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Inhalt

[Cover]

Titel

Sumobrüder

Krötentennis

Der Spasti

Familienbesuch

Das Videogerät

Zwei Fremde

Putzwolle

Das Moor

Lügen

Die Rettungsaktion

Lille Bjarne

Der Geburtstag

Die Zwillinge

Das Festmahl

Der hässliche Mann im grünen Kombi

Käpt’n Klöten

Überbiss verplappert sich

Vampire unter dem Bett

Brillen-Bos Gefriertruhe

Die fliegende Untertasse

Spinnergeschichten

Wörter, die es nicht gibt

Enkelkind

Feuerstein

Dänische Meisterschaft im Sumo-Ringen

Die Spange

Unterhosendiebstahl

Das Mädchen mit der Schlaghose

Bababa

Das Haus von Oma und Opa

Der Fingerabdruck

Das Geheimnis

Merkwürdig

Stinkbombe

Gelähmt

Die Badewanne

Depripillen

Frode

Hypnose

Expedition ins Moor

Plunder

Stadtfahrt

Die Geschichte einer Gans

Dank

Autorenporträt

Übersetzerporträt

Über das Buch

Impressum

[Leseprobe – Die Legende vom goldenen Ei]

Titel.jpg

Sumobrüder

Krötentennis

Ich schlug die Kröte wie jeden anderen Ball, allerdings konnte ich mich nur schwer konzentrieren, weil Olsenbande-Kjeld danebenstand und quasselte. Die Kröte landete einen Meter neben Frank. Er hielt seinen orangefarbenen Schläger in der Hand und sah sich die Kröte an. Frank war klein und kompakt, aber ziemlich flink.

»Davon wird man blind«, sagte Olsenbande-Kjeld.

»Du lügst«, erwiderte Frank.

»Nein, das stimmt«, sagte Olsenbande-Kjeld. »Peter Pans Vetter hat mal …«

»Wir haben keine Lust, Geschichten von Peter Pans Vetter zu hören.«

Wir hatten Krötenpisse in Jans Auge getröpfelt, um zu beweisen, dass man davon nicht blind wird. Wir fingen die Pisse in einer Tasse auf, die wir unter die Kröte hielten. Hinterher mussten wir uns Überbiss schnappen und ihm Paprika in den Mund streuen, weil er petzen wollte.

»Du bist uns was schuldig, weil du gelogen hast!«, schrie Frank Olsenbande-Kjeld zu.

»Ihr habt das nicht richtig gemacht. Zum Glück! Sonst wäre dein kleiner Bruder jetzt blind.«

Frank hörte nicht auf zu schreien, weil er die Kröte nicht zurückspielen wollte. Er hatte sie mit seinem orangefarbenen Schläger aufgesammelt. Die Kröte versuchte herunterzukrabbeln. Blut tropfte ihr aus dem Maul und eins der Hinterbeine stand so merkwürdig ab. Es war kein Spaß mehr, aber Frank war an der Reihe, er musste sie zurückschlagen. Er schloss einen Moment die Augen, dann warf er die Kröte in die Luft und schlug. Sie flog auf Olsenbande-Kjeld zu. Der duckte sich, doch die Kröte traf ihn an der Schulter, fiel auf die Straße und hörte auf, sich zu bewegen.

»Verdammte Tierquäler!«

Wir liefen die Straße hinunter, Olsenbande-Kjeld folgte uns. Er trug als Einziger von uns ein Hemd. Nur waren seine Hemden immer zu klein; sie spannten über dem Bauch und ließen ihn noch dicker aussehen. Ein Fleck zeichnete sich an der Stelle ab, an der ihn die Kröte getroffen hatte.

»Du hast letzte Woche selbst mit einer Tennis gespielt«, sagte ich.

»Die war schon krank. Darum war das nicht so schlimm«, behauptete Olsenbande-Kjeld.

»Wenn sie krank gewesen ist, war es besonders schlimm«, sagte Frank.

»Sie wäre sowieso gestorben«, verteidigte sich Olsenbande-Kjeld.

Frank verschwand im Gebüsch und zog sich die Hose bis zu den Knöcheln herunter. Lange blieb er in der Hocke sitzen. Wir wussten genau, was er machte. Als er fertig war, suchte er einen Stock, steckte ihn in die Kacke und hob sie auf. Er ging zu dem Haus, in dem der Spasti wohnte, und warf den Haufen in den Garten. Er versuchte, das Petersilienbeet zu treffen. Das Haus des Spastis hatte den größten Garten im Paradiesgarten. Eigentlich hieß unser Viertel Paradiesapfelgarten, aber irgendwie interessierte sich niemand für die Äpfel.

»Du hast nicht getroffen.«

»Na klar.«

»Du hast den Rasen getroffen«, erklärte Olsenbande-Kjeld.

»Das Petersilienbeet.«

»Den Rasen.«

»Ich hoffe, bei denen gibt’s heute Abend Petersiliensoße.«

Olsenbande-Kjeld ging nach Hause. Frank versuchte mich zu überreden, auch ins Gebüsch zu gehen. Er zog mich am Ärmel. Er flüsterte mir ins Ohr. Er hatte blonde Haare und braune Augen, in die ich gern hineinsah. Schließlich ging ich ins Gebüsch. Frank suchte inzwischen einen Stock. Allerdings fiel es mir schwer, so auf Kommando. Frank trippelte ungeduldig auf der Stelle. Er wippte mit dem Fuß auf und ab.

