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Inhalt

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Titel

Langer Samstag

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Autorenporträt

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Langer Samstag

1

ES WAR DER DONNERSTAG in der letzten Woche der großen Schulferien. Ulrich Lofart war ganz außergewöhnlich früh wach geworden und weit vor der üblichen Zeit mit dem Rad zur Arbeit aufgebrochen; da fiel ihm vor dem Supermarkt ausgangs seines Viertels ein großes, sauber handgemaltes Plakat ins Auge, rote, kräftige Buchstaben mit schwarzem Rand auf hellgelbem Grund:

Wir bauen um, der Verkauf geht weiter!

Lofart hielt an. Das Schild klebte, als einziges, von innen an der Scheibe. Er stieg vom Rad und schob es um die Straßenecke. Dort war der Haupteingang des Supermarktes, und da klebten noch zwei solche Schilder. Bei einem war die Schrift gegen den rechten Rand hin etwas gestaucht.

Lofart stieg wieder auf. Er besaß seit einiger Zeit den Hauptschlüssel zum Bürogebäude der ELWA, jetzt fuhr er ohne Umweg dorthin, brachte das Rad von der Parkseite her in den Keller und erledigte, bevor die anderen kamen, eine Menge liegengebliebener Arbeit. Gegen zehn war sein Schreibtisch fast leer, und er konnte den Rest des Tages darauf verwenden, über eine Art Planspiel nachzudenken, das ihm die Direktion in der letzten Woche vorgelegt hatte: Ob es, zum Beispiel nach einer Fusion, möglich sei, die Arbeit seiner Abteilung, der Rechtsabteilung, in den allgemeinen Ablauf zu integrieren? Was dann zu tun sei? Selbstverständlich bei Wahrung der Effizienz.

Nach dem Mittagessen ging Lofart durch die Flure, oder er saß in den Foyers bei den Aufzügen und beobachtete, wie die Angestellten vorbeigingen. Natürlich waren da Hintergedanken im Spiel. Soviel war ihm klar. Am Ende testete die Direktion bloß, wo sich Personal einsparen ließe. An einer wirklichen Umstrukturierung konnte jedenfalls keinem gelegen sein; nichts war ja im Moment schlimmer, als die gewohnten Abläufe zu stören. Nur die Kosten, die mußten gesenkt werden. Lofart lachte heimlich. Da könnte er also leicht für Aufregung sorgen.

Als die Kernarbeitszeit zu Ende war, ging er noch einmal in seine Abteilung, machte sich ein paar Notizen, auf dem Weg hinaus verabschiedete er sich von Froitzheim, seinem Stellvertreter. Und weil ihm trotz allem der Tag gerade erst angebrochen schien, beschloß er ganz plötzlich, schon auf der Rückfahrt, bei dem Supermarkt anzuhalten und so lange darin zu bleiben, bis er alle Dinge, die in seinem Haushalt fehlten, zusammengekauft hätte. Die Idee gefiel ihm so gut, daß er laut vor sich hin pfiff. Angekommen, schloß er das Rad an einen Ständer und sah nach, ob er genügend Bargeld und für den Notfall Schecks dabeihatte. Dann trat er ein.

Von den Bauarbeiten im Supermarkt bemerkte Lofart, obwohl er sich umsah, zuerst nichts Bestimmtes. Nur die Gemüseregale, an denen er, da er ganz anderes im Sinn hatte, rasch vorbeiging, schienen ihm weniger gefüllt als sonst; aber das mochte eine Täuschung sein. Halt machte er dann vor dem Regal mit den Toiletteartikeln. Hier war kein langes Suchen: Zahnpasta konnte man nie genug im Haus haben, und Rasiercreme! Beides vergaß er regelmäßig zu erneuern, immer wieder mußte er sich tagelang mit winzigen Resten behelfen, und jedesmal schnitt er am Schluß die Tuben, nachdem er sie schon mehrfach entrollt und zur Öffnung hin gequetscht hatte, am unteren Ende mit einer Schere auf, weitete sie zu einer Röhre und schabte sie mit einem Löffel aus. Eigentlich unmöglich! Als er jetzt von jedem fünf Tuben in seinen Einkaufswagen warf, zudem verschiedene Marken, fühlte er etwas wie eine Sicherheit, das könne nie wieder geschehen. Er legte eine große Packung Toilettenpapier und, obwohl er das sonst nie im Hause hatte, feuchte Reinigungstücher daneben; zu der Vorratspackung gab es einen Spender, der an der Wand zu befestigen war. Als er nun noch Seife und Shampoo nahm, beides in großen Sparpaketen, war der Wagen schon halb gefüllt, und bevor er weiterging, stapelte Lofart alles so, daß es nach oben hin beinahe glatt abschloß.

