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Inhalt

[Cover]

Titel

Berlin, April 1945

I. Teil: Unruhe vor dem Sturm

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

II. Teil: Bis fünf Minuten nach zwölf

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

Das Ende

Der neue Anfang?

Nachwort

Autorenporträt

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – In Berlin]

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Für Erich Weinert

›Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten,
So habt ihr uns auf blut’gem Brett hoch in die Luft gehalten!
Hoch in die Luft mit wildem Schrei, daß unsre Schmerzgebärde
Dem, der zu töten uns befahl, ein Fluch auf ewig werde!‹

Ferdinand Freiligrath, Die Toten an die Lebenden

Vorfinale

›Eris schüttelt ihre Schlangen,
Alle Götter fliehn davon,
Und des Donners Wolken hangen
Schwer herab auf Ilion.‹

Schiller, Kassandra

Berlin, April 1945

Lissabon, San Franzisko und Tokio wurden in wenigen Minuten durch Erdbeben zerstört, es dauerte mehrere Tage, bis die Feuer von Rom, Chikago und London erloschen waren. Die Brände und Erdbeben, die über jene Stelle der Erdoberfläche herfielen, die den geographischen Schnittpunkt von 52 Grad 30 Minuten nördlicher Breite und 13 Grad 24 Minuten östlicher Länge bildet, haben fast zwei Jahre gedauert. Sie begannen in der klaren, dunklen Nacht des 23. August 1943 und endeten im Regengrau des 2. Mai 1945.

An dieser Stelle, 32 m über dem Meeresspiegel, eingebettet in eine Düne der Eiszeit, lag bis zu jener Nacht, da die Zerstörung ihren unheilvollen Lauf begann, die Stadt Berlin. Sie war vom Fischerdorf zur Burgstadt, zum Sitze der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, zur Residenz der Könige von Preußen und zur Hauptstadt des kaiserlichen und republikanischen Deutschen Reiches erhoben worden, sie war entstanden als Folge des Vorstoßes kolonisierender deutscher Stämme in das Siedlungsgebiet der Wenden und Slawen und hatte jahrhundertelang abseits von den Stammgebieten der deutschen Kultur gelegen, war Bollwerk im deutschen Kolonialland, Außenwerk des alten deutschen Westens und Vorposten des neuen deutschen Ostens geworden und erst spät in den Bereich und noch später in den Mittelpunkt der deutschen Geschichte gerückt, sie ist gefügt aus einer Vielzahl von Klein-, Mittel- und Großstädten, von Dörfern, Siedlungen, Gütern und Vorwerken, die zwischen der Havel und der östlichen märkischen Seenplatte verstreut lagen und in Richtung auf die alten Burgstädte Berlin und Kölln zusammengewachsen waren. Der Stichel der Geschichte hat sehr sparsam gearbeitet, der Spuren ihres Aufstiegs und ihrer Wandlungen waren nicht viel, aber sie hatten ihr vieldeutiges Gesicht durch einige edle Züge geläutert, die dem Stadtkern fest eingeprägt waren. Die Spuren ihres Niederganges, der unmittelbar nach ihrer Erhebung zur Reichshauptstadt des Großdeutschen Reiches einsetzte, sind nicht zu zählen. Feuersbrünste, Flächenbrände genannt, und Stahlgewitter, gewebt aus Bombenteppichen, haben das blutvolle Antlitz der Stadt in die Grimasse eines Totenschädels verwandelt.

Am 23. August 1943 empfing die Stadt die erste Wunde, als zwölfhundert Flugzeuge der britischen Luftwaffe zum ersten großen Schlage ausholten. Die südlichen Vororte Lankwitz, Südende und Lichterfelde wurden zu einer rauchgeschwärzten Todesinsel im Meere des Lebens, aber diesmal verschlang das Meer nicht die Insel, sondern die Insel verdrängte das Meer, denn bald war sie nicht mehr allein, überall, in Moabit und in der Friedrichstadt, um Ostkreuz und in Charlottenburg, am Moritzplatz und um den Lustgarten erstanden Todesinseln, sie trieben ihre Ufer immer weiter vor und wuchsen zusammen, bis die ganze Stadt schließlich ein Todesland wurde, mit einigen Wassern, in denen noch Leben war. Jeder Angriff brach ein Stück aus dem Gefüge der Stadt heraus, vernichtete Eigentum und verschlechterte die Lebensbedingungen.

