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Inhalt

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Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Autorenporträt

Übersetzerporträt

Kurzbeschreibung

Impressum

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Das Haus an der Keizersgracht

1

Nichts, oder nein, wenig. In dieser Geschichte stelle ich nicht viel dar, und du, um es mal vorsichtig auszudrücken, auch nicht. Wir sollten uns nichts einbilden, es geht hier nicht um uns. Keizersgracht 268. Meine Familie lebt schon seit sieben Generationen hier. Dieses Haus wird sicher noch eine Weile da stehen, aber wir, wir sind dann längst vergessen. Gott sei Dank. Dieser Ort hat eine wunderliche Geschichte: wie die ersten Toten begraben, und die, die danach starben, als Asche verstreut wurden, wie man die Eichen gepflanzt hat; für jeden der Altvorderen einen Baum. Im Laufe der Jahrhunderte ist ein kleiner Wald daraus geworden. Wer vermutet schon einen so weitläufigen Garten im Herzen der Stadt? Legenden ranken sich darum. Sieh mal, das berühmteste Spukhaus von Amsterdam, das Haus mit der Goldenen Kette, hundert Jahre lang stand es leer. Poltern in der Nacht, man sagt, es wären die Dämonen meiner Ururgroßmutter, die sich aufgehängt hat, nachdem mein Ururgroßvater, Rauws, der Generaldirektor, im Theater verbrannt war. Wie auch immer, kein Mensch wollte mehr hier wohnen, es ist eine lange Geschichte, und es würde zu weit führen, sie weiter auszubreiten. Mein Urgroßvater, der über solchen Unsinn erhaben war, kaufte das Haus für tausend Gulden von der Gemeinde zurück. Wie konntest du wissen, dass das Theater hier ein paar Häuser weiter abgebrannt war? Das Stadttheater steht doch auf dem Leidseplein, höre ich dich sagen. Ich sehe es dir nach, du wohnst noch nicht so lange hier.

Du willst keine Geschichten, sondern Fakten, sagst du. Ich soll zur Sache kommen. Worüber reden wir? Wenn wir die ganze Chose aufblättern … ganz einfach. Backsteine. Backsteine und ein paar Knochen in meinem Fall.

Wenksterman stand mit einer Schaufel in der Hand im Garten. In Gedanken wiederholte er das gestrige Gespräch mit seinem Nachbarn, nur in verbesserter Form. Eine ruhigere Version, eine, in der auch er mit seiner Geschichte zum Zuge kam.

Es waren die ersten Tage im Oktober, und der Herbst zeigte sich schon winterlich. Wenn er pustete, kamen Wölkchen aus seinem Mund. Prima fand er das. Er war früh aufgestanden, ein schöner Morgen, schön auch im Sinne von still und weil ihn niemand ansprach. Das Haus war leer. Amsterdam schlief noch. Der Herbst war seine Lieblingsjahreszeit, ein guter Grund, um nirgendwohin zu müssen. Er sah sich um und freute sich über die Lichtstreifen an der Rückseite seines Hauses.

Die Fensterrahmen hingen da wie an einer Wäscheleine: an den Seiten höher als in der Mitte. Das gab der ganzen Sache etwas Lässigkeit. Die Fenster waren nicht geputzt, der Balkon von Efeu überwuchert.

Der Boden war hart. Schaftstiefel auf dem Metall, so trat er den Spaten tief hinein ins Schwarze. Das raue Holz riss an der Haut. Erst nach ein paar Schaufelstichen gab die Erde nach. Wie er doch diese gesegnete Stille liebte, die den extrovertierten Sommern mit ihren angetrunkenen Gestalten vor seiner Haustür folgt, dem Geschnatter, das Hunderte Meter übers Grachtenwasser trägt.