An die Toiletteabteilung grenzte die für Haushaltwaren. Mülltüten! hätte er beinah laut gesagt, und Müllsäcke, in denen er, wenn die großen Tonnen wieder einmal voll sein würden, seinen Abfall an die Straße stellen könnte, statt ihn zurück in die Wohnung tragen oder ihn im Keller deponieren zu müssen, wo er ihn regelmäßig vergaß. Einmal hatte ihn tatsächlich eine Nachbarin auf den Gestank angesprochen. Und Glühbirnen! Lofart ging im Kopf alle Lampen seiner Wohnung durch, Kerzenform oder normal, matt oder klar, die ungefähre Wattzahl. Welch eine Vorstellung, beim Ausfall jeder einzelnen Birne den richtigen Ersatz im Haus zu haben! Lofart schnippte laut mit den Fingern.

Endlich kam er vor eine Wand zu stehen, wo kleine Gebrauchsartikel, in durchsichtigen Boxen oder mit Folie auf Pappen gezogen, übereinander an Metallhaken hingen. Eine Zeitlang wußte er nicht, was tun. Und mit einem Mal kam ihm sein ganzes Unternehmen lächerlich vor. Er wollte schon den hochbeladenen Wagen heimlich verlassen, eine Kleinigkeit nehmen und damit zur Kasse gehen; doch dann beschloß er, auch die Artikel an der Wand rasch aber konzentriert durchzugehen. Er nahm schließlich einen Pritt Stift herunter, Heftpflaster, ein kleines Etui mit Nähnadeln und Garn in verschiedenen Farben, einen Öffner für Büchsenmilch, eine Schachtel Heftzwecken mit bunten Kunststoffköpfen, eine Packung Photo-Klebe-Ecken und doppelseitig klebende Haftpunkte. Schließlich suchte er unter den lose in einem Fach liegenden Wegwerffeuerzeugen eines aus, von dem er annahm, daß sich der Preisaufkleber gut würde entfernen lassen.

Das alles hatte er, so gut wie möglich, in dem jetzt übervollen Einkaufswagen arrangiert, als er beim Aufschauen eine junge Frau sah, die gerade den Mittelgang in Richtung der Fleisch- und Käsetheken ging. Sie schien Lofart, obwohl sie gleich hinter dem nächsten Regal verschwunden war, sehr schön. Kurz entschlossen wollte er ihr folgen, doch eines der drehbaren Vorderräder hatte sich quergestellt, er mußte zwei-, dreimal dagegentreten. Und als er den Wagen endlich in den Mittelgang geschoben hatte, war die Frau nicht mehr zu sehen.

Lofart fuhr nun selbst zu den Fleisch- und Käsetheken; nichts von der Frau! Aber hier sah er, was der Beginn der Umbauten sein mußte. Die Theken waren bis auf wenige Waren leergeräumt, die kleinen, weißen Schilder mit den roten Aufsteckbuchstaben lagen zu Haufen, leere Chromtabletts waren aufgestapelt, und eine Verkäuferin schüttete gerade die Reste von Fleisch- und Nudelsalaten in eine große Kunststoffschüssel. Auf dem Boden vor der Fleischtheke stand ein weiteres Wir bauen um-Schild, kleiner als die hinter den Scheiben, und ein roter Pfeil wies auf eines der angrenzenden Kühlregale, wo jetzt das Fleisch lag, fertige Stücke auf flachen Styroporschalen und in Folie geschweißt. Pausenlos Sonderangebote stand auf den roten Pappschildern darüber.

Lofart drehte zur Seite ab. Die Spirituosenabteilung begann hier und lief um die Ecke in den äußeren Hauptgang, der parallel zum mittleren auf die Kassen stieß. Lofart fuhr hinein; hier war die Frau auch nicht. Er überlegte kurz. Der Grundriß des Supermarkts war denkbar einfach: drei Hauptgänge, vorne die Kassen, hinten Fleisch- und Käsetheke, dazwischen fünf, höchstens sechs durchgehende Quergänge. Hier jemanden zu finden durfte kein Problem sein; er mußte nur den Mittelgang auf- und abgehen und die Quergänge kontrollieren. Keine Zickzackfahrten, und natürlich immer ein Auge auf die Kasse. Vielleicht kaufte die Frau ja nur eine Kleinigkeit.

