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Inhalt

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Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

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Zacharias Katz

1

Bastogne, Militärlazarett, 15.1.1945

Sind Sie bereit, Brady? Funktioniert Ihr Apparat? Entschuldigen Sie, wenn ich das sage: Der sieht wirklich abenteuerlich aus.

He, Sie schreiben ja schon!

Dann will ich mal anfangen. Also, mein Name ist Zachary Katz. Oder Zach Katz, für meine Freunde und Leser.

Eigentlich sollte ich besser sagen: Ich bin Zach Katz.

Das Wörtchen bin unterstrichen.

Warum der Unterschied? Nun, Zach Katz steht zwar hier an meinem Krankenbett, und in den letzten dreißig Jahren hat mich niemand anders genannt; doch Zach Katz ist im Grunde kein Name. Eher eine Marke. Und zwar eine gute. Eine Marke, der man vertraut.

Brady, ich weiß, man soll sich nicht loben. Aber schauen Sie mich an: Vielleicht darf ein Mann in meinem Zustand eine Ausnahme machen?

Gut.

Dann zitiere ich jetzt aus dem Kopf: »Von einer Reportage, die mit Zach Katz gezeichnet ist, kann man erwarten, dass sie die Fakten so exakt wie möglich meldet und die Vorgänge anschaulich schildert, ohne dabei in Gefühlen und Stimmungen steckenzubleiben wie ein Sherman-Panzer im Schlamm.«

Nicht schlecht, oder? Das hat mein Herausgeber geschrieben, als ich den Preis für meine Berichte über London und Guadalcanal bekam. Und weiter, nur einen Satz noch: »Die Reportagen von Zach Katz verschleiern nicht Unkenntnis mit Phrasen, sie bauschen nicht Lappalien zu welthistorischen Ereignissen auf, und sie verwechseln nicht Analyse mit Parteilichkeit.«

Ach ja, und wenn ich das noch sagen darf, das ist mir nämlich wichtig: Dreißig Jahre lang hat Zach Katz mit keiner Zeile behauptet, der Krieg sei eine hehre Aufgabe für edle junge Männer. Oder es sei ruhmreich und süß, fürs Vaterland zu sterben. Kein Gedanke! Krieg ist schrecklich, Krieg ist die Hölle. Und niemand, der meine Artikel liest, wird jemals etwas anderes von mir hören.

Aber Krieg existiert. Nicht wahr, Corporal Brady? Ich weiß es, und Sie wissen es auch. Offenbar sind wir noch nicht so weit, dass wir ohne Waffen auskommen könnten. Vielleicht irgendwann demnächst, wenn man die Toten gezählt hat. Oder wir werden einmal so von Waffen starren, dass niemand mehr einen Krieg anfängt, weil er weiß, er wird ihn nicht überleben. Mag sein. Doch bis zu diesem schönen Tage wird es Kriege geben; und also muss es auch Leute geben, die darüber berichten, ehrlich und offen, damit jeder entscheiden kann, wo er steht: bei den Falken oder bei den Tauben. Bei denen, die sagen: Auge um Auge, oder bei denen, die noch die andere Wange hinhalten. Und ehrlich zu berichten, das ist mein Job. Dafür bürgt seit dreißig Jahren der Name Zach Katz.

Das bin also ich. Und jetzt müssten Sie sich vorstellen, Brady!

Keine Sorge, ich mache das für Sie.

Corporal Brady ist momentan meine rechte Hand. Und meine linke leider auch. Und zwar im wörtlichsten Sinne. Das heißt, solange ich noch bis an die Fingerspitzen bandagiert bin, diktiere ich ihm, und er tippt, was ich sage. Man müsste ihn dabei übrigens sehen. Seine Schreibmaschine hat er auf eine Art Tablett geschraubt, das mit Gurten an seine Oberschenkel geschnallt ist. Gleich hinter der Maschine sitzt eine Vorrichtung mit einer Rolle. Von da läuft das Papier unter die Walze und rollt sich dahinter wieder auf. Sehr praktisch, kein Problem mehr mit fliegenden Blättern. Ich habe ihn gefragt, ob der Apparat zu seiner Standardausrüstung gehört. Brady ist nämlich bei den Fallschirmspringern.

Er hat mich dann aufgeklärt: Es ist eine Eigenkonstruktion. Den Trick mit der Papierrolle hat er sich bei den Funkern abgeschaut. Wenn er wieder zu Hause ist, wird er in etwas einsteigen, das er die Behinderten-Branche nennt. Lauter Sachen für Leute, die Beine oder Arme verloren haben oder im Rollstuhl sitzen. Das wird ein Riesengeschäft, sagt er.

Und Corporal Brady weiß, wovon er redet. Bei der Landung in der Normandie hat es ihn zuerst ziemlich verweht, dann ist er auf einem Kirchturm gelandet und hat ein paar Stunden an seinem Schirm gehangen. Die Deutschen haben auf ihn geschossen, deshalb musste man ihm die Füße amputieren. Jetzt läuft er auf Prothesen, und das macht er schon richtig gut.

Zurück zu mir. Besser gesagt, zu Zach Katz.

Nun, der bin ich seit dreißig Jahren, doch der war ich nicht immer. Man müsste eher sagen: im Gegenteil! Geboren wurde ich nämlich als Zachary Smith. Mit vollem Namen: Zacharias Katzwinkel Smith. So zu lesen in der Geburtsurkunde, und immer noch im Pass, leider. Zach Katz, das steht für alles, was ich selbst aus mir gemacht habe, beinahe ohne fremde Hilfe. Dagegen ist Zachary K. Smith die Inschrift auf dem Klotz am Bein, mit dem ich geboren wurde.

Ja, Brady, das haben Sie richtig verstanden. Ich will tatsächlich ganz von vorne beginnen. Das macht man eben so, wenn man es richtig machen will.

Meine Eltern stammen aus Deutschland, aus einem kleinen Dorf im Rheinland, gar nicht so weit von diesem Trümmerhaufen hier, ich denke mal, hundert Kilometer, hundertfünfzig vielleicht, ziemlich genau Richtung Osten. Ich kenne davon nur zwei Fotos. Eines mit ein paar kleinen Häusern, denen man ansieht, dass arme Leute darin leben. Das andere mit einer Kirche, die eher aussieht wie ein Stall. Und natürlich kenne ich den Namen des Ortes. Den trage ich ja seit meiner Geburt mit mir herum: Katzwinkel. Was glauben Sie, was ich alles versucht habe, um ihn zu verheimlichen? Meistens ohne Erfolg. In der Schule hieß ich ein paar Jahre lang der Katzenblitz; und es gab weiß Gott schlimmere Versionen.