Ganze Stadtteile wurden zertrümmert und verödeten. Ausgedehnte Fabrikgelände, flankiert von erkalteten Essen, wurden eine Wildnis von niedergebrochenen Hallenkonstruktionen und verrosteten Maschinen, Röhren, Stangen, Drähten, Trägereisen, zahlreiche Straßen, in denen aufrechte Fassaden noch wie lebensvolle Häuser die Bürgersteige säumten, wurden zu zynischen Attrappen. Andere Bezirke sind bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und mit hart keuchendem Leben angefüllt, die Torsos ihrer verunstalteten Häuser erheben sich nackt und häßlich zwischen Ruinenhaufen, sie ragen wie Inseln aus dem Meere der Zerstörung, sie sind gerupft und zerzaust, die Sparren der verwehten Dächer sind wie Rippen, denen das Fell abgezogen wurde, die Fenster sind blind wie Augen, deren Lider ständig heruntergeklappt sind und die nur hin und wieder gläsern blinzeln, die Mauern sind kahl und haben den Putz verloren, wie alternde Frauen, von deren Gesicht ein unbarmherziger Schwamm Rouge und Schminke gewischt hat.

In anderen Stadtteilen ist die Zerstörung nicht so vollständig, in ihre Häuserzeilen hat die Pranke des Krieges zwar gewaltige Lücken geschlagen, sie geben oft einen überraschenden Blick auf Hinterhäuser frei, die dem Schlage entgangen sind und so zum ersten Male in das Blickfeld der Straßen rücken, sie können ihre häßlichen Fassaden nicht mehr hinter dem billigen Prunk der Vorderhäuser verbergen, da der Orkan der Explosionen gewissermaßen den Vorhang gelüftet hat. In diesen Straßen gibt es alle Grade und Spielarten der Zerstörung, von der vollkommenen Vernichtung bis zu den Papp- und Cellonglashäusern, Häuser, deren Dachstühle abgebrannt, und andere, die bis zum ersten Stockwerk von den Bränden verzehrt worden sind, und solche, die der Luftdruck leergefegt und ihnen die Fensterkreuze, Jalousien und Türen aus den Leibern gerissen hat und über denen sich die dürren Skelette der Dachstühle wie Knochen aus Kadavern aufsteilen. Es gibt Wohnungen, die wie Schwalbennester über den weggesprengten Fassaden hängen, weil die Bomben schräg einfielen, und Keller, die dem Drucke der einstürzenden Häuser standhielten, und nur rauchende Ofenrohre zwischen meterhohen Schuttbergen lassen erkennen, daß dort Menschen wie in einem Fuchsbau vegetieren. Die Anatomie der Häuser bietet sich unverhüllt dar, die Aufgänge und Zwischenwände, die Fahrstuhlschächte und Schornsteine sind wie Knochen, die Gas- und Wasserleitungen wie Arterien, die Radiatoren und Badewannen wie Eingeweide. Die Überreste des Lebens siechen inmitten des Ruinendschungels dahin, und nur die Natur beginnt die nackte Zerstörung zu bekleiden, indem sie die Schuttberge mit Unkraut überwuchert.

Das weitverzweigte Netz des Verkehrs, gewebt aus den zahlreichen Linien der Straßenbahnen und Autobusse, der Hoch- und Untergrundbahnen, der Stadt- und Ringbahn, der S- und Vorortbahnen ist zerrissen, notdürftig geflickt, behelfsmäßig hergerichtet, die Fahrpläne wechseln von Tag zu Tag, weil Zerstörungen an Geleisen, Oberleitungen, Stromschienen, Signalkabeln, Tunnels, Viadukten, Brücken und Bahnhöfen zu Einschränkungen, Stillegungen, Umleitungen zwingen.