Lofart schob den Wagen zurück zum Mittelgang, und beim Kassenbereich begann er systematisch zu suchen. Nichts auf der ersten Tour, merkwürdig genug! Aber auf dem Rückweg sah er die Frau im dritten Quergang, in der Abteilung für Fertiggerichte. Sie stand fast bewegungslos vor den Regalen. Welch ein Glück, dachte Lofart. Eine bessere Chance hätte er nicht bekommen können. Er ließ den Wagen an der Ecke des Mittelgangs stehen und ging langsam auf die Frau zu. Dann wandte er sich zu den Regalen, stützte die Hände in die Seiten und zog laut den Atem ein. »Komm, Inspiration«, sagte er, daß die Frau ihn hören mußte, »sag mir, was es heut abend zu essen gibt!« Dann sah er zur Seite und lächelte.

»Miracoli«, sagte die Frau, ohne den Blick vom Regal zu nehmen. Lofart konnte sie jetzt anschauen. Sie war mittelgroß, hatte glatte, halblange blonde Haare, ihre Haut war blaß, und die Augen waren beinahe grün. »Da«, sagte sie und wies mit dem Kopf. Lofart sah noch, daß ihre Nase einen Fingerbreit unterhalb der Wurzel einen leichten Bogen nach außen machte, von da an war sie gerade und schmal wie das Gesicht.

»Und was braucht man dazu?« sagte er. »Ich will nicht zu Hause vor dem Herd stehen, und mir fehlt die entscheidende Zutat.«

»Salz«, sagte die Frau. »Und vielleicht einen Stich Butter.«

»Kein Problem. Und der Geschmack?«

»Kennen Sie nicht?«

Lofart nahm eine andere Packung aus dem Regal und wies auf ein Symbol. »Mikrowellentauglich«, las er. »Mein persönliches Zauberwort. Seitdem ich begriffen habe, daß man vorher mit der Gabel hineinsticht, entgehe ich Tag für Tag dem Hungertod.«

»Und also?« sagte die Frau. Wo denn das Problem liege?

»Ich sagte ja, im Geschmack.« Im Idealfall stimmte die Temperatur, und es lägen keine tiefgefrorenen Bröckchen mitten in der kochendheißen Soße. Lofart seufzte. Aber schmecken würde doch alles gleich.

»So dürfen Sie nicht reden.«

Lofart schien es, als wollte die Frau nach ihrem Einkaufswagen greifen. »Ich nehme es zurück«, sagte er rasch.

»Gut.« Die Frau nahm eine Dose aus dem Regal. Die war bauchig wie eine Terrine und dort, wo Name und Schrift standen, mit einem blau-weißen Muster bedruckt. »Nehmen Sie«, sagte sie, und als Lofart etwas erwidern wollte, stieß sie ihm die Dose kurz vor die Brust. »Ich garantiere dafür.« Sie schlug leicht auf die Oberseite. »Öffnen Sie nur den Ringpull und stellen Sie sie ins Wasserbad.« Sie hob einen Zeigefinger. »Aber Sie müssen unbedingt Bohnenkraut hinzugeben, hören Sie, haben Sie das im Haus, Bohnenkraut?«

Bevor Lofart antworten konnte, war sie ein paar Schritte zurück in den äußeren Hauptgang getreten. Dort, an der Stirnseite des Regals für die Fertiggerichte, standen die Gewürze. Sie griff zweimal zu. »Hier!« Sie winkte Lofart zu sich. »Bohnenkraut. Immer gut im Haus zu haben. Und Pfeffer.« Sie las vom Etikett der kleinen Büchse ab, Pfeffer schwarz gemahlen, und reichte ihm die beiden Teile. Für den Fall, er besitze keine Pfeffermühle. Was ja vorkommen solle. So! Und nun müsse sie leider weiter. Sie nahm noch eine Packung aus dem Regal und schob dann ihren Wagen in Richtung Mittelgang.

Als sie an ihm vorbeiging, machte Lofart eine kleine Verbeugung. »Danke!« sagte er.

»Keine Ursache.« Sie winkte.

Einen Moment lang wollte Lofart ihr folgen. Sie waren ja gewissermaßen noch im Gespräch. Es dürfte nur nicht zuviel Zeit bis zum nächsten Satz vergehen. Doch dann fiel ihm sein Einkauf ein. Den könnte er auf keinen Fall herzeigen. Und wenn er alles stehenließe, mitten im Gang, würde man ihn vielleicht ansprechen. Außerdem steckte jetzt eine Menge Arbeit darin.

»Elend!« sagte Lofart leise, dann glaubte er die Lösung gefunden zu haben. Schnell fuhr er vor zu den Kassen und stellte sich bei der kürzesten Schlange an. Glück gehabt! Die Frau war nirgends zu sehen. Vielleicht würde sie noch einige Zeit brauchen, und er könnte sich draußen auf der Straße etwas abseits halten und ihr unauffällig folgen. So erführe er wenigstens ihre Adresse und vielleicht sogar ihren Namen.