»Bist du bald fertig?«

Wir liefen mit meiner Kacke an einem Bambusstock zurück zum Haus des Spastis. Wie Frank zielte auch ich auf das Petersilienbeet. Der Stock war lang und elastisch, perfekt für einen ordentlichen Wurf. Ich wollte ihn aufwärts schwingen, damit die Kacke in einem hohen Bogen über die Hecke geschleudert wurde, aber sie löste sich zu schnell von dem Stock und flog stattdessen zur Seite. In diesem Moment kam Sofies Vater um die Ecke und kreuzte die Flugbahn der Kacke. Frank riss die Augen auf. Sofie begleitete ihren Vater. Aus beiden Mundwinkeln ragte ein Lutscher. Die Kacke traf ihren Vater an der Schläfe und rutschte ihm über die Halbglatze. Sie hinterließ einen braunen Fleck. Er fasste sich an den Kopf und schaute sich verwirrt um. Er hatte keine Ahnung, was passiert war; Sofie schon. Sie zog die beiden Lutscher aus dem Mund und starrte mich wütend an. Ihre Augen verwandelten sich in zwei schmale Schlitze, ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich. Allerdings sagte sie ihrem Vater nichts. Er wischte sich die Kacke mit seinem Taschentuch ab und blickte verärgert zum Himmel. Sofies Vater hinkte. Er war irgendwann mal mit seinem Moped auf einen parkenden Lastwagen gefahren, zu betrunken, um noch vernünftig zu lenken.

Wir liefen zum Moor und ließen uns ins Gras fallen.

»Und er hat geglaubt, es wäre ein Vogelschiss!«

Frank brachte kaum die Worte heraus. Er zappelte mit den Beinen und hielt sich den Bauch.

»Ein Riesenvogelschiss«, japste ich. »Der größte der Welt.«

Auf dem Heimweg trafen wir meinen Vater, der mit dem Fahrrad Richtung Paradiesgarten fuhr. Er hatte einen großen Koffer auf den Gepäckträger geschnallt. Es sah komisch aus, denn eigentlich war er viel zu dick für ein Fahrrad. Normalerweise fuhr er mit dem Auto, aber das hatte er verkauft, weil ein Brief gekommen war.

»So viel?«, sagte Mutter, als er ihr den Brief zeigte.

Vater beugte sich über sie und las mit. Sie standen eng beieinander, doch die Distanz zwischen ihnen war sehr groß.

Vater hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt. Sie schob sie beiseite.

»Es war ein großer Fehler«, hatte er gesagt.

Mutter hatte genickt.

Immer wieder entschuldigte er sich, aber damit war sie nicht zufrieden. Sie hatte die letzten paar Abende geweint, nachdem wir ins Bett gegangen waren. Sie hatte ihm den Besenstiel ins Kreuz gehauen, und er war nicht einmal böse geworden. Während des Frühstücks hatte sie ihm ein halbes Glas Milch über den Kopf gegossen. Normalerweise führte sie sich nicht so auf.

»Was hast du in dem Koffer?«, rief ich ihm zu, als er vorbeifuhr.

»Geschäftsgeheimnisse«, rief er zurück und winkte. Das klang interessant, doch auch zu Hause wollte er uns nicht zeigen, was in dem Koffer war. Selbst Mutter erzählte er nichts. Als Mutter das Abendessen zubereitete, schloss er sich im Schlafzimmer ein und beschäftigte sich mit seinem Koffer. Überbiss kam nach Hause, er grinste blöd. Es gab Hühnchen. Ich legte ihm meine abgenagten Hühnerknochen auf den Teller.

Mutter war noch immer sauer auf Vater, also versuchten wir sie zu überreden, uns zu erzählen, wie sie sich kennengelernt hatten. Normalerweise verbesserte das ihre Laune. Sie fanden es toll, wenn wir nach dem Gemälde fragten, das im Wohnzimmer über dem dunkelblauen Sofa hing. Es hieß Braunes Pferd vor gelber Mühle. Wegen dieses Bildes hatten sie sich kennengelernt.

»Weil es so hässlich war, dass niemand es kaufen wollte«, sagte Vater und schaute Mutter an, die so tat, als hätte er nichts gesagt.

Überbiss fand es am spannendsten, wie Vater die ganze Nacht versucht hatte, das Bild zu verkaufen.

»Hattest du gar keine Angst?«

»Natürlich hatte ich Angst.«

»Wieso eigentlich?«, fragte Überbiss.

»Die Leute haben mich ausgelacht. Die Frauen zeigten mit dem Finger auf mich. Die Betrunkenen drohten mir Prügel an. Und der Türsteher wollte, dass ich verschwinde.«

»Und was hast du gemacht?«

»Ich bin auf die andere Straßenseite gegangen und habe mich hinter einem Baum versteckt. Ich habe versucht, die Gäste anzulocken. Wenn es gelang, habe ich ihnen das Bild gezeigt.«

»Und sie fingen an zu lachen«, sagte Überbiss, »und sind einfach alle weitergegangen.«

Vater breitete die Arme aus. »Du hast auch gelacht«, sagte er zu Mutter.

»Vibeke hat gelacht«, korrigierte ihn Überbiss. Vibeke war Mutters Freundin. So ging die Geschichte. Vibeke hatte gelacht, Mutter nicht. Sie hatte Vater bedauert, weil er den ganzen Abend im Freien stand. Sie ging mit Vibeke in das Konzert, und als sie ein paar Stunden später wieder herauskamen, stand er noch immer da. Er hatte das Gemälde verkaufen wollen, um eine Eintrittskarte bezahlen zu können, doch dann schenkte er es Mutter. Sie musste nichts bezahlen.