Die besonderen Züge der Stadt, die Bauten des bürgerlichen Klassizismus, gruppiert um die Spreeinsel und die Schwingachse der Straße Unter den Linden, die Charakteristika ihres Antlitzes, geschaffen von den Meisterhänden Schinkels, Schlüters und Eosanders, Rauchs, Knobelsdorffs und Langhans’, sind ausgelöscht, bevor die Reißbrettarchitektur Speers von ihr Besitz ergreifen konnte, ihre Wahrzeichen sind jetzt die Hochbunker, Akkumulatoren der Angst, Inhalatoren der Flucht, graugrüne Betonklötze mit Flakgeschützen, die, wuchtig wie Übermammuts, den Friedrichshain, den Humboldthain und den Zoologischen Garten zerstampfen, ihre brutal-zweckmäßige Architektur ist durch keinen versöhnlichen Zug gemildert. Ihnen gesellen sich die zahlreichen Tief- und Flachbunker auf den Plätzen und an den Bahnhöfen der Innenstadt, in Siedlungen und Laubenkolonien, und deren primitivste Abart, die Splittergräben, bei, die in Parks, Waldstücken und an den Böschungen der Vorortbahnen in die Erde hineingewühlt sind.

Die Stadt hatte bei Ausbruch des Krieges 4330000 Einwohner, im April 1945 sind es nur noch 2850000. Die Männer sind zum Heeresdienst eingezogen, zur Organisation Todt dienstverpflichtet, zum Volkssturm aufgerufen, mit ihren Betrieben verlagert, die Frauen in die angeblich nicht luftgefährdeten Gebiete geflüchtet, die Alten und Kranken evakuiert, die Jugendlichen zum Arbeitsdienst einberufen, die Schulkinder in den Kinderlandverschickungslagern untergebracht, die Juden abtransportiert. Der Bevölkerungsverlust ist tatsächlich noch weit größer, denn unter den 2850000 Bewohnern der Stadt sind 700000 ausländische Zwangsarbeiter aus den unterworfenen und abhängigen Ländern, Ukrainer, Polen, Rumänen, Griechen, Jugoslawen, Tschechen, Italiener, Franzosen, Belgier, Niederländer, Norweger, Dänen, Ungarn und die arbeitsfähigen Juden und Konzentrationäre aus den Todeslagern des Ostens. Sie sind in Baracken gepfercht, die auf den Ödstrecken zwischen der Stadt und den Vororten, auf Schuttplätzen und in Baulücken, meist längs der Eisenbahnlinien, eilig errichtet und mit Stacheldrahtzäunen umgeben sind. Sie haben eine frappante Ähnlichkeit mit den für die Ausgebombten erstellten Behelfsheimsiedlungen, die grau und trostlos zwischen Waldstücken und Schrebergärten stehen, nur daß hier (wie überall) der Stacheldraht durch das unsichtbare Netz eines bis ins letzte ausgeklügelten Systems der Überwachung und des Zwanges ersetzt ist.

Die Ministerien haben Berlin verlassen, sind ›verlagert‹ oder in ›Ausweichstellen‹ abgerückt, in der Wilhelmstraße werden die Büros abgewrackt, werden Lastzüge Tag und Nacht mit Akten, Schränken und Kisten, aber auch mit Möbeln, Hausrat und Koffern beladen. Die hohe Ministerial- und Parteibürokratie flieht aus der Stadt, nur sogenannte ›Meldeköpfe‹ bleiben zurück, aber auch für sie ist gesorgt und die großzügige ›Transportbewegung Thusnelda‹ mit den Sonderzügen ›Adler‹ und ›Dohle‹ in Lichterfelde-West und Michendorf und zahlreichen Privatautos vorgesehen.