Aber zuerst dauerte es, bis er an der Reihe war. Dann kostete das Registrieren seiner vielen kleinen Einkäufe Zeit, ebenso, sie in mehreren Tüten zu verstauen. Und schließlich mußte er, da eine Tüte zu reißen drohte, einen Karton besorgen. Fast hätte er die Frau vergessen, und er war froh, endlich mit allem aus dem Supermarkt zu sein. Jetzt galt es, den Karton und die Tüten am Rad festzumachen. Lofart verfluchte sich. Er hängte je eine Tüte an den Lenker und bog die Klammer am Gepäckträger zurück, um den Karton damit festzuklemmen. Es gelang nicht gleich, der Karton drohte hinunterzurutschen; in diesem Moment ging die Frau vorbei.

Lofart sah gerade auf, die Frau lächelte ihn an. Er lächelte zurück, sagte nichts und versuchte eine entschuldigende Geste, aber die mißlang, weil er die Hände nicht von der Klammer und dem Karton nehmen konnte. Die Frau bog in die nächste Seitenstraße; und als er endlich sicher war, daß der Karton halten würde, schob er das Rad langsam nach Hause. An Fahren war nicht zu denken.

Den Rest des Nachmittags und einen Teil des Abends verbrachte Lofart damit, seine Einkäufe in Schränke und Schubladen zu verteilen. Dabei geriet er, ohne es recht zu wollen, in ein allgemeines Aufräumen. Und immer zog eines das andere nach sich. Anfangs war er sehr ratlos, aber dann nahm er immerhin den Karton aus dem Supermarkt und legte kurz entschlossen alle kleineren Sachen hinein, von denen er im Moment nicht wußte, ob und, wenn ja, wo sie in Zukunft aufbewahrt werden sollten. So ging es ganz gut. Gegen sechs öffnete er eine Flasche Rotwein und schaltete den Fernseher an, und als um acht in der Tagesschau ausführlich von einem politischen Skandal im Ausland berichtet wurde, unterbrach er das Aufräumen und blieb vor dem Gerät sitzen. Gegen zehn ging er, ein wenig angetrunken, zu Bett; er wollte noch lesen, doch die Zeilen standen bisweilen ein wenig schief. Müde war Lofart nicht. Und einschlafen wollte er auch nicht. Er legte das Buch zur Seite, sah ins Zimmer und versuchte sich so genau wie möglich an die Frau aus dem Supermarkt zu erinnern. Hatte er sich also jetzt verliebt? Wenn ja, dann wäre es nach langer Zeit das erste Mal.

VOR EINIGEN JAHREN, kurz nach seinem Eintritt in die ELWA, hatte man Lofart zu einer Fortbildungsmaßnahme geschickt, in eine wunderbar gelegene österreichische Stadt, am Fuße der Berge und nahe der italienischen Grenze. Aber er hatte sich dort gelangweilt; die Seminare nahmen fast alle Zeit ein und verlangten überdies Nachbereitung. Kein Gedanke an längere Ausflüge, in die Berge etwa; und selbst wenn er abends in die Weinlokale gegangen war, hatte er fürchten müssen, am nächsten Morgen nicht ausgeruht zu sein und sich noch mehr von der trockenen Materie aus den Begleitheften aneignen zu müssen. Er saß daher zwischen den Seminaren und meist auch abends nur für ein oder zwei Stunden auf dem Marktplatz, neben einem großen Brunnen, und sah nach den Passanten.

Da waren ihm dann einmal, schon gegen Ende der Maßnahme, gegenüber auf einer Bank drei junge Mädchen aufgefallen, wahrscheinlich Schülerinnen eines Internats; sie trugen die gleichen weißen Blusen und kurzen, blauen Faltenröcke mit breiten Trägern, die im Rücken über Kreuz liefen. Alle drei hatten sie langes, dunkelbraunes und gewelltes Haar, dunkle Augen und dunkle, fast olivfarbene Haut. Sie sprachen laut miteinander, Hochdeutsch in der Klangfarbe der Gegend. Zuerst hörten sie einander Geschichtsdaten ab und dann französische Vokabeln. Und nur wenn eine passen mußte und die anderen lachten, dann fiel sie schimpfend in den Dialekt, von dem Lofart kein Wort verstand.