Je tiefer er vordrang, desto moddriger wurde die Erde, Teergeruch stieg auf. Langsam fand er in einen Rhythmus, und das Einzige, was er noch hörte, war sein eigenes beschleunigtes Atmen. Noch eine Schaufel Erde und noch eine. Er machte sich keine Sorgen. Ein allzu besorgter Mensch war er sowieso nicht. Er blickte auf. Der Morgentau erfrischte sein Gesicht wie ein nasser Waschlappen einen Fiebernden. Dass das Haus schief stand, war nichts Neues. Es war eines der ältesten Häuser auf der Keizersgracht und nicht das einzige, das sich senkte. Ganz Amsterdam sackte ab. Der Grachtengürtel jedes Jahr um die zwei Millimeter. Das hat man davon, wenn man eine Stadt auf weichem Untergrund baut. Daran war nun nichts mehr zu ändern. Er streckte seinen Rücken, sah nach den umliegenden Gebäuden. Die verputzten Fassaden, die Ornamente, die frisch geputzten antiken Fenster, das rustikale Glas. Sie wirken gerade, aber wenn man durch die vornehme Verkleidung einen Blick auf ihre Skelette werfen würde, sähe man, dass sie alle aneinander hängen, Fassade an Fassade, in einer alles nach unten ziehenden Umarmung. So ist das bei Häusern, so ist das bei Menschen. Naturgesetze. Das kann einen schon nervös machen. Trommle ruhig all diese Bauunternehmer und Konstrukteure zusammen, wenn du meinst; früher oder später sacken wir doch weg, zuerst die Haut am Kinn, dann unsere Knochen, einfach so in den Boden.

»Wenksterman, zahlst du nun oder nicht? Du hast noch zwei Wochen. Dann gehe ich zum Amtsgericht.«

»Können wir nicht mal wie normale Menschen darüber reden?«

»Wir reden seit Monaten«, hatte sein Nachbar gesagt. »Ich halte es für sinnvoller, etwas zu tun. Übermorgen fängt meine Baufirma an.«

»Was sind ein paar Monate?«

»Es muss etwas passieren. Verfaulte Stützpfähle sind eine Katastrophe. Das darfst du nicht so auf die leichte Schulter nehmen.«

Als ob er das nicht wüsste. Natürlich musste etwas geschehen. Das leugnete er doch gar nicht. Der Riss war groß. Vom Dachgeschoss bis in den ersten Stock. Ein Riss, durch den er und Kussendrager sich die Hände hätten schütteln können, was sie natürlich nicht taten.

»Auf die leichte Schulter sicher nicht. Aber ein paar Hunderttausend … Was verstehst du schon davon, was Monate für so ein altes Haus sind, junger Mann? Nichts.«

»Wenn du das Haus so sehr liebst, warum lässt du es dann so herunterkommen?«

Das Loch wurde größer. Die ersten Regenwürmer kamen zum Vorschein. Wenn Wenksterman ihnen seine nächste Vorlesung widmen wollte, musste er zumindest wissen, wie viele davon in seinem eigenen Boden lebten. Darwin hatte in seinem letzten und am wenigsten bekannten Werk über die immense Bedeutung des Regenwurms für die Erde gesprochen und behauptet: In jedem Quadratmeter stecken im Durchschnitt dreihundert. Er schob ein paar Würmer in eine Dose für weitere Untersuchungen, keine Angst, Jungs, ihr dürft gleich wieder raus.

Insgesamt zählte er achtundsiebzig. Das waren weniger als in Darwins Befund. Der Regenwurm, ein Wesen mit zehn Herzen, lebt weiter, wenn man ihn in der Mitte durchhackt. Durch die Nase atmen, tief, frische Luft nach innen ziehen. Er war der Biologe des Quadratmeters. Da spielt sich alles ab, unter deinen eigenen Füßen. Ein Missverständnis, dass immer alles weit weg sein muss. Gestern war er in die Natur gezogen, hatte lange durch sein Fernglas zum Nest eines Seeadlers gespäht. Die Mutter, die wie eine Gleichgewichtskünstlerin auf einem Pfahl thronte, der Vater kam und flog wieder weg, kam und flog weg. Großartige Flügel von mindestens zwei Metern Spannweite. Das Tier hatte sich seit dreißig Jahren nicht mehr in den Niederlanden gezeigt, aber bitteschön!, die heilende Kraft der Natur wirkt, wenn man sie nur in Ruhe machen lässt.

Sein letzter Essay hatte sich mit der Wiederkehr des Wolfs befasst. Der Regenwurm wäre ein würdiger Nachfolger in seiner Serie. Weniger wiedergekehrt als vielmehr vergessen. »Vergessene Helden«, so hieß seine Rubrik in der Zeitung.