Das braune Pferd hatte er aus einem alten Bild herausgeschnitten, das er in einem Container gefunden hatte, dann hatte er das Pferd auf eine Holzfaserplatte geklebt und die gelbe Mühle dazugemalt. Das Bild war noch nicht trocken, als Mutter es geschenkt bekam. Vater sagte, sie solle die Farbe nicht berühren, aber sie hatte es trotzdem getan. Wenn man genau hinsah, konnte man noch immer ihren Fingerabdruck sehen.

So verliebten sie sich. Vater hörte auf, Bilder zu verkaufen, die er aus alten Gemälden ausschnitt. Er hörte überhaupt mit der Malerei auf.

»Stattdessen hast du eine richtige Arbeit bekommen«, sagte Überbiss lächelnd.

Ich legte ihm noch mehr Hühnerknochen auf den Teller. Ich fand sein Gerede doof.

Der Spasti

Sofie wartete auf mich, als ich am nächsten Tag an der Siedlung um die Ecke bog. Sie hatte einen Stock in der Hand. Stiernacken stand neben ihr. Sofort drehte ich mit dem Fahrrad um und hoffte, mein Vorsprung wäre groß genug. Stiernacken rannte los, Sofie folgte ihm auf den Fersen. Ein heftiger Schlag traf mich auf den Rücken, ich fing an zu japsen. Ein weiterer Schlag brannte an meinem Ohr. Ich konnte das Tempo nicht halten und bog auf den Gartenweg des Spastihauses. Sofie und Stiernacken blieben auf dem Bürgersteig stehen.

»Jetzt hast du verschissen!«, schrie Sofie.

»Wir machen dich fertig!«, brüllte Stiernacken.

Sobald ich wieder zu Atem gekommen war, wollte ich das Fahrrad stehen lassen und auf der anderen Seite des Hauses aus dem Garten verschwinden, aber als ich an der Haustür vorbeilief, kam der Vater des Spastis heraus. Jetzt hatte ich wirklich ein Problem. Er packte mich am Arm.

»Du kommst mit rein«, schnaufte er.

»Kadarf!«, schrie ich.

Er zog mich über den Flur in die Küche. Es roch nach Kohl und Zwiebeln. Sie aßen gerade zu Abend. Der Spasti heulte laut auf, als er mich sah. Er fuchtelte wild mit den Armen. Er hatte Essen im Gesicht.

Ich versuchte, es zu lassen, aber es gelang mir nicht.

»Kadift«, sagte ich.

»Wer ist das?«, fragte seine Mutter und sah mich an. Der Spasti warf einen Teller um.

»Dur dint.«

»Was sagt er? Willst du etwa auch noch frech werden, oder was soll das?«, wollte sie wissen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Es sprudelte einfach aus mir heraus. Alle drei guckten mich an. Sie waren ganz still geworden.

»Nun lass doch, Mona«, sagte der Vater des Spastis.

»Ich will nur wissen, ob er das ist.«

»Ist das im Grunde nicht vollkommen egal?«

»Das ist ganz und gar nicht egal.« Sie stand auf und kam auf mich zu. Sehr dicht heran. Zwischen ihren Zähnen hingen Essensreste. Sie blickte mich noch immer unverwandt an. »Weißt du, wer …«, sie schluckte etwas hinunter, »… Unrat in unseren Garten wirft?«

Innerlich vereiste ich. Sie hatten mich aus dem Fenster beobachtet.

»Lass doch den Jungen, Mona.«

»Irgendjemand wirft Unrat in unseren Garten. Auch das Haus wurde getroffen. Wenn du meine Meinung hören willst, dann ist das eine verdammte Schweinerei. Und zurzeit passiert das fast jeden Tag.« Ihre Augen wurden schmal. Wenn der Vater des Spastis nicht gewesen wäre, hätte sie mir bei lebendigem Leib die Haut abgezogen.

»Was für Unrat?« Ich versuchte, meine Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen.

Der Spasti heulte wieder auf. Es war ein merkwürdiges Geräusch. Er zappelte mit dem ganzen Körper.

»Was sagt er?«, fragte ich und bereute es sofort.

»Red anständig«, sagte seine Mutter.

Plötzlich verstand ich es. Scheiße, heulte er. Ich hatte nicht gedacht, dass er überhaupt reden konnte.

»Kann er noch mehr sagen?«

»Na, das will ich doch hoffen«, sagte sein Vater und klopfte mir auf die Schulter. »Und wenn du jemanden Kot in unseren Garten werfen siehst, dann bitte ihn doch, es zu lassen, ja?«

Ich nickte.

»Ja, sicher.«

»Hast du Hunger?«, erkundigte er sich.

»Nein.«

Er brachte mir ein Wassereis und zog einen Stuhl für mich heran. Ich setzte mich. Das Eis schmeckte nach Himbeere. Der Vater lächelte die ganze Zeit. Ich lutschte das Eis, so schnell ich konnte.

Es war nicht das erste Mal, dass Sofie und Stiernacken mich verprügeln wollten, nur hatten sie diesmal einen guten Grund. Wir fanden immer einen Grund, um jemanden zu verprügeln. Alle prügelten sich. Das ganze Viertel war Kriegsgebiet. Nur die Schule galt als kampffreie Zone, denn die Lehrer spielten verrückt, wenn wir uns prügelten. Das war das Schlimmste überhaupt. Schlimmer als Schwänzen. Aber es passierte trotzdem ständig. In der Schule wurden die Prügel versprochen. Und nach dem Unterricht wurden die Drohungen wahr gemacht.