Solche Frauen, hatte er damals gedacht, gibt es bei uns nicht. Frauen, wie die drei es einmal sein werden. Alles werden sie mit großer Selbstverständlichkeit tun. Vielleicht sind sie nicht eben sanft oder nachgiebig; aber durch die Ruhe, die sie ausstrahlen, werden sie immer so wirken. In vielem wären sie ganz überzeugt und ließen sich nicht beirren, mag sein sogar in einem Aberglauben. Dafür würden sie sich um das, was sie für unwichtig hielten, gar nicht erst kümmern.

Gleich darauf hatte sich Lofart damals gesagt, daß er so nicht denken durfte! Natürlich waren die Menschen verschieden, von Geburt an; und vielleicht tatsächlich auch von Land zu Land. Aber man durfte nur dann die einen mehr und die anderen weniger schätzen, wenn es ohne solche Gründe war, allenfalls, wie man Blau mochte und Grün nicht. Und keinesfalls durfte man verallgemeinern. Das liefe auf Mord und Totschlag hinaus.

Die drei Mädchen gegenüber hatten später einander aus ihren Aufsätzen vorgelesen, und die ganz links saß hatte den Arm um die Schultern der Mittleren gelegt.

Nein! sagte Lofart sich da, es war doch die Schönheit südländischer Frauen. Das könnte niemand ihm ausreden. Und zum Beweis: er würde, ganz sicher, schoß es ihm durch den Kopf, nur hier erleben, was den Namen Leidenschaft verdiente. Die Frau, der er hier verfiele, würde ganz ruhig und in sich gekehrt sein, er würde ihr nicht nachstellen, sie keinem anderen abjagen, sie nicht einmal aus irgendeinem Lebenskreis ziehen müssen; und es läge alles allein an ihm.

Lofart war damals, sehr erregt von diesem Gedanken, aufgestanden und durch die Einkaufsstraßen gegangen. Es herrschte viel Betrieb. Doch lange sah er nicht einmal eine Dunkelhaarige unter den Passantinnen, und die Verkäuferin in dem Zeitschriftenladen, den er endlich betrat, war zwar dunkel, aber groß und schlank, und sie trug ein T-Shirt mit dem Bild eines Rennfahrers und einem großen Schriftzug. Lofart hatte dann, als er schon zu lange in dem Laden stand, eine BILD Zeitung gekauft, es war die einzige deutsche Zeitung, die es gab; und sehr beschämt war er zurück ins Hotel gegangen, um sich an seine Übungsbögen zu setzen.

2

AM ÜBERNÄCHSTEN TAG, dem Samstag, machte Lofart morgens einen Spaziergang durch sein Viertel. Halb und halb hatte er sich eingestanden, daß er nach der Frau suchte. Auf einem kleinen Umweg ging er zum Supermarkt, vor dem stand seit gestern eine fahrbare Baubude, und von dort langsam weiter den Weg, den die Frau gegangen war. Natürlich, sagte er sich, war es aussichtslos, was er da anfing. Er sollte besser eine Anzeige aufgeben oder auf einen Zufall warten.

Dann schüttelte er den Kopf darüber. Er war jetzt fast genau seit sieben Jahren allein, zuletzt war es kurz nach seinem dreißigsten Geburtstag zu Ende gegangen. Ute! Er wußte heute nicht einmal mehr, wo sie lebte und was sie machte. Oft malte er sich aus, wie es sein würde, endgültig allein zu bleiben, und warf sich dann jedesmal vor, er sei ganz unnötig verzagt, oder schlimmer noch, er kokettiere. Und außerdem, daß in der Zwischenzeit diese Krankheit ausgebrochen war, taugte nicht als Argument; vor nichts konnte man sich besser schützen.

Lofart versuchte sich vorzustellen, wie die Frau aus dem Supermarkt lebte. Daß sie vor den Fertiggerichten gestanden hatte, ließ darauf schließen, daß sie allein war. Oder war das zu schnell geschlossen? Er schätzte die Frau nicht über dreißig, vielleicht entschieden darunter, ihre Stimme hatte resolut, aber jung geklungen. Wie es wohl hätte sein können, wenn nicht alle Umstände gegen ihn gewesen wären? Er hätte sie vielleicht überredet, ihn in das Eiscafé an dem Platz vor der Kirche zu begleiten. Zuerst hätten sie von ihren Berufen geredet. Sie wäre anderswo geboren und erst seit kurzem in der Stadt, beinahe immer noch ohne festen Bekanntenkreis, einmal abgesehen von den Kollegen im Büro. Oder studierte sie? Nein, auf keinen Fall. Schließlich wären sie auf gemeinsame Interessen zu sprechen gekommen.