Er legte eine Pause ein und starrte nach der weißen Stuckdecke seines Nachbarn, die Strahler flammten auf.

Als er seine Schaufel wieder in die Erde stechen wollte, schlängelte sich ein Wurm an dem tödlichen Eisen vorbei. Er pulte das Tier vorsichtig ab und drückte es mit dem Daumen zurück in die Erde. Regenwürmer machen unsere Erde fruchtbar, sie helfen dem Boden zu atmen. Und was tun fleißige Menschen wie sein Nachbar? Sie verlegen Steinplatten in ihren Gärten.

Je tiefer das Loch da neben den Eichen wurde, je stärker ihm der Schweiß über den Rücken lief, desto mehr fühlte er sich mit den Bäumen verbunden, mit dem Boden und den Wurzeln, die so tief in die Erde reichen wie die Äste in die Luft. Vielleicht ist das das Glück, wenn man ein Leben lang im selben Haus wohnt: Nichts ändert sich. Je mehr Veränderungen, desto weniger ändert sich. Nachbarn ziehen vorbei wie kleine Boote über das Grachtenwasser.

So sah er den Nachbarn, Kussendrager, wie eine Tide, wie einen geschäftigen Wurm.

Er seufzte.

Die Uhr vom Westertoren schlug ein paar Mal, er zählte nicht, wie oft. Er ließ seine Schaufel neben der schlammigen Grube aus den Händen fallen. Es war Zeit, seinen Schreibtag zu beginnen. Das eine oder andere zu notieren. Er lief über den Rasen, der mit Blättern übersät war.

Langsam stieg er die Freitreppe hinauf, ging nach drinnen, eine Schlammspur hinter sich herziehend.

Drinnen war es anders kalt, zugig. Die einfache Verglasung schien von Jahr zu Jahr dünner zu werden. Oder waren es die Ritzen, das Täfelholz, das riss? Seine Nase fühlte sich zwischen den Wangen wie ein vor Kälte erstarrter Klumpen an. Die Heizung musste angestellt werden, der Kessel muckte, aber er hatte keine Lust, nach der Gebrauchsanweisung zu suchen, geschweige denn, einen Klempner zu rufen.

Gerade wollte er sich in seinen Sessel setzen, den Kamin entfachen, bei Darwin nachlesen, als Geklapper an sein Ohr drang. Ganz eindeutig von der Vorderfront des Hauses, es musste der Briefschlitz sein. Die Klingel war schon lange kaputt; wer daran zog, riss eher die ganze Messingkonstruktion aus der Wand. Er ignorierte das Geräusch und öffnete in der Küche den Kühlschrank, um einen Schluck Milch zu trinken. Wenn man aus der Stille des Gartens kam, erschien einem selbst das Brummen des Kühlschranks als Übergriff. Ganz zu schweigen von Besuch an der Haustür.

Er wischte sich den Mund am Ärmel ab und hoffte, dass die Geräusche von selbst aufhören würden. Seufzend ging er zurück und ließ sich in seinen Sessel fallen, bestrich seinen Cracker mit Mett, und als es still blieb, biss er zufrieden ab.

Bald wurde sein Kauen durch das Klappern von Absätzen im Flur übertönt. Eine Frau. Ein Gang, der ihm bekannt vorkam und den er nicht gleich identifizieren konnte, zuerst die Ferse, dann die Zehen. Erst als ihre Stimme zu hören war, erkannte er ihre stürmischen Schritte.

»Paps, wo um alles in der Welt steckst du?«

Was machte Amber hier? Hatte er etwa vergessen, dass sie zurückkam?

Er hatte den Mund zu voll, um zu reden. Wenksterman sah die junge Frau an, die hereinplatzte, ihre zerzausten Haare, die Wangen rot vor Kälte. Wie sie ihren Koffer abstellte, feierlich vor dem Kamin. Ein voller Koffer. Was hatte sie alles dabei?

Er erhob sich aus dem Sessel, nahm ihren Koffer, gab ihr einen Kuss, diese Förmlichkeiten, fragte sie, ob es ihr in Cambridge vielleicht zu nass wäre, und erst dann, so unbefangen wie möglich: »Und was ist mit Plato?«

Sie blies eine Locke vor ihren Augen weg und schüttelte ihren Mantel ab, ließ ihn fallen, einfach so auf den Boden, und setzte sich mit ihm in den Erker. Die Arme baumelten an dem schlanken Körper herab.