Der Spasti bekam auch ein Eis, als er aufgegessen hatte. Ich wäre am liebsten nach Hause gegangen, aber der Vater sagte, Henrik würde mir gern sein Zimmer zeigen. Dort stand alles ordentlich in Reih und Glied. Über der Liege hing ein Regal mit Kassetten, auch auf dem Fußboden standen zwei Plastikkisten mit Kassetten. Ich musste sie mir immer wieder ansehen.

Irgendwann hatten Frank und ich die erste Stunde geschwänzt, um uns den Kleinbus anzugucken, der ihn morgens abholte. Der Bus war voller Spastis, und alle sahen komisch aus. Ein paar von ihnen konnten allein laufen, aber deshalb wirkten sie nicht weniger merkwürdig. Sie sahen durch die Scheiben des Busses, auf uns. Sie saßen dadrin in ihren Rollstühlen und mit ihren seltsamen Apparaten. Sie starrten uns an, als wären wir Wesen aus dem äußeren All, und wir fanden den Gedanken entsetzlich, einer von ihnen zu sein und in diesem Bus sitzen zu müssen.

»Hörst du auch gern Kassetten? Besuch uns doch mal nach der Schule und hör dir zusammen mit Henrik die Bänder an.«

Ich antwortete nicht. Stattdessen fragte ich, ob ich mein Fahrrad bis morgen bei ihnen stehen lassen könnte. Der Vater hatte nichts dagegen. Ich lief in den Garten hinter dem Haus und von dort auf die Straße.

Familienbesuch

Zweimal im Jahr fuhren wir nach Nordjütland, um Onkel Karl und Tante Marie zu besuchen. In ihrem Haus durften wir nicht auf die Schwellen treten. Dieses Mal nahmen wir den Zug und hatten ein ganzes Abteil für uns allein.

»Wollt ihr nicht wissen, was ich in den Taschen habe?«, erkundigte sich Vater.

Überbiss warf sich auf ihn und zog ihm eine Tüte Matador Mix aus der Tasche. Ich riss sie ihm aus den Händen. Wir stopften sie in kürzester Zeit in uns hinein.

»Hast du noch mehr?«, wollte Überbiss wissen.

Vater stand am Fenster und blickte hinaus. Der Fahrtwind ließ sein Doppelkinn tanzen. Mit seinen dicken Fingern drückte er das Fenster herunter. Er zog einen Riegel Toms Guldbarre aus der anderen Hosentasche. Er war geschmolzen, aber uns war das egal. Wir rissen jeder an einem Ende des Papiers, um den größten Teil zu bekommen. Überbiss stöhnte vor Anstrengung, da flutschte mir plötzlich das Papier aus den Händen, und der Schokoladenriegel flog ihm an den Kopf. Überbiss machte den Mund auf und verschlang den ganzen Riegel mit zwei Bissen.

»Das ist unfair!«, schrie ich.

Vater und Mutter lachten, sie fanden es lustig. Überbiss leckte sich den Mund.

»Das war deine eigene Schuld«, sagte er.

Hinterher gab ich ihm einen Pferdekuss. Vater und Mutter merkten es nicht. Dann flüsterte ich ihm ins Ohr, dass ich ihn verprügeln würde, wenn er das nächste Mal auf die Toilette musste. Ich sagte, ich würde ihn mit dem Kopf in Vetter Sørens Aquarium tauchen. Als der Zug in Nordjütland hielt, hatte Überbiss in die Hose gepinkelt. Er hatte versucht einzuhalten. Mutter seufzte und Vater trat ungeduldig von einem Bein aufs andere.

»Ist er nicht zu groß, um noch in die Hose zu pinkeln?«, fragte ich.

Mutter zuckte die Achseln.

»Vielleicht sollte er Windeln tragen, wenn er’s nicht hinkriegt«, fuhr ich fort.

»Hör schon auf«, sagte Mutter und gab mir einen Stoß in die Rippen.

Überbiss musste eine andere Hose anziehen, während wir den Zug verließen. Er hüpfte auf einem Bein aus dem Abteil. Mutter half ihm beim Aussteigen, Vater kam hinterher und atmete schwer.

Alle drei standen auf dem Bahnsteig und warteten. Sie waren mit zwei Autos zum Bahnhof gekommen, um uns abzuholen, weil sie zu vornehm waren, um auf dem Rückweg mit sieben Personen in einem Auto zu sitzen.

»Wieso haben die zwei Autos und wir keins?«, fragte Überbiss.

»Idiot«, sagte ich.

In ihren lautlosen Autos sausten wir über die Landstraße. Wir waren Astronauten, eingeschlossen in der Kapsel eines Raumschiffs von fremden Menschen.

»Wieso habt ihr euren Wagen eigentlich verkauft?«, wollte Vetter Søren wissen.

»Ich hab ein gutes Angebot bekommen«, gab Vater zur Antwort.

»Wie gut?«

»Mehr, als in deine Hosentasche passt.«

»War doch eine ziemlich alte Schüssel, oder?«, fragte Onkel Karl.

Vater seufzte und blickte aus dem Seitenfenster.

»Verkaufst du hin und wieder ein paar Schnürsenkel?«

Vater zuckte die Achseln.

»Viel Geld lässt sich mit Schnürsenkeln vermutlich nicht verdienen«, sagte Karl. »Wie kommt man als Vertreter eigentlich ohne Auto aus?«

Vater trommelte mit den Fingerspitzen ans Seitenfenster. Ich mochte es nicht, wenn sie so mit ihm redeten. Er kurbelte das Fenster ein Stück herunter, weil er schwitzte. Dann drehte er es wieder hoch.