Mein Nachname ist weniger heikel, dafür stinklangweilig. Smith. Den hatte man uns auf dem Verwaltungswege verpasst. Eigentlich heißen wir Smeets. Moment, Brady, ich buchstabiere: SMEETS. So hießen jedenfalls meine beiden Großväter, sie waren Vettern, dritten oder vierten Grades, und sie sind zusammen ausgewandert, 1879. Ich vermute, als sie im Castle Clinton vor den Einwanderungsbeamten standen, da waren sie vor allem froh, noch am Leben zu sein. Und in Amerika! Was bedeutete da schon ein Name? Also kein Einspruch, als der zuständige Beamte sie beide mit einem Federstrich zu Smith erklärte. Das war im Grunde auch völlig korrekt, Smeets bedeutet nämlich Schmied.

Allerdings waren die beiden keine Schmiede, sondern Bauernsöhne, für deren Familien es in Katzwinkel nicht mehr gereicht hatte. Mein Vater war damals dreizehn, meine Mutter zwölf. Auf der Überfahrt hatten die beiden beschlossen zu heiraten, während eines schrecklichen Sturmes, als alle dachten: Das wird nichts mehr, das geht nicht gut aus. Ich kann nicht sagen, ob das stimmt. Es wird eben so erzählt, Familiengeschichten. Und Leute wie wir haben davon nicht so viele, also muss man sie wohl pflegen. Immerhin haben sie es getan, also meine Eltern, sie haben geheiratet. Und so wurde meine Mutter gewissermaßen zum zweiten Mal eine Smith. Wenn man ein bisschen Sinn fürs Symbolische hat, kann man daraus schließen, wie es um die Chancen unserer Familie stand. Ich überlasse das Ihrer Fantasie, Brady.

Bleibt noch Zacharias oder Zachary, mein Rufname. Ich heiße so nach einem Großonkel oder Urgroßonkel, dem Held unserer Familie. Er war Ende der 1850er Jahre in die Staaten ausgewandert und 1863 in Gettysburg gefallen. Ob für den Süden oder für den Norden, das weiß ich nicht; ich vermute mal, in Katzwinkel war der Unterschied gar nicht bekannt. Jedenfalls kam von ihm nur eine Tapferkeitsmedaille zurück, die mein Großvater dann wieder in die Staaten brachte.

Gegen Zacharias war nun eigentlich nichts einzuwenden. Auch wenn der Name ein bisschen sehr nach Altem Testament klang. Doch dann erklärte uns Miss Meyer an einem Bibelnachmittag die Bedeutungen unserer Vornamen. Zacharias bedeute Erinnerung, sagte sie. Genauer wusste sie es nicht. Vielleicht, dass Gott sich erinnere, die Menschen gemacht zu haben? Oder, dass die Menschen sich an ihn erinnerten? Jedenfalls sei ein Zacharias dazu verpflichtet, sich und alle daran zu erinnern, dass wir in der Hand Gottes sind und dass unser Schicksal vorherbestimmt ist.

Und davon wollte ich nun wirklich nichts wissen. Ich war erst zwölf oder dreizehn, aber meine größte Angst war schon damals, mein Leben könnte tatsächlich vorbestimmt sein und ich, egal, was ich versuchte, nicht in der Lage, irgendetwas zu ändern. Sondern auf ewig dazu verdammt, nur zu tun, was mir vorgeschrieben war. Das kam mir grauenhaft vor.

Dabei war der amerikanische Teil unserer Familiengeschichte eigentlich ein Beweis dafür, dass man sein Leben selbst in der Hand hat. Die Smith hatten nämlich Karriere gemacht. Allerdings nicht auf Anhieb. Meine beiden Großväter waren damals nach Pennsylvania gegangen, in die Gegend um Harrisburg. Die meisten Leute sprachen dort ein Deutsch, das ihrem ganz ähnlich war. Sie wurden Bauern, so wie ihre Vorväter, und das hieß natürlich: Sie wurden arme Bauern. Allerdings war die pennsylvanische Armut der deutschen klar überlegen. In Katzwinkel hatte es vielleicht zu den Feiertagen Fleisch gegeben, in Amerika mindestens einmal in der Woche.

Außerdem war die Obrigkeit ziemlich weit weg, viele Meilen; da konnte sich auch ein armer Bauer die meiste Zeit wie sein eigener Herr fühlen. Alles in allem war das Leben jedenfalls so, dass meine Großväter Amerika für die richtige Wahl halten mussten. Sie wurden gute Patrioten. Ich erinnere mich: Als der Krieg gegen Spanien ausbrach, wollten sie sich sofort zur Armee melden, dabei waren sie über sechzig.

Mein Vater trat dann, wie man so sagt, in ihre Fußstapfen. Er übernahm allmählich den kleinen Hof, wurde ebenfalls ein armer Bauer auf freiem Land und zeugte einen Sohn. Mich. Bei der Geburt gab es allerdings Schwierigkeiten, deshalb habe ich keine Geschwister und war schon als kleiner Junge zum Bauern und Hoferben bestimmt.

Und dann nahm unsere Familiengeschichte ihre amerikanische Wendung. Oder vielleicht schlug bei meinem Vater das Erbe seiner Vorfahren durch. Wie auch immer, er gründete neben der Landwirtschaft eine kleine Reparaturschmiede für Erntemaschinen. Damals tauchten auf den großen Höfen gerade solche Maschinen auf; und entweder erledigten sie die Arbeit von vielen Menschen im Handumdrehen oder sie trieben ihre Besitzer zur Verzweiflung, weil sie nicht funktionierten. Folglich gab es ordentlich zu tun. Wenn es für die Feldarbeit zu dunkel oder zu windig oder zu kalt war, schraubte mein Vater an Mähern, Dreschern und Häckslern. Ein schöner Nebenerwerb.

Allerdings wäre er vermutlich nicht mehr geblieben als ein kleines Zubrot, hätten wir nicht so spezielle Nachbarn gehabt. In unserer Gegend gibt es nämlich Amische Leut. Schon mal davon gehört, Brady? Diese Menschen leben in einer anderen Welt. Sie sind gottesfürchtig, sittenstreng, fleißig und geschäftstüchtig. So weit, so gut. Wenn man will, kann man aber auch sagen, sie sind nicht ganz richtig im Kopf. Zum Beispiel glauben sie, dass alle Technik vom Teufel kommt. Sie erlauben nicht einmal Knöpfe, geschweige denn Maschinen.

