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Inhalt

[Cover]

Titel

Widmung

Wer geht wo hinterm Sarg?

Im Stühlinger

Der Gräber

Filmmusik

Wer geht wo hinterm Sarg?

Im Jahr des Drachen

Vom Reisen

Brief eines Butlers

Schlusslichter

Sieben Arten, dem Tod zu begegnen

Hinweise für den, der nicht weiß, wer er ist

Drei lange Weilen

Ritt durch den Baum

Likör und Pantoffel

Schweinesee

Backgammon

Kloses Unfall

Krakenkampf

Dank

Impressum

Kurzbeschreibung

Autorenporträt

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Für Uli

Wäre ich ein Bücherschreiber, so schriebe ich eine kommentierte Liste der Weisen zu sterben.

Michel de Montaigne

Wer geht wo hinterm Sarg?

Im Stühlinger

Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, als der Mann, der sich später als Gerber namens Bartok ausgab, zu mir ins Abteil trat, er war unglaublich dick, schwitzte, kümmerte sich nicht die Spur um mich, sondern setzte sich in die Mitte der Dreierreihe mir schräg gegenüber, jedoch erst, nachdem er die Armstützen hochgeklappt hatte, da ein einziger Sitz für ihn nicht breit genug gewesen wäre. Die Fahrt führte mich vom Süden hinauf, ich hatte gerade, kurz vor Bartoks Erscheinen, aus dem Fenster geblickt, der Rhein floss dicht neben der Bahnlinie, wir mussten kurz vor Koblenz sein, der Wasserstand war hoch, und die Wolken hingen so tief herab, dass alles Licht grau gefärbt war. Zwei Stunden saß ich nun schon allein im Abteil. Ich hatte mir seit einiger Zeit angewöhnt, nur noch am Ende des Zuges einzusteigen, in den Waggon mit den alten Sechserabteilen, denn nur dort kann man noch das Fenster öffnen, den Kopf hinausstrecken, Luft schlucken und, wenn man müde ist, die Sitze nach vorn schieben, zueinander hin, um aus ihnen ein einziges großes Bett zu machen, auf das man sich legen und schlafen kann.

Diese Möglichkeit war mir nun genommen. Ich wunderte mich, warum Bartok zu mir ins Abteil kam, denn ich hatte nicht erkennen können, dass außergewöhnlich viele Menschen unterwegs waren, es musste in dem Waggon noch weitere Abteile geben, die leer standen. Bei seinem Eintreten schaute ich auf, nickte kurz, doch da Bartok nur Augen für den Dreiersitz hatte, auf den er sich niederließ, bemerkte er mein Nicken nicht, und ich presste ein Hallo hervor, aber wie jedes Wort, das man nach einer langen Zeit des Schweigens spricht, war dieses Hallo ohne Klang, und ich wiederholte es. Er sagte nichts.

Ich schätzte ihn auf Ende vierzig, und nachdem seine Masse sich im engen Raum ausgebreitet und ich mich darauf eingestellt hatte, die Luft und den geringen Platz mit ihm zu teilen, fielen mir zunächst seine Hände auf. Sie sind das Einzige an ihm, dachte ich, das dünn ist, sie passen nicht zu ihm, wie kommt so ein Koloss zu solchen Händen? Sie waren lang und fast fein, ihnen fehlte das Fleisch, das den restlichen Körper reichlich umgab. Seine Hände ruhten auf den Beinen, Bartok selbst hielt den Kopf leicht vornüber geneigt und atmete. Das war das Einzige, was er tat: atmen. Langsam und gleichmäßig, ohne dass man es hätte hören können, denn der Zug verschluckte alle leiseren Geräusche. Bartok trug eine Baseballkappe, deren Schirm den oberen Teil seines Gesichtes verbarg, so dass die Augen im Schatten lagen und für mich nicht erkennbar war, ob er unter dem Schirm zu mir hinüberblickte oder auf den Linoleumboden oder auf seine Hände oder ob er die Augen einfach geschlossen hielt.