Unter dem Gebrüll der Alarmsirenen schweigen die Musen, nur die Stimmen ihrer jüngeren, illegitimen Schwester ertönen in den wenigen Stunden zwischen Stromsperren und Fliegeralarmen aus Mikrophonen und Tonfilmapparaturen, aber der heldische Baß des Mars wird überkreischt vom hysterischen Diskant einer befohlenen Unbeschwertheit, die kleine Schar der ›Kameraden‹, ›Kolberg‹, ›Spähtrupp Hallgarten‹, ›Schwarzer Jäger Johanna‹ und ›Der große König‹ stehen einsam zwischen den unendlichen Kolonnen der ›Jungen Herzen‹, ›Ein fröhliches Haus‹, ›Kollege kommt gleich‹, ›Der Mustergatte‹, ›Rund um die Liebe‹, ›Frau meiner Träume‹, ›Es fing so harmlos an‹, ›Es lebe die Liebe‹, ›Das Hochzeitshotel‹, ›Die große Liebe‹, ›Der Mann, der Sherlock Holmes war‹, ›Frauen sind doch bessere Diplomaten‹, ›Ein Mann für meine Frau‹, ›Fritze Bollmann wollte angeln‹, ›Liebesbriefe‹, ›Leichtes Blut‹, ›Tolle Nacht‹ und ›Man rede mir nicht von Liebe‹, der erlahmende Schneid des ›Fridericus Rex‹ und des ›Horst-Wessel-Liedes‹ vermischen sich mit dem ›Königswalzer‹, den Wochenschaumusiken, den gequälten Gelächtern und den Heultönen der Sirenen zu einer grausigen Kakophonie.

In dieser Ruinenstadt, deren Leib verbrannt und zerbrochen, deren Eingeweide zerfetzt und aufgerissen sind, wohnen die Menschen eng zusammengedrängt, sie führen ein Leben, das schrecklicher und schwieriger ist als das der Soldaten, deren Leben ganz auf Kampf und Gefahr eingestellt ist. Die Menschen dieser Stadt führen unter der kaum geringeren beständigen Bedrohung durch Explosion und Brand, durch Erstickung und Verschüttung noch eine Art Privatleben und schleppen den kärglichen Ballast der Zivilisation mit sich herum, sie müssen für sich und ihre Familien sorgen, sie müssen arbeiten und in jeder Sekunde damit rechnen, ihre Tätigkeit, der sie gerade obliegen, sei es schlafen oder lieben, fräsen oder rechnen, kochen oder rasieren, abrupt zu unterbrechen und sich einem Schicksal auszuliefern, das ihnen keine Chance des Entweichens läßt, sie führen ein Nomaden- und Höhlendasein, sie lassen in ihre Kinder den Keim einer vielleicht unheilbaren Neurose senken und liefern sie dem Analphabetismus aus, sie sehen mit an, daß die Substanz der Jugend in Arbeitsdienstlagern und Flakstellungen aufgezehrt und das Gefühl für eine sinnvolle Lebensordnung durch die Erziehung zum kriegerischen Nomaden getötet wird. Sie haben sich von ihrem Ursprung bereits so weit entfernt, das Menschliche verdorren und verkümmern lassen, daß sie schließlich nur noch Mechanismen sind, die auf den leisesten Druck eines Fingers oder eines Zungenschlages willig reagieren. Es ist das Phlegma fatalistisch gewordener Menschen, die sich ihres eigenen Willens völlig begeben haben und stur den einmal eingeschlagenen Weg weitergehen, Befehl wie Sonderzuteilung gleichmütig hinnehmen und ihre innere und äußere Gleichgültigkeit immer wieder als Heldentum und ihre Geduld als Standhaftigkeit preisen und sich bescheinigen lassen, sie sind nicht mehr das ›verwegene Geschlecht‹, als das Goethe sie bezeichnete. Unter der Asche ihrer betäubten Seelen schwelt noch die Hoffnung auf die göttliche Vorsehung, die aus dem Munde des Antichrist verkündet wird, auf jene berühmte Wendung durch Gottes Fügung, auf die sich die Hitler und Goebbels, Fritzsche und Dittmar jetzt so gern berufen. Sie wissen, daß das Verhängnis, das die Wucht eines Gefälles von der Wolga und vom Atlantischen Ozean her hat, nicht vor den Toren ihrer Stadt zum Stillstand kommen wird, aber kein revolutionärer Funke glüht in ihnen auf, kein entfesselter Zorn sprengt die Ketten des Zwanges, kein Aufschrei der Verzweiflung weckt die Gewissen. Die Katastrophen, die die britische und amerikanische Luftwaffe schulmäßig im Luftraum über der Stadt exerzieren, absorbieren die Denkfähigkeit, sie schicken die Betroffenen auf die Jagd nach Unterkunft, Nahrung und Kleidung, Bezugsscheinen, Lebensmittelkarten und Bombenausweisen, sie beschäftigen die Verschonten mit Instandsetzung, Sicherung der Habe und vermehrten Strapazen, um die Arbeitsstätten zu erreichen. Die Formen zivilisierten Lebens sind zerbrochen, die Wohnungen sind dunkle Höhlen geworden, da die schützende Hülle, die um die empfindlichen Nervenstränge der Großstadt, die Telefon- und Stromkabel, die Gas- und Wasserleitungen und die Kanalisation gelegt ist, aufgerissen und zerfetzt ist. Die Menschen der Großstadt sind wieder zu Pumpe, Herd und Talglicht zurückgekehrt.