Lofart hatte mittlerweile den kleinen, fast quadratischen Park erreicht, der zwischen alten Bürgerhäusern lag. In der Mitte stand ein Kriegerdenkmal, ein sterbender Soldat, dem eine Frau in wallenden Gewändern den Kopf stützte; rundherum waren Bankreihen, auf denen ein paar Frauen saßen, neben sich Kinderwagen mit bunten Blumenmustern. Lofart setzte sich auf eine freie Bank und sah zur gegenüberliegenden Fassadenreihe empor. Zwei Dächer dort waren kürzlich ausgebaut worden, sie trugen jetzt breite Gauben mit gläsernen Seiten. Es hatte in der Lokalzeitung gestanden, Vorher- und Nachher-Photos und eine historische Aufnahme. Eine vorbildliche Baumaßnahme, hatte es geheißen. An den Seiten der Gauben führten Ausstiege auf eine kleine Plattform aus Gitterrosten mit einem Geländer, von dort liefen Tritte zum Dachfirst empor. In der Zeitung war das erklärt worden, es war der Fluchtweg, wenn bei einem Brand das alte, hölzerne Treppenhaus in Flammen stünde.

Hier, dachte Lofart, könnte die Frau leben. Sie hat die Wohnung durch einen Zufall bekommen, noch bevor der Ausbau abgeschlossen war. Vielleicht hat sie den Vermieter kennengelernt oder ist, als sie die Bauarbeiten bemerkte, einfach zu ihm gegangen und hat sich erkundigt; und er hat ihr, von ihrer Unbefangenheit eingenommen, die Wohnung gleich in die Hand versprochen. Und sie hätte darauf tatsächlich, ohne viel Dank für das Entgegenkommen, gleich ein paar Sonderwünsche angemeldet.

Lofart lachte leise. Vielleicht sollte er hingehen und irgendwo klingeln: Wohnt hier eine junge Frau, Mitte oder Ende Zwanzig, kurze, blonde Haare, das heißt, mittelkurz, grüne Augen, blaß und eine Nase – er würde die Profillinie mit dem Finger in die Luft zeichnen müssen:-So? – Nein!

Er sah auf die Uhr; bevor die Geschäfte schlossen, wollte er noch einiges besorgen. Doch der Einkauf am Donnerstag hatte ihn fast sein ganzes Bargeld gekostet. Lofart stand auf. Ein paar Straßen weiter lag seine Bankfiliale. Mit der Scheckkarte öffnete er die Tür zum Vorraum, in dem der Geldautomat stand. Er schob die Karte ein und tippte seine Geheimnummer; die Zahl ließ sich leicht merken, beim Eintippen entstand ein X: links oben, rechts unten, rechts oben, links unten. Als die Aufforderung erschien, einen Geldbetrag auszuwählen, schloß sich die Tür zum Vorraum.

GELEGENTLICH, und nicht unbedingt immer in der Schlange vor dem Bankschalter, überkam Lofart die Furcht, einmal in eine Geiselnahme zu geraten. Über die genaueren Umstände machte er sich dabei kaum Gedanken. Vielleicht stürmten die Geiselnehmer herein und drängten ihn zusammen mit anderen in einen Raum hinter dem Tresen; vielleicht wandte sich auch bloß plötzlich einer um, setzte ihm ein Messer an die Kehle und stieße ihn vor sich her. – Egal, denn es würde immer so schnell gehen, daß er schon kurz darauf nicht mehr wüßte, wie genau es geschehen war. Vermutlich läge er eine Zeitlang geradezu wie betäubt.

Und wahrscheinlich brächte irgendein Schmerz ihn wieder zu sich. Auf dem Boden liegend, reibt er die Stelle, hebt den Kopf und sieht zur Seite. Die anderen liegen wie er, sie rühren sich nicht; deutlich hört er sie atmen, jemand weint leise, eine Frau. An die Tür gelehnt, steht ein Bewacher, er raucht, seine Hand mit der Waffe hängt herab. Was er tun, was er sagen wird, wenn einer aufzustehen versuchte, ist sonnenklar.

Draußen im Kundenraum ist es lange ruhig, bis endlich Wagen mit Alarmsirenen vorfahren, Stimmen übers Megaphon kommen und ein Telephon klingelt; einer wird laut sprechen, drohen, ein anderer wird dazwischenreden, schreien, vielleicht sogar durch die große Tür gegen die Straße hin.

