung ­festgehalten wurde.

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51. Das IX. Fort, außerhalb von Kaunas, mit einem Mahn­mal aus sowjetischer Zeit.

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52. Das Feld neben dem IX. Fort, auf dem an vorher ausgehobenen Gräben die Massenerschießungen stattfanden.

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53. Die ehemalige ­Kommandantur am Eingang des Kaunaer Ghettos in der Kričiukaičio-Straße im Stadtteil Vilijampole.

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54. Die Stelle an der Neris-Uferstraße, wo früher der Ghetto-Fried­hof lag. Die sterblichen Überreste der hier Begrabenen wurden vor der Errichtung des Umspannwerkes auf einen Friedhof im Kaunaer Stadtteil Aleksotas umgebettet.

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55. Die Brücke über die Neris, von Vilijampole aus gesehen. Auf der anderen Seite liegt der »Grüne Berg«.

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56. Das Gäßchen ­neben dem Savanoriu-Prospekt, an dem ­hinter dem Haus im Vordergrund dasjenige der Nataschas lag.

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57. Der Stadtpark zwischen Vytauto Prospekt und Traku-Straße. Hier befand sich früher der Friedhof, auf dem auch Lyda Geist heimlich beerdigt wurde.

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58. Die Datsche in ­Ku­l­au­tu­va, wo Helene und ­Margarete ­Holzman das Ende des ­Krieges erlebten.

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59. Das Gut der Frau Lyda außerhalb von Kulautuva im Tal der Memel.

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60. Das große Tor des IX.Forts.

Bildnachweis: Soweit nichts anderes vermerkt ist, stammen die Bilder aus dem Besitz von Margarete Holzman. 19: Ruth Kaiser, Viersen. 20, 25, 27, 28, 29: George Kadish, Beth Hatefutsoth, Tel Aviv. 21: Jüdisches Museum, Vilnius. 23, 26: YIVO Institute for Jewish Research, New York. 24: Litauisches Foto- und Videoarchiv, Vilnius. 34, 35, 36, 37, 41: Sofia Binkiene, »Ir be ginklo karai« [Helden ohne Waffen], Vilnius: Mintis 1967. 45-60: Reinhard Kaiser, März, April 2000.

Editorisches

Die Orthographie wurde behutsam modernisiert. Offensichtliche Schreibfehler wurden stillschweigend korrigiert. Kürzel für einzelne Wörter (z.B. dtsch. – deutsch, j. – jüdisch) und für Eigennamen (z.B. K. – Kaunas, St. – Stankevičius) wurden so weit wie möglich aufgelöst. Zahlen wurden gelegentlich in Worte gefaßt (z.B. »Drittes Reich« statt »3. Reich«, »vier Uhr« statt »4 Uhr«).

Zusätze am Seitenrand, längere Ergänzungen, die Helene Holzman, mit einem Querverweis versehen, nachträglich in den fortlaufenden Text eingefügt hat, wurden dort eingefügt, wo die Verfasserin sie sehen wollte. Zusätze, die sich nicht in den Ablauf der Darstellung fügen, wurden als Fußnoten in kursiver Schrift beigegeben.

Die Datumsangaben im Text, die darauf hinweisen, wann Helene Holzman an ihren Aufzeichnungen gearbeitet hat, wurden in die Druckfassung des Textes nicht übernommen.

Zahlreiche Absätze wurden neu eingefügt, um den oft bruchlos durchgeschriebenen Text zu gliedern. Lange Reihungen von nur durch Kommas getrennten Sätzen wurden gelegentlich durch Punkte aufgelöst. Dabei blieben Wortlaut und Wortstellung stets unangetastet.

Ergänzungen der Herausgeber im Text sind durch eckige Klammern kenntlich gemacht.