Bislang war das für sie kein großes Problem gewesen, sie mussten bloß auf dies und das verzichten. Doch jetzt kamen die Maschinen. Die vermehrten sich wie die Ratten, und für die Amischen waren sie genau so böse. Allerdings brachten sie Profit! Und den Profit halten die Amischen nicht für böse. Im Gegenteil, am Profit erkennen sie den Fleiß und am Fleiß die Gottesfurcht. Frage also: Wie macht man Profit, ohne Maschinen zu besitzen? Antwort: Ganz einfach, man engagiert Leute, die solche Maschinen besitzen und das Teufelszeug bedienen.

Das war der Moment meines Vaters. Er gründete ein Unternehmen für landwirtschaftliche Maschinenarbeit. Es bekam sogar einen Namen: Smith’s Agricultural Engines Maintenance. Er kaufte gebrauchte und defekte Maschinen und flickte sie wieder zusammen. Das war der einfache Teil. Dann heuerte er Personal an, das mit den Amischen gut zurechtkam. Das war schon schwieriger. Denn natürlich durften die Arbeiter keine Amischen sein, andererseits mussten sie ernst und gottesfürchtig daherkommen und eine Haltung zeigen, die den Amischen Respekt abforderte. Vor allem durften sie den Frauen und Mädchen nicht zu nahe kommen. Schon ein Blick konnte zu viel sein.

Mein Vater schulte seine Leute persönlich. Er brachte ihnen Gebete und fromme Redewendungen bei. Er trieb ihnen das Fluchen und Spucken aus. Es wird erzählt, er hätte sogar Dirnen aus Harrisburg geholt, um seine Leute immun gegen weibliche Reize zu machen. Ich halte das für eine Legende.

Das Unternehmen wurde ein großer Erfolg. Mein Vater konnte expandieren, zuerst langsam, dann zügig. Er kaufte jetzt Neuware, und weil seine Maschinen viel herumkamen und gute Werbung machten, hatten wir ständig Besuch von Vertretern der großen Hersteller, Case, Deere, New Holland. Meinem Vater boten sie Sonderkonditionen an, mir schenkten sie Schokolade. Es wurden Remisen für die Maschinen gebaut und eine Reparaturwerkstatt, in der das blanke Metall blitzte, wenn die großen Tore offen standen und die Sonne hereinschien.

Unsere Arbeiter wohnten während der Saison in kleinen Holzhäusern, direkt bei unserem Hof, manche mit ihren Familien. Bei der Arbeit trugen sie alle die gleichen Overalls, auf dem Rücken die vier Buchstaben der Firma: SAEM. Mein Vater wurde ein wohlhabender Mann, wahrscheinlich als Erster in der Geschichte der Smeets. Er war sparsam und machte großzügige Spenden. Er wurde in öffentliche Ämter gewählt. Und er war ein Agent des Fortschritts, ein echtes Vorbild für alle Einwanderer, ein Amerikaner aus dem Bilderbuch.

Allerdings hatte er auch eine andere Seite. Der Umgang mit den Amischen hatte ihn grüblerisch gemacht. Er wurde immer verschlossener. Übertags war er der Mann der Maschinen, abends saß er am Kamin und las in Büchern mit altmodischer Schrift. Manchmal denke ich, dass wir bloß deshalb nicht Amische wurden, weil er dann sein Geschäft und seine Kunden verloren hätte.

Also, Brady, jetzt können Sie sich ein Bild machen. Der Name Zacharias Katzwinkel Smith stand entweder für Armut oder für Landmaschinen. So sah ich es jedenfalls. Und mir erschien beides furchtbar. Die Armut, weil davor jedem graut, und die Landmaschinen, weil ich keinen Sinn fürs Technische hatte. Außerdem wollte ich meinen Lebensunterhalt nicht verdienen, indem ich humorlosen Sektierern dabei half, ihren Gott zu beschummeln.

Doch was sollte ich stattdessen tun? Die Antwort konnte nicht schwierig sein: etwas anderes, natürlich! Aber was genau? Die Frage hat mich beherrscht, solange ich mich erinnere. Meine Mitschüler lebten noch in ihren Kinderträumen, da war ich schon als mein eigener Talentsucher unterwegs. Ich las sehr viel, nicht zur Unterhaltung, sondern um mich über das Berufsleben zu informieren. Ich wusste, ich brauchte einen starken Plan, um mich aus meiner Familiengeschichte zu stehlen. Wohin, das war nicht so wichtig. Hauptsache, weg vom Maschinenpark der Firma Smith.

Brady, ich weiß, heutzutage wollen viele junge Männer nicht so werden wie ihre Väter. Das ist jetzt normal; vor vierzig Jahren war es fast noch Ketzerei. Außerdem war mein Vater so ein leuchtendes Vorbild. Ich musste also meine Absichten möglichst geheim halten. Doch um es gleich zu sagen: Es wurde nichts mit meinem großen Plan. So bitter das klingt, ich musste einsehen, dass ich ein Junge ohne Berufung war.

Es zog mich zu nichts. Im Gegenteil. Kaufmann schied aus, mir graute vor der Rechnerei, die mein Vater erledigen musste. Jura erschien mir öde. Medizin kam nicht in Frage, mir war schon die Nähe zu anderen Menschen unangenehm. Lehrer? Nein, mit Kindern wusste ich nichts anzufangen. Pilot vielleicht? Nein, selbst wenn die Wrights ihre fliegenden Kisten nicht am Strand von North Carolina, sondern bei uns in Pennsylvania getestet hätten, ich wäre sicher nicht hineingeklettert.

Selbst beim Sport, wo man Talentlosigkeit mit viel Getue tarnen kann, machte ich nichts her. An meiner Statur lag das nicht. Ich bin eher groß gewachsen und ziemlich drahtig. Kondition hatte ich auch, und das bis heute; sonst hätte ich schon vor zwanzig Jahren an den Schreibtisch gemusst. Aber ich war ein Stockfisch, so ein ungelenker Mensch, wissen Sie. Außerdem ging ich jeder Art von Körperkontakt aus dem Weg, von Raufereien ganz zu schweigen. Ich war kein Pazifist, ich hatte bloß eine Höllenangst, etwas einstecken zu müssen. Das Einzige, was ich gerne tat, war schwimmen. Es gab einen Fluss in der Nähe unserer Farm, da bin ich oft alleine hingegangen. Leider war Schwimmen kein Schulfach.