Das wäre ganz sicher die Zeit, sich ruhig zu verhalten. Er bliebe still liegen, jedes Wort wäre jetzt fehl am Platze. Es ist nie eine Feigheit, seine Ohnmacht einzugestehen! Andererseits müßte er hoffen, die anderen teilten seine Überzeugung; denn freilich, äußern würde er sie nicht. Und wie auch? Schon das Wort Geisel war seltsam genug, es erinnerte an nichts. Gefangener, Verbannter oder Flüchtling, da klang wenigstens die Ursache an. Und mit Geißel hatte es nichts zu tun. Auch wenn er sich da nicht ganz sicher war.

Später käme dann der Moment, von dem an alles anders würde. Die Verhandlungen sind gescheitert, ein Geiselnehmer im Kundenraum hat das Telephonkabel aus der Wand gerissen. Der Bewacher verläßt das Hinterzimmer, um sich zu beschweren: das gehe schon zu lange so und er halte es kaum noch aus. Der Anführer nimmt ihn darauf am Arm, schüttelt ihn, küßt ihn auf die Wange oder streicht ihm übers Haar. Schließlich geht er selbst, mit vorgehaltener Waffe, ins Hinterzimmer: »Keinen Mucks!« Sie wüßten ja, worum es gehe, und sie, nur sie hätten alles auszubaden.

Das wäre genau, denkt Lofart, worauf er, wenn er einmal unter die Geiseln geraten würde, gewartet hätte. »Ja!« würde er sagen, ohne gefragt zu sein, laut, ruhig und bestimmt, ohne jede Bitterkeit, das Gesicht weiter zu Boden gewandt. Dann spräche er für alle. Und später säße er daher, längst ist es dunkel geworden, als letzte Geisel, alle anderen entlassen, die Hände mit Gardinenkordel an die Armlehnen gefesselt, auf einem Drehstuhl im Hinterzimmer. Gegen Mitternacht soll der Fluchtwagen vorfahren; es ist abgesprochen, daß er am Steuer sitzen soll. Aber statt dessen folgt, nach einem Täuschungsmanöver, der Sturmangriff; Rauchbomben und Blendgranaten durchschlagen die Fenster, alle Geiselnehmer werden getötet, bis auf den Anführer, der rettet sich, zu Tode verletzt, ins Hinterzimmer und schiebt seine Geisel als Deckung vor sich her auf dem Drehstuhl zurück in den Kundenraum. »Schrei!« ruft er dabei. »Schrei um dein Leben!« Und er, die Geisel, würde um sein Leben schreien, bis alles ruhig ist und der Rauch sich verzogen hat.

LOFART TIPPTE JETZT den Höchstbetrag an, entnahm die neuen, glatten Geldscheine und verließ den Vorraum der Bankfiliale. Dann ging er zum Supermarkt, besorgte Lebensmittel fürs Wochenende und hielt dabei Ausschau nach der Frau. Als er schon alles beisammen hatte, fuhr er noch ein paar Minuten langsam den mittleren Hauptgang herauf und herunter, aber vergeblich, sie war nicht da. Dann stellte er sich vor der Kasse an.

Er hatte gerade seine Sachen in eine Plastiktüte gepackt und wollte den Markt verlassen, als ihm eine große, blaue Pin-Wand auffiel, die neben dem Ausgang hing. Unser Service für Sie stand darüber. Von Kunde zu Kunde. Lofart hätte schwören mögen, die Pin-Wand habe früher nicht dort gehangen. Unter ihr war ein Fach mit kleinen vorgedruckten Karten: Gesucht, Zu verkaufen, Preis, Adresse, Telephon stand darauf. Er nahm eine Karte und steckte sie in seine Tüte. Dann ging er noch zur Brottheke, und als die Verkäuferin ihn ansah, wies er auf ein kurzes, kastenförmiges Brot mit einer dunklen Kruste.

»Ein Kosakenrostbrot?« sagte die Verkäuferin.

Wenn es so heiße, sagte Lofart. »Und einen Bienenstich.« Aber ohne Tüte, er esse ihn gleich.

Die Verkäuferin nahm das Brot aus dem Regal und wickelte es in Papier, da klingelte die Uhr am Backofen neben der Brottheke. Sie zog zwei große, wattierte Handschuhe mit Blumenmuster an, öffnete die Backofentür, holte die Bleche heraus und ließ die Brötchen in zwei geflochtene Körbe rollen. »Letzte Brötchen!« rief sie dabei laut. »Die letzten Brötchen heute!« Dann kam sie zurück zur Theke. »Ein Bienenstich war das noch?«

Lofart nickte.

Die Verkäuferin schob den Bienenstich in eine Papiertüte. »Bitte«, sagte sie und nannte den Preis.