»Plato kann warten.« Das Kaminzimmer füllte sich mit ihrem Duft, dem Duft von sauberer Wäsche im Wind. Seine Tochter besaß diese seltsame Kombination aus ungestümer Energie in einem zu schmächtigen Körper – sie anzusehen war, wie eine kostbare Vase zu betrachten, die auf einem schmalen Rand hin- und herschwankt. Sein Porzellanmädchen.

»Gott sei Dank, ich bin zu Hause.« Sie blickte in den Garten, zeigte auf den Berg Erde, die Schaufel und die Grube. »Wen buddelst du da aus?«

2

»Auch einen Cracker mit durch den Wolf gedrehter Kuh?« Sie saßen da und hörten dem Regen zu. Ihr Vater im Sessel, Amber im Erker neben ihm. Sie folgte seinem Blick in den Garten. Eine Elster pickte den Meisen das Futter weg.

»Ich bin Vegetarierin, hast du das vergessen?«

Ihr Vater nahm das Schälchen, das neben ihm stand. Mit einer Gabel drückte er sich Mett auf den Cracker. Seit ihre Mutter in der Klinik war und die Krankenschwestern das Haus verlassen hatten, gab es in diesem Haushalt kaum noch ein sauberes Messer.

»Vegetarierin«, murmelte er.

Sie schwiegen. Für ihren Vater war Stille etwas Heiliges. Man musste einen Grund haben, Stille mit Worten zu füllen, und warum sollte sie es tun, sie war zu Hause. Endlich. Wie er dasaß, in seiner düsteren Ecke im Kaminzimmer; selbst am helllichten Tag blieb es hier dunkel. Schief gewachsene Bäume stahlen Licht von den Fenstern weg. Wie er ein Bein im Dreieck über das andere geschlagen hatte.

Sie lächelte. Vielleicht lag es an der Sanftmut des Meeres; im Laufe der Wochen hatte sie begonnen, sein Schweigen in einem anderen Licht zu sehen. Die Distanz zwischen ihnen hatte die Gespräche über die Tabletten, über ihre Mutter verweht; und vielleicht könnten sie zusammen einen Spaziergang unternehmen. Vater, Tochter. Wie früher.

»Paps. Ich dachte, wenn wir morgen nach der Besuchszeit zusammen … In Vogelenzang kann man prima spazieren gehen, glaube ich.«

Sie sah auf seine Hände, die die Zeitung hielten, symmetrische Finger, gerade, zuverlässig. Seit sie klein war, hatte sie zu seiner geheimnisvollen Bücherwelt gehören wollen. Wenn er schrieb, bewunderte sie das langsame Gleiten seines Füllfederhalters und suchte nach Themen, die ihn reizen konnten. Etwas Intellektuelles. Etwas Musikalisches. Ihr Vater räusperte sich, schien etwas sagen zu wollen, las weiter. In der Zwischenzeit kaute er hinter der Zeitung, schluckte laut und sagte dann doch etwas. »Ich kann morgen nicht mit zu deiner Mutter.«

Ihr Bein knallte an die Heizung. »Warum nicht?«

»Ein Konzert.«

»Ein Konzert?«

Meinte er das ernst? Sollte sie allein gehen? Amber sah zu den Stuckrosen an der Decke. »Was für ein Konzert, Paps?« Ihr Vater schien sich wieder zu konzentrieren, er wippte mit dem Fuß. Sie hielt die Luft an. Auf dem Schiff hierher war ihr alles so klar vorgekommen. Eines Morgens spaziert man in sein Elternhaus, und alles wird anders sein. Nicht, weil sich etwas verändert hat, oder jemand, nein, du, du selbst hast dich verändert: bist ruhig, ausgeglichen, erwachsen.