Allerdings war ich, was man einen hübschen Jungen nennt. Schauen Sie nicht so, Corporal Brady! Deutsche Granaten sind Gift für die Schönheit. Damals hatte ich eine Haut wie ein Mädchen. Und eine ganze Menge Haare. Meine Mutter meinte sogar, sie wären brünett. Wenn ich meinen Sonntagsanzug mit Krawatte trug, hatte sie so ein Lächeln im Gesicht. Allerdings nur solange ich nicht versuchte, irgendwie smart oder lässig zu sein. Alles in allem: Ich war ein netter, steifer, verhuschter Junge. Am Ende meiner Schulzeit erwartete niemand etwas anderes von mir, als dass ich mich ins gemachte Nest setzen und Landmaschinen verleihen würde.

Doch dann hatte ich einmal Glück. In der letzten Klasse gewann ich einen Preis bei einem Aufsatzwettbewerb. Das Thema hatte gelautet: »Warum sind die Vereinigten Staaten der beste Ort zum Leben auf der ganzen Welt?« Habe ich erwähnt, dass ich auch kein begnadeter Aufsatzschreiber war? Normalerweise war schon der erste Satz eine Qual. Aber in diesen Aufsatz packte ich den Rest meiner Hoffnung, ich könnte es zu etwas anderem bringen als zum guten Gewissen unserer amischen Nachbarn. Ich erinnere mich an jeden Satz. Es war ein Glaubensbekenntnis, das verzweifelte Glaubensbekenntnis eines Unbegabten, der hofft, in Gottes eigenem Land genau die Chance zu bekommen, die nirgendwo sonst auf ihn wartet.

Der Aufsatzpreis machte mich nun nicht gerade zum Star. Zu Hause war kaum die Rede davon. Allerdings bekamen wir eine Einladung vom Direktor meiner High School. Also fuhren wir mit der kleinen Kutsche zur Schule, wo sich allerdings herausstellte, dass der Direktor meinen Vater alleine sprechen wollte. Ich verbrachte eine unruhige halbe Stunde auf dem Gang vor seinem Büro. Endlich trat mein Vater heraus. Sein Kopf war so rot wie früher, als er noch selbst unter den Landmaschinen gelegen hatte. Er nahm mich beim Arm und führte mich hinaus auf die Straße, wortlos. Wer meinen Vater kannte, grüßte ihn. Wir gingen in einen Drugstore setzten uns an den Tresen.

»Mein lieber Junge.« So fing er an.

Moment! Ich muss vorher unbedingt erwähnen, dass wir in der Familie dieses Pennsylvania Deutsch sprechen. Und damals war es trotz meiner amerikanischen Schulzeit noch immer die Sprache, in der ich dachte und träumte.

»Du weißt«, sagte mein Vater weiter, »was ich dir geben kann.«

Ich sehe ihn noch vor mir. Er machte eine große Handbewegung, so als stünden alle seine Maschinen und Arbeiter in dem kleinen Laden. »Aber dein Direktor«, so fuhr er fort, »der hat gemeint, es ist nicht das, was dich glücklich macht.« Er rieb sich die Stirn. Das Wort glücklich benutzte er nicht oft, trotz all seiner Erfolge. Er tat sich damit schwer.

»Junge«, sagte er, »als wir noch die Smeets waren, da haben wir verdammt noch mal gewusst, wie es ist, wenn man kein Glück hat. Und wir sind nicht in dieses Land gekommen, damit unsere Kinder wieder keins haben. Daher habe ich etwas beschlossen, damit du glücklich wirst.«

Brady, glauben Sie mir, ich spüre heute noch, wie es mich damals beinahe zerriss. Plötzlich war da die Hoffnung, ich könnte den Landmaschinen womöglich im letzten Moment entkommen. Und zugleich packte mich die Furcht. Vielleicht hörte ich in den nächsten Sekunden aus dem Mund meines Vaters einen Plan für mein Leben, der mich noch viel unglücklicher machen würde als die Häcksler und Drescher und Mäher.

Mein Vater stand auf, das heißt, er rutschte von seinem Hocker. Ich tat es ihm nach. Er war damals um die vierzig, ein durch und durch erwachsener Mann; ruhig, besonnen, entschieden. Man widersprach ihm nicht, wenn man keine guten Argumente hatte. Ich hatte nie welche gehabt, und ich wusste, ich würde auch jetzt keine haben. Er legte mir seine Hände auf die Schultern. Wahrscheinlich sah das ein bisschen lächerlich aus, ich war fast einen Kopf größer als er. Und dann sagte er: »Dein Direktor meint, du kannst schreiben. Also wirst du Journalist.«

Ich war vollkommen perplex. Journalisten haben nirgendwo den allerbesten Ruf, und unser schönes Pennsylvania machte da keine Ausnahme. Journalisten galten auch bei uns als Leute, die ihren Beruf verfehlt haben. Ich weiß, wovon ich rede. Die Amischen taten sich sogar schwer damit, außer der Bibel überhaupt etwas Geschriebenes zu akzeptieren. Allerdings war mein Vater von Berufs wegen auf die Zeitungen angewiesen; er hatte gute Kontakte und legte nicht alles Gedruckte auf die Goldwaage.

»Ich habe mit Walthers von den Patriot-News gesprochen«, sagte er. »Da fängst du an, quasi als Lehrling. Später kannst du an die Ostküste gehen, von mir aus auch in den Westen. Ich gebe dir Zeit, bis du dreiundzwanzig wirst. Oder sagen wir: fünfundzwanzig. Dann bist du entweder glücklich und ein Meister in deinem Fach, oder du kommst zurück und übernimmst die Firma.« Er sah mich an. Ich glaube, er las meine Gedanken. Dann sagte er: »Ansonsten verkaufe ich alles und spende den Erlös der Kirche. Verstanden?«

Und ob ich verstanden hatte. Journalist! Zugegeben, so hatte ich mir meine große Chance nicht unbedingt vorgestellt. Besser gesagt: An Journalist hatte ich nie gedacht. Doch mir war vollkommen klar, dass es keine zweite Wahl geben würde. Also wurde ich kurz darauf Volontär bei den Harrisburger Patriot-News. Und dort lernte ich, wie man so sagt, den Beruf von der Pike auf.