Das Haus war riesig, und die nächsten Nachbarn wohnten fünfhundert Meter weit entfernt. Wir rannten hinein und vergaßen, dass wir nicht auf die Schwellen treten durften.

»Ich bin nicht draufgetreten«, behauptete Überbiss.

»Das ist ganz einfach nicht wahr«, sagte Tante Marie. »Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.« Sie bückte sich und fuhr mit einem Fingernagel über die Schwelle.

»Er hat’s mit Absicht gemacht«, sagte ich und bekam von Mutter einen Stoß in den Rücken.

»Nein, hab ich nicht!«

Wir gingen ins Wohnzimmer, um Frau Jensen zu begrüßen. Sie saß stets auf demselben Stuhl und rauchte Zigaretten. Sie hatte graue Haare. Eines ihrer Beine war doppelt so dick wie das andere. Sie hatte das dicke Bein auf einen Hocker gelegt und las die meiste Zeit Illustrierte. Sie war fast schon tot. Wir durften sie nie anders als Frau Jensen nennen und mussten ihr die Hand geben, weil sie alt war. Ihre Hand fühlte sich weich und schlaff an. Ein bisschen wie ein Klumpen Weißbrotteig, nur nicht so klebrig.

Hinterher wuschen wir uns die Hände. Sie roch, und nun saß der Geruch an unseren Händen.

»Das sind die Geschwüre an ihrem Bein«, erklärte Søren.

»Geschwüre?«, fragte Überbiss nach.

»Sie stinken, weil sie verfaulen«, sagte Søren. »Wenn sie älter wird, kommen vielleicht sogar noch Maden.«

Es fiel uns schwer, uns Frau Jensen noch älter vorzustellen. Bei Frau Jensen handelte es sich um den ältesten Menschen, den wir je gesehen hatten. Offenbar war sie Tante Maries Mutter. Ich stellte es mir doof vor, eine Mutter zu haben, die so alt war. Manchmal bestrafte Tante Marie sie.

»Ich muss auf die Toilette«, sagte Frau Jensen.

»Du musst einen Moment warten«, erwiderte Marie.

Frau Jensen sagte es mehrfach. Ich behielt die Uhr im Auge. Es verging über eine Stunde, bis Marie den Toilettenstuhl holte. Ich ging zu dem Sessel, um nachzusehen, ob Frau Jensen draufgepinkelt hatte. Es gab einen Fleck, aber ich konnte nicht erkennen, ob es sich um Pisse handelte. Ich wollte nicht daran riechen.

Ich fragte Vater, warum Frau Jensen bei Tante Marie und Onkel Karl wohnte.

»So macht man das hier«, antwortete er.

»Werden dein Vater und deine Mutter auch bei uns einziehen, wenn sie alt sind?«

»Wir wohnen nicht in Nordjütland.«

Normalerweise wollte er nicht über seine Eltern sprechen, aber heute schien es anders zu sein. Er stand vom Sofa auf und griff nach einer Schale mit Chips. Dann setzte er sich wieder und sah mich an. Er war nicht sauer. Er war ernst. Er steckte sich eine ordentliche Handvoll Chips in den Mund und kaute lange daran.

»Dein Großvater ist ein Arschloch. Er hat mir und Karl das Leben zur Hölle gemacht. Er hat uns gequält, bis wir alt genug waren, um von zu Hause abzuhauen. Erst Karl, dann ich. Und als Karl verschwunden war, wurde es noch mal so schlimm.« Vater beugte sich vor und senkte die Stimme: »Meine Eltern, diese alten Teufel, waren gleich schlimm, aber sag das nicht Karl. Er glaubt, Vater wäre der Mistkerl gewesen.«

»Hat eure Mutter euch auch gequält?«

»Nein, aber sie hat es ihm überlassen, und das war das Schlimmste. Sie hätte ihn ja auch rausschmeißen können.«

Er nahm sich noch eine Handvoll Chips. Ich überlegte, ob ich ihn noch mehr fragen sollte. Jetzt, da er doch angefangen hatte zu erzählen.

»Ist Mutters Mama ebenso alt wie Frau Jensen?»

Mutter kam ins Wohnzimmer.

»Wann wurde deine Mutter geboren?«, fragte Vater. Er war ziemlich redselig und knabberte ununterbrochen Chips.

»Keine Ahnung«, antwortete sie. Wenn wir über ihre Mutter redeten, bekam sie immer so einen harten Zug um den Mund.

»Wieso ist sie abgehauen?«, wollte ich wissen.

»Wer sagt denn, dass sie abgehauen ist?«, fragte sie zurück.

»Großvater.«

»Ich will nicht über sie reden«, erklärte Mutter.

Mutter war damals erst sieben, daher habe ich unsere Großmutter mütterlicherseits nie kennengelernt, aber wir haben ihren Vater auch nicht sehr häufig gesehen, weil er sich ständig beklagte.

»Das Leben hat ihn bitter werden lassen«, meinte Mutter.

»Ach, er ist schon in Ordnung«, sagte Vater.

»Sein Gerede ist unerträglich«, sagte sie.

Ich hatte gehört, wie er sich über die Würmer beschwerte, die seinen Salat annagten, über Käfer, die seinen Spargel fraßen, und über Milben, die seine Gurken vernichteten. Er hatte einen riesigen Garten, aber wir durften nicht darin spielen. Wir hatten auf den Wegen und dem Rasen zu bleiben.

»JETZT IST ABER SCHLUSS!«

Wir lagen in unseren Schlafsäcken unter Vetter Sørens Aquarium. Die Beleuchtung war ausgeschaltet.