AUF DEM HEIMWEG, zwei-, dreihundert Meter von seinem Haus in einer ruhigen Seitenstraße, ging Lofart für ein paar Schritte etwas langsamer; am Fußgängerüberweg bei der Kreuzung mit der Promenade hatte sich ein Unfall ereignet, ein Fahrrad lag am Boden, eine junge Frau kniete daneben, ein Mann sprach mit ihr. Ja, sie sei auf die Schulter gestürzt. Nicht auf den Kopf. Etwas Schlimmes sei ihr nicht passiert.

Lofart trat in die Promenade und unter die hölzerne Pergola. Ein paar der Kletterpflanzen, die an grünem Draht emporwuchsen, blühten noch, ihre Namen standen auf Tafeln hinter Plexiglas. Er hielt die Plastiktüte in der linken, die kleine in der rechten Hand. Den Bienenstich hatte er längst gegessen. Und der war eine Enttäuschung gewesen. Überhaupt, dachte Lofart, Bienenstich war seit langem eine Enttäuschung. Dabei sah er es von außen nie, so sehr er sich auch bemühte. Mal glänzte die Zuckerglasur auf den dünnen Mandelscheiben und die Füllung quoll gelblich hervor, mal waren die Schnittkanten pulvrig und glatt, hatten Teig und Füllung die gleiche Farbe, dann wieder waren die Stücke schwer und brachen beinah in der Hand, oder sie waren erstaunlich leicht; aber nie schmeckten sie, wie sie sollten. Oder wie sie damals geschmeckt hatten.

Damals, das war, als er gefragt hatte, warum sie Bienenstich hießen. Was sie, vor allem, mit Bienen zu tun hatten. Oder glaubte er jetzt nur, damals gefragt zu haben? Heute jedenfalls würde es ihn nicht interessieren. Wie auch immer, der, den er eben gegessen hatte, war eher bröslig gewesen. Und kalt, ja kalt! Natürlich im übertragenen Sinn. Und trocken, an seinen Fingern war fast kein Zucker geblieben. Lofart knüllte die Papiertüte zusammen. Rechts vom Weg standen Bänke, und zwischen den Bänken, an metallenen Stangen, hing je ein Papierkorb, rot wie die Bänke, mit einem Ornament um den Rand. Die Entfernung zum ersten betrug im Moment etwa dreieinhalb Meter.

Lofart warf, ohne zu überlegen. Die Papierkugel traf den hinteren inneren Rand des Korbes, gleich unterhalb der Stange, das war noch zu sehen, nach vorne abprallend verschwand sie. Er hatte den Schritt nicht verlangsamt; ein Wurf aus gleichmäßigem Gehen, den Arm anfangs ganz erhoben, dann nach vorne unten durchgestreckt und auf halber Höhe die Hand geöffnet. Das war, beileibe, kein Sicherheitswurf! So konnte man nur treffen oder das Ziel weit verfehlen. Wer Risiken vermeiden wollte, der warf aus der Hüfte.

Schon zehn, zwanzig Meter war Lofart weitergegangen. Wie hatten wohl die Chancen gestanden? Statistisch. Sicher furchtbar schlecht. Die Aerodynamik einer Papierkugel war letztlich unberechenbar. Das hatte sich immer wieder bewiesen. Ja, er war überzeugt, wiederholte er den Wurf, unter gleichen Bedingungen, nicht einer von zwanzig träfe, nein, nicht einer von dreißig. So ging er weiter und war fast schon zu Hause. Da plötzlich überkam ihn ein Glücksgefühl. Denn wenn der Wurf nicht bloß gelungen war durch das Zusammenspiel Aberhunderter Zufälle, dann vielleicht durch ein Unbeschwertsein, wie es selten war. Aber wie es sein mußte: die Armbewegung mehr ein kraftvolles Zeigen als ein Werfen und der Wurf gewissermaßen die Verlängerung des Blicks auf das Ziel.

Lofart blieb stehen. Dagegen war es ein Fehler gewesen, den Bienenstich zu kaufen; gegen alle Erfahrung. Langsam ging er den Weg zurück unter der Pergola. Im ersten Papierkorb lag die Kugel. Sie war zwischen ein paar Flaschen gerutscht, trocken hob sie sich ab von etwas Nassem darunter. Ein wenig hatte sie sich entfaltet; wie eine Blüte, dachte Lofart und setzte sich auf die Bank. Er sah hinüber zur Straße. Nun war doch ein Krankenwagen gekommen, die Frau stieg hinten ein. Was man mit dem Fahrrad machen solle? rief der Mann, da gab ihm die Frau, durch das Fenster des Krankenwagens, einen Schlüssel; und der Mann kettete das Rad an ein Verkehrsschild.