Aber ich lernte ihn nicht lieben. Unter den vielen Talenten, die mir fehlten, war auch das fürs Schreiben. Ich habe wirklich hart und ausdauernd an meinen Texten gearbeitet, egal, um was es ging; doch am Ende waren sie alle irgendwie saft- und kraftlos. Was ich auch versuchte, es lief auf nichts als die schiere Mitteilung hinaus. Keine Dramatik, keine Spannung, keine Farbe. Aus purer Not schrieb ich Redewendungen ab, die ich für gelungen hielt. Doch in meinen eigenen Artikeln klangen sie entweder schal oder gestelzt. Lauter billige Phrasen. Am Ende strich ich sie wieder weg, und es blieb bei meinen langweiligen Aufzählungen. Ich konnte einfach nur schreiben, was Sache war.

Allerdings machte ich keine Fehler! Um mich nicht noch weiter in die Schusslinie zu bringen, wurde ich ein Meister der Sorgfalt. Meine Artikel waren staubtrocken, dafür stimmte jedes Detail, jede Zahl, jeder Name. Ich überprüfte alles doppelt und dreifach. Das fiel allmählich auf. Mit der Zeit wurde ich ein sogenannter brauchbarer Mitarbeiter, was natürlich nur hieß: Man gab mir alle langweiligen und aufwändigen Routinearbeiten.

Ich weiß, die meisten Leute halten den Beruf des Journalisten für aufregend, nicht nur im Krieg, oder wenigstens für abwechslungsreich. Doch mir ging es in der Redaktion der Zeitung so, wie es anderen Jungs meines Schlages in Fabriken und Büros erging. Ich für mein Teil versuchte angestrengt, aber lustlos, Talent durch Fleiß zu ersetzen. Und die anderen nutzten mich aus, weil sie wussten, ich konnte mich nicht wehren.

Nach zwei Jahren bekam ich von Mr. Walthers ein schmeichelhaftes Zeugnis, mit dem ich mich anderswo bewerben konnte. Ich verließ Harrisburg, ging nach Philadelphia und zu einer etwas größeren Zeitung. Dort wurde ich mit ähnlichen Routinearbeiten betraut, und ich erledigte sie wie gehabt, nämlich mit Akribie und Lustlosigkeit. Im Grunde hielt mich nur die Angst bei der Sache. Im Falle des Versagens müsste ich ja zurück zu den Landmaschinen.

Angst ist nichts Gutes. Immerhin machte sie mir Beine, daher blieb ich wachsam und vorsichtig. Ohne dass es jemand erwähnte, wurde ich befördert, und zwar vom brauchbaren zum sehr brauchbaren Mitarbeiter. Ich übernahm praktisch alle Aufgaben, um die sich meine Kollegen gerne drückten. An den Wochenenden, wenn keiner Dienst machen wollte, schrieb ich ganze Seiten voll, anfangs unter mehreren Pseudonymen, später ohne Namenskürzel. Es wäre auch albern gewesen, hätte ich versucht zu vertuschen, dass all diese blassen und braven Artikel aus derselben Feder stammten.

Ja, und das alles hätte genau so weitergehen können, auf ewig und drei Tage. Doch ein paar Jahre später, ich war einundzwanzig, wurde ich tatsächlich abgeworben. Und zwar nach New York! Nun denken Sie nicht, mein Ruf als sehr brauchbarer Mitarbeiter wäre bis in die Metropole gedrungen. Kein Gedanke. Die Sache ergab sich einfach. Ich hatte in Philadelphia einen umtriebigen Kollegen, Douglas Carmichael. Der hatte mit Hilfe von Geldgebern aus New York eine Art Nachrichtendienst aufgemacht, und dazu brauchte er unter anderem jemanden wie mich. Ohne genau zu wissen, worauf ich mich einließ, sagte ich zu, und das nur aus dem einen Grund: New York, das musste für meinen Vater nach Karriere klingen. Und wenn es meine langweilige Schreiberei nicht schaffte, dann würde vielleicht New York mich vor den Landmaschinen und den Amischen retten.

Das tat es dann auch, einstweilen. Aber glauben Sie mir, Brady, mein Leben in der Metropole war so glanzlos und eintönig wie das in der Provinz. Das fing bei meiner Arbeit an. Sie bestand nämlich darin, möglichst viele Zeitungen auf Meldungen durchzusehen, die für Börsenleute von Bedeutung waren, hinter deren Geldgeschäften irgendwo am Horizont Rinder, Schweine, Mais und Weizen standen. Diese Meldungen schnitt ich aus, bearbeitete sie und gab sie zum Druck. Das Ganze hieß dann Farming Observer und erschien wöchentlich. Es sollte das Leib- und Magenblatt der Spekulanten werden und funktionieren wie gewisse Magazine, die so tun, als berichteten sie über Sport, dabei aber nur von Leuten gelesen werden, die auf Pferde wetten.

Allerdings musste man schon ein Idiot sein, um nicht zu verstehen, worum es eigentlich ging. Viel interessanter als die gedruckte Zeitung waren nämlich die Informationen, die Carmichael nicht ins Blatt nahm, sondern per Telefon oder persönlich weitergab. Wenn montags der Farming Observer erschien, konnte ich sehen, welche meiner Meldungen unter den Tisch gefallen waren: der Ausbruch einer Schweinepest, eine vertrocknete Ernte, eine Überschwemmung, eben alles, was Leute interessiert, die aufs schnelle Geld aus sind und die es schaffen, mit ein paar Zehntelprozent Preisschwankung ein Vermögen zu machen. Schon nach kurzer Zeit trug Carmichael eine goldene Uhr und eine riesige Perle an der Krawatte. Manchmal erzählte er mir von Partys, auf denen es ziemlich wild zugehen musste.

Mir blieb das natürlich alles verschlossen, die halbseidene Gesellschaft genauso wie das große Geld. Ich arbeitete nur an der anständigen und langweiligen Fassade. Von früh bis spät, oft bis sehr spät, saß ich in der Redaktion; und dort tat ich, was ich am besten konnte: Ich entwickelte Routine. Ich konnte drei Zeitungen gleichzeitig überfliegen. Während ich einen Artikel ausschnitt und aufklebte, las ich schon den nächsten und kürzte ihn im Kopf. Ob ich von Natur aus ein gutes Gedächtnis habe oder ob das die Übung machte, das weiß ich nicht; jedenfalls erkannte ich sofort wieder, was ich schon gelesen hatte. Dabei sparte ich sehr viel Zeit. Abends taten mir dann die Augen weh, und irgendwo an meinem Anzug gab es einen neuen Fleck. Manchmal Kaffee, meistens Leim.