Während wir uns still gegenübersaßen, begann ich mich unwohl zu fühlen, bedroht von seinem massigen Körper, der etwas ausströmte, eine Art Geruch, jedoch kein Schweiß, etwas, das mich mehr und mehr umgab und die wenige Luft um mich her in Beschlag nahm. Ich hätte aufstehen, meinen Rucksack schultern und das Abteil verlassen können. Da der Zug gerade in Koblenz einfuhr, hätte ich so tun können, als müsste ich aussteigen, doch blieb ich sitzen. Vielleicht schreckte ich vor der Vorstellung zurück, mich beim Verlassen des Abteils an dem breiten, den halben Raum versperrenden Körper vorbeischieben zu müssen, ihm dabei ganz nahe zu sein, ihm, wer weiß, in die Augen zu blicken, wenn er, gestört in seinem ewig gleichen Atemholen, zu mir aufsehen würde. Vielleicht aber war es auch, ganz im Gegenteil, eine Art Neugier auf diesen Menschen, der anders war als die Menschen, die ich kannte. Jedenfalls blieb ich sitzen, still, an meinem Platz, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Was soll schon passieren, dachte ich mir. Ich brauche nur zu rufen, und in kürzester Zeit würde mir jemand zu Hilfe eilen. Und außerdem – ich blickte mich im Abteil um – gab es hier jede Menge Waffen. Ich könnte den verblichenen Vorhang vom Fenster reißen und dem Angreifer ins Gesicht schleudern. Ich könnte nach der Bahnzeitschrift greifen, die an einer Plastikschlaufe neben meinem Kopf hing, sie zusammenrollen und als Schlagstock verwenden. Ich könnte den kleinen Handaschenbecher aus seiner Schiene an der Armstütze zerren und den harten, spitzen Gegenstand beim Kampf in der hohlen Hand halten. Aber ich schaute zum Fenster hinaus und versenkte meine Gedanken im Rhein, der durch die Wassermassen, die er mit sich führte, doppelt so schnell zu fließen schien wie sonst, und die langen, flachbrüstigen Schleppkähne kamen kaum von der Stelle.

– Fahren Sie nach Köln?