»Wieso ein Konzert, Paps?«

»Verdammt«, er sprach hinter der Zeitung mit vollem Mund. »Peter Verheiden ist tot. Die Leute sterben heutzutage aber auch.«

»Was meinst du für ein Konzert?«

»Oh. In De Harmonie. Ella spielt. Und Teun und …«

»Und deine Frau?« Sie schaukelte mit den Beinen an der Täfelung entlang. So locker wie möglich. Das Letzte, was sie jetzt wollte, war eine Diskussion. Keine komplizierten Gespräche, deshalb war sie nicht nach Hause gekommen. Cambridge war kein Ort, den man mitten im Semester verließ, aber sie hatte es getan. Vorsichtig hakte sie nach: »Mittwoch ist doch Besuchstag? Mama weiß, dass ich wieder da bin. Ich habe angekündigt, dass wir zusammen kommen. Was soll ich ihr sagen? Dass du lieber mit Ella zum Konzert gehst?«

»Ich gehe nicht mit Ella, Ella spielt, das ist etwas anderes.«

»Eigenartig.«

»Was?« Er blickte mit einer hochgezogenen Augenbraue über seine Zeitung hinweg.

»Nichts. Nur so. Ich dachte, du liest keine Traueranzeigen mehr.«

Er legte die Zeitung auf den Beistelltisch und stand mit der Schale Cracker auf. »Stimmt ja. Wenn die Leute tot sind, schicken sie einfach eine Karte. Und wenn sie meine Adresse nicht haben, tja, tot sein können sie auch prima ohne mich.« Er ging in die Küche. Sie lag etwas höher, ein halbes Stockwerk. Das ganze Haus war ein einziges Labyrinth an Etagen.

In der Türöffnung drehte er sich nach ihr um. »Hör zu. Deine Mutter braucht ihre Ruhe. Sie ist dort in den Händen von Spezialisten. Die wissen viel besser … es gibt da einen großen Garten.« Mit jedem Wort sprach er leiser. »Und sie geht jeden Tag spazieren.«

Amber wollte noch sagen: Sie geht ja nicht einmal gerne spazieren, das machst du, aber er verschwand in der Türöffnung. Langsam. Ihr Vater ging immer langsam. Langsamkeit war seine Rebellion gegen eine sich überstürzende Welt, eine Welt, die er als Naturphilosoph sehr mochte und in die er sich nur wenig eingebracht hatte.

Eine Unruhe in ihren Beinen. Sie stemmte sich von der Fensterbank hoch und lief zum Kamin. Da stand das Hochzeitsfoto. Sie wischte den Staub ab. Sie streichelte Mutters dicken Bauch unter ihrem Hochzeitskleid, das Amulett um ihren Hals. Ihre Eltern hatten hier im Garten geheiratet, an einem bullenheißen Sonntag im August, und alle Gäste flüchteten unter den Rasensprenger, hatte man ihr erzählt. Zelte hatten zwischen den Eichen in dem damals noch ihrer Großmutter gehörenden Gemüsegarten gestanden, Veilchen in den Blumenkästen geblüht. Ihre Mutter war im fünften Monat schwanger gewesen, ein Missgeschick, und in ihrem unschlüssigen Schwarz-Weiß-Lächeln schien sich das Unglück bereits anzukündigen. Nur die Großmutter hatte das wahre Elend vorhergesehen. Ihr Sohn mit einem so labilen Mädchen. Nach Ambers Geburt fing es mit den Depressionen an. Zuerst schien es nur eine Frage der Gewöhnung zu sein: ein Kind. Dann wollte sie nicht mehr rausgehen, mochte keine Leute mehr sehen. Ihre Mutter bekam Angst vor dem Gartenhaus, vor dem Dachboden. Bis ihre Mutter Angst war. Angst, die wartete, bis die Angst vorbei war, unter einer Bettdecke mit Vogelmuster.

In der Küche hörte sie einen Wasserhahn laufen und Geschirr in die Spüle gleiten. War der Mann am Abwaschen? Jetzt?

Sie wollte zu ihm gehen. Fragen, warum er nichts sagte. So komisch tat. Nicht zu ihrer Mutter wollte. Lass es. Du hast ihn einfach so überfallen. Sie verstand ihn. Natürlich verstand sie ihn. Sie musste ihn auch in Zukunft verstehen. Wenn sie ihn nicht mehr verstünde, wer denn dann? Wenn jemand, mit dem man derart verbunden ist, immer nur wiederholt, dass er sterben möchte, dann gibt es jahrelang Hilfe. Die besteht aus Zuhören, Trost, Ermutigung, aus dem Mitnehmen nach draußen, um die Enten zu füttern. Und eines Tages ist kaum noch etwas übrig davon. Dann ist es vorbei.