Immerhin konnte ich mir bei meiner Arbeit so etwas wie passive Sprachkenntnisse aneignen. Wir bezogen nämlich neben englischen und deutschen auch französische und spanische Zeitungen, und mit Hilfe von ein paar Wörterbüchern bekam ich allmählich zuverlässig heraus, wenn irgendwo etwas stand, das uns anging. Das war nicht so schwer. Schließlich ging es ja nur um Daten und Fakten.

Einmal sah es kurz so aus, als sollte ich mich wieder verändern. Carmichael war nämlich auf die Idee gekommen, seine wichtigsten Meldungen per Telegramm weiterzugeben. Dazu wollte er eine eigene Funkstation einrichten oder sich stundenweise irgendwo einmieten. Das alles vermutlich aus Gründen der Geheimhaltung, so ganz genau habe ich das nie verstanden. Jedenfalls ließ er mich das Morsealphabet lernen und mit einem Funker trainieren. Es wurde allerdings nichts aus dem Plan, und ich glaube, ich habe das damals bedauert.

Ja, und dann war da noch mein Privatleben, wenn man es so nennen darf. Carmichael hatte mir ein winziges Apartment in der Upper East Side besorgt. Ein Zimmer, das einzige Fenster sah auf eine Brandmauer. An meinen freien Tagen versuchte ich, mich in New York ein bisschen heimisch zu machen. Ich kaufte mir einen Plan und lief Block für Block und Viertel für Viertel ab. Ich besuchte Museen, Theater, Revuen und sogar die ersten Kinos. Ich gab mir wirklich Mühe, ein New Yorker zu werden. Aber wenn ich abends wieder in meinem Zimmer saß, an dem kleinen Tisch neben dem Fenster, wurde mir jedes Mal schlecht vor lauter Unglück. Ich war in New York, am vielleicht großartigsten Ort auf dem ganzen Planeten, und ich hatte einen Job. Zugleich wusste ich, dass ich nichts Besonderes zuwege brachte. Und was das Schlimmste war: Ich ahnte, dass ich nicht imstande wäre, die Mittelmäßigkeit auf ewig zu ertragen.

Damals waren es noch drei Jahre bis zu meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag und dem angekündigten Glücksexamen. Also war eigentlich noch nichts verloren. Meiner Familie hatte ich schon Philadelphia als Karriere verkaufen können. Jetzt schien das Zauberwort New York zu funktionieren. Mein Vater hielt ein Abonnement des Farming Observer, und darin erschienen gelegentlich sogar kleine Kommentare, die mit meinem richtigen Namen gezeichnet waren: Z.K. Smith.

Trotzdem hatte ich Angst, das würde nicht reichen. Mein Vater war der Sohn, Enkel und Urenkel armer Leute; von daher besaß er ein untrügliches Gefühl für oben und unten, stark und schwach, Erfolg und Misserfolg. Niemals würde ich in drei Jahren noch in der Lage sein, meine Schnipselei als die Arbeit einer Koryphäe auszugeben. Was tat ich also? Ich versuchte mich zu beruhigen. Drei Jahre, sagte ich mir, das ist eine lange Zeit, da kann viel passieren.

Doch die Zeit verging, und es passierte nichts. Ich war eine Ameise im großen Ameisenhaufen New York. Ich funktionierte da, wo ich funktionieren sollte, und ich kannte die Wege, die ich zu gehen hatte. An meinen freien Tagen konnte ich Dinge tun, die aussahen, als würden sie mich amüsieren oder irgendwie weiterbringen. Ich lernte sogar ein Mädchen kennen, sie hieß Peggy und arbeitete in einem Warenhaus. Bei unseren ersten Verabredungen schaffte ich es irgendwie, meine Arbeit so intensiv als etwas Großes und Wichtiges zu beschreiben, dass ich mir beinahe selbst geglaubt hätte. Damals hatte ich den Verdacht, Peggy würde sich von der Verbindung mit mir irgendeinen Aufstieg versprechen. Heute denke ich, dass sie mich einfach nur mochte. Wir trennten uns, als mein zweites New Yorker Jahr zu Ende ging. Das heißt, ich machte Schluss. Nicht, weil ich sie nicht mehr sehen wollte. Ich hatte bloß Angst, sie würde im entscheidenden Moment irgendwie stören. Denn mich konnte ja nur noch ein Wunder retten; und auf Wunder wartet man am besten allein.

Als das Wunder dann passierte, habe ich es nicht gleich bemerkt. Mein halbes Leben lang hatte ich nach meinen Talenten gesucht und keine gefunden. Jetzt hatte ich die Suche längst aufgegeben; stattdessen wartete ich wie das Aschenputtel auf seinen Prinz. Doch plötzlich, ich war dreiundzwanzig Jahre alt, tauchte aus den Tiefen meiner Talentlosigkeit eine winzigkleine Begabung auf.

Stellen Sie sich vor, Brady: Ich konnte reimen.

Nein, keine Sorge, ich habe nicht den Dichter in mir entdeckt. Gott bewahre! Ich hatte mir nie viel aus Literatur gemacht und aus Gedichten schon gar nichts. Nach der Schulzeit hatte ich kaum noch ein Buch aufgeschlagen. Außerdem taten mir abends die Augen weh. Gut, ich konnte Routinetexte für die Zeitung verfassen, doch niemals wäre ich imstande gewesen, mir selbst etwas auszudenken. Und erst recht nichts Poetisches, bei meinem langweiligen, trockenen Stil. Außerdem hätte ich eine Heidenangst gehabt, mich damit zu blamieren.

Ich glaube, für erfundene Sachen hatte ich so wenig Talent, dass es fast schon krankhaft war. Im Ernst! Peggy las damals diese Fortsetzungsromane in den Tageszeitungen. Und sie erzählte mir davon, ganz begeistert. Doch wenn sie dann spekulierte, wie es weitergehen könnte, verlor ich sofort den Faden und manchmal leider auch die Geduld. Ich konnte nichts dagegen tun. Diese ausgedachten Figuren, die es nur auf Papier gab, die konnte ich einfach nicht vor mir sehen. Was sie taten oder ließen erschien mir weder plausibel noch unwahrscheinlich. Und vor allem: Es interessierte mich nicht.

Nein, ich bin kein Dichter. Ich fand damals nur heraus, dass ich ein Talent zum Reimen hatte. Es passierte an einem Samstagnachmittag, im September 1912. Ich war in einer Revue gewesen, zusammen mit einer Bekannten. Sie hieß Susan und war wirklich nur eine Bekannte, vielleicht weil sie mich und meinen Beruf ganz richtig eingeschätzt hatte. Es war eins dieser mittelmäßigen Vaudevilles. Da gab es ganz gute Akrobaten und Sänger und dazu gewisse, nun sagen wir mal: Zurschaustellungen. Ziemlich harmlos für heutige Verhältnisse, damals für junge Männer wie mich eine Attraktion. Besonders, wenn man in weiblicher Begleitung hinging und zusah, wie die Frauen auf der Bühne taten, was die Freundin niemals tun würde. Es war so eine Art stellvertretender Freizügigkeit. Bei anderen diente sie vielleicht als Auftakt für den Abend und die Nacht, in meinem Fall tat sie das leider nicht.