Ich zuckte zusammen, fuhr herum, sah ihn an. Er saß da, hatte seine Kappe abgenommen, drehte sie in den Händen, doch war dies kein Zeichen von Verlegenheit: Sein Blick war klar. Ohne die Lider zu senken, sah er mich an. Ich verneinte, sagte ihm, dass ich noch weiterfahren würde. Wohin, fragte er, und ich sagte, nach Braunschweig. Was ich in Braunschweig wolle, fragte er, und er fragte in einer schroffen Weise, fast unverschämt, offen heraus, nicht höflich, nicht, als wolle er mit einem Unbekannten ein unverbindliches Gespräch beginnen, nein, eher, als wolle er zu Informationen gelangen, mich aushorchen, als könne ich ihm etwas sagen, das wichtig für ihn wäre. Ich sei unterwegs zu meinen Eltern, sagte ich und ärgerte mich darüber, es gesagt zu haben. Er hatte mich überrumpelt. Schon fragte er weiter, und ich antwortete. Er fragte, wo ich herkäme, ich sagte, aus Freiburg, er fragte, was ich dort machte, ich sagte, studieren, er fragte, welches Fach, ich sagte, Philologie. Das alles innerhalb kürzester Zeit, und ich schwitzte. Seine Art zu fragen ließ mich nicht eine Sekunde lang zögern, ihm auf die Fragen zu antworten, die er mir stellte, ich dachte nur, sag ihm, was er wissen will, sag es ihm schnell, und dann sei still und schau zum Fenster hinaus. Doch er hörte nicht auf. Er sagte, auch er habe früher in Freiburg gelebt, gewohnt, studiert, wo genau ich denn meine Bude hätte. Ich sagte, im Stühlinger. Ach, sagte er, das sei ja ein Zufall, auch er habe dort gewohnt, und er wollte wissen, in welcher Straße ich lebte, und dies war der Punkt, an dem ich merkte, dass es Zeit war, sich zu wehren, aus dem Gespräch auszusteigen, den Mann höflich, aber klar zum Schweigen aufzufordern, ihm in einfachen, knappen Worten vor Augen zu führen, dass ich an einem weiteren Wortwechsel nicht interessiert sei und es vorzöge, meine Zeit still und allein oder mit einem Buch auf dem Schoß zu verbringen, doch in ebenjenem Moment, da ich ansetzen wollte, mich zu wehren und ihn aufzufordern, seine Fragen einzustellen, traf mich sein Blick, nein, kein Blick, eher eine Art unsichtbare Geste des ganzen Körpers, eine bewegungslose Geste, etwas, das von innen zu kommen schien, ein Aufstöhnen, ein warnendes Aufstöhnen, aber lautlos, nicht zu sehen, nicht zu hören, doch ich spürte deutlich, wie es aus ihm kam, wie es zu mir herüberwehte, wie auf diese Weise der Wille mich zu wehren von mir abfiel, und ich sagte leise, geduckt, geschlagen: Ferdinand-Weiss-Straße. Nein, sagte er, das sei kein Zufall mehr, das könne man kaum glauben, dass er, kurz hinter Koblenz, mit einem jungen Mann spreche, der behaupte, in derselben Stadt, im selben Viertel, ja gar in derselben Straße zu wohnen, wo er selbst vor Jahren gewohnt habe, und jetzt solle ich nur noch sagen, ich lebte im Haus Nummer 24. Ich verneinte. Und welche Nummer dann? fragte er. Ich sagte 5, und bereute, es gesagt zu haben, 5, ihm, einem wildfremden Menschen, der seinen Körper zu mir ins Abteil geschoben und begonnen hatte mich auszufragen, doch es war zu spät, ich hatte es ihm gesagt, und was mich am meisten ärgerte, war, dass ich ihm die Wahrheit gesagt hatte, es wäre ja ein Leichtes gewesen, zu sagen 4 oder 6 oder 39, er hätte es nicht nachprüfen können, aber nein, ich sagte 5, ich gab ihm exakt die Nummer des Hauses, in dem ich wohnte, und es beunruhigte mich, kaum dass ich es ausgesprochen hatte. Seit wann ich denn in Freiburg lebte, fragte er, seit vier Jahren, sagte ich. Wie lange ich in Braunschweig bliebe – zwei Wochen. Ob es mir bei meinen Eltern nicht zu langweilig werde – nein, es lebten noch einige alte Freunde aus der Schulzeit dort. Er fragte mich weiter aus, wollte wissen, wie mein Verhältnis zu meinen Eltern sei, ob wir auf dem Lande oder in der Stadt wohnten, ob wir ein Pferd hätten, was ich am Abend zu tun gedächte und in welche Kneipe man in Braunschweig nach zwei Uhr noch gehen könne. Ich beantwortete all seine Fragen kurz, klar, genau. Vom Augenblick jener unbeschreibbaren Geste an hatte er mir die Luft zur Verteidigung genommen. Ich atmete kaum noch. Alles, was ich wollte, war, das Abteil, nein, den Zug verlassen. Er fragte einige Minuten so weiter, und während ich meine Antworten gab, brav fast, hoffte ich, ja, betete ich inständig, dass der Zug bald in Bonn einfahren würde, denn ich könnte ja sagen, dass ich in Bonn umsteigen müsse, in einen ICE zum Beispiel, und dass es von Bonn aus eine direkte Verbindung nach Braunschweig gebe, ich könnte dann meinen Rucksack vom Gepäckständer nehmen und mich an ihm vorbeischieben, in der Hoffnung, dass er den Fahrplan nicht kannte. Aber was, dachte ich, wenn er über sich griffe, wenn er von der goldbegitterten untersten Gepäckstütze das Fahrplanfaltblatt nähme, es sich vor die Nase hielte, mich daraufhin ansähe, böse ansähe, um mir zwischen den Zähnen hindurch zu sagen: Warum lügst du?

Und dann hörten die Fragen auf. Plötzlich, ohne dass ich hätte sagen können, wie und warum und wann und was die letzte Frage gewesen war. Er fragte einfach nicht mehr, und mir war, als hätte ich eine Flutwelle überstanden, nass zwar, erschöpft, aber noch am Leben, noch atmend, ich schloss kurz die Augen und lehnte den Kopf an die Kopfstütze, die nach Rauch stank. Ich wollte hinausgehen, allein sein, doch ich hatte das Gefühl, dass etwas passieren könnte, wenn ich jetzt aufstehen und an ihm vorbeigehen würde. Ich dachte nicht an Gewalt, nicht daran, dass er mich packen und aus dem Fenster werfen oder seine feinen, schlanken Finger mir um den Hals legen könnte, nein, das nicht, ich hatte ein anderes Bild vor Augen, ich dachte, er könnte meinen Arm fassen, mich zu sich herabziehen und mir etwas ins Ohr flüstern, etwas, das ich mein Lebtag nicht vergessen würde. Und so blieb ich sitzen und rührte mich nicht.