»Ich WILL nichts mehr davon hören …!«

Wir schlichen uns aus dem Zimmer zur Treppe, um ins Wohnzimmer hinunterzuschauen. Vater saß in einem schwarzen Sessel. Er hatte die Socken ausgezogen und die Füße auf einen Hocker gelegt. Auf dem Tisch standen eine Menge Flaschen. Mutter und Tante Marie waren nicht da. Es war Nacht.

»’s war Mutter«, nuschelte Vater. »Vater is’ es doch egal gewesen, ob jemand schon mal verheiratet war. Es war Mutter, dieses Biest.«

»Sprich nicht so über Mutter!«, brüllte Onkel Karl. Er lag mit einem Glas auf dem Bauch auf dem Sofa. Die mandelfarbene Flüssigkeit am Boden des Glases tanzte.

»Ich rede über Mutter, wie’s mir passt!«, brummte Vater, fuchtelte mit den Armen und stieß ein paar Bierflaschen vom Tisch. »Du hast mir nich’ zu sagen, was ich zu tun und zu lassen habe.«

»Sie hat sich Sorgen gemacht, weil du eine geschiedene Frau kennengelernt hast, das war alles. Im Übrigen haben wir uns wegen dir alle Sorgen gemacht. Verdammt noch mal, weil du dich auf Müllplätzen herumgetrieben hast, um irgendwelchen Plunder zu sammeln. Welche normale Familie hätte sich da keine Sorgen gemacht?«

»Normal?« Vater starrte Onkel Karl mit einem Auge an. Das andere hatte sich ein wenig nach innen gedreht, zur Nase hin.

»Ja, wir anderen hatten zumindest eine Arbeit. Wir haben nicht versucht, den Leuten irgendwelchen Plunder zu verkaufen und ihnen weiszumachen, es handele sich um Kunst.« Onkel Karl schnipste mit den Fingern.

»Das war kein Plunder!«

»Es war jedenfalls irgendwelcher alter Krempel.«

»Halt endlich mal deine verdammte SCHNAUZE!« Vater erhob sich. Er stand jetzt neben Onkel Karl. Sein Auge schielte noch immer. Schließlich setzte er sich wieder.

»Du könntest ihr auch mal ’ne Karte zum Geburtstag schicken.« Onkel Karl trank von der mandelfarbenen Flüssigkeit.

»Schickt sie meinen Kindern etwa Geburtstagskarten?«

»Anfangs hat sie’s getan.«

»Anfangs, ja, aber ich rede von heute!«

»Das liegt doch nur daran, dass du die Sachen zurückgeschickt hast, du Idiot.«

»Mir sind diese Arschlöcher egal; Hauptsache, sie mischen sich nicht in mein Leben.«

»Machen sie ja auch nich’ mehr.«

»Vater quatscht auch bei jeder Gelegenheit über Mutter, ob man’s nun hören will oder nicht. Ihr zwei seid vom gleichen Kaliber.«

»Du hast doch angefangen, von ihr zu reden«, maulte Onkel Karl.

»Is’ ja gar nicht wahr. Du warst es.«

»Hm!«

»Seit wir gekommen sind, versuchst du, dieses Thema anzuschneiden. Und du versuchst es jedes Mal wieder.«

»Ganz sicher nicht.«

»Ständig müsst ihr über Mutter quatschen. Die arme Mutter ist zuckerkrank, die arme Mutter hat Wasser in den Beinen, der armen Mutter geht es schlecht, weil sie ihr Leben an diesen Penner verschwendet hat. Unseren Vater.«

»Du siehst Gespenster.«

»Ich werd dir jetzt mal was sagen. Deine ARME Mutter hat Vater immer alles weitergetratscht, damit es richtig Krach gab. Sie hat keine einzige Gelegenheit ungenutzt gelassen, damit es ihr noch ein bisschen schlechter ging als ohnehin.«

»Das stimmt doch gar nicht. Sie hat sich zwischen uns gestellt, wenn er cholerisch wurde«, keuchte Onkel Karl. »Ich höre mir das nicht länger an.«

»Ha!«, brüllte Vater.

»Das hat sie immer getan.«

»HA!«, brüllte Vater noch einmal. »Du bist so dämlich, dass du nicht mal gemerkt hast, was damals los war.«

»Wenn hier einer dämlich ist, dann du.« Onkel Karl stieß das Glas um. »Du bist damals dämlich gewesen, und du bist noch immer dämlich. Erst ziehst du ein Geschäft auf, und dann bist du gezwungen, dein Auto zu verkaufen, weil du deine Wichsgriffel nicht bei dir behalten kannst und jetzt Alimente zahlen musst. Wovon willst du denn leben, du Blödmann? Willst du wieder mit Farbe beschmierten Krempel vom Müllplatz verkaufen?«

»HALT DEINE VERDAMMTE SCHNAUZE, ODER DU BEKOMMST DEN ARSCH VOLL!«

»Vor dir habe ich keine Angst!«, brüllte Karl zurück. »Komm bloß her, du bist doch so dämlich, dass du dich nicht einmal prügeln kannst. Das hast du übrigens nie gekonnt!«

Es sah aus, als wollte Vater Onkel Karl einen Schlag an den Kopf verpassen. Er hob die geballte Faust und ließ sie drohend in der Luft hängen, doch dann öffnete er plötzlich die Terrassentür und verschwand in der Dunkelheit. Von draußen hörten wir ein ziemliches Geschrei, nur waren die Worte kaum zu verstehen. Aber Vater konnte nirgendwohin, ringsum gab es nur Acker. Am nächsten Morgen saß er neben Onkel Karl – lächelnd. Er aß ein weichgekochtes Ei und ein Brötchen mit Mettwurst: »Habt ihr gut geschlafen, Jungs?«