Die Bewegungen der Menschen, ihre Sprache haben etwas seltsam Gehetztes, jedes Geräusch, das aus der fließenden Eintönigkeit aufzuckt, läßt sie zusammenfahren und erregt lauschen. Sie kennen nur ein Gesprächsthema: die Luftlage, ob das Reich feindfrei, ob Bomberverbände eingeflogen sind, welchen Kurs sie nehmen, ob sie abfliegen. Jeder, der seine Wohnung verläßt, nimmt von seinen Angehörigen Abschied wie jemand, der eine lange, beschwerliche Reise in die Ungewißheit eines unbekannten, gefährlichen Landes unternimmt, jeder führt einen Koffer, einen Rucksack, eine pralle Aktentasche oder eine Umhängetasche mit sich, da die Alarme sie oft überraschen und zwingen, irgendwo, weitab von der Wohnung, Deckung zu nehmen.

Aber es ist nicht nur die Gefahr des Luftkrieges, die auf den Menschen lastet, eine andere Bedrohung hat das Gewicht dieser Last noch erhöht: die Fronten. Seit den Rheinübergängen bei Remagen und Oppenheim haben die westlichen Alliierten in einem unerhörten Raid durch West- und Mitteldeutschland die Elbe erreicht, aus den Brückenköpfen von Pulawy, Warka und Baranow sind die sowjetischen Heere durch Polen und Ostdeutschland bis an die Oder vorgebrochen, aber obwohl die Front im Westen in zügiger Bewegung ist, hat Berlin sein Gesicht nach Osten gerichtet, wo hinter der Oder die sowjetischen Heere in drohender Bereitschaft stehen.