Und außerdem: Sie hatte leicht reden, da auf der anderen Seite der Nordsee, wo sie sich in ihre Bücher verkroch. Dieser Mann hatte noch nicht einmal einkaufen gehen können aus lauter Angst, seine Frau allein zu lassen. Außer, wenn Ella ihm hin und wieder half.

Vorsichtig schob sie den Bilderrahmen nach vorne.

Warum gingen sie nicht zusammen zum Konzert? Wenn nötig, einfach nach der Besuchszeit, was ist ein Tag, sie war jetzt zu Hause, sie blieb zu Hause. Die Ballsäle hier waren ideal, um wieder zu singen, ihre Stimme kam dort gut zur Geltung, und wer weiß, wenn mit der Zeit auch ihre Kopfstimme zurückkäme, könnte sie doch noch ein Lied zu seinem Geburtstag singen, ja, dann würde ihr Vater einsehen, dass sie aufs Konservatorium gehörte statt auf diese prätentiöse Universität. Sie sah ihn schon strahlen, natürlich musst du aufs Konservatorium, würde er sagen. Lass den Staub auf den Büchern mal ruhig meine Sache sein. Sie würden lachen.

»Das nenne ich doch mal einen Stoßseufzer!« Ihr Vater kam mit einem Teller in der Hand, einem Butterbrot, Streichkäse und einem sauberen Messer. Da schau her, es war ihm doch nicht alles egal.

»Du hast recht, Paps, ein Konzert, Mama würde es sicher auch gefallen, wenn du hingehst. Wir können alle beide hin. Lass uns was Schönes machen. Zusammen. Ich gehe doch sowieso nicht wieder zurück.« Sie ließ ihre Schultern sinken.

Er sagte nichts. Hatte es ihn berührt? Seine grauen Pupillen waren wässrig. Es wäre schön, wenn er etwas sagen würde, egal was.

»Ich meine, es ist nicht deine Schuld, du hast alles für sie getan. Es ist in Ordnung. Genießen ist in Ordnung.«

Er sagte nichts. Sie betrachtete seine Wanderschuhe, die zerkratzten Spitzen.

Leiser fuhr sie fort: »Ich werde doch für eine Weile hier wohnen, und ich helfe dir bei deinem Geburtstag am Samstag. Verstehst du? Solche Sachen.«

»Geburtstag?«

»Du wirst fünfundfünfzig.«

»Tu mir einen Gefallen. Seit wann hat mein Geburtstag irgendeine Bedeutung? Bleib nicht bei deinem Vater hocken. Mach dein Studium. Tu, was gut für dich ist …« Erst jetzt sah er sie an. Er packte sie mit seinen kräftigen Armen. Klopfte ihr ein bisschen auf die Schulter. »Mädchen.«

Ihre Nase verschwand in der Lammwolle seines Pullovers, sie roch einen Hauch von Zigarren und ließ sich in seine Arme sinken. So blieben sie einen Moment stehen. Dann legte sie ihre Wange auf seine Schulter, er wiegte sie und summte ohne Melodie. Einen Moment schien alles, wie es früher war. Aber das Gewicht ihrer Körper fand nicht in die richtige Haltung, ihr Hals geriet in eine unglückliche Krümmung, und die Pulloverwolle kitzelte. An der Anspannung seiner Armmuskeln konnte sie spüren, dass er loslassen wollte, dass dies eine Umarmung war, die wie eine Sanduhr auslief.

Als der Briefschlitz im Vorderhaus klapperte, machte er sich los, wischte sich die Hände an der Hose ab. »Sieh mal an, die Post.«

Er verschwand im dunklen Korridor. Sie sah ihm nach. Ihre Finger waren vor Kälte erstarrt, sie rieb mit ihren Ärmeln über die Nase. Warum waren Bücher und Briefe wichtiger als Menschen? Durch die Bleiverglasung sah sie, wie er sich bückte. Wie er einen Brief aufriss. Ein paar Blätter ordnete. Sein Rücken hatte das immer in ihr wachgerufen: das Bedürfnis, ihm etwas Tröstliches zu sagen.