Nach der Vorstellung blieben wir im Foyer. Draußen regnete es in Strömen, daher stauten sich die Leute vor dem Ausgang; nicht einmal die mit Schirmen trauten sich auf die Straße. Wir standen dicht an dicht. Susan sang leise eins der Lieder aus dem Programm, das gerade ein Schlager war. Ich mochte es auch, aber mir war daran etwas aufgefallen, das mir wie ein Fehler vorkam.

Eine Strophe lautete so: »Flieg mit mir zu den Sternen. Mach mit mir die große Tour. Zeig mir den Frühling auf der Venus. Und dann fliegen wir retour.« Das war nicht gut. Also sagte ich mitten im Gedränge, dass ich den Reim von Tour auf retour ziemlich schwach fände. Eigentlich sei das überhaupt kein Reim.

Nun wusste ich natürlich, dass sich niemand für die Feinheiten eines Schlagertextes interessiert. Und glauben Sie mir, ich war kein bisschen beleidigt, als Susan einfach weitersang und mich bloß einmal kurz ansah, mit hochgezogenen Augenbrauen.

Neben mir stand ein Mann, etwas älter als ich, viel kleiner und mit einer Glatze. Er putzte seine Brille, so ein Teil mit dickem Hornrand. »Hey, Kumpel, bist ja einer, der sich auskennt«, sagte er, in einem New Yorker Tonfall, der mir allerdings nicht ganz echt klang. Dabei blinzelte er mich an, so wie Leute, die wollen, dass man denkt, ohne Brille sind sie blind.

»Weißt du denn auch, wie’s besser heißen soll?«

Susan hörte auf zu singen. Das Letzte, was ich wollte, war Streit mit einem Unbekannten. Ich sagte also schnell: »Nein nein! Es ist ein tolles Lied.« Und dazu machte ich alle Gesten, die ich gelernt hatte, um eingeborene New Yorker zu besänftigen. »Aber ich denke mal, man kann auch gute Sachen immer noch ein bisschen besser machen.« Wohlgemerkt, das sagte ich, Zacharias Katzwinkel Smith, ein Mensch, der in seinem Leben noch nichts besser gemacht hatte als irgendjemand sonst.

»Dann mal los!«, sagte der Mann. »Lass hören, Mr. Shakespeare!«

»Okay«, sagte ich. »Ich würde es so machen: Flieg mit mir zu den Sternen. Mach mit mir die große Tour. Dann zeig mir, wie der Flieder blüht im Mai auf dem Merkur.« Ich hob beide Hände, um deutlich zu signalisieren, dass ich keinen Streit wollte. »Ich weiß«, sagte ich, »das passt vielleicht nicht genau auf die Musik. Doch das kriegt man hin.«

Der kleine Mann zog die Stirn kraus, was komisch aussah. Dann spitzte er die Lippen und schloss die Augen hinter seiner dicken Brille. Dazu wippte er mit dem Kopf. Schließlich begann er laut zu singen. Er hatte eine weiche und trotzdem kräftige Stimme; irgendwie verbindlich. Oder professionell. Er sang wie einer, der will, dass man ihm zuhört. Prompt taten das die Leute um uns herum. Er sang die Strophe mit meinem Text, den er ein bisschen verändert hatte, damit er zu den Noten passte. Als er fertig war, klatschten die Leute.

Der Mann schlug mir gegen den Arm. »Du hast es drauf, Junge!«, sagte er. Ob er denn den Namen dieses Genies erfahren dürfe?

Weil ich froh war, dass die Sache so glimpflich abgelaufen war, nannte ich ihm meinen ganzen Namen. Er grinste mich an. »Ejn scheener Name«, sagte er, auf Deutsch und mit einem übertrieben jüdischen Tonfall. Er zog einen Block aus der Tasche, ließ mich meinen zweiten Vornamen buchstabieren und notierte meine Adresse. Da setzte draußen der Regen aus, der Himmel war plötzlich sehr hell, und alles stürmte auf die Straße, auch der kleine Mann. Ich sah ihn noch einmal zurückwinken.

Sie kennen ihn übrigens, Brady. Auch wenn Ihnen der Name vielleicht nichts sagt. Das war Jeremy Kessel. Na, klingelt da was? Der Komponist. Er hat »Mississippi Queen« geschrieben, das Musical. Das kennt doch jeder. Wenigstens das Lied des Flussschiffers.

Sehr schön, Brady! Applaus. Können wir weitermachen?

Im Gegensatz zu mir war Kessel ein echter New Yorker. Doch wir hatten etwas gemeinsam. Ich habe das später erfahren. Sein Leben hatte nämlich genau wie meines damit begonnen, dass er vor dem Geschäft seines Vaters geflohen war. Der alte Kessel verkaufte in Brooklyn Holz und Kohlen. Allerdings hatte sein Sohn es auf seiner Flucht erheblich weiter gebracht als ich. Was kein Wunder war, denn erstens hatte er Talent und zweitens einen Plan, einen verdammt großen: Er wollte den Broadway erobern. Im Sommer 1912 war er schon ziemlich nah an seinem Ziel. Bislang hatte er Lieder für Revuen und Operetten geschrieben; jetzt stand er kurz davor, für größere Projekte engagiert zu werden. Nach ein paar Tagen bekam ich einen Brief von ihm. Nur ein paar Zeilen. Ohne jede Vorrede bestellte er mich in ein Lokal auf der 5th Avenue. Übrigens nicht weit von der Stelle, an der er vor ein paar Jahren tot umgefallen ist.

Er saß an einem großen Tisch mit lauter Männern in unserem Alter. Er stellte sie mir vor. Es waren Komponisten und Textdichter, lauter lustige, quicke und irgendwie sorglose Kerle, dabei ehrgeizig bis in die Haarspitzen. Sie waren nicht alle gebürtige New Yorker, aber im Gegensatz zu mir, der ich mich in diesem Moloch bloß irgendwie eingerichtet hatte, spielten sie auf der Stadt wie auf ihren Instrumenten. Sie waren nicht gerade, was mein Vater fleißig genannt hätte. Dafür ging etwas Großartiges von ihnen aus, so ein verwegener, ansteckender Optimismus. Oder sogar Mut. Ich fragte mich, was ausgerechnet ich unter solchen Leuten zu suchen hatte. Und das sollte ich erfahren.