Es ist die Unruhe vor dem Sturme, die über der Stadt liegt, eine Unruhe, die erzeugt wird von der unheimlichen Ruhe, die sich hinter dieser letzten Barriere im Osten der Stadt ausbreitet, es ist eine rastlose Ruhe, in der ununterbrochen die Eisenbahnzüge und Autokolonnen aus den Rüstungsbetrieben des russischen Hinterlandes, aus Tscheljabinsk, aus Swerdlowsk, aus Gorki, aus Magnitogorsk, aus den Ural- und Kusnezk-Kombinaten an die Oder vorrollen. Es ist niemand in der Stadt, der nicht weiß, daß jeder Tag der Ruhe vor dem großen Sturm dazu benutzt wird, um neue Geschütze in Feuerstellung gehen, neue Panzer in Bereitstellungsräume einrücken, neue Flugzeuge in Startbereitschaft rollen, neue Divisionen in die Einsatzräume schleusen zu lassen. Die fernen Welten, Sowjetunion und Vereinigte Staaten, sind unheimlich nahe gerückt, die Distanz zwischen dem Sternenbanner und der Roten Fahne ist auf die Entfernung Frankfurt an der Oder–Magdeburg verkürzt, und in der Mitte liegt die belagerte Stadt, die – einst geschützt durch die Fluten der Wolga und des Ärmelkanals – ein unerreichbares Hinterland schien, der Torso Berlin. Zwar stehen die feindlichen Heere noch hinter den großen Strömen, die die letzten Wälle bilden, aber ihre Luftflotten schließen sie bereits ein und schnüren ihre dünnen Lebensfäden ab, sie bereiten den letzten Angriff vor, der in jeder Stunde über Oder und Elbe losbrechen und sich mit der Gewalt einer Lawine auf die Stadt heranwälzen kann.

Der Torso ist in eine improvisierte Festung verwandelt und in Verteidigungszustand gebracht worden. Panzergräben sind tief in das Vorfeld der Stadt eingeschnitten, Laufgräben ziehen sich quer durch Schrebergärten und Felder, Einmannlöcher sind in Bahndämme, Böschungen und Waldstücke eingelassen, Pakstellungen und Panzersperren blockieren alle Zufahrtsstraßen, bewegungsunfähige Panzer sind an Straßenkreuzungen eingegraben, Flakartillerie hat sich auf Endziele eingeschossen, die Betriebe haben die Arbeit eingestellt, da elektrischer Strom, Kohle und Treibstoffe ohnehin kaum zur Verfügung stehen, ihre Arbeiter und Angestellten schanzen im Vorgelände der Stadt, werfen immer neue Gräben auf, reihen Barrikade hinter Barrikade. In den Straßen, in Restaurants und Lichtspielhäusern, in Bunkern und den Wartesälen der Bahnhöfe fahnden Streifen der Wehrmacht, der SS, der OT, der Gestapo und der Polizei nach Arbeitsflüchtigen und Deserteuren, bietet die Partei noch einmal alle Machtmittel auf, um jeden zum Einsatz zu zwingen.

Wie eine dunkle Wetterwand stehen die Fronten im Osten und Westen der Stadt. Sie sind wie ferne Gewitter, noch ist kein Donnergrollen zu hören, noch lauern die Blitze hinter der Wolkenwand, aber ein wirbelnder Wind kündigt das Nahen des Unwetters an, eine beklemmende, schwefelgelbe Helligkeit breitet sich aus, Gewitterschwüle liegt über der Stadt. Eine zitternde Erwartung hat sich der Menschen bemächtigt, sie schwanken zwischen der Hoffnung auf ein Wunder, das von der Führung immer wieder versprochen und in unmittelbare Aussicht gestellt wird, und dem lähmenden Entsetzen vor dem Ende mit Schrecken. Während die Bomben und Phosphorkanister auf die Stadt fallen, so wie einst Pech und Schwefel auf Sodom und Gomorrha regneten, warten die kleinen Gruppen der Widerstandsbewegung auf die Befreiung mit schmerzlicher Sehnsucht, weil sie nicht vermögen, sich aus eigener Kraft zu befreien.

I. Teil
Unruhe vor dem Sturm

»Wir müssen jetzt wie Friedrich der Große denken und handeln. Aber wenn wir untergehen sollten, dann wird mit uns das ganze deutsche Volk untergehen, und zwar so ruhmreich, daß selbst noch nach tausend Jahren der heroische Untergang der Deutschen in der Weltgeschichte an erster Stelle steht.«

Dr. Joseph Goebbels
Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda
im März 1945 zu Journalisten