Das Videogerät

Nicht lange danach erwachte ich eines Nachts durch ein Geräusch in der Küche, die Kaffeemaschine brodelte. Kurz darauf hörten wir Vater pfeifen. Er hatte seinen Schlips auf den Küchentisch geschmissen, stapfte mit weit aufgeknöpftem Hemd durch die Küche und aß Weißbrot mit Mettwurst und Mayonnaise. Wir schlichen aus unserem Zimmer. Es war zwei Uhr. Er war drei Tage unterwegs gewesen und hatte Geschenke mitgebracht; hastig weckten wir Mutter. Erst wollte sie nicht aufstehen, aber schließlich zog sie doch ihren roten Seidenmorgenmantel an und kam mit. Irgendwann einmal war der Morgenmantel schick gewesen, jetzt wirkte er ausgeblichen und abgetragen. Mutter sah müde aus. Vater pfiff noch immer, er hatte Schweißflecken auf dem Rücken und unter den Armen. Er küsste Mutter auf den Mund und drückte Überbiss ein Geschenk an den Bauch; er riss sofort das Papier ab. Ein Transistorradio. Überbiss glotzte es verständnislos an.

»Was soll ich damit?«

»Es ist deins«, sagte Vater.

Überbiss strahlte.

»Meins ganz allein?«

»Das will ich wohl meinen!«

Auch für mich gab es ein Transistorradio. Mit einem Kassettenrekorder. Da ich keine Kassetten hatte, stellte ich es auf UKW ein. Es klang lustig, wenn man am Sucher drehte.

»Woher hast du die Radios?«, wollte Mutter wissen.

Vater antwortete nicht. Er bückte sich und fischte einen schwarzen Kasten aus seiner Tasche. Unverpackt, nur mit einer roten Schleife darum. In der Schleife steckte eine Rose, die ihre Blätter hängen ließ. Er überreichte Mutter den Kasten.

»Was ist das?«, fragte sie und stellte den Kasten auf den Tisch.

»Ist das ein Videoapparat?«, flüsterte Überbiss. Er konnte es kaum glauben. Seine abgekauten Fingernägel berührten vorsichtig den schwarzen Kasten.

Vater nickte. Wir kannten niemanden, der schon ein Videogerät hatte.

»Was sollen wir damit?«, fragte Mutter.

»Man kann sich damit Videos ansehen«, flüsterte Überbiss.

»Axel, Herrgott noch mal!«, sagte Mutter.

Wenn sie ihn Axel nannte, war sie wütend. Vater bückte sich erneut und griff in die Tasche. Er zog ein Videoband heraus. Wir rissen es ihm aus der Hand. Der Film handelte von einem Mann, dessen Familie von Rockern getötet wird. Aus Rache bringt er alle Rocker um, außer einem, der die Chance bekommt, sein eigenes Leben zu retten, wenn er sich sein Sprunggelenk durchschneidet. Der Mann gibt ihm eine Eisensäge, aber der Rocker ist ein Schlappschwanz, er muss sterben.

Vater schlief sofort auf dem Sofa ein.

Als Mutter das erste Viertel gesehen hatte, sollte Überbiss mit ins Schlafzimmer. Sie fand den Film krank und wollte nicht, dass er den Rest sah. Er protestierte, aber Mutter nahm ihn am Schlafittchen und trug ihn ins Bett. Fünf Minuten später kam er zurück ins Wohnzimmer geschlichen. Ich saß vor Vater auf dem Boden, den Rücken an seine Beine gelehnt. Ich saß gern so. Es klang komisch, wenn er atmete. Seine dicken Backen wackelten. Überbiss rutschte im Laufe des Films immer näher an mich heran. Ich schubste ihn mit dem Fuß weg. Noch lange danach hatte er Albträume und träumte von kleinen Männern auf grünen Mopeds.

»Sie dürfen mir meine Füße nicht absägen«, sagte er.

Zwei Fremde

Überbiss saß auf der Treppe und wartete, als ich aus der Schule nach Hause kam. Er hatte die Metallstangen seiner neuen Zahnspange selbst angelegt, so wie Mutter es ihm gezeigt hatte. Nachts und am Nachmittag sollte die Spange mit ein paar Metallstäben verbunden werden, die hinter seinem Kopf verspannt wurden. In der Schule reichte die eigentliche Spange. Er trug sie wegen seines Überbisses.

Als er mich sah, fing er sofort an zu heulen. Ich rüttelte vorsichtig an einer der Metallstangen, aber das machte es nur schlimmer. Der Nackenbügel saß schief. Er hatte ihn doch nicht richtig angelegt. Ich dachte, er würde wegen des Bügels heulen.

»Die haben den Apparat mitgenommen«, sagte er mit tränenerstickter Stimme. »Die sind einfach reingegangen und haben ihn mitgenommen, obwohl ich gesagt habe, dass sie das nicht dürften. Sie haben Leberwurst auf den Boden geworfen, und ihr Hund hat sie aufgeleckt.«

»Wer?«

»Die beiden Männer.«

Ich trug ihn in die Küche und setzte ihn auf den Tisch. Fast hätte ich ihn fallen lassen, so schwer war er. Ich sagte, er müsse jetzt keine Angst mehr haben. Der leere Leberwurstfetzen lag noch immer auf dem Küchenboden.