Kessel glaubte nämlich damals, man dürfe nicht mehr allein auf seine eigenen Fähigkeiten setzen. Dafür sei im 20. Jahrhundert die Konkurrenz zu groß. Talent? Pah! Talent habe heute doch jeder Bauernsohn aus Kentucky. Da hätte ich ihm widersprechen können, aber ich hielt meinen Mund.

Jedenfalls wollte Kessel seine Kompositionen ab sofort schon vor ihrer Veröffentlichung testen und wenn möglich verbessern. Wer den Geschmack der Leute treffen wolle, sagte er, dürfe nicht im Dunkeln schießen. Dasselbe galt für die Texte. Einen guten Liedtext, sagte er, könne man nicht einsam am Reißbrett entwerfen. Ob eine Zeile sich einprägt oder verfliegt, hängt davon ab, welcher Geist gerade herrscht, auf der Straße und in den Büros. Daher könne man mehr tun als bloß auf die üblichen Wunder der Inspiration zu warten.

Ich nickte zu alldem bloß, natürlich mit dem schlechtesten Gewissen. Was wusste denn ich von Inspiration und dem Geist der Straße?

Kessel rief einen jungen Mann zu sich; es war der Texter des Ohrwurms, an dem ich herumgedoktert hatte. Der Mann hieß Cal, und er sagte, wenn ihm die Idee gekommen wäre, hätte er sie mit Kusshand genommen. Ich dachte eine Sekunde lang, er wollte mich schlagen, doch er knuffte mich nur und zeigte mit dem Daumen nach oben.

 

Irgendwann in dieser Nacht überreichte mir Kessel wieder einen Scheck. Er hatte noch am Abend die Garantie für fünfzig Vorstellungen bekommen. Susan nahm mir das Papier aus der Hand und wurde ganz still. Ich bekam zwar noch immer bloß einen kleinen Anteil an den Tantiemen; jetzt war es allerdings ein kleiner Teil von sehr viel Geld.

Natürlich hatte ich damit nicht ausgesorgt. Doch der verdammte Scheck muss mich damals davon überzeugt haben, dass das, was ich hier machte, irgendwie Hand und Fuß hatte. Ich besaß ein Talent, mit dem ich in Zukunft meinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Und es war möglich, zu tun, was mir Spaß machte, und dabei einigermaßen gut zu leben. So muss ich gedacht haben. Jedenfalls habe ich am nächsten Tag meine Stelle beim Farming Observer gekündigt.

Das war kein großer Akt. Ich bekam ein schmeichelhaftes und völlig nichtssagendes Zeugnis. Doch wenn Carmichael mich vergessen hatte, kaum dass ich aus der Tür war, lag das sicher nicht nur an meiner unauffälligen Person. Seit den Balkankriegen war der Weltmarkt in Bewegung gekommen. Der große Krieg in Europa konnte jetzt jederzeit ausbrechen, und dann würden für alle Schieber und Spekulanten goldene Zeiten beginnen. Ebenso für Carmichael und seinen Farming Observer. Selbst wenn er nur mit ein paar Prozent am Gewinn beteiligt wäre, könnte er steinreich werden. Was er, nebenbei gesagt, auch wurde. Jedenfalls kümmerte ihn damals der Abgang eines brauchbaren Mitarbeiters herzlich wenig.

Ich war also frei. Aber denken Sie nicht, ich hätte auch nur einen einzigen Tag auf der faulen Haut gelegen. »Der Fluch von Utah« war meine Eintrittskarte zur ganzen Branche. Kessel hatte nichts dagegen, daher bot ich meine Dienste auch anderen Komponisten an. Ich brauchte nur anzudeuten, dass der Text von »Sie wird mir nicht glauben« eigentlich auf meine Kappe ging, schon war ich im Geschäft.

Allerdings hatte ich mir gleich am Tag meiner Kündigung einen Wunschtraum erfüllt. Ich hatte eine Schiffspassage nach Kuba gebucht. Den Mai des nächsten Jahres wollte ich in Havanna verbringen, es sollte der erste Urlaub meines Lebens sein. Nun ist der Mai nicht gerade der beste Monat für die Karibik, da beginnt nämlich die Sturmsaison; dafür waren die Preise entsprechend niedrig. Spätestens Anfang Juni wollte ich zurück am Broadway sein.

Um Weihnachten herum wurde ich dann etwas unruhig. Zu den Feiertagen kam gerne mal ein Brief meines Vaters, in dem er sehr allgemein über die Zukunft redete. Jetzt hätte er eigentlich auf die Generalabrechnung meiner Karriere eingehen müssen; schließlich würde ich im nächsten Herbst fünfundzwanzig werden. Aber es kam kein Brief, nur das Paket mit den üblichen Geschenken und einer Glückwunschkarte. Ich war ziemlich erstaunt, und vor allem war ich erleichtert. Den Gedanken an das Abrechnungsgespräch wollte ich gerne verdrängen, solange das noch möglich war. Wer will schon dem eigenen Vater erklären, dass er so eine Art Künstler geworden ist? Ich jedenfalls nicht.

Weihnachten und Silvester verbrachte ich mit Peggy; ich hatte sie in einer Bar kennengelernt. Ich wusste damals nicht so recht, ob sie sich mehr für mich oder mehr für meine Kontakte zum Broadway interessierte. Eigentlich wollte ich es auch gar nicht wissen. Wir gingen auf ein paar Atelierfeste, mit denen ich bei meinen Kollegen vom Farming Observer ganz schön hätte angeben können. Danach sah ich Peggy nicht wieder, mir fehlte auch die Zeit. Ab Januar ging es um das Libretto einer deutschen Operette, die für den Broadway umgestrickt wurde. Das war, glaube ich, meine beste Arbeit. Ich schrieb dafür sogar ein eigenes Lied.

Keine Bange! Es bestand nur aus den besten Zeilen, die ich in andere Lieder hineinkorrigiert hatte. Ich verdiente nicht schlecht; und ich weiß noch, dass ich es bereute, ausgerechnet im Mai nicht in New York zu sein. Es gab ja praktisch jeden Tag einen neuen Auftrag. Doch verschieben wollte ich meinen Urlaub auf keinen Fall. Ich hatte mich zu sehr darauf gefreut.