Zugleich aber begann ich zu spüren, dass er etwas von mir wollte. Ich wusste sofort, was es war, das er wollte, und wehrte mich dagegen, versuchte, mich seiner Macht zu entziehen, heftete meinen Blick nach draußen, wo es zu dunkeln begann und ein Regen eingesetzt hatte, der die Scheiben mit Tropfen beschoss. Einiges an Wasser spritzte auch durch die undichten Ritzen des Fensters hindurch, mir ins Gesicht. Ich war froh über die Kühlung, erhoffte mir frische Gedanken für den Kampf mit Bartok. Der schwieg. Der wollte, dass ich zu reden anfing. Der wollte mich dazu zwingen. Wir rangen stumm. Ich, indem ich aus dem Fenster starrte, er, indem er mich aus den Augenwinkeln heraus beobachtete. Der Druck nahm zu, mein Atem wurde schwerer und lauter und begann, die Geräusche des Zuges zu übertönen, und schließlich gab ich auf. Ich drehte mich zu ihm um. Sah ihm ins Gesicht. Jetzt, da er wusste, dass er gewonnen hatte, wirkte sein Gesicht beinah weich, ich konnte sogar Lachfalten erkennen, als er mir zunickte, wie um mir den letzten Anstoß zu geben, das zu tun, was er von mir wollte, und ich tat es. Ich fragte ihn nach seinem Namen und ob er nach Köln fahre und was er in Freiburg studiert habe und ob seine Eltern noch lebten und welchen Beruf er ausübe. Es schien etwas von ihm abzufallen, als ich ihn fragte. Er lehnte sich zurück, seine Gegenwart nahm ab, es war, als ließe er etwas Luft aus seinem geschwollenen Körper, er setzte sich die Kappe wieder auf, mit dem Schirm nach hinten, so dass seine Augen frei blieben, unbedeckt, und er lachte, erstmals, und als er lachte, lachte ich mit ihm, und dann sagte er, es freue ihn, dass ich mich so sehr für ihn und sein Leben interessierte, und er sei gerne bereit, mich über alles, was ich wissen wolle, aufzuklären, er rieb sich die Hände dabei, und dies war ein Zeichen der Wärme, die plötzlich von ihm ausging, ich rutschte sogar etwas in seine Nähe, da mir die ins Abteil spritzenden Regentropfen unangenehm zu werden begannen, berührte dabei unabsichtlich sein Knie und sah mir seine Augen an. Diese Augen, sagte ich mir, sind friedfertige, kleine, runde, blinzelnde Augen, wie sollen solche Augen zu einem Mann gehören, der mir Böses will? Und ich hörte ihm zu, wie er von sich und seinem Leben sprach. Gewiss, er habe studiert, sagte er, aber sein Studium vorzeitig abgebrochen und eine Lehre als Gerber begonnen. Ein Beruf, der fast ausgestorben sei, heutzutage. Und er begann, frisch draufloszureden, von der Konservierung der Häute, vom Trocknen und Frosten, vom Einweichen und Waschen, er beschrieb alle Instrumente, die er für sein Handwerk benötigte, er sprach vom beidhändig geführten Scherdegen und vom Spannen der Haut über den Gerberbaum, und davon, wie schwierig es sei, die Haut zu entfleischen, ohne Löcher in sie zu schneiden. Er sprach vom Kalkäschern und von der Chromgerbung, aber immer nur kurz, in knappen, abgehackten Phrasen. Am hingebungsvollsten redete er von der Hirngerbung, bei der man das Hirn des Geschlachteten kochen und den entstehenden Brei, der aussehe wie geklumptes Eiweiß, auf das Fell verschmieren müsse, damit das Fell an Flauschigkeit gewinnt und sein Fett verliert, denn das Hirn sei ein Füll- und Lösestoff zugleich.

Oberkörper    ICE