»Es war ein Schäferhund«, flüsterte Überbiss.

Ich ging ins Wohnzimmer. Sie hatten das Videogerät und sämtliche Kabel mitgenommen, ein paar Schubläden aufgezogen und den Inhalt auf dem Boden ausgeschüttet. Auf dem Teppich gab es Fußspuren, sie hatten sich nicht die Schuhe ausgezogen. Die Fußspuren würde die Polizei brauchen können.

»Wir dürfen nichts anfassen«, sagte ich. Mir gefiel der Ernst in meiner Stimme.

Überbiss nickte.

»Hast du etwas angefasst?«

Er glotzte blöd.

»Wenn du etwas berührt hast, kann die Polizei ihre Fingerabdrücke nicht mehr finden.«

»Ich habe bestimmt nichts angefasst.«

»Gut. Dann wird die Polizei sie sicher erwischen.«

»Die kommen ins Gefängnis«, stammelte Überbiss.

»Im Gefängnis wird die Polizei sie verprügeln«, sagte ich. »Das machen die immer so.«

»Und ihr doofer Hund kommt auch ins Gefängnis«, erklärte Überbiss mit einem zufriedenen Lächeln.

»Dem wird bestimmt der Pelz geschoren, weil er völlig verlaust ist.«

»Er wird ein ganzes Jahr lang jeden Morgen und jeden Abend in den Arsch getreten.«

»Dieses Mistvieh«, sagte ich.

»Diese verlausten Diebe«, sagte Überbiss.

Als Mutter nach Hause kam, konnten wir nicht länger still sitzen. Wir hüpften im Haus herum. Wir schlugen mit den Fäusten Löcher in die Luft. Sie sollte die Polizei anrufen, aber sie wollte erst einmal nachsehen, ob irgendetwas fehlte. Sie kontrollierte die ganze Wohnung und stellte schließlich fest, dass nur das Videogerät fehlte. Danach sah sie Überbiss an.

»Schätzchen«, sagte sie und drückte ihn an sich. »Hast du große Angst gehabt?«

Überbiss nickte und ließ sich drücken.

Mutter ging zum Telefon, griff zum Telefonbuch und fing an zu blättern. Ich trat in die Luft und schnalzte ständig mit der Zunge. Jetzt würde die Gerechtigkeit siegen. Rief sie den Notruf oder das Polizeirevier an?

»Die haben nach Vater gefragt«, berichtete Überbiss.

»Sie wollten sicher sein, dass kein Erwachsener zu Hause ist«, erklärte Mutter. »Das machen Einbrecher oft so.«

»Die haben gesagt, ich soll den Fetten grüßen und ihm schönen Dank sagen, fürs letzte Mal.«

Mutters Gesicht wurde ausdruckslos. Sie klappte das Telefonbuch zu.

»Sagen die so etwas auch oft?«

Mutter ging in die Küche.

»Sagen sie hässliche Sachen, bevor sie klauen?« Überbiss lief hinter ihr her.

»Wir warten mit dem Anruf, bis ich mit eurem Vater gesprochen habe«, sagte Mutter mit müder Stimme.

»Wieso denn?«, wollte ich wissen.

Es klingelte an der Haustür. Überbiss lief in unser Zimmer, um sich zu verstecken, aber es waren nicht die beiden Männer mit dem Hund, die zurückkamen. Vor der Tür stand der Vater des Spastis. Ich rannte ebenfalls in unser Zimmer, um mich zusammen mit Überbiss zu verstecken. Der Vater des Spastis hatte offenbar herausgefunden, wer ihnen die Kacke in den Garten warf.

»Sind sie das?«, flüsterte Überbiss aus dem oberen Bett.

Ich hörte sie reden, aber ich verstand nicht, worüber sie sprachen.

»Lars!«, rief Mutter kurz darauf.

Ich zog die Bettdecke über den Kopf, genau wie Überbiss. Sie rief mehrmals. Immer lauter.

»Lars!«

»LARS!!«

Schließlich kam sie, um mich zu holen. Sie packte mich am Arm und zerrte mich in den Flur. Ich ließ meine Beine so schlapp werden, dass sie mich schleppen musste. Ich versuchte, einen ihrer Daumen nach hinten zu biegen, doch sie bohrte mir ihre Fingernägel in die Arme, bekam rote Flecken im Gesicht und starrte mich mit wütenden runden Augen an.

»Sie können sie ihm jetzt geben«, sagte sie zum Vater des Spastis, als wir am Ende des Flurs standen.

Er hielt mir ein Stück Papier entgegen.

Ich wollte zurück zu Überbiss laufen, aber Mutter hielt mich fest. Es war ein mit der Rückseite auf ein Stück Papier geklebtes Polaroidfoto, irgendetwas stand mit Tusche geschrieben darauf. Er hatte mich fotografiert, als ich die Scheiße in ihren Garten warf. Ich wusste es. Er hatte es Mutter gezeigt.

Sie schob mich nach vorn. Ich sollte das Bild nehmen, aber ich kniff die Augen fest zusammen und zischte:

»Darf! Dit darf!«

Sie hielt mir den Mund zu, um mich zur Ruhe zu bringen. Das tat sie oft, wenn ich diese merkwürdigen Wörter sagte.

»Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist.«

»Darf! Dit! Dargardormal! Mamudit!«

Sie hielt die Hand fester vor meinen Mund.

»Hurk«, sagte ich.

»Jetzt nimm endlich diese Geburtstagseinladung!«, schrie sie mich an. »Was um alles in der Welt ist denn los